Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Wurzeln des Novus Ordo in den 50er Jahren

Brian McCall:

Mang’e State Zitt’ - Gegessen wird, was auf den Tisch kommt

27. 9. 2008

Dieser Artikel von Brian McCall ist im September in The Remnant erschienen. Der Autor diskutiert am Fall der in den USA stärker als in Deutschland verbreiteten Missa Dialogata einige Fragen, die von grundsätzlicher Bedeutung für das Verständnis der Liturgie der hl. Messe und die Rolle und die Möglichkeiten der Laien dabei sind. Dabei zeigt er, daß diese in den 50er Jahren zugestandene Form der Liturgie bereits Keime zu einigen der Mißverständnisse und Entstellungen enthält, die sich nach 1970 rasant ausgebreitet haben und dazu führten, daß die Feier der Eucharistie vielfach auf ihre horizontale Dimension als Veranstaltung der versammelten Gemeinde reduziert worden ist. Er wirft damit die auf anderer Ebene ebenso grundsätzliche Frage auf, inwieweit der in den liturgischen Büchern von 1962 enthaltende Stand der Entwicklung in seiner Gesamtheit zum bewahrenswerten Stand der Tradition gezählt werden kann.

Wir haben den Artikel geringfügig gekürzt übersetzt und insbesondere an den wenigen Stellen, die uns nicht überzeugt haben, eigene Anmerkungen angebracht.

Vorbemerkung

Wir leben in einem bedeutsamen Abschnitt der Geschichte. Für Jahrzehnte war die Messe aller Zeiten in die Katakomben und dunklen Ecke der Kirche verbannt. Nun kehrt dieser Schatz ungeheuren Wertes wieder aus der ungerechten Exilierung hervor. Entscheidungen, die in unserer Zeit fallen, werden darüber entscheiden, wie wir diesen Schatz an zukünftige Generationen weitergeben werden, die so Gott will, keine andere Form des Römischen Ritus mehr kennen werden. Dabei spreche ich hier nicht von den feststehenden Gebeten und anderen Grundelementen des Heiligen Messopfers, sondern von einigen neueren Optionen und Verfahren, die in der Zeit unmittelbar vor dem Exil der hl. Messe eingeführt worden waren.

Die Frage ist: Soll all das so, wie es 1962 bestand, in die Tradition aufgenommen werden oder nicht.

Wir wissen, daß die Neuerungen des Novus Ordo nicht aus heiterem Himmel herabgefallen sind, sondern die Ergebnisse jahrzehntelanger Anstrengungen der illegitimen Erben der Liturgischen Bewegung 1) waren. Beauduin, Bugnini und andere entstellten die ursprünglichen Ziele der Liturgischen Bewegung (ihr war es um eine Wiederbelebung der Studien zur und der inneren Anteilnahme an der Heiligen Liturgie gegangen) mit modernistischer Zielsetzung. Pascendi und andere anti-modernistische päpstliche Enzykliken und Dekrete zeigen, daß die Modernisten die Veränderung der Liturgie als einen Teil ihres Planes ansahen, die Kirche nach ihrem Bild neu zu gestalten. Gerald Ellards 1948 (also 20 Jahre vor Erlass des Novus Ordo) veröffentlichtes „Die Messe der Zukunft“ sagte fast buchstabengetreu die Form des Novus Ordo voraus. Ihr Einfluß war zwar vor dem zweiten Vatikanischen Konzil begrenzt, hinterließ aber dennoch seine Spuren auf dem römischen Ritus aller Zeiten. Wir haben im vergangenen Jahr den Probelauf vieler Neuerungen des Novus Ordo in der erneuerten Karwochenliturgie betrachtet – in diesem Beitrag befassen wir uns mit der Stellung der Missa Dialogata.

Dieser Artikel war im Internet nicht aufzufinden. Wir bemühen uns, ihn auf Papier zu bekommen.

Bevor wir diesen Gegenstand näher untersuchen, müssen wir den Stellenwert dieses Themas klarstellen. Wie schon bei der Diskussion der Karwoche sind keine schweren Gefahren für den Glauben berührt. Niemand kann behaupten, daß die Missa Dialogata – so wie das bei langdauernder Praktizierung des Novus Ordo der Fall ist – die Gefahr einer Protestantisierung und Zerstörung des katholischen Glaubens mit sich bringt. Hier geht es nicht um eine Frage, bei der die eine oder andere Seite mit dem Bannstrahl um sich werfen sollte. Nach dem geltenden liturgischen Recht ist die Missa Dialogata eine zulässige liturgische Option. Aber wir müssen uns fragen: Sollte diese Option beibehalten oder aufgegeben werden? Mit diesem Artikel möchte ich zur Diskussion anregen – und zwar zu einer rationalen Diskussion und nicht zu einem Austausch von Erklärungen wie „In der Dialogmesse fühle ich mich Gott näher“ oder „Die Dialogmesse macht mich krank“. Obwohl ich Argumente vortragen werde, die darauf hinauslaufen, daß die theologischen und praktischen Probleme dieser Neuerung des 20. Jahrhunderts für ihre Abschaffung sprechen, sage ich keinesfalls, daß diejenigen, die eine andere Ansicht vertreten, Verräter an unser Sache, Häretiker oder ähnliches wären.

Die Argumente

Wenn ich nun zur Argumentation übergehe, ist es sicher hilfreich, die Geschichte der Einführung der Missa Dialogata, die theologischen Probleme des Konzepts und einige praktische Überlegungen kurz darzustellen. Die verschiedenen Formen der Dialogmesse wurden offiziell durch die Instruktion der Ritenkongregation De musica sacra et sacra liturgia vom September 1958 als Optionen zugelassen. Wie der Titel schon sagt, befasst die Instruktion sich in der Hauptsache mit Regeln zur Kirchenmusik, zum Choral und zur Polyphonie. Doch dabei werden auch verschiedene Formen der Dialogmesse erlaubt. Das ist schon einmal eine wichtige Feststellung: Es gibt nicht eine Dialogmesse, sondern mehrere unterschiedliche Formen und Optionen. Wir werden sie hier voneinander unterscheiden müssen.

In einer Messe ohne Chor – allgemein als „Stille Messe“ und in dieser Instruktion als „Missa lecta“ bezeichnet – ist es den mitfeiernden Gläubigen erlaubt, sich dem Priester und den Ministranten auf verschiedene Weise anzuschließen – sie können einige wenige, eine größere Anzahl oder auch alle der Antworten des Ministranten geben. Dazu kommt die Möglichkeit, einige Gebete des Priesters laut mitzusprechen – z.B. Kyrie, Gloria oder Pater Noster. Im Hochamt (also jener Form, bei der ein Chor anwesend ist und Diakon und Subdiakon beteiligt sein können – sie wird in der Instruktion als „Missa in Cantu“ bezeichnet) haben die Gläubigen danach die Möglichkeit, sich dem Chor für einige wenige, einige oder alle Gesänge des Ordinariums und sogar des Propriums (Introitus, Graduale usw.) anzuschließen. Wir werden uns zunächst mit der Stillen Messe und dann mit dem Hochamt befassen.

Obwohl die genannten Erlaubnisse der Weltkirche erst in der Schlußphase des Pontifikats von Pius XII. zugestanden wurden, waren vor allem in Frankreich und Deutschland schon in den vorangehenden Jahrzehnten verschiedene Formen der Dialogmesse praktiziert worden – manchmal aufgrund eines Indults, öfter jedoch unerlaubter Weise. Diejenigen, die sich für die Einführung dieser Neuerung einsetzten, tendierten dazu, auch die bevorstehende liturgische Revolution zu unterstützen und sahen in der Missa Dialogata einen Zwischenschritt zu diesem Ziel.

Der liberale Kardinalstaatssekratär Cardinal Gasparri, ein Protegée des vermutlichen Freimaurers Kardinal Rompallo, veranstaltete eine Weihnachtsmesse für Pius XI., bei der die Anwesenden dazu aufgefordert wurden, in den Gesang der Antworten einzustimmen. Nach diesem Ereignis, das von den Anwesenden als bestürzende Neuerung betrachtet wurde, setzten sich Gugnini, Beauduin, Boyer und andere während der 40er und 50er Jahre für verschiedene Formen der Dialogmesse eine, und über Hans Küng wird berichtet, daß er nach Veröffentlichung der Instruktion ausgerufen habe, nun sei endlich die im Altertum übliche Form Teilnahme der Laien an der Feier der hl. Messe wieder hergestellt worden.

Wir halten die bei einigen traditionsorientierten Autoren regelmäßig auftauchenden Hinweise auf eine angebliche Mitgliedschaft bestimmter Litrugiereformer bei den Freimaurern für wenig hilfreich. Autoren wie Jonathan Robinson oder Alcuin Reid haben aufgezeigt, daß der Modernismus ganz allgemein auf eine bewußte oder auch unreflektierte Übernahme von Ideologemen der Aufklärung des 18. Jh. zurückgeht und es keiner Verschwörungstheorien bedarf, um ihr Wirksamwerden auch in Theologie und Kirche zu erklären. Louis Bouyer hat das sehr gut erkannt und gegenüber den späteren Entstellungen der liturgischen Bewegung heftigen Widerspruch erhoben.

Obwohl diese Begeisterung der Liturgie-Liberalen an und für sich noch kein Grund ist, die Option der Dialogmesse abzulehnen, so sollte sie uns doch wie schon bei der Reform der Karwoche Anlaß sein, nachdenklich zu werden. Bedenklicher als ihre Unterstützung überhaupt sind allerdings die Argumente, die sie dafür anführten.

Wie im Fall der Handkommunion und der Kommunion unter beiden Gestalten erhoben die Befürworter der Dialogmesse den Anspruch, eine liturgische Gewohnheit des Altertums wieder einzuführen. Zunächst haben wir sehr wenig verläßliche Informationen über die liturgischen Gewohnheiten der frühen Kirche. Sie war durch die Verfolgung in den Untergrund getrieben, so daß nur wenige zuverlässige Dokumente überliefert sind. Es ist ungewiß, ob die wenigen Informationsbruchstücke, über die wir verfügen, allgemeine Praxis wiedergeben, lokale Varianten oder sogar absichtliche oder unbeabsichtigte Mißbräuche.

Noch wichtiger ist es – darauf hat schon Pius XII selbst in Mediator Dei hingewiesen – daß wir uns vor einer falschen Altertümelei hüten müssen. Selbst wo man aufzeigen kann, daß eine bestimmte Praxis in den ersten Jahrhunderten des Lebens der Kirche bestand, ist das noch keine Grund, eine Übung wieder aufzunehmen, die für mehr als ein Jahrtausend aufgegeben worden war. Der Heilige Geist hat während der ganzen Geschichte daran gewirkt, die heiligen Rituale zu verfeinern, verbessern und zu verstärken. Das richtige Verständnis einer organischen Entwicklung der Liturgie beeinhaltet auch, daß einige Praktiken aus guten Gründen außer Gebrauch kommen.

Die Argumente von Michael Davies, die hier kürzlich wieder veröffentlicht wurden, haben gezeigt, daß die Kirche die möglicherweise in der Frühzeit geübte Praxis der Handkommunion aus guten theologischen und praktischen Gründen aufgegeben hatte. Wie Michael Davies ausführt, entspringt die Behauptung, der öffentliche Gottesdienst der Kirche sei durch mittelalterlichen Aberglauben und Überlagerungen beeinträchtigt worden und habe zu seiner ursprünglichen Reinheit zurückgeführt werden müssen, einem durch und durch protestantischen Irrtum. Der Hochmut Erzbischof Bugninis, des Chefarchitekten der neuen Messordnung, war der gleiche wie der Luthers und Cranmers. Als ob die armen Laien Jahrhundertelang gelitten hätten und es sei nötig gewesen, ihnen wieder den Gottedienst in der ursprünglichen Form zurückzugeben.

Theologische Überlegungen

Worin bestehen denn nun die theologischen Gründe, die die Kirche dazu bewogen, die Laien allgemein nicht in die Gebete von Ministranten und Chor einstimmen zu lassen oder eine entsprechende Praxis, sollte sie denn einmal bestanden haben, aufzugeben? Diese Praxis verschleiert vor allem das Wesen des tatsächlichen Dialoges, der während der Messe stattfindet. Dieser Dialog ist ein heiliges Zwiegespräch zwischen dem großen Hohen Priester Christus, unserem Herrn, und seinem Ewigen Vater. Das ist auch der Grund dafür, daß der Priester in persona Christi nicht zur Gemeinde hinschaut, sondern nach Osten. Er spricht zu Gott, und nicht die Gemeinde, die er anführt. Der Dialog ist kein Gespräch zwischen Priester und Volk, sondern ein Vortrag mit verteilten Rollen durch die Offizianten am Altar.

Wenn wir die heilige Schrift befragen, sehen wir, daß der Gottesdienst im Alten Bund – ein Vorbild der ewigen Liturgie, die unser Herr später einrichten sollte – keinen Dialog zwischen den Opferpriestern und dem Volk enthielt. Abraham bricht alleine auf, um mit Gott zu sprechen und ihm zu opfern. Keinesfalls bringt er seinen ganzen umfangreichen Haushalt mit, um in aktiver Partizipation am Opfer teilzunehmen.

Während Moses zum sinai hinaufsteigt, um mit Gott zu sprechen, bleiben die Israeliten am Fuß des Berges zurück. Dort unten beten sie für Moses und vereinigen sich so mit ihm, während er seine große Aufgabe erfüllt.

Der Hohe Priester betrat alleine das Allerheiligste, während das Volk Israel außerhalb betete und sich im Gebet mit dem Priester vereinigte.

Bei der Verklärung steigt unser Herr mit einer kleinen Schar der Apostel auf den Berg und spricht ganz für sich mit Moses und Elias. Die heiligen Evangelisten haben seine Worte noch nicht einmal aufgezeichnet.

Der Dialog der ersten Messe, die Christus feierte, fand nicht in der Öffentlichkeit aller seiner Jünger statt, sondern im intimen Rahmen mit seinen neugeweihten Priestern, den Aposteln. Entsprechend gibt es auch bei der hl. Messe einen großen Unterschied in der Rolle derer, die ein geweihtes Amt innehaben und derer, bei denen das nicht der Fall ist. Für diejenigen, die kein solches Amt innehaben oder ausüben, ist die Liturgie nicht etwas, was wir „tun“, sondern eher etwas, was wir erfahren, etwas außerhalb von uns, das über uns steht und demgegenüber wir die rechte Einstellung haben müssen, um seiner würdig zu sein.

Das Ritual verlangt eine Unterscheidung zwischen den Rollen der Kleriker und der Laien. Wie die Instruktion selbst ausführt: „Die Messe verlangt nach ihrem ureigenen Wesen, daß alle Anwesenden jeweils nach ihrer besonderen Rolle an ihr teilnehmen“.

Was ist nun die besondere Rolle der Laien, die kein Kleriker-Amt ausüben? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns dessen erinnern, daß die Altardiener ursprünglich liturgische Dienste von Klerikern wahrnehmen, nämlich des niederen Weihegrades der Akolythen. Aufgrund der praktischen Notwendigkeiten der Pfarrseelsorge wurde es Jungen aus dem Laienstande gestattet, diese Funktionen zu übernehmen. Doch auch als Laien erfüllen die Jungen diese Kleriker-Aufgaben auf Grund eines Indultes – die Ämter selbst bleiben solche, die dem Klerus zustehen.

Die Messdiener verkörpern daher nicht das Rollenbild der Funktion der Laien. Sie vertreten nicht eine Tätigkeit von Laien, die sie irgendwie an sich gezogen hätten. Daher wird die Unterscheidung zwischen Laien und Klerikern verwischt, wenn die Laien in die Antworten des Messdieners bei der Stillen Messe einstimmen. Und wo die Instruktion den Laien die Möglichkeit eröffnet, sich dem Priester bei bestimtmen Gebeten (etwa beim ganzen Pater Noster) abzuschließen, wird die Unterscheidung zwischen den Priester als Mittler und den Laien weiter vermindert.

Die rechte Teilnahme der Laien

Seit der protestantischen Revolte wird das katholische Verständnis des großen Abstandes zwischen den Laien und der der liturgischen Tätigkeit des opfernden Priesters angegriffen und vermindert. Aber wie wir noch sehen werden, ist diese klare Abgrenzung der Rollen in Wirklichkeit ein großer Segen für die Laien, der ihnen enorme Freiheit bringt.

Die Aufgabe der Laien ist die Gleiche wie die der Israeliten am Fuße des Bergs Sinai. Sie sollen ihren Geist und ihre Herzen mit dem Tun des Priesters vereinigen, der als ihr Vertreter und ihr Mittler in das Allerheiligste, in den Garten Eden eintritt, um von Gott die Frucht vom Baum des Lebens zu erflehen und sie zum Zaun des Gartens zu bringen, damit das Volk sich daran nähre. Die Instruktion selbst führt dazu aus: „Die innere Teilnahme ist das Wichtigste, sie besteht in frommer Aufmerksamkeit und darin, das Herz im Gebet zu Gott zu erheben“. Auf diese Weise sind die Gläubigen „aufs engste mit ihrem Hohen Priester verbunden und bieten in der Einheit mit ihm und durch ihn das Opfer dar (Mediator Dei, November 1947)“ .

Diese enge und innere Einheit der Gläubigen, die ihre Herzen zu ihrem Schöpfer erheben, ist die wahre Funktion der Laien – nicht irgendeine äußere Tätigkeit. Wie John Vennari kürzlich in einem hervorragenden Kommentar zum 49. Eucharistischen Kongress ausgeführt hat, besteht „die aktive Teilnahme in einem echten litrurgischen Eifer (fervor) und nicht eine fieberhaften Aktivität (fever) während der Liturgie 2). Natürlich gibt es einen quantitativen Unterschied zwischen einer Traditionellen Messe, die Gebrauch von der Option zum Dialog macht, und der Papstmesse am Weltjugendtag, bei der halbnackte Eingeborene das Heiligtum (wenn man es denn so nennen kann) umkreisten. Aber beide sind letztlich in einem mißgeleiteten Verlangen nach äußerer Aktivität außerhalb des Heiligtums begründet.

Die Formulierung von den „halbnackten Eingeborenen“ ist geeignet, den Fokus der Kritik in eine falsche Richtung zu lenken. Nicht die vermeintlich undezente Bekleidung der „Eingeborenen“ war hier das Hauptproblem, sondern die Tatsache, daß diese „Eingeborenen“ mit Autos oder U-Bahn in ihren alltäglichen Jeans und Röcken von Benetton oder Straßenanzügen zum Platz der Papstmesse fuhren, wo sie sich unter Anleitung von Spezialisten verkleiden und anmalen mußten, um uns „Inkulturation“ in eine Kultur vorzuspielen, die als solche nicht mehr besteht. Die Indienstnahme der Papstmesse für political correctness ist der eigentliche Mißstand.

Anders ausgedrückt: Die Dialogmesse ist lediglich ein leichtes Fieber von 38 Grad, während der Massenstart von Luftballons bei der letzten Eucharistischen Konferenz einem Delirum mit einem Fieber von 42 Grad entspricht – aber ein Fieber sind beide.

Diese innere Rolle der Laien bietet ihnen eine große Freiheit für die Art ihrer Teilnahme. Anders als der Priester und seine Altardiener, denen jedes Wort und jede Handlung genau vorgeschrieben ist, haben die Laien die Freiheit der Wahl, um die Art der ihnen zustehenden Teilnahme zu bestimmen. In früheren Zeiten unterstützten der Lettner und in den östlichen Liturgien die Ikonostase das Bewußtsein dafür, daß die Laien außerhalb des Allerheiligsten in der ihnen am meisten gemäßen Weise fromm beteten, während der Priester sich drinnen, von seinen Helfern unterstützt, im Namen des Volkes an die Allerheiligste Dreifaltigkeit wandte. Dieser ritualisierte Dialog drinnen war nach komplizierten Regeln geordnet. Der innere Dialog der Laien durfte spontaner sein. Und so konnte die ganze Kirche, die im Allerheiligsten und die außerhalb, auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichen Worten, aber mit einer Stimme beten.

Wie die oben zitierten Worte von Hans Küng zeigen, verachteten die ursprünglichen Fürsprecher der Dialogmesse dieses althergebrachte Verständnis der verschiedenen Rollen von Laien und Priester. Sie erblickten in der mehr als 1000-jährigen Praxis der Kirche einen Mangel: Den Laien fehle etwas. In ihren Augen wurde das Amt des Priesters zu sehr betont – jenes Amt, das alle protestantischen Richtungen wenn nicht dem Namen nach, dann doch im Wesen abschaffen wollen. Dieses Denken hat sich soar in die Instruktion eingeschlichen, wenn es dort heißt, daß bei einer schweigenden Gemeinschaft etwas fehle. Das verschleiert das Wesen der Messe als eines Aktes der Gemeinschaft – die Gläubigen seien nicht genug einbezogen.

Der Irrtum bei dieser ganzen Denkweise besteht darin, daß die Messe eben kein gemeinschafliches Tun ist wie eine große Kocherei oder eine Gemeindeversammlung. Das vollkommene Opfer, das Christus seinem Vater darbringt, erfordert zu seiner Vollkommenheit keine „Teilnahme“ von Laien. Es ist an sich und für sich vollkommen, selbst wenn überhaupt keine Gemeinde teilnimmt. Die Laien nehmen zu ihrer eigenen Erbauung und geistigen Ernährung daran teil und nicht um das, was am Altar geschieht, zu bewirken. Sie sind nicht da, um der heiligen Handlung etwas hinzuzufügen oder sie zu vollenden, sondern um Teil zu haben an ihren Erträgen. Das ist auch der Grund für die Notwendigkeit einer angemessenen inneren Disposition – sie bereitet die Seele zum Empfang der Gnaden vor.

Eine Dialogmesse kann allzuleicht als Aktion der Versammlung erscheinen Der Priester spricht – das Volk antwortet. Wenn das erst einmal akzeptiert ist, fällt es den Liturgie-Revolutionären leicht, dafür zu plädieren, den Priester selbst herumzudrehen: sollte er nicht die Leute, mit denen er redet, auch anschauen? Ich will nicht sagen, daß die Messe ad populum die unausweichliche Folge der Dialogmesse ist. Aber die beiden Konzepte entspringen einer gemeinsamen Vorstellung von der Messe als einer Gemeinschaftsveranstaltung.

Praktische Überlegungen

Praktische Gesichtspunkte stützen diese theoretischen Überlegungen. Wie oben schon gesagt, ermöglicht der Verzicht auf kollektive Antworten den Laien große Freiheit, sich für die jeweils geeignete Methode zur Teilnahme an der heiligen Handlung zu entscheiden – das gilt sogar von Messe zu Messe. Im Lauf der Jahrhunderte sind da viele Möglichkeiten entstanden. Meditation über die Darstellungen der Glasbilder oder der Statuen ist eine ehrwürdige Sitte. Es gibt auch eine große Zahl von älteren „Einführungen in die hl. Messe“, die Gebete und Betrachtungen enthalten, die einem helfen, die rechte innere Einstellung für die Teilnahme an der Messe zu finden. Einige dieser Bücher sind für ganz spezielle Lebenssituationen oder Temperamente geschrieben. Ich denke da an ein besonders schönes, das Ende des 19. Jh. entstanden ist und Müttern sehr geeignete Meditationen für die verschiedenen Abschnitte der Messe anbietet.

In der Neuzeit 3) stellen Hand-Missale die Texte der Messe und Kommentare dazu bereit, die man als Ausgangspunkte für die eigene Vertiefung nutzen kann. Auch die Vertiefung in die Geheimnisse des Rosenkranzes kann eine Möglichkeit sein. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus dem 20. Jh. als ein Priester mit liberalen Neigungen seine Mutter heftig kritisierte, weil sie während der Messe den Rosenkranz betete. Da fragte die kluge Frau demütig ihren Sohn, was denn das Wesen der hl. Messe sei. Er antwortete: Vergegenwärtigung der Menschwerdung, des Leidens, Sterbens, der Auferstehung und der Himmelfahrt unseres Herrn. Darauf fragte sie, worein man sich denn beim Beten des Rosenkranzes versenke, und er antwortete: Die Geheimnisse der Ereignisse vom Menschwerung, Leiden, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt unseres Herrn verwoben mit den Ereignissen im Leben seiner Mutter. Und als sie dann sagte: Siehst Du nicht, daß das die gleiche Betrachtung ist, wußte er nichts mehr zu sagen und hat sie nicht mehr darauf angesprochen.

Die Einführung eines gesprochenen Dialogs mit den Laien nimmt ihnen die Freiheit, die jeweils am besten geeignete Methode für ihre meditative Versenkung zu wählen. Das allgegenwärtige Geplapper und die natürliche Neigung, sich dem kollektiven Verhalten anzuschließen, schließt diese anderen Möglichkeiten zur inneren Sammlung aus oder behindert sie zumindest sehr stark. Die Einhaltung der heiligen Stille für alle außerhalb des Allerheiligsten bewahrt hingegen den Laien diese Freiheit der Wahl. In der Kirchenbank können die im Schott mitgelesenen Worte durchaus im Zentrum der Aufmerksdamkeit stehen – aber sie sind nicht das einzige mögliche Mittel.

Die Überbetonung des Gemeinschaftscharakters der Eucharistiefeier, bei der großer Wert darauf gelegt wird, daß alle sich gleich bewegen und das gleiche sprechen, ist nicht nur theologisch bedenklich, weil sie die Gemeinschaft eher als Voraussetzung denn als Folge der Teilnahme am Messopfer erscheinen läßt. Sie erweist sich auch als Ausfluß kollektivistischer Tendenzen des 20. Jahrhunderts, die längst als verhängnisvoll erkannt worden sind.

Bei der Vielzahl der Optionen in der Dialogmesse entsteht in der Gemeinde darüberhinaus oft Verwirrung, wo denn nun eine Antwort erwartet wird. Entsprechend der unterschiedlichen Fähigkeit der Laien zur Wiedergabe und Aussprache der lateinischen Antworten, werden diese sehr oft auch mit höchst unterschiedlicher Begeisterung gegeben. Für den Besucher von Außerhalb ist es dann ein wenig so wie bei der Verwirrung um die Akklamation nach der Konsekration im Novus Ordo, wo man auch nie weiß, welches Echo von einem erwartet wird.

Schließlich ist der Dienst als Messdiener eines der besten Mittel, Priesterberufungen zu fördern. Das ist ja auch einer der Gründe, die dagegen sprechen, Mädchen zu diesem Dienst zuzulassen. Wenn die ganze Gemeinde antwortet, verliert der Messdiener seine hervorgehobene Rolle. Es ist dann zwar immer noch nicht so wie beim Novus, Ordo, wo die Messdiener beiderlei Geschlechts nur herumstehen und nicht viel mehr zu tun haben, als gelangweilt dreinzuschauen, aber ihre Rolle ist doch reduziert.

Und das Hochamt?

Bis jetzt haben wir uns auf den Dialog bei der Missa privata beschränkt. Für das Hochamt ergeben sich ähnliche praktische und theologische Probleme. Der Unterschied ist, daß die Gemeinde beim Hochamt eher zu einer Erweiterung der Schola wird als die Rolle der Akolythen anzunehmen. Daher ist hier die Übernahme klerikaler Funktionen nicht so auffällig. Der Chor ist zwar auch ein liturgisches Amt und sollte wo möglich aus Klerikern bestehen. In den meisten Pfarreien bleibt jedoch gar nichts anderes übrig als einen Chor einzusetzen, der nur aus Laien besteht. In den Rubriken für das Hochamt ist bleibt die Rollendifferenzierung erhalten, so daß eine Übernahme von Gebeten des Priesters durch die Laien nicht vorkommt. Der Priester hat das Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei und alle Proprien zusätzlich dazu, daß sie vom Chor gesungen werden, auch noch still zu beten. Das stille Gebet des Priesters am Altar ist das eigentliche liturgische Gebet. Mit dieser Verdoppelung der Texte wird die Rollenvermischung vermieden, daß der Chor in das Gebet des Priesters einstimmt.

Ebenso sprechen auch die Altardiener alle Antworten, die der Chor singt, und bewahren so ihre Funktion als Akolythen. Das Singen der Texte ist eine ästhetische Hilfe für die Laien bei ihrer Andacht und keine Teilnahme an der eigentlichen Opferhandlung. Mit dem Gebrauch des Wortes „ästhetisch“ möchte ich die Bedeutung guter liturgischer Musik für die Unterstützung der Frömmigkeit der Laien nicht herabsetzen. Da die Ästhetik auf Schönheit hin gerichtet ist, hat sie hohen Wert. Unglücklicherweise assoziiert unsere rein am Nützlichen orientierte Gesellschaft das Ästhetische mit dem Überflüssigen. Im Zusamenhang mit dem Chor ist „ästhetisch“ für mich ganz im katholischen Sinne von hohem Wert.

Aus diesem Grunde ist es also weniger bedenklich als bei der Missa private, wenn die Gläubigen beim Hochamt sich dem Chor anschließen, weil durch den zweifachen Vortrag der Gebete bereits die Unterscheidung zwischen der eigentlichen Liturgie und der Rolle des Chores festgelegt ist. Die Laien werden zu einer Erweiterung des Chores und nicht zu einer des Altarraumes.

Diese Ausführungen über das Verhältnis der Laien zu Chor und Schola konnte uns nicht voll überzeugen. Der Wechselgesang zwischen Chor und Gemeinde hat doch seinen eigenen Stellenwert und seine eigene Funktion über die ästhetische Wirkung der Musik hinaus, und die „Verdoppelung“ gewisser Texte durch Schola und Priester scheint uns eher eine Maßnahme zur Korrektur von Mißbräuchen gewesen zu sein als korrekter Ausdruck der Rollendifferenzierung zwischen Priester und Schola.

Andererseits kann auch in einem Hochamt die innere Teilnahme der Laien durch äußere Aktivität beeinträchtigt werden. Das Singen der Gemeinde kann durchaus eine Ablenkung von der meditativen Haltung bewirken, die im Kirchenschiff vorherrschen sollte. Es besteht die Gefahr, daß man sich nicht mehr von der Schönheit der heiligen Texte und ihrer Melodien überwältigen läßt, die von der Empore wie von Engeln im Himmel herabschweben, sondern in Aktivismus verfällt.

Das regelmäßige Mitsingen der Laien kann den Chor auch daran hindern, alle Schätze der kirchenmusikalischen Tradition einzusetzen. Ich habe hohe Achtung für die Mitglieder unseres Chores hier in Oklahoma, die viele Stunden darauf verwenden, Choralmelodien und polyphone Werke zu erlernen und zu üben. Die Laien können zwar auch ohne intensives Üben einige der einfacheren gregorianischen Melodien erlernen, aber die meisten werden nie so weit kommen, die Gregorianischen Besonderheiten oder die Proprien mitzusingen, von der Polyphonie ganz zu schweigen. Wenn die Gemeinde immer mit dem chor zusammen singt, dann geht das Entweder auf Kosten des Repertoires oder auf Kosten der Qualität. (...) Das Hochamt regelmäßig in Dialogform zu feiern ist also mit vielen praktischen Problemen verbunden, auch wenn die theologischen Probleme nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Zusammenfassung

Ich möchte aus diesen Überlegungen einige Schlüsse ziehen. Znächst ist die Dialogmesse eine Option, oder besser gesagt, eine ganze Reihe von Optionen, die seit 1958 von der Kirche offiziell erlaubt sind. Es kann also nicht darum gehen, Gemeinden zu verurteilen, weil sie diese Optionen nutzen oder auch nicht nutzen. Die Frage ist eher die, ob man dieses Experiment (denn das ist es doch angesichts seiner Neuartigkeit für die Liturgiegeschichte) bei der Wiederbelebung des römischen Ritus wieder aufgreifen sollte – oder ob man nicht besser wieder davon abgeht, wie von manchen anderen Versuchen und Gewohnheiten, die sich im lauf der Zeit als ungeeignet für die dauernde Aufnahme in den Ritus erwiesen haben. Ich habe dargelegt, daß die Praxis der Dialogmesse für die Missa Privata wichtige Unterscheidungen zwischen der Rolle der Kleriker und der der Laien verzerrt und verschleiert. Sie hält die Laien davon ab, sich in der rechten inneren Einstellung dem Opfer Christi mit Geist und Seele anzuschließen. Sie erschwert es den einzelnen, sich auf andere Weise in das Geschehen zu vertiefen, da sie immer wieder von den Antworten der Gemeinde unterbrochen werden. Jeder, der seine Aufmerksamkeit auf die Worte der Messe konzentrieren will, kann sie ja jederzeit schweigend in seinem Innern mitverfolgen. Sein Nachbar hat dann immer noch die Möglichkeit, sich anderer Verfahren der inneren Sammlung und Teilnahme zu bedienen.

Dann haben wir gesehen, daß die theologischen und praktischen Probleme beim Hochamt weniger stark auftreten. Doch auch hier ist die regelmäßige Verwendung der Missa Dialogata dazu geeignet, den Beitrag des Chores zur ästhetischen Atmosphäre der Messe nach Qualität und Umfang zu beeinträchtigen und das Verständnis der Laien für ihre rechte innere Disposition zu vermindern. Wenn man diese Form auf der Ebene der Pfarrei 4) überhaupt einsetzen will, sollte das eher selten geschehen, nicht öfter als einmal im Monat.

Zum Abschluß noch eine wichtige Bemerkung. Wir müssen diese Frage mit Achtung und in liebevoller Haltung gegenüber den anderen Anhängern der Tradition angehen. Das gilt nicht nur für die Diskussion dieser Fragen, sondern auch für unsere Haltung in der Messe selbst. Wenn wir selbst nichts von der Dialogform halten, aber in eine Gemeinde kommen, in der sie verwandt wird, sollten wir ehrfürchtig während der Messe unsere Gebete verrichten und die anderen nicht finster anschauen oder gar nach der Messe beleidigen.

Umgekehrt gilt das natürlich genauso. Wenn wir merken, daß wir die einzigen sind, die die Antworten laut geben, sollten wir aus Respekt für die örtliche Gewohnheit sogleich damit aufhören. Ich denke, meine grundsätzliche Haltung in dieser Sache geht aus diesem Artikel völlig klar hervor – dennoch haben alle, die die Optionen der Missa Dialogata nutzen wollen, dazu jedes Recht, solange die Vorschriften der Instruktion in Kraft bleiben. So sehr ich glaube, daß die Einführung dieser Optionen in den Ritus einen Anachronismus und einen praktischen wie theologischen Mißgriff bedeutet, so sehr hoffe ich, daß wir auch bei unterschiedlichen Auffassungen zu dieser Frage in der hl. Messe gemeinsam im Geist der Nächstenliebe miteinander beten können.


1Didier Bonneterre gibt in „Die liturgische Bewegung von Gueranger zu Bugnini“ einen hervorragenden Abriß der ursprünglichen Liturgischen Bewegung und der Entwicklung ihrer späteren Entstellungen.

2Catholic Family News, August 2008.

3Bis ins späte 19. Jh. hat die Kirche die Übersetzung der Messe in die Umgangssprache nicht gestattet, so daß solche Hand-Missale (Schott, Bomm) erst spät aufgekommen sind. Auch hier waren es „progressive“ Priester, die sich für die Abkehr von einer lange beachteten Praxios einsetzten. Die Kirche befürchtete von diesen Missales , daß sie die Forderung nach stärkerer Betiligung der Laien auslösen würden - und anschließend die Forderung, diese Teilnahme würde in der Umgangssprache leichter fallen. Ich plädiere nicht dafür, die Verwendung von Handmissales wieder aufzugeben, aber die Art ihres Gebrauchs stellt schon ein Problem dar, das vielelicht bei anderer Gelegenheit zu diskutieren wäre.

4Ich spreche hier von der "Pfarreiebene" im Unterschied zum Hochamt in einem Kloster oder bei einer Ordengemeinschaft. Dort könnte man entsprechend dem anderen Ort dieser Gemeinschaften im Leben und dem möglichen Zeitaufwand für die Einübung der Kirchenmusik zu anderen Folgerungen kommen.