Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Brian Moore: Katholiken - nach dem 4. Vatikanum

Das ist keine Besprechung, sondern der Abdruck einer Passage aus einem Roman Brian Moores, der 1972 geschrieben wurde und der im Jahr 2000 spielt - nach dem 4. Vatikanischen Konzil. Er beschreibt, wie der Delegat der „Ökumenischen Bruderschaft“ mit Hauptsitz in Amsterdam und Nebenstelle in Rom, Lungotevere Vaticano, die kleine Insel-Abtei Muck Abbey auf Linie bringt: Sie ist der letzte Ort, an dem noch die alte Liturgie gefeiert und die Beichte abgenommen wird - zur großen Freude vieler Katholiken, die aus aller Welt anreisen, und zum Zorn der Ordensoberen, die ihre ökumenische "Apertura" dadurch gestört sehen.

Der Roman ist in Deutsch nach 1973 mehrfach beim Diogenes Verlag erschienen und derzeit in einer Auflage von 2003 im Sortiment. Wir haben eine Schlüsselszene ausgewählt und leicht gekürzt. Die von Jack Gold 1973 vorgenommene Verfilmung ist ebenfalls im Internethandel erhältlich.

15. 5. 2008

Ein Gespräch beim Tee

»Was haben Sie dann dagegen, daß wir die Messe auf die traditionelle Art feiern?«

»Wir versuchen, innerhalb der Kirche eine einheitliche Geisteshaltung zu schaffen. Wenn jeder beschließt, den Gottesdienst auf seine Art abzuhalten, dann würde es zu Spaltungen führen, das liegt auf der Hand!«

»Sehr richtig«, sagte der Abt. »Zum Zusammenbruch. Alles würde außer Kontrolle geraten. Da gebe ich Ihnen recht. Disziplin muß sein. Tee?« »Danke, ja.«

»Milch und Zucker?« »Schwarz, bitte!«

Der Abt schenkte ein und reichte seinem Gast die Schale mit Tee. »Erklärungen!« sagte der Abt. »Vater General scheint der Meinung zu sein, daß sie notwendig wären. Also gut. Ich will zu erklären versuchen, weshalb wir hier die alte Messe beibehielten. Soll ich Ihnen sagen, weshalb?«

» Ja, das würde mich freuen. Ich bitte darum.«

»Wußten Sie, daß Irland früher das einzige Land in Europa war, wo jeder Katholik am Sonntag in die Messe ging? Jeder, sogar die Männer?«

»Ja. Ich war vor ein paar Jahren hier. In Sligo.« »Tatsächlich? Nun gut, als die neue Messe eingeführt wurde, versuchten wir's damit und taten, wie uns geheißen. Doch wir bemerkten, daß die Männer mit ihren Familien nach Cahirciveen kamen und rauchend und schwatzend draußen vor der Kirche blieben. Als die Messe aus war, gingen sie mit ihren Frauen nach Hause. Ich fand nun, daß das ein schlechtes Zeichen sei. Ich meine, wir sind hier schließlich in Irland. Ich berichtete unserem Vater Provinzial darüber. Er antwortete mir, die neue Messe sei sonst überall beliebt. Da wußte ich also nicht, was tun. Wir verloren unsere Gemeinde im Handumdrehen. Ich sagte mir, vielleicht sind die Leute hier anders als in anderen Gegenden, vielleicht wollen sie sich das Neue einfach nicht gefallen lassen. Denn schließlich, wenn wir drüben auf dem Festland Sonntagspriester spielen - was tun wir denn anderes als versuchen, den Glauben der Leute an den allmächtigen Gott zu behüten? Ich bin kein frommer Mann, aber vielleicht gerade deshalb, weil ich's nicht bin, fand ich, ich hätte kein Recht, mich einzumischen. Ich meinte, es sei meine Pflicht, zu verhindern, daß der Glaube, den sie haben, verwirrt würde. Daher kehrte ich zu der alten Art zurück.«

»Und was geschah dann?« »Nichts geschah.«

»Aber man muß es doch bemerkt haben? Man muß doch in der Diözese darüber gesprochen haben?« »Vermutlich. Aber die Leute wissen in liturgischen Fragen nicht gut Bescheid. Ich glaube, die Leute dachten, weil wir ein alter Orden sind, hätten wir eine besondere Dispensation, bei der alten Art zu bleiben. Jedenfalls wurde . diese sehr populär, nachdem es sich herumgesprochen hatte.« »Und bald kamen jeden Sonntag Tausende zur Messe.«

»So war es nicht«, sagte der Abt. »Ein paar Jahre lang hatten wir nicht viel mehr Leute als früher. Nur ein paar mehr von den älteren Leuten aus den umliegenden Gemeinden. Erst ganz kürzlich wurde es zur Attraktion. An den Touristen lag es. In den Sommermonaten ist Irland vollgestopft mit Touristen. Schuld daran sind die neuen Flugzeuge, die Supers oder wie sie heißen.«

»Es geschah also erst im vorigen Sommer, daß Sie aus der Priorei in Cahirciveen wegzogen und begannen, die Messe auf dem Mount Coom zu feiern?«

»Sie sind gut unterrichtet. Ich wundere mich nicht. Unseren Vater Provinzial kann man schwerlich einen meiner Bewunderer nennen.«

»Auf Mount Coom«, sagte Kinsella. »Sie beschlossen, die Messe auf dem Mount Coom zu feiern. Nach dem, was ich gelesen habe, wurde der Messefelsen während der Katholikenverfolgung mit Rebellion in Zusammenhang gebracht. Die Messe wurde dort insgeheim von geächteten Priestern gelesen, während ein Mitglied der Gemeinde Posten stand für den Fall, daß sich englische Soldaten näherten. «

»Der Messefelsen war ein Fehlgriff «, sagte der Abt. »Damals dachte ich nicht an diesen Zusammenhang. Ich versuchte nur, die Menschenmenge unterzubringen. «

»Sie haben Lautsprecher als Geschenk von den Kaufleuten in Cahirciveen angenommen.«

»Es ist üblich, Geschenke anzunehmen, die dafür gedacht sind, den Gottesdienst zu verschönen.« »Aber Lautsprecher!« sagte Kinsella. »Es muß Ihnen doch sicher in den Sinn gekommen sein, daß der Mount Coom zu einer Wallfahrtsstätte geworden ist?«

»Meinen Sie, so eine Art Lourdes?«

»Wie Lourdes früher war. Lourdes ist nicht mehr in Betrieb.«

»Wir sind ganz und gar nicht wie Lourdes. Es finden keine Wunder statt. Wir feiern nur die Messe.« »Und Sie nehmen die Ohrenbeichte ab. Und das ist noch nicht bekannt, noch nicht einmal in Rom. Ich entdeckte es rein zufällig gestern in Cahirciveen. Wie Sie wissen, ist die Ohrenbeichte abgeschafft worden, ausgenommen in Fällen, wo eine besondere Notlage besteht, wenn die Sünde so groß ist, daß ein persönlicher Rat notwendig wird.«

Der Abt zog die Brauen zusammen. »Alle Todsünden sind für die Seele verderbenbringend. Ich finde es schwierig, die neuen Regeln anzuwenden. «

»Wie Sie wissen, wird keine Unterscheidung mehr vorgenommen zwischen Todsünde und läßlicher Sünde.« »Aber was soll ich denn tun?« Der Abt schien plötzlich verwirrt. »Die Leute hier glauben immer noch, es sei eine besondere Sünde, ein Kind zu belästigen, einem Mann die Frau zu stehlen, ohne den kirchlichen Segen zu heiraten - ach, eine Menge anderer Dinge. Was soll ich denn tun, wenn die Leute noch glauben, daß es Todsünden gibt?«

»Ich verstehe, daß es schwierig sein muß. Aber die Beibehaltung der Ohrenbeichte wäre ein schwerwiegender Fehler.. Die Vorstellung, daß Katholiken ihre Sünden einem Priester unter vier Augen beichten, hat auf andere Gruppen der ökumenischen Bruderschaft abstoßend gewirkt. Das Vierte Vatikanum hat die leichtere Form sanktioniert - Sie haben doch sicherlich die Debatten verfolgt?«

»Ja, allerdings«, sagte der Abt. »Ich weiß, daß ich in bezug auf die Beichte nicht Schritt gehalten habe. Aber bedenken Sie, daß ich immer versucht habe, die Beichte der Leute in unserer Pfarrgemeinde einzuschränken. Es war alles ein Teil des gleichen Bestrebens. Wir wollten den Glauben der hier ansässigen Leute nicht verwirren. Doch ... « Der Abt hielt inne und blickte seinen Gast forschend an. »Sie sagten selber, daß Rom von der Ohrenbeichte nichts wisse. Sie wurden also nicht deswegen hergeschickt?«

»Nein.«

»Warum wurden Sie hergeschickt, Vater Kinsella? Was im besonderen hat das hier veranlaßt?« Der Abt nahm den Brief des Ordensgenerals zur Hand. »Das amerikanische Fernsehen plant eine einstündige Sendung über das, was hier geschehen ist. Wußten Sie das?«

»Das ist es also!« Der Abt ballte die rechte Hand zur Faust und schlug damit auf seinen Schreibtisch. »Das verdammte Fernsehen! Ich wollte das Fernsehen nicht hierhaben! Ich werde es verbieten! Ich war von Anfang an strikt dagegen!« .

Der Abt raffte die Rockzipfel seiner Kutte zusammen, beugte sich dem Feuer zu und starrte in die Flammen.

Kinsella stand. Er begann zu sprechen; eine Ader zitterte an seinem Hals, seine Stimme drang laut durchs Zimmer: die Stimme eines Gläubigen, der von seiner Wahrheit überzeugt war. »Vater General erwähnt in seinem Brief die apertura mit dem Buddhismus, worüber Sie natürlich schon gelesen haben. Vielleicht kommt es Ihnen so vor, als hätte das nichts mit dem Leben hier auf Ihrer Insel zu tun, aber glauben Sie mir, es hat damit zu tun. Vater General ist der Präsident des Ökumenischen Sonderrats, der im nächsten Monat die Bangkok-Gespräche eröffnen wird. Es ist das erste Mal, daß ein Ordensoberhaupt derart ausgezeichnet wurde, und jeder Skandal im Zusammenhang mit dem Alban-Orden würde, wie Sie sich vorstellen können, für den Vater General bei den Gesprächen äußerst peinlich werden. Es ist sein dringender Wunsch, daß Sie verstehen, in was für einem besonders heiklen Stadium dieser Verhandlungen er sich befindet. Die Bonzen-Demonstrationen in Kuala-Lumpur waren, so scheint uns, nur der Beginn der gegnerischen Taktik.« (…)

Es gibt ein Buch von einem Franzosen namens Francis Jeanson, haben Sie einmal davon gehört? Es heißt: Vom Glauben eines Ungläubigen.« »Ich habe es nicht gelesen.«

»Es ist interessant. Er glaubt, daß es für die Christenheit eine Zukunft geben kann, vorausgesetzt, daß sie Gott abschafft. Ihr Freund Gustav Hartmann hat Jeanson in seinen Schriften erwähnt. Der Grundgedanke besagt, daß eine Christenheit, die Gott beibehält, sich nicht länger gegen den Marxismus behaupten kann. Haben Sie nicht von dem Buch gehört?«

»Doch, ich habe davon gehört«, sagte Kinsella. »Aber ich habe es nicht gelesen.«

»Schade. Ich wollte Sie fragen - wegen der Messe zum Beispiel. Was bedeutet Ihnen die Messe?« Kinsella blickte den Abt an, während der Abt in den Abendhimmel hinausschaute. Jetzt war der Augenblick für die Wahrheit gekommen, wenn auch nur vorsichtig tastend, für einen Teil der Wahrheit. »Ich denke, daß die Messe für mich wie für die meisten Katholiken in der heutigen Welt ein symbolischer Akt ist. Ich glaube nicht, daß das Brot und der Wein auf dem Altar in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden, ausgenommen auf eine rein symbolische Art. Deshalb stelle ich mir Gott nicht, wie im alten Sinne, als wirklich gegenwärtig im Tabernakel vor.«

Der Abt wandte sich vom Fenster ab. Den Kopf hielt er auf die Seite gelegt, sein Adlergesicht schien spottlustig. »Das ist wirklich erstaunlich«, sagte er. »Und doch scheinen Sie mir das zu sein, was ich einen überzeugten und aufopferungsvollen jungen Mann nennen würde.«

»In welcher Hinsicht ist es erstaunlich, Vater Abt? Es ist der heutzutage in unserer Zeit allgemein vorherrschende Glaube!«

»Glaube - oder Mangel an Glauben«, sagte der Abt. »Ich glaube, ich war für ein anderes Jahr­hundert geschaffen. Der Mensch braucht nicht mehr eine gar so große Dosis Glauben zu haben, finden Sie nicht?«

Kinsella lächelte. »Vielleicht nicht.« Er hatte hinzufügen wollen, daß heute die besten Köpfe das Verschwinden der Kirchen zugunsten einer etwas allgemeineren Auffassung der Gemeinde befür­worteten - zugunsten einer Gruppe, die sich zu einem Meeting traf, um Gott-im-andern zu feiern. Doch dann fand er, daß der Abt für diesen Schritt vielleicht noch nicht bereit sei.

»Ja«, sagte der Abt. »Ich verstehe jetzt, weshalb die alte Messe non grata ist. Und weshalb Sie hier sind, um uns zu sagen, wir sollen damit aufhören und Abstand von ihr nehmen.«