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Vom Brückenbauer zum Brückenzerstörer — Larry Chapp zu Traditionis Custodes

09. Juli 2024

6 - Kirchenkrise

In die kommenden Woche fällt der dritte Jahrestag des Erlasses von Traditionis Custodes. Zu diesem Anlaß haben wir einen Beitrag übersetzt, den der ehemalige Theologieprofessor und heutige Publizist und Farmer Larry Chapp am Montag (8. 7.) im National Catholic Register veröffentlicht hat. Zum einen, weil er eine ebenso schonungslose wie nüchterne Einschätzung der Motive und der Auswirkungen dieses Erlasses enthält. Zum anderen aber auch deshalb, weil dieser Text eines im Novus Ordo beheimateten US-Katholiken verdeutlicht, worin sich das Klima in der Katholischen Kirche Nordamerikas von dem in Mitteleuropa unterscheidet – und warum dort beide Flügel der Kirche eine Chance haben, die aktuelle Krise in Kirche und Gesellschaft zu überleben.

Porträtphoto des Autors vor dunklem Hintergrund.

Larry Chapp, Theologe, Farmer und Publizist

Drei Jahre nach dem Erlass des Motu proprio Tradi­onis Custodes, das die Feier der Messe nach der überliefer­ten Liturgie strengen Beschränkungen unterwarf, ist der Streit über die Verwendung der alten lateinischen Messe so heftig wie eh und je. Wenn also der Erlass von Papst Fran­ziskus darauf abzielte, ein gewisses Maß an Frieden in die Liturgiekriege zu bringen, indem er die liturgische Verein­heit­lichung um die Messe von Paul VI. unterstützte, war er ein Fehlschlag.

Die Zunehmende Beliebtheit der Messe des heiligen Johannes XXIII. (traditionelle lateinische Messe) ging zumindest bei den regelmäßig die heilige Messe besuchenden zum guten Teil auf eine beträchtliche Unzufriedenheit mit der Messe des heiligen Paul VI. (oder Novus Ordo) zurück. Und der Versuch, die überlieferte Liturgie zu unterdrücken, hat nichts dazu beigetragen, diese fest verwurzelte Realität zu ändern, insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Vatikan gleichzeitig nichts unternommen hat, um die neue Liturgie zu reformieren und so auf wirklich pastorale Weise der berechtigten Unzufriedenheit in weiten Kreisen entgegen zu kommen.

Es ist selten ein kluges Pastorales Verhalten, spontane Glaubensbekundungen – Äußerungen, die durch und durch orthodox und wirklich „von unten“ kommen – durch rohe Autorität von oben zu unterdrücken, den diese Ausübung roher Autorität ohne echtes Engagement für die Betroffenen ist normalerweise zum Scheitern verurteilt.

Die Popularität der traditionellen lateinischen Messe kann unmittelbar aus ihrer Betonung von Ehrfurcht, Transzendenz und Betonung der übernatürlichen Dimension abgeleitet werden. Und das sind Merkmale, die eigentlich in jeder Messe vorhanden sein sollten, aber in vielen Pfarreien schmerzlich vermisst werden. Es ist aufschlussreich, dass die Messe von Paul VI. überall dort, wo sie zutiefst traditionell und transzendent gefeiert wird, fast immer erfolgreich ist – das unterstreicht nur die Legitimität des Wunsches von Millionen gläubiger Katholiken nach einer zutiefst ehrfürchtig gefeierten Liturgie.

Wenn also die Ziele der Traditiones Custodes in erster Linie pastoraler und nicht strafender Natur waren, war das ein Misserfolg, der in keiner Weise die tiefgehenden Wünsche so vieler Katholiken nach Tradition und Ehrfurcht berücksichtigte. Und indem der Erlass die Bedürfnisse und Wünsche der Gläubigen ignorierte, verursachte er große offene Feindseligkeiten gegenüber dem Vatikan. Dies ist verständlich, da der Text ohne jegliche pastorale Begleitung der betroffenen Gruppen verkündet wurde und in keiner Weise den Eindruck vermittelte, ihre liturgischen Vorlieben in irgend einer Weise zu berücksichtigen.

Statt dessen wurden die Liebhaber der lateinischen Messe von diesem Pontifikat einfach im Stich gelassen, als nostalgische „Rückwärtsgewandte“ abgestempelt und beschimpft und schließlich an die kirchlichen Peripherien verbannt. Darüber hinaus wurde die Unterdrückung der älteren Messe rücksichtslos vorangetrieben, obwohl sich viele Ortsbischöfe stark für ihre Fortführung einsetzten. Das wirft die Frage auf, wie ein derart autoritäres Vorgehen mit all der Rhetorik aus Rom über die Notwendigkeit einer synodalen Ausrichtung der Kirche in Einklang gebracht werden kann.

Papst Franziskus hat wiederholt gesagt, dass jeder in der Kirche willkommen sei („Todos! Todos!“ auf Spanisch), und er hat diesen Aufruf zur radikalen Inklusion in verschiedenen Situationen wiederholt. Das bedeutet natürlich, dass Die Seelsorger gegenüber der menschlichen Sünde und den Schwächen unserer gefallenen Natur tolerant sein und sich stets dessen bewußt sein sollen, daß wir alle (durch die Sünde) verwundet sind. Wenn es jedoch um jene traditionellen Katholiken geht, die von einer Kirche, die für ihre Bedürfnisse unempfindlich war, verwundet worden sind und die oft offenen Feindseligkeit entgegen gebracht wird, gibt es vom Vatikan nicht als einen Schlag ins Gesicht.

In einigen Traditionalistengemeinden gab und gibt es Probleme mit der Akzeptanz des Zweiten Vatikanischen Konzils, und viele Traditionalisten äußern sich in den sozialen Medien oft sehr schroff gegenüber der modernen Kirche. Allerdings muß man als direkte Reaktion auf die theologischen und pastoralen Verwirrungen, die dieses Pontifikat verursacht hat, eine deutliche eine Zunahme solcher Einstellungen feststellen. Eine Kirche, die diese menschlichen psychologischen Faktoren verstünde, würde daher auch verstehen, dass das Problem des wirklich radikalen Traditionalismus in vielerlei Hinsicht ein von diesem Pontifikat selbst heraufbeschworenes Ungetüm ist. Summorum Pontificum, das 2007 von Papst Benedikt XVI. erlassene Motu proprio, das eine breite und freie Nutzung der alten Messe ermöglichte, wollte Brücken bauen. Im Gegensatz dazu scheint das aktuelle Pontifikat diese Brücke einreißen zu wollen, während es gleichzeitig Brücken zu ganz anders ausgerichteten Gruppen schlägt.

Vor diesem Hintergrund fällt es unübersehbar ins Auge, daß der Vatikan sich heute weitaus mehr Sorgen um die Probleme in Traditionalistenkreisen macht (und diese Probleme sind durchaus real) als um die Probleme in „fortschrittlicheren“ katholischen Pfarreien und Diözesen. Das ist ganz offensichtlich ein Fall von Doppelmoral. Und diese Doppelmoral wird noch problematischer, wenn man bedenkt, dass der Flügel der Kirche, der in moralischen Fragen offen von der etablierten Kirchenlehre abweicht, in der Kirche weitaus verbreiteter und einflussreicher ist als die kleinen Kreise etwas verschrobener Traditionalisten.

Unterdessen schreiten die Deutschen unvermindert auf ihrem heterodoxen Synodalen Weg voran, Kardinal Jean-Claude Hollerich (der mit der Lehre der Kirche zur Homosexualität nicht einverstanden ist) wird mit der Leitung der Synode beauftragt; Kardinal Robert McElroy erhält einen roten Hut, trotz seiner öffentlichen Ablehnung der diesbezüglichen Lehren der Kirche; und der Jesuitenpater James Martin bekommt noch mehr Fototermine mit dem Papst.

Ich behaupte nicht, dass Papst Franziskus mit diesen Leuten in jeder Hinsicht einer Meinung ist, denn das würde eindeutig nicht stimmen. Aber er hat offensichtlich auch viel größeres Mitgefühl für sie als für diejenigen in seiner Herde, die nichts weiter suchen als liturgische Frömmigkeit und Vernunft. Tatsächlich kann als Motivation hinter Traditionis Custodes auch eine beträchtliche Fehleinschätzung des typischen Teilnehmers an einer Messe im überlieferten Ritus dingfest gemacht werden. Meine Erfahrungen hier sind rein anekdotisch, aber die meisten meiner Freunde, die die „alte Messe“ besuchen, sind keine radikalen Traditionalisten. Sie sind einfach gläubige Katholiken, die einen sicheren Ort suchen, an dem sie ihre Kinder abseits unserer pornifizierten kulturellen Klärgrube großziehen können, und sie kümmern sich in keiner Weise sonderlich um das Zweite Vatikanische Konzil und alle damit verbundenen Debatten.

Sie kümmern sich nicht wirklich um Pachamama, Amoris Laetitia, Erzbischof Viganò oder die Synode zur Synodalität. Tatsächlich wissen die meisten wahrscheinlich nicht einmal, was die Synode ist oder wozu sie dient, und es ist ihnen auf die eine oder andere Weise egal. Kurz gesagt, sie sind nicht die ideologisch motivierte Heugabelbrigade ketzerjagender Reaktionäre, wie uns die Fehlcharakterisierungen weismachen wollen. Darüber hinaus sollte es doch wohl in einer wirklich synodalen Kirche so sein, daß die wenigen Fälle, in denen solch ein radikalisiertes Element tatsächlich existiert, vom zuständigen örtlichen Bischof behandelt werden.

In vielerlei Hinsicht stellt Traditionis Custodes daher eine Lösung für ein Problem dar, das in in dieser Weise gar nicht existiert. Es ist ein Motu proprio, das darauf ausgerichtet ist, eine Strohmann-Karikatur der wütenden und feindseligen Traditionalisten zu bekämpfen, die angeblich an jeder Ecke lauern. Schließlich erfolgte die Veröffentlichung von Traditionis, nachdem der Vatikan die Ergebnisse eines Fragebogens ausgewertet hatte, den er an die Bischöfe verschickt hatte. Die Ergebnisse dieser Umfrage wurden jedoch nie veröffentlicht, noch nicht einmal mit Schwärzung der Namen der Bischöfe, und das stellt die Transparenz des gesamten Prozesses in Frage. Wenn die Probleme unter Traditionalisten, die Traditionis durch die Unterdrückung der alten Messe angehen will, weit verbreitet wären und sich weiter ausbreiten würden, dann kann man nur annehmen, dass dies von vielen Bischöfen in den Umfrageergebnissen angesprochen worden wäre. Und wenn das so wäre, würde der Vatikan diese Ergebnisse sicherlich bekannt geben wollen, um Traditionis auf eine bischöflich kollegialere Weise zu verankern.

Da die Ergebnisse jedoch nie veröffentlicht wurden, bleibt die Frage, wie weit verbreitet die Probleme in lateinischen Messgemeinden sind, unbeantwortet. Tatsächlich erwecken das Schweigen und der Mangel an Transparenz den deutlichen Eindruck, dass der Vatikan etwas zu verbergen versucht.

Ich selbst besuche die traditionelle lateinische Messe nicht und habe auch keine besondere Bindung zu ihr. Dennoch gibt es Millionen frommer und zutiefst geistig gesunder Katholiken, die sie lieben. Ich sehe keinen Grund, warum eine pastorale Kirche, die die Randgruppen aufsucht, diese entfremden und wegstoßen möchte. Daher halte ich Summorum Pontificum für pastoral sensibel und weise. Und ich halte Traditionis Custodes für pastoral unsensibel und unklug, sowohl heute als auch damals, als es vor drei Jahren zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

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