Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Kardinal: Der Papst will die traditionelle Messe in jeder Pfarrei

Anna Arco berichtet von der Pressekonferenz von Dario Cardinal Hoyos in London am 14. 6. 2008

20. 6. 2008

Dieser Bericht wurde am 19. 6. unter dem Datum vom 20. 6. auf der Website der Wochenzeitung The Catholic Herald veröffentlicht. Hier finden Sie das "englische Original.".

Der Papst will, daß die traditionelle lateinische Messe in jeder Pfarrei auf der ganzen Welt angeboten wird, sagte ein Kardinal aus dem Vatikan.

Dario Kardinal Castrillón Hoyos führte vor Journalisten in London außerdem aus, daß Seminaristen überall so ausgebildet werden sollten, daß sie die Messe in der auch als „tridentinscher Ritus“ bezeichneten außerordentlichen Form des römischen Ritus feiern können. So am vergangenen Samstag, unmittelbar bevor er als erster Kardinal seit 39 Jahren ein Pontifikalamt nach der alten Form in der Kathedrale von Westminster zelebrierte.

Auf die Frage des Catholic Herald, ob der Papst wolle, daß die traditionelle Form in vielen normalen Pfarreien angeboten werden solle, antwortete der Kardinal: „In allen Pfarreien – nicht in vielen. In allen, weil das eine Gabe Gottes ist. Er bietet uns diesen Reichtum an, und es ist für die neuen Generationen sehr wichtig, die Vergangenheit der Kirche zu kennen. Diese Art des Gottesdienstes ist so vornehm und so schön – die größten Theologen haben darin unseren Glauben zum Ausdruck gebracht. Der Gottesdienst, die Musik, die Architektur, die Gemälde – das bildet ein Ganzes von höchstem Wert. Der hl. Vater will diese Möglichkeit allen Gläubigen eröffnen, nicht nur den wenigen Gruppen, die danach verlangen, sondern so, daß alle in der Katholischen Kirche diese Art der Feier der Eucharistie kennen.“

Cardinal Castrillón ist Vorsitzender der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, die für die Aufsicht über die Umsetzung von Summorum Pontificum zuständig ist, also jenes Dokumentes, das die allgemeine Verwendung des traditionellen Ritus wieder zuließ. Er erklärte, es zeuge von absoluter Unwissenheit, anzunehmen, daß der Papst mit der Ermutigung dieser Gottesdienstform die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils der 1960er Jahre zurückzunehmen versuche.

„Die Väter des Konzils haben nie eine andere Messe gefeiert als die Gregorianische. (Der Novus Ordo) kam erst nach dem Konzil.... Der Heilige Vater ist ein Theologe und er war an der Vorbereitung des Konzils beteiligt, und er verfährt ganz genau nach den Vorgaben des Konzils, wenn er Freiheit zur den verschiedenen Weisen der Messfeier einräumt. “ Er fügte hinzu: „Der hl. Vater wendet sich nicht in die Vergangenheit zurück. Er nimmt einen Schatz der Vergangenheit, um ihn neben der reichen Feier des neuen Ritus anzubieten. “ Außerdem sagte der Kardinal, daß Ecclesia Dei die Priesterseminare anschreibe und auffordere, daß künftige Priester in der Theologie, der Philosophie und der Sprache der Messe ausgebildet würden. Er erklärte, die Pfarreien sollten die Gläubigen so unterrichten, daß sie die „Kraft des Schweigens, die Kraft der heiligen Riten vor dem Angesicht Gottes und die tiefe Theologie schätzen können, damit sie erkennen, wie und warum der Priester in der Person Christi handelt und damit sie mit dem Priester beten können.“

In Summorum Pontificum hatte der Papst bestimmt, daß die tridentinsiche Messe in allen Pfarreien zugänglich gemacht werden solle, wo Gruppen von Gläubigen danach verlangten. Er schrieb auch vor, daß alle Priester diese Messe ohne Einschränkungen feiern dürfen. Er verlangte nicht, daß alle Pfarreien eine tridentinische Messe in ihren Gottesdienstplan aufnehmen sollten, aber er machte klar, daß überall da, „wo eine stabile Gruppe von Gläubigen sich dem früheren Ritus verbunden fühlt“, die Priester ihrem Verlangen nach dieser Messe „bereitwillig nachkommen“ sollten.

Kardinal Castrillón, der auf Einladung der Latin Mass Society nach London gekommen war, merkte an, daß eine „stabile Gruppe“ auch drei oder vier Leute bedeuten könne, die nicht notwendigerweise aus der gleichen Pfarrei kommen müßten.

Die Ausführungen des Kardinals haben eine bereits heftig geführte Debatte über die Wiedereinführung einer Liturgie, die vor fast 40 Jahren praktisch abgeschafft wurde, weiter angeheizt. Sie hat sich in dieser Zeit als eine Quelle von Spaltungen erwiesen. Einige Katholiken waren (über die Abschaffung) so erbost, daß sie sich in schismatischen Gemeinschaften außerhalb der Kirche zusammenschlossen. Für andere war die alte Messe der Inbegriff all dessen, was in der vorkonziliaren Kirche nicht in Ordnung war.

Als Papst Benedikt die alte Mess im Juni letzten Jahres wieder frei gab, erklärten viele Kommentatoren, er habe damit hauptsächlich darauf abgezielt, die Traditionalisten wieder in die Herde zurückzuholen. Die Aussagen von Kardinal Castrillon lassen jedoch darauf schließen, daß Benedikt XVI den alten Ritus in allen Kirchen regulär gefeiert sehen will, um die Feier des Novus Ordo zu bereichern und dazu beizutragen, liturgische Mißbräuche zu bekämpfen.

In einer nachfolgenden Ansprache vor der Lartin Mass Society äußerte sich Kardinal Castrillón noch zur praktischen Umsetzung des Motu Proprio. Dabei betonte er, daß das Dokument eine neue „Rechtliche Realität“ geschaffen hat. Während die Wiedereinführung des alten Ritus „in Übereinstimmung sowohl mit dem Kirchenrecht als auch mit den kirchlichen Oberen ausgeübt werden“ müsse, sollten auch „die Oberen anerkennen, daß diese Rechte nun durch den Stellvertreter Christi selbst fest im Kirchenrecht verankert sind.“ Die Priester und Bischöfe müßten „alles tun, was sie tun können, um den Gläubigen diesen großen Reichtum der Tradition der Kirche zugänglich zu machen.“

Der wiederholte Gebrauch des Begriffs von der „Rechtlichen Realität“ gehört zweifellos zu den wichtigsten Ergebnissen des London-Aufenthalts von Cardinal Castrillón. Der Kardinal macht damit allen Bischöfen, Priestern und Laien unmißverständlich klar, daß es in den Grundzügen von Summorum Pontificum keine Ermessensspielräume gibt. Jeder Priester hat das Recht, den alten Ritus zu feiern, die Laien haben das Recht, seine Feier zu verlangen, eine irgendwie geartete "Genehmigung" des Bischofes ist nicht erforderlich, der Bischof ist verpflichtet, das in seinen Kräften stehende zu tun, damit die Priester und Laien die ihnen zustehenden Rechte auch wahrnehmen können.

Zunächst sei es die vordringlichste Aufgabe – so Kardinal Castrillón – den Gläubigen, die die alte Messe feiern wollen, zu ermöglichen, die ihnen vom Papst eingeräumten Rechte auch da wahrzunehmen, „wo das von den Gläubigen am meisten verlangt wird und wo ihre berechtigten Erwartungen bisher noch nicht erfüllt worden sind.“ Er fuhr fort: „Einerseits sollte kein Priester gezwungen werden, gegen seinen Willen die außerordentliche Form zu zelebrieren. Andererseits sollten die Priester, die nicht nach dem Missale von 1962 zelebrieren wollen, großzügig gegenüber den Bitten der Gläubigen sein, die das verlangen.“

In einer Passage, die sich ganz klar an die Bischöfe richtete, verlangte der Kardinal, zwei kurzfristig realisierbare praktische Maßnahmen: Zunächst benötige man „eine zentral gelegene Kirche, die für die größte Zahl der Gläubigen ausreicht, wo der Pfarrer diese Gläubigen aus seiner und den umliegenden Pfarreien bereitwillig aufnimmt“. Zum zweiten müsse man „Priester haben, die bereit sind nach dem Missale von 1962 zu zelebrieren und so jeden Sonntag diesen wichtigen pastoralen Dienst zu übernehmen“. Er sagte, es sei „höchst bedauerlich“, wenn Priester durch „einschränkende rechtliche Verfügungen“ daran „gehindert würden, die außerordentliche Form der hl. Messe zu zelebrieren.“

Solche Maßnahmen richteten sich „gegen den Willen des hl. Vaters und damit auch gegen das universelle Recht der Kirche“, führte er aus. Er bat jedoch auch die Latin Mass Society darum, sich bewußt zu sein, daß das Missale von 1962 ein „lebendiger Ausdruck katholischen Gottesdienstes“ sei und daß die Gläubigen daher damit rechnen müßten, daß es sich weiter entwickele.

Im Zusammenhang mit kürzlich erfolgten Änderungen bei den gebotenen Feiertagen bat der Kardinal die traditionellen Gläubigen, sich „nicht prinzipiell gegen die vom Heiligen Vater verlangten notwendigen Änderungen zu sperren“ und nannte das ein „Opfer“, daß sie „bereitwillig als ein Zeichen der Einheit mit der Katholischen Kirche ihres Landes bringen“ sollten. Andererseits wies er darauf hin, daß die verlegten Feiertage durchaus noch an ihrem eigentlichen Tag gefeierten werden könnten – lediglich die Verpflichtung zum Gottesdienstbesuch sei verlegt worden.

Später am Tag zelebrierte der Kardinal das erste Pontifkalamt in der außerordentlichen Form in der Kathedrale seit den 1960er Jahren. Etwa 1500 Menschen aus allen Altersgruppen nahmen an der Feier teil, darunter viel junge Familien.

Von den Bischöfen England oder Wales' war keiner anwesend, aber Kardinal Cormac Murphy-O'Connor hatte eine Grußbotschaft geschickt, die während der Messe verlesen wurde. Mindestens 36 Priester aus dem ganzen Land wohnten der Messe im Chor bei.

Inzwischen mehren sich in England die Stimmen derer, die im Fernbleiben der Bischöfe eine konzertierte Aktion erkennen wollen. Es wird darauf hingewisen, daß noch während der Schlußprozession des Pontifikalamtes ein Weihbischof die Kathedrale betrat, um an einem Nebenaltar „seine“ Messe im neuen Ritus zu zelebrieren. Solche kleinen Unfreundlichkeiten unter Brüdern im Bischofsamt sollten nicht überbewertet werden - sie zeigen allerdings, daß man auch die von Elena Curti so hervorgehobenen höflichen Wendungen des Kardinals gegenüber den Ortsbischöfen nicht überbewerten sollte.