„Lex orandi - lex credendi“ - Nach Prosper von Aquitanien († 455) formulierter Kernsatz zur gegenseitigen Abhängigkeit von Glaube und Liturgie.

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Der zerrissene Vorhang

Die Passionsberichte von drei Evangelien (Matthäus 27, Lukas 23, Markus 15) überliefern, daß beim Tod Jesus der Vorhang des Tempels „mitten entzwei“ gerissen ist. Die einfache symbolische Bedeutung dieses Vorgangs ist unmittelbar einsichtig: Die Schöpfung ist in ihrem Grund erschüttert, und auch die übernatürliche Ordnung ist betroffen. Die Kirchenväter haben diesen Gedanken in unterschiedlicher Richtung vertieft. Ephraim der Syrer, nimmt das Zerreißen des Vorhangs als Beweis dafür, daß Christus wirklich Gott war. Theophylaktus von Ohrid sieht darin auch das Zeichen, daß die Gnade des heiligen Geistes (die dort also bisher gewohnt hatte) den Tempel verließ. Viele sind ihm darin gefolgt und und werten das Ereignis als das Signal für das Ende des Tempelkultes und des alten Bundes überhaupt. Eine Zusammenstellung bietet die Catena Aurea des Thomas von Aquin.

Eine weitergehende und wenn man so will präzisere Deutung bietet der hl. Paulus in seinem Bief an die Hebräer, wo er (10. Kapitel) schreibt: „So haben wir die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch.“ In der überlieferten Leseordnung kommt diese Passage überhaupt nicht vor, in der erweiterten nach dem neuen Messbuch ist sie im Zuge der lectio continua für den Donnerstag der dritten Woche im Jahreskreis vorgesehen.

Der heilige Hieronymus und auch Cyrill von Jerusalem schließen sich in ihren Predigten inhaltlich eng an Paulus an, wenn sie den zerrissenen Vorhang als Sinnbild des nun durch den Tod Christi geöffnete Weges zum Himmel ansehen. Andererseits bleiben sie wie die bereits genannten Väter bei der Deutung des Vorhangs als die nun geöffnete Verhüllung oder besser Absperrung des Allerheiligsten stehen. Die von Paulus vorgenommene Identifikation des Vorhangs mit dem Fleisch Christi wird nur auf der symbolischen Ebene nachvollzogen, aber nicht auf weiteren Gehalt untersucht.

Vor dem Hintergrund der in nicht-biblischen Schriften überlieferten jüdischen Vorstellungen vom Bau des Tempels und der in ihm ausgedrückten Symbolik des Schöpfungsgeschehens hat diese Gleichsetzung jedoch geradezu substantiellen Charakter: Der Vorhang steht für das Prinzip der Inkarnation, der Selbstentäußerung Gottes als solcher, die in Christus ihren personalen Ausdruck findet. Er ist das Wort, das die Welt hervorbringt, die Grenze zwischen Gott und seiner Schöpfung ebenso wie die sie verbindende Brücke.

Die dem apokryphen „Protoevangelium des Jakobus“ zugrunde liegende Tradition war davon nicht nur verstandesmäßig überzeugt, sondern wollte diese Wirklichkeit mit allen Sinnen erfassen und auf allen Ebenen zum Ausdruck bringen. Deshalb sah sie die Verkündigung Mariens geschehen, als die Jungfrau mit dem Weben von Wolle für den Tempelvorhang beauftragt war. Das ist mehr als eine bloße Symbolik von Inkarnation – hier wird eine tiefe innere Einheit des Wesens angesprochen. Ganz in der Tradition des heiligen Paulus, der bei seinen Hörern und Lesen offenbar so weitgehende Kenntnis dieser Denkrichtung voraussetzen konnte, daß er ihnen eine Gleichsetzung des gequälten Körpers Christi und des zerrissenen Vorhangs zumuten konnte.

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