Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Alter Ritus - neues Lektionar?

Das Wort Gottes

Wie kann den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werden?

14. 5. 2008

Ein Auftrag des 2. Vatikanischen Konzils

Die Idee, den alten Ritus durch ganze oder teilweise Übernahme des neuen Lektionars zu „bereichern“, ist nicht neu – die dahingehenden Überlegungen von S. E. Kardinal Castrillon Hoyos in seinem Interview für „Jesus“ sind nur das bislang letzte Glied in einer ganzen Kette von Vorschlägen. Gestützt werden diese Vorschläge auf den Abschnitt 51 der vom 2. Vatikanischen Konzil erlassenen Konstitution über die Kirche, in dem es heißt:

Zitat: 51.Auf daß den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so daß innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden.

Diesem Auftrag liegen einige Vorstellungen zu Grunde, die allerdings aus heutiger Sicht nicht mehr so überzeugend erscheinen, wie das vor 40 Jahren der Fall gewesen sein mag:

  1. Der Gedanke, daß der Lehrfunktion des Gottesdienstes so hohe Bedeutung zukomme, daß demgegenüber die meisten anderen Erwägungen zurückzutreten haben und – daraus abgeleitet –
  2. die Vorstellung, daß die Feier des Messopfers ein bevorzugter Platz für die Bekanntmachung des Inhalts der hl. Schrift sei, sowie
  3. die Bereitschaft, von der tausendjährigen Tradition des Jahreszyklus, die jedem Sonntag und jedem Fest- und Gedenktag des Jahres feststehende Lesungen zuordnete, abzugehen.

Wie man leicht erkennen kann, stehen die Überlegungen nach Punkt 2) und Punkt 3) in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander: Logischerweise können in einem Ein-Jahreszyklus weniger Schriftstellen mitgeteilt werden als in einem mehrjährigen – allerdings verspricht der Ein-Jahreszyklus einen höheren „Hafteffekt“ als der unphysiologische 3-Jahres-Zyklus: Die wenigsten Menschen sind in der Lage, Wiederholungen in dreijährigem Abstand als zyklisch in ihren Bewußtseinshaushalt zu integrieren. Tatsächlich hat die alte Leseordnung vielfach zu einer hohen Identifikation bestimmter Sonn- und Feiertage mit den jeweils vorzutragenden Schrifttexten geführt: Die Schrift-Kenntnis des notorisch bibel-faulen katholischen Volkes mag quantitativ sehr begrenzt gewesen sein, aber die etwa 140 Schriftstellen der sonn- und feiertäglichen Lesungen sanken im Laufe eines Erwachsenenlebens mit allsonntäglichem Messbesuch doch tief ins Bewußtsein der meisten ein.

Während der Sonn- und Festtagszyklus der Neuen Leseordnung also den Anteil der Schriftstellen aus dem AT von etwa 1% des Gesamtvolumens auf 3,7% und beim NT von 16,5 auf 40,8% gesteigert hat (Quelle für das englischsprachige Lektionar), ist durchaus nicht gesagt, daß diese größere Zahl von Schriftstellen den Messbesuchern jetzt ebenso vertraut ist wie die frühere deutlich kleinere Auswahl. Nicht nur die Theorie, auch die Alltagserfahrung spricht dafür, daß dies nicht der Fall ist. Nur am Rande angesprochen werden soll hier die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Verfahrens, die früher im wesentlichen an inhaltlichen Kriterien orientierte Auswahl an vielen Stellen durch eine angenäherte „Lectio continua“ zu ersetzen – die es dem doch als Ziel der Belehrung ins Auge gefassten Gottesdienstbesucher weiter erschwert, den vorgetragenen Schriftstellen ein Bezugssystem zu geben.

Verehrung des Evangeliums

Das alte Testament

Kritisch zu hinterfragen ist auch die – in dieser Form freilich nicht durch die Kirchenkonstitution vorgegebene – Entscheidung der Liturgiereformer, den Anteil der Texte aus dem AT durch die (Wieder-)Einführung einer „Lesung aus den Propheten“ an allen Sonn- und Feiertagen deutlich zu erhöhen – wenn auch bei 3,7% an Sonn- und Feiertagen bzw. 13,5% unter Einschluß des Werktagslektionars von dem „praktisch die ganze Bibel“, das S.E. Kardinal Hoyos angeführt hat, kaum die Rede sein kann. Unter den im heutigen Lektionar enthaltenen Ausschnitten aus dem AT finden sich neben einigen Passagen hoher theologischer Aussagekraft doch auch ziemlich viele Schlachtengemälde und „Sex n' crime“-Stories, die notwendigerweise auch noch aus dem Zusammenhang gerissen sind. Ihre Lehrhaftigkeit im Rahmen der Messe wäre selbst dann zweifelhaft, wenn die Priester sie öfter zum Gegenstand einer erklärenden Predigt machen würden.

Die Bedeutung des Alten Testaments für die Liturgie der Kirche wird übrigens in der gesamten Periode der Liturgiereform durchaus uneinheitlich gesehen. Bei der Revision des Jahres 1951 wurde der AT-Anteil an den Lesungen fast um die Hälfte verringert. (Quelle). Während dieser Anteil dann beim neuen Lektionar von 1969 wieder erheblich ausgeweitet wurde, hat der Novus Ordo gleichzeitig die beiden im Ordo Missae enthalten Psalmen bzw. Psalmteile (Judica als Staffelgebet und Jus redde ...Domine bei der Händewaschung) ersatzlos gestrichen.

Auch in bzw. mit vielen anderen Gebeten wurden alttestamentarische Bezüge getilgt – so die Hinweise auf das Rauchopfer des Tempels in den Gebeten zur Inzensierung oder die in ihrer Bedeutung überhaupt nicht zu unterschätzende Einordnung des Messopfers in seine Vorgeschichte von Abel über Abraham bis zu Melchisedech, die zusammen mit dem Canon Romanus marginalisiert worden ist. Die aus jüdischer Tradition neu in den Messordo aufgenommenen Gebete zur Gabenbereitung bieten dafür keinen Ersatz: Sie stammen nicht aus dem AT, sondern aus nachchristlicher rabbinischer Überlieferung. Diese Anmerkungen greifen freilich über den Themenkreis des Lektionars hinaus, immerhin verdeutlichen sie, daß die Stellung der Reformer zur alttestamentarischen Tradition jedenfalls als so zwiespältig angesehen werden muß, daß deren Ergebnis heute nicht über jede Kritik erhaben sein kann.

Wurde die Schatzkammer wirklich weit geöffnet?

Ein dritter Punkt der Kritik betrifft die Frage, inwieweit die Reformer von 1969 überhaupt dem Auftrag gerecht geworden sind, „die Schatzkammer der Bibel weiter aufzutun“. Quantitativ ist das sicher erfolgt – aber an der qualitativen Seite bestehen erhebliche Zweifel. Tatsächlich kann man davon sprechen, daß die Texte des neuen Testamentes vor der Aufnahme in das Lektionar einer (je nach Bischofskonferenz unterschiedlich tief gehenden) selektierenden Redaktion unterworfen worden sind, die zum Ziel hatte, „anstößige Stellen“ aus den Perikopen zu entfernen. Anstößig waren hier vor allem Bezüge zu Sünde, Gericht und Verdammnis sowie Passagen, die als zu kritisch gegenüber den Juden verstanden werden könnten.

Das Thema kann hier nicht erschöpfend dargestellt werden, zumal die Situation dadurch kompliziert wird, daß die Streichungen gelegentlich nur in den Kurzfassungen auftreten, die einigen Texten beigegeben sind – doch in der Praxis werden natürlich diese Kurzfassungen bevorzugt. In anderen Fällen werden Streichungen dadurch verschleiert, daß die gestrichenen Stellen zwischen die Perikopen fallen. Einige wenige Beispiele für echte Streichungen im deutschsprachigen Lektionar müssen genügen.

Bei der Evangelienprozession nach lateinischer Art

A-B-C, Fest der hl. Familie, Evangelium Mt 2, 13-15, 19-23
Die gestrichenen Verse 16-18 enthalten den Bericht über den Kindermord von Bethlehem
A-B-C, Fest d. Taufe des Herrn Evangelium Lk 3, 15-16, 21-22
Die gestrichenen Verse enthalten den Hinweis auf die Spreu, die im ewigen Feuer verbrannt wird, (17) und die Mitteilung, daß Herodes den Johannes verhaften ließ (19,20)
A-B-C, Pfingstmontag 1. Lesung Apg 10, 34a.42-48
Die gestrichenen Verse enthalten die wichtige Einleitung, daß Jesus das Evangelium den Juden gepredigt und sie ihn dafür gekreuzigt haben
A, 20. Sonntag im JK, Röm 11, 13-15.29-32
Gestrichen wurde wichtiges zum Verhältnis Judentum-Christentum, darunter auch die Passagen, auf denen die neue Karfreitagsfürbitte für den alten Ritus beruht.
B, 22. Sonntag im JK, Mk 7, 1-8.14-15.21-23
Die gestrichenen Stellen enthalten u.a. einen Bericht über eine Dämonenaustreibung sowie darüber, daß Herodes Johannes den Täufer festsetzen und töten ließ

Am härtesten aber ist zweifellos diese Kürzung aus C, 7. Sonntag in der Osterzeit, Offb. 22,12-14.16-17.20. Die Stelle soll daher hier ganz wiedergegeben werden, die Kürzungen sind fett gekennzeichnet.

Zitat: (12) Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn, und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (13) Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. (14) Selig, wer sein Gewand wäscht: Er hat Anteil am Baum des Lebens, und er wird durch die Tore in die Stadt eintreten können. (15) Draußen bleiben die Hunde und die Zauberer, die Unzüchtigen und die Mörder, die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut. (16) Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern. (17) Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange das Wasser des Lebens als Geschenk. (18) Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. (19) Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. (20) Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. - Amen. Komm, Herr Jesus!

Man sieht - es erfordert schon einigen Wagemut, um das Evangelium ganz unbelastet von jeder „Drohbotschaft“ zur „Frohbotschaft“ werden zu lassen.

Nur als über das Lektionar hinausweisende Randbemerkung sei hier darauf hingewiesen, daß daß die politisch korrekte Zensur bei der Neukompilatiom der „Liturgia horarum“ sogar den Psalter nicht verschont hat. Seit weit über 2000 Jahren beteten Juden und dann auch die Christen den Psalter mit 150 Psalmen – das reformierte Brevier (hier ausgewertet die lateinische Editio Typica von 1972) hat nur noch 147 Gesänge. Die in der Wortwahl zarten Gemütern möglicherweise tatsächlich etwas „unsensibel“ erscheinenden Psalmen 57, 82 und 108 fehlen ganz, 77, 104 und 105 dürfen nur noch je einmal im Jahr in der Fastenzeit vorkommen. Gottes Wort – zu hart für unsere Zeit?

Inwieweit die Neuordnung der Liturgie also den einleitend zitierten Auftrag des 2. Vatikanischen Konzils erfüllt hat, muß als höchst zweifelhaft erscheinen. Alles spricht dafür, daß wir auch in diesem Punkt noch davor stehen, den tatsächlichen Auftrag der Väter – unter Anwendung der seither gewonnenen Einsichten – zu erfüllen. Jeder Versuch zur einfachen Übertragung des neuen Lektionars in den alten Ritus erscheint von daher sehr problematisch.

Wir hoffen, in künftigen Beiträgen weitere Facetten dieses außerordentlich vielschichtigen Themas ansprechen zu können.