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Die „Option Benedikt“

Schutzumschlag-Illustration des Buches, Sentinel 2017Seit Wochen diskutieren glaubens- und bibeltreue Christen in den USA über das im März erschienene Buch des Publizisten Rod Dreher: The Benedict Option. Inzwischen hat die Debatte auch auf Deutschland übergegriffen( s. "Die Tagespost" vom 15. Mai, leider nicht allgemein im Netz zugänglich). Der Umfang der Diskussion kann nicht überraschen, denn Drehers Buch mit dem Untertitel „Eine Strategie für Christen in einer post-christlichen Nation“ berührt ein Thema, das allen Christen, die es mit ihrem Glauben ernst meinen, auf den Nägeln brennt: Wie kann man als Christ leben in einer Gesellschaft, die das Christentum bekämpft, und als Angehöriger einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft, deren Priester und Prediger zu großen Teilen um des lieben Friedens (und materieller Vorteile) willen ihren Frieden mit dieser Gesellschaft geschlossen haben?

Gleich zu Anfang sind zwei mögliche Mißverständnisse auszuräumen: Die „Option Benedikt“ hat nichts mit Joseph Ratzinger zu tun – auch wenn Autor Dreher an mehreren Stellen des Buches seine Hochachtung für den ehemaligen Papst zum Ausdruck bringt. Hier gemeint ist Benedikt von Nursia, der Vater des abendländischen Mönchtums – und das zieht das zweite denkbare Mißverständnis nach sich, dem auch schon verschiedene Teilnehmer an der Diskussion über das Buch zum Opfer gefallen sind: Dreher sieht zwar gewisse Parallelen zwischen der Lebenszeit Benedikts (~480 – 547), die vom Zerfall des römischen Reiches und dem Untergang seiner Zivilisation gekennzeichnet war, und der heutigen Zerfallsperiode des „Westens“. Aber er empfiehlt den übrig gebliebenen Christen von heute keinesfalls, sich in klösterliche Abgeschiedenheit zurückzuziehen. Vielmehr nimmt er Zeit und Werk des hl. Benedikt zum Anlaß, darüber nachzudenken, wie Christen in dieser gesellschaftlichen Katastrophe, auf ihre Gemeinschaft gestützt, materiell und spirituell überleben können. Und das nicht nur für sich, sondern so, daß es in die Gesellschaft ausstrahlt und dort Keime für die Entstehung von neuem bildet.

Mit der Empfehlung einer „Ghetto-Mentalität“, wie das z.B. der katholische Rezensent Fr. George Rutler befürchtet, hat Rod Dreher nichts im Sinn. Obwohl auch dieses Mißverständnis in einem gewissen Sinn nachvollziehbar ist, denn Drehers Kritik an der westlichen Entwicklung ist weitaus radikaler, als wir uns das gemeinhin gestatten. Seine Analyse – die er selbstverständlich nicht für sich durchgeführt hat, sondern bei der er sich unter anderem auf den amerikanischen Philosophen Alasdair MacIntyre (‚After Virtue‘) stützt  bleibt nicht bei dem Befund stehen, diese Gesellschaft sei leider, leider irgendwie über das Christentum hinaus und von ihm weggegangen. Quasi im wehmütigen Abschied und ohne Zorn. Dreher konstatiert statt dessen, daß diese Gesellschaft dabei ist, eine grundsätzlich antihumane und damit auch antichristliche Ordnung zu errichten – und diese Ordnung gegenüber Dissidenten auf autoritäre und brutale Weise durchzusetzen.

Das gilt beileibe nicht nur für die USA, wo seit Jahren „Bürgerrechtsgruppen“ gnadenlos Jagd auf alle machen, die sich den von ihnen vorgegebenen Richtlinien der politischen Korrektheit nicht unterwerfen. Das gibt es auch längst in Europa, wo jüngste Entwicklungen unübersehbar machen, daß z.B. Lebensrechtler ihre Position in den Medien gar nicht und im öffentlichen Raum nur unter Polizeischutz zum Ausdruck bringen können und auch von den säkularisierten Kirchenresten weitgehend in Stich gelassen werden. Schon werden an einzelnen Hochschulen Examensarbeiten abgewertet oder gar nicht erst akzeptiert, wenn sie nicht vorschriftsmäßig gegendert sind. Und nicht nur in den USA riskiert ein Tortenbäcker den Verlust seines Geschäftes, wenn er einen Auftrag ablehnt, die Hochzeitstorte „Für Bräutigam und Bräutigam“ zu dekorieren.

Statistisch mag es sich bei derartigen Erscheinungen noch um Einzelfälle handeln, aber Drehers Analyse hat ihn zu der Überzeugung geführt, daß es sich dabei um eine logische und zwangsläufige Folge der geistigen Entwicklung des Westens in den letzten 300 Jahren handelt, die sich in stürmischem Tempo zu einer alle Lebensbereiche unterwerfenden Ideologie gewandelt hat. Und zwar einer Ideologie, die in allem völlig unvereinbar mit dem Christlichen Glauben ist. Darauf und auf vieles andere wird in weiteren Beiträgen zu dieser Ende-Offen-Buchbesprechung näher einzugehen sein.

Es liegt auf der Hand, daß eine solche Analyse auf den erbitterten Widerspruch all derer stoßen muß, die seit der ersten Modernismus-Krise im Gefolge der Reformation daran arbeiten, Kirche und Glauben „gesellschaftskompatibel“ umzuinterpretieren. Und das galt in der stalinistischen Tschechoslowakei oder DDR ebenso wie im marxo-kapitalistischen China von heute oder in der kirchensteuerseligen deutschkatholischen Kirche, die lebt, als gäbe es kein morgen. „Westliche Wertegemeinschaft“ oder „Option Benedikt“ könnte zur Kurzformel zur Bezeichnung eines der grundlegenden Konflikte der Gegenwart werden.

Zum Ende dieses ersten Teils dieser Buchvorstellung zwei Bemerkungen am Rande. Die erste zum Autor. Rod Dreher, Jahrgang 1967, ist ein in den USA bekannter konservativer Journalist und Schriftsteller, der viele, aber nicht ausschließlich religiöse Themen behandelt. Seine Religionslaufbahn ist sehr amerikanisch: Er stammt aus einer glaubensfesten Methodistenfamilie, wurde mit 25 Jahren katholisch und wandte sich später aus Enttäuschung über den Umgang der Hierarchie mit dem Mißbrauchsskandal der Orthodoxie zu. Seine Veröffentlichungen sind weitestgehend frei von Ressentiments gegenüber (frommen) Protestanten und Katholiken, seine dogmatischen Interessen sind wenig ausgeprägt – das heißt, er hat allen konservativen und traditionsorientierten Christen etwas zu sagen. Drehers hier behandeltes Buch verliert durch den Übergang des Autors zur Orthodoxie in keiner Weise an Wert oder an Glaubwürdigkeit.

Der zweite Punkt: Warum sollte ein solches Buch für Summorum Pontificum und seine Leser von Bedeutung sein? Dreher selbst ist, wie nach seiner Laufbahn nicht anders zu erwarten, liturgisch traditionell eingestellt, hat aber keine ausgeprägten liturgischen Interessen. In „The Benedict Option“ kommt das Thema „Liturgie“ praktisch nicht vor. Aber Drehers Appell an den Gemeinsinn und die Bildung von Gemeinschaften, die es den Familien ermöglichen, in allem: Arbeit, Familie, Kindererziehung... Gott an die erste Stelle zu setzen und die Angebote und Forderungen der Welt unter diesem Aspekt zu gewichten, dürfte im katholischen Bereich an zwei Stellen besonders aufmerksam gehört werden: Einerseits bei einigen der neuen „Geistlichen Bewegungen“ und andererseits bei den lockeren Gemeinden, die sich um Angebote der überlieferten Liturgie gebildet haben – um die Bruderschaften wie FSSPX und FSP ebenso wie in Diözesen. Und umgekehr, vielleicht noch wichtiger: Die Option Benedikt kann Priestern oder Gemeinschaften, die sich der überlieferten Lehre und Liturgie verpflichtet sehen, wertvolle Anregungen geben, wie sie ihren Bestand sichern, den Kinder ihrer Gläubigen eine katholisch Erziehung vermitteln, Folgen wirtschaftlicher Diskriminierung abmildern und letztlich eine höhere Form des christlichen Lebens erreichen können.

Nicht durch freiwilligen Rückzug in ein Ghetto, aber doch in einem Schutzraum, der die Gefahr, der Säkularisierung zu unterliegen, abmildert. In Schutzräume, die dann auch wieder die Kraft entfalten, über den eigenen Bereich hinaus zu wirken – so wie vor über anderthalb Jahrtausenden die Klöster des hl. Benedikt, die beides waren: Schutzburg für die Treuen im Chaos einer untergehenden Zivilisation und Leuchttürme der Orientierung für den Aufbau einer neuen Kultur.