Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Das Priestertum in der nachkonziliaren Kirche

Prof. Georg Mai 1993 über bedenkliche Unterschiede in der alten und neuen Form des Ritus der Priesterweihe

4. 7. 2011

Die Veränderungen der Weihestufen und -formulare

Nach langen Jahren der Vorbereitung, der Erziehung und der Bildung, des Gebetes und des Studiums, der Prüfung und der Selbstprüfung werden die Priesterkandidaten zur sakramentalen Weihe zugelassen. Die Männer, die vor 40 Jahren an den Altar traten, um die Priesterweihe zu empfangen, hatten die Tonsur, die vier niederen Weihen, die Subdiakonats- und die Diakonatsweihe empfangen. Sie waren also über viele Stufen an die Priesterweihe herangeführt worden. Darin lag eine große Weisheit der Kirche. Sie errichtete gewissermaßen vor dem Heiligtum einen Vorbau, der erst durchschritten werden mußte, bevor man ins Heiligtum eintrat. Die allmähliche Steigerung der Vollmachten sollte vom Wachsen der sittlichen Persönlichkeit begleitet werden.

Im Recht der Weihespendung haben sich nun in den letzten 40 Jahren gewichtige Anderungen zugetragen. Die niederen Weihen sind ebenso entfallen wie die erste höhere Weihe, der Subdiakonat. Die an die Stelle der niederen Weihen getretenen Dienste sind keine Weihen; es fehlt ihnen das Moment der konstitutiven Übergabe an Gott. Sie weisen auch nicht auf das Priestertum hin, denn sie stehen jedem offen, auch dem, der nicht in den Klerus eintreten will. Wer heute die erste sakramentale Weihestufe, den Diakonat, empfängt, der ist nicht durch die ihr früher vorausgehenden nichtsakramentalen Weihegrade hindurchgeschritten, und es besteht die Gefahr, daß er das Gespür für die Erhabenheit dessen, was jetzt geschieht, nicht mehr in vollem Umfang besitzt.

Nicht unbedenklich sind auch die neuen Formulare für die Spendung des Weihesakramentes. Wenn man die Texte für die Priesterweihe, wie sie vor der sogenannten Liturgiereform und seit dieser in Gebrauch waren bzw. sind, vergleicht, dann fällt einem die verbale Abschwächung von Stellung und Funktion des Priesters sofort ins Auge. Der gelehrte Benediktiner Athanasius Kröger stellte darin eine nicht unbedeutende Verschiebung der Gewichte von Gott zu den Menschen, vom Sein zum Tun fest: „Das Eigentliche der Priesterweihe, die persönliche (nicht du-bezogene) Gnadenausstattung und Erteilung der Vollmachten, tritt zurück gegenüber den zukünftigen sozialen (du-bezogenen) Aufgaben des Neupriesters.

Dieses Urteil ist zutreffend. Die Urheber des veränderten Formulars haben sich offensichtlich von jenen Autoren beeindrucken lassen, die vom sogenannten „sazerdotalen" Priesterbild abrücken. Im einzelnen lassen sich folgende verhängnisvolle Anderungen beobachten. In der früheren Oration vor dem Hymnus „Veni, creator Spiritus" hieß es, die Priester sollten „Brot und Wein in den Leib und das Blut deines Sohnes durch eine fehlerlose Weihung verwandeln" (transforment). Der jetzige Text redet lediglich von dem „Gott darzubringenden Opfer".

Wer die beiden Formulierungen unbefangen vergleicht, wird sich fragen: Fällt die Wandlung jetzt aus? Ist die Rolle der Konsekrationsworte ausgespielt? Sind der Priester und sein Tun für die Transsubstantiation entbehrlich geworden? Bei der Überreichung der Opferelemente Brot und Wein sprach der Bischof früher: „Empfange die Gewalt (potestatem), Gott das Opfer darzubringen und Messen zu feiern sowohl für Lebende als auch für Verstorbene."

In dem nachkonziliaren Ritus sagt er: „Empfange die Gott darzubringende Gabe des heiligen Volkes." Wer die Texte nebeneinanderhält und nachdenkt, muß sich fragen: Empfängt der Priester heute keine Gewalt mehr, zu opfern? Ist sie vielleicht auf das Volk übergegangen? Hat sich also der Sinn der hl. Messe geändert? Wird jetzt in der Messe kein Opfer mehr dargebracht? Ist sie kein Bitt- und Sühneopfer mehr, das für Lebende und Verstorbene appliziert wird? Gibt es vielleicht kein Fegfeuer mehr mit Leidenden, denen man durch die Feier des hl. Meßopfers zu Hilfe kommen kann?

Im früheren Ritus der Priesterweihe wurde am Schluß ausdrücklich erklärt: „Empfange den Heiligen Geist. Welchen du die Sünden nachlassen wirst, denen werden sie nachgelassen, und welchen du sie behalten wirst, denen sind sie behalten." Dieses Gebet ist im neuen Ritus gestrichen. Man fragt sich: Warum? Hat der Priester, und zwar er allein, die Gewalt, Sünden zu vergeben, oder hat er sie nicht? Wenn er sie hat: Wird sie ihm bei der Priesterweihe übertragen oder nicht? Wenn sie ihm übertragen wird, weshalb wird das nicht mehr ausgesprochen? Macht nicht gerade die Vollmacht, Sünden zu vergeben, zusammen mit der Vollmacht, das Meßopfer zu feiern, den Wesenskern des katholischen Priestertums aus? Wenn das so ist, warum sagt das der Ritus der Priesterweihe nicht? Daß die Priester „segnen" müssen, wie der frühere Ritus erklärte, ist im neuen Ritus nicht mehr vorgesehen. Wer diese Änderungen auf sich wirken läßt und wem das katholische Priestertum noch etwas bedeutet, den kann nur ihretwegen das helle Entsetzen überfallen. Was hier geschieht, ist ungeheuerlich.

Nun sind in der Musteransprache des Bischofs zur Priesterweihe wesentliche und dogmatisch befriedigende Aussagen über das Priestertum, seine Vollmachten und seine Funktionen enthalten. Aber das ist eben nur eine Verkündigung, und nicht einmal eine verbindlich festgelegte. Ich habe Priesterweihen beigewohnt, bei denen kein Wort und kaum ein Gedanke von dieser Ansprache Verwendung fand. Außerdem ist noch die Verschiebung zu beachten, die sich vom lateinischen zum deutschen Text vollzieht. In der lateinischen Ansprache des Bischofs heißt es, die Priester würden geweiht, u. a. um den Gottesdienst, vor allem im Opfer des Herrn, zu feiern (ad ...cultum...divinum in dominico praesertim sacrificio celebrandum).

Im lateinischen Text steht hier das gewichtige Wort celebrare, das für den sakramentalen vollmächtigen Dienst Verwendung findet. Die deutsche Übersetzung macht daraus „dem Gottesdienst vorstehen, vor allem beim Opfer des Herrn". Hier wird also aus dem Priester der Vorsteher, eine Art Versammlungsleiter. Daß die meisten Priester der katholischen Kirche das alles hinnehmen, ohne aufzumucken, zeigt, wie es um ihr Glaubensbewußtsein bestellt ist.


Zitiert nach der Broschüre: Georg May, Das Priestertum in der nachkonziliaren Kirche, UNA VOCE Deutschland e.V 1993, S. 58 - 60.