Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Der Kampf um das Konzil

Sauerteig und kritischer Moment –
Ein Kommentar von Wolfgang Graf

06. 3. 2002

Die Affäre Williamson hat vieles verändert. Eine nüchterne Situationsanalyse ist darum dringend erforderlich.

Ein erfolgreicher Papst im Visier der Gegner

Vor allem muss man sich bewusst sein, dass das eigentliche Ziel im Visier der Gegner der Kirche der Papst selbst ist. Aber dieser ist hochangesehen und bietet keine Angriffsflächen. Deshalb sollte schließlich sogar die Zitierung eines mittelalterlichen Kaisers als Waffe gegen den Papst herhalten, ein Angriff, der in seiner Konstruiertheit bei allen einsichtigen Menschen guten Willens nur Kopfschütteln auslöste. Der schlimmste Fehler in den Augen der Gegner des Papstes ist sein Erfolg, aber den kann man ihm schließlich nicht unverblümt zum Vorwurf machen. Was tut er erfolgreiches? Nur zwei Punkte seien genannt, auf beide konzentrieren sich die augenblicklichen Angriffe seiner Gegner: Behutsam aber wirksam stellt er unter Ausschöpfung begrenzter Ressourcen personalpolitische Weichen für die Zukunft. Und dann lässt er den Schatz der liturgischen Tradition für die ganze Kirche wirksam werden. Er schafft kein liturgisches Ghetto, sondern er mengt ihn, biblisch gesprochen, als Sauerteig unter das Mehl. Viele Tausende, vielleicht Zehntausende, von Priestern haben begonnen, öffentlich oder „privat" wieder die überlieferte hl. Messe zu feiern. Und dieser Geist prägt ihr priesterliches Leben und Tun sowie, nach dem ausdrücklichen Willen des Papstes, auch ihre Feier der neuen Messform. Darüberhinaus sind in den letzten Jahrzehnten auch über Hundert Bischöfe dem Beispiel des Kardinals Ratzinger gefolgt und haben den überlieferten Ritus öffentlich gefeiert.

Die Hirtensorge des Papstes.

Was sollten da noch die versöhnlichen Gesten gegenüber der Piusbruderschaft? Sicher, im rein zahlenmäßigen Vergleich fallen hier einige Hundert Priester und vier Bischöfe nicht sehr ins Gewicht. Für die Hirtensorge des Papstes aber sind sie ein wichtiger Faktor. Wie der gute Hirte folgt er dem einzelnen Schaf, auch wenn es sich nicht wie im biblischen Bild um eins von Hundert handelt, sondern nur um ein halbes Promille. Aber sind jene Schafe denn tatsächlich verirrt? In ihrer Selbstwahrnehmung sicherlich nicht, wohl aber in den Augen des Papstes. In seinem Begleitschreiben zu „Summorum Pontificum" an die Bischöfe sagt er mit großem Ernst: „In der Rückschau auf die Spaltungen, die den Leib Christi im Lauf der Jahrhunderte verwundet haben, entsteht immer wieder der Eindruck, dass in den kritischen Momenten, in denen sich die Spaltung anbahnte, von seiten der Verantwortlichen in der Kirche nicht genug getan worden ist, um Versöhnung und Einheit zu erhalten oder neu zu gewinnen; dass Versäumnisse in der Kirche mit schuld daran sind, dass Spaltungen sich verfestigen konnten. Diese Rückschau legt uns heute eine Verpflichtung auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen."

Diese Sorge müssen auch die Verantwortlichen der Piusbruderschaft ernst nehmen, in jedem Jahr, den der kanonische Ausnahmezustand länger dauert, verstärkt sich ein Binnenklima in der Bruderschaft, in dem eine Affäre Williamson möglich wird. Nicht nur der Tradition gewogene Autoren wie Badde und Mosebach hegen diese Befürchtung, auch der Papst hat, obwohl er den konkreten Fall nicht kannte, schon 2007 davon gesprochen, dass es dort „nicht an Übertreibungen und hin und wieder an gesellschaftlichen Aspekten fehlt, die in ungebührender Weise mit der Haltung jener Gläubigen in Zusammenhang steht."

Auch ohne „Kabinettsystem" eine veränderte Situation

Nach der Affäre Williamson drängen innerkirchliche Gegner des Papstes auf ein „Kabinettsystem" im Vatikan, das künftige „Pannen" verhindern soll. In der Konsequenz dieser Forderung wäre der Papst dann der Ministerpräsident einer Kirchenregierung, der gegebenenfalls überstimmt werden könnte. Diesen Forderungen wird der Papst sicher nicht entsprechen, wären sie doch mit dem von Christus gestifteten Petrusamt wie mit den Definitionen des 1. Vatikanums unvereinbar.

Andererseits sind bisher diskutierte Modelle, die der Piusbruderschaft und ihren Bischöfen einen sehr weitgehenden kanonischen Handlungsspielraum zugestanden hätten, unrealistisch geworden. Diese Chance ist nach der und durch die Affäre W. verspielt. Im Gegenteil: der Rückschlag für die Einigungswilligen geht noch weiter. Solange die Piusbruderschaft nicht im Lichtkegel des Papstes stand, war sie uninteressant, aber nicht unbeobachtet. Die Gegner legten Dossiers über die Beteiligten an. Erst als sie in den Lichtkegel des Papstes rückten, wurden die Dossiers geöffnet, weil man jetzt den Papst selbst zu treffen hoffte. Unter dem höchst kritischen Blick der Öffentlichkeit und der Medien wird ab jetzt das Ausüben bischöflicher Funktionen trotz weitergeltender Suspendierung nicht unbeachtet bleiben. Gerade Bischöfe, die dem Papst in der Affäre W. den Rücken stärkten, haben angekündigt, gegen die Suspendierung verstoßende bischöfliche Handlungen auf ihrem Diözesangebiet nicht hinzunehmen. Sie werden eigene Strafen verhängen und päpstliche Maßnahmen fordern. Daran muss z.B. vor der Erteilung von Priesterweihen gedacht werden, sonst gerät der Papst unter neuerlichen Druck mit unabsehbaren Folgen.

Rom und die Öffentlichkeit werden den Gesprächspartnern aus der Piusbruderschaft auch zu den letzten Monaten Fragen stellen und eine befriedigende Antwort erwarten: Warum wurde gerade Weihbischof Williamson nach Deutschland eingeladen? Warum wurde er nicht an dem verhängnisvollen Interview mit einer schwedischen Fernsehstation gehindert? Warum wurde ein Interview mit Weihbischof Tissier de Mallerais, in dem der Papst persönlich als Modernist und Häretiker angegriffen wurde (vgl. Zitate in IK-N 2/09,, S. 3), ausgerechnet in dem Augenblick auf die deutschsprachige Internetseite der Piusbruderschaft gestellt,als schon die Entwürfe für deren Brief vom 15. Dezember ausgetauscht wurden? Wer war dafür in Deutschland jeweils verantwortlich? Wie redlich ist die Bitte Tissiers um Aufhebung der Exkommunikation, wenn diese Vorwürfe bis heute nicht zurückgenommen wurden? Welche bischöflichen Funktionen Tissiers sind unter diesen Umständen vorstellbar?

Das „Problem" II. Vatikanum.

Am schnellsten könnte das „Problem" der Anerkennung des II. Vatikanum durch die Piusbruderschaft zu lösen sein. Die Äußerungen von Prof. May (s. v.), entsprechende Äußerungen von Kardinal Ratzinger 1988 vor chilenischen Bischöfen und vor allem die auf Drängen von „konservativen" Konzilsteilnehmern bei Papst Paul Vl. durchgesetzte Interpretationshilfe „Nota explicativa praevia" (s. v.) zeigen den Weg. Das II. Vatikanum ist ein Teil der Kirchengeschichte, aber eben nur ein Teil. Und gerade Texte eines Pastoralkonzils haben in ihrem unterschiedlichen Geltungsanspruch auch eine historische Dimension, sind also - wie viele andere Texte in 2000 Jahren - zum Teil Kirchengeschichte. Den durchschnittlichen jungen Katholiken ist nicht einmal mehr die Tatsache jenes Konzils bekannt, das im letzten Jahrhundert vor ihren Lebzeiten stattgefunden hat - geschweige denn seine Texte. Dass ausgerechnet extreme Modernisten und ebensolche Traditionalisten ihm heute übereinstimmend eine Bedeutung zumessen wollen, die es nicht einmal selbst beansprucht hat, ist paradox.

Ein kritischer Moment drohender und sich verfestigender Spaltung, so sieht es der Papst. Jetzt müssen alle Beteiligten ihrer Verantwortung gerecht werden. Wo Petrus ist, ist die Kirche. Ubi Petrus, ibi ecclesia.

Wir übernehmen diesen Kommentar aus der März-Ausgabe der IK-Nachrichten. Wolfgang Graf ist Vorsitzender der Initiative katholischer Laien und Priester „Pro Sancta Ecclesia“