Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Gedanken zur Reform der Reform

Von der Gottes- und der Nächstenliebe

Fr Dwight Longenecker

8. 5. 2009

Fr Dwight Longenecker gehört zum Seelsorgeteam von St. Marys in Greenville, South Carolina. Das ist eine Gemeinde, die sich der „Reform der Reform“ verpflichtet sieht und deren Pfarrer, Fr. Jay S. Newman, die Rolle, die der alte Ritus dabei spielen könnte, eher skeptisch betrachtet. Von diesem Unterschied in der Grundeinschätzung abgesehen zeigt der Artikel von Fr. Longenecker in seinem Blog „Standing on my Head“ eine Analyse der aktuellen liturgischen Krise, der auch die Freunde der alten Liturgie im wesentlichen zustimmen können. Die Lektüre lohnt sich; gerade weil der Ansatz Longeneckers – zumindest aus unserer Perspektive – zunächst etwas befremdlich erscheint. Die beiden Bilder entnehmen wir ebenfalls dem Artikel Longeneckers.

An diesen beiden...

...hängen das ganze Gesetz und die Propheten. Diese beiden sind die zwei Hauptgebote: daß wir Gott lieben und unseren Nächsten.

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Inzensierung als Tanzeinlage

Eines der der großen Probleme in der Kirche besteht zwischen zwei Gruppen von Gläubigen: Die Liebhaber Gottes, und die Liebhaber der Mitmenschen. Die Gottesliebhaber betonen Liturgie, Spiritualität, Gebet, Anbetung, gottgeweihtes Leben, Berufungen, Gottesdienst. Die Mitmenschen-Liebhaber betonen Frieden und Gerechtigkeit, die Kirche als das pilgernde Volk Gottes, die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern, den sakramentalen Dienst aneinander.

Die Gottesliebhaber betrachten die Messe als ein feierliches Opfer, das uns direkt an die Schwelle des Himmels führt. Sie wollen eine feierliche Liturgie, einen durchgeistigten und prächtigen Gottesdienst. Für sie bedeutet Gottesdienst, uns aus diesem Tale der Tränen zu erheben und uns zum Gottesdienst der kosmischen Sphäre zu erheben. Für sie ist die hl. Messe das große Opfer, das den ewigen Akt der Erlösung den erlösungsbedürftigen Seelen zuwendet. Die Mitmenschen-Liebhaber sehen die hl. Messe als das Gemeinschaftsmahl des Volkes Gottes. Der Gottesdienst ist freundlich und tröstend. Er ist so gestaltet, daß alle sich für sich und gegenüber den anderen wohlfühlen. Inhaltlich geht es vor allem darum, einander zu unterstützen und diese Welt zu verbessern. Die Kirche ist in dieser Welt und von dieser Welt und muß sich sich der Welt anpassen, so daß immer mehr Menschen geholfen werden kann.

Während Sie das lesen, entscheiden Sie sich wahrscheinlich bereits unwillkürlich für einer der beiden Seiten. Sie werden annehmen, daß Ihre Seite die beste ist, und daß die jeweils andere Seite bestenfalls problematisch ist und im schlimmsten Fall häretisch und schädlich für die Kirche ist und man damit aufhören sollte.

Tatsächlich brauchen wir beide Seiten, oder? Wir sollen Gott lieben und unseren Nächsten. Warum dann also diese Zwietracht, wenn es denn Zwietracht ist, was wir da beobachten. Es geht nicht darum, daß der eine Recht hat und der andere Unrecht, sondern darum, daß die Prioritäten nicht stimmen.

Die Liebhaber der Mitmenschen werden es nicht gerne hören, aber Gott zu lieben ist die erste Priorität. Die Liebe zum Nächsten kommt nach der Liebe zu Gott und ist davon abhängig. Wir können unseren Nächsten nicht lieben, wenn wir nicht zuerst Gott lieben. Warum? Weil wir keine Motivation, keine Kraft und keine Gnade haben, unseren Nächsten zu lieben, wenn wir nicht zuerst Gott lieben.

Titelbild

Levitenamt bei der Petrusbruderschaft

Derher ist die Liebe zu Gott die katholische Priorität. Die Liebe zum Nächsten ist verpflichtend und kann nicht übergangen werden – aber sie kommt hinter der Liebe zu Gott. Und wenn das wahr ist, so müssen wir uns fragen, wo wir auf rechte Weise Gott lieben und wo auf rechte Weise den Nächsten. Die Antwort ist, daß wir Gott in erster Linie im Gebet und im Gottesdienst lieben: in der und durch die Liturgie.

Wenn wir Gott in der Kirche lieben, dann lieben wir auch den Nächsten außerhalb der Kirche. Die meisten Probleme mit modernistischer Liturgie kommen daher, daß sie das in die Kirche hineinholen, was außerhalb der Kirche seinen rechten Platz hat. In anderen Worten: Die Gemeinschaftlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit, gesellschaftliches Engagement, missionarischer Impetus, Sorge für Bildung, Krankenpflege und die Familien – all diese Aktivitäten sind dem Volk Gottes außerhalb der Liturgie höchst angemessen, aber wir haben sie in die Liturgie hereingenommen.

Im Ergebnis dreht sich in der Liturgie alles um die Liebe zum Nächsten und nicht um die Liebe zu Gott. Wie konnte es dazu kommen? Allzuviele Katholiken haben die Liebe zu Gott nicht an einen anderen Platz gestellt, sondern sie haben die Liebe zu Gott durch die Liebe zum Nächsten ersetzt. Schlaue Theologen meinten, daß der übernatürliche und jenseitige Aspekt des Gottesdienstes gewöhnliche moderne und wissenschaftsorientierte Menschen überfordern würde, und in einem Handstreich, dessen Arroganz einem den Atem verschlägt, haben sie die Liturgie volkstümlich und menschenorientiert gemacht und alles total versimpelt.

Das Ergebnis war eine Katastrophe. Die Katholiken lieben zwar den Nächsten, aber sie haben keine Sprache mehr, um Gott zu lieben – und wenn man Gott nicht mehr liebt, dann dauert es natürlich auch nicht mehr lange, bis es mit der Nächstenliebe nicht mehr klappt. Denn was findet man noch Liebenswertes in den Menschen, wenn man nicht zuerst Gott liebt: Das einzig wirklich Liebenswerte im Nächsten ist das in ihm verkörperte Bild Gottes, und die einzige Methode, das zu erkennen, besteht darin, zuerst die Liebe zu Gott zu erlernen.

Letzten Endes haben wir so nicht nur die Kunst verlernt, unseren Nächsten zu lieben, es ist uns auch als einziger Rest die Eigenliebe übriggeblieben. Und so wurde das, was einst der ehrfürchtige Dienst vor Gott war, zu einem Gemisch von gefühlvollem Gesang und Gruppentherapie zur Selbsthilfe, bei dem es nur noch darum geht, was ich in Bezug auf Gott fühle. Das einzige Heilmittel ist die Rückkehr zu den Prioritäten Christi. Wir müssen wieder lernen, die Liebe zu Gott an den ersten Platz in unserem Leben zu stellen, so daß wir vielleicht auch wieder lernen, unseren Nächsten zu lieben.