Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

„Der Widerstand gegen die alte Messe“

Auszüge aus dem Buch von Georg Muschalek
Paul van Seth-Verlag 2007

10. 6. 2008

Zunächst Robert Spaemann, 1994

Aus dem langen Text von Robert Spaemann (ca 40 Druckseiten) haben wir zwei größere Zusammenhänge ausgewählt: Einen über die nachgerade kulturrevolutionäre Härte, mit der die Liturgiereform von 1969 vielfach durchgesetzt wurde, um einen gewollten Bruch mit der vorherigen Kirchengeschichte zu markieren. Einen zweiten über die auch heute noch gerne gebrauchten Begründungen zur Versagung von Sonntagsmessen im alten Ritus: Es gebe weder Platz noch Priester dafür.
Wenn Spaemann im ersten Teil liturgiehistorisch betont, daß der alte und der neue Ritus zwei verschiedene Riten darstellen, sollte man darin keinen Widerspruch zur kirchenrechtlichen Verfügung des Papstes sehen, der beide als unterschiedliche Formen des einen römischen Ritus anspricht.

Robert Spaemann

Die Abschaffung eines alten Ritus, die Newman für unvereinbar mit dem Prinzip der Katholischen Kirche hielt, geschah erstmals im Jahre 1970 im Zusammenhang mit der Einführung des Novus Ordo Missae. Die Bischöfe, die dieses Verbot mit eiserner Konsequenz exekutierten, haben allerdings auch alles getan, um die in­nere Unmöglichkeit dieses Verbots zu demonstrieren, und zwar durch die Art, wie die Liturgiereform durchgeführt wurde, nämlich so, daß über den Traditionsbruch niemand im Zweifel bleiben konnte.

Mit wahrem Fanatismus wurde noch in der letzten Dorfkapelle vor den zur Attrappe degradierten Hochaltar ein sogenannter Volksaltar gestellt, der oft nur den einen Sinn haben konnte, die ge­meinsame Gebetsrichtung von Priester und Volk zu verhindern. Weder das Konzil noch der Novus Ordo Missae schreiben so etwas vor. Und Klaus Gamber hat gezeigt, daß es auch ohne jedes Vorbild in der Tradition ist. Entgegen der ausdrücklichen Anordnung des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde das Latein als Liturgiesprache abgeschafft. Und um den Traditionsbruch vollends deutlich zu machen und die Diskontinuität von alter und neuer Liturgie besonders hervorzukehren, wird unter den vier eucharistischen Hochgebeten in den weitaus meisten Kirchen eben jenes fast immer peinlich vermieden, das seit dem 5. Jahrhundert bis zum Jahre 1970 ununterbrochen im Gebrauch war und die neue Liturgie mit der alten verbindet, nämlich der römische Kanon. Unlängst wurde in der Leitung eines bischöflichen Theologenkonvikts ausdrücklich beschlossen, daß die Benutzung dieses Hochgebets die Grenzen des im Konvikt praktizierten Pluralismus sprengen würde. Sie ist nicht gestattet.

Nicht Reform, sondern Revolution

Wenn wir die reale Reform und nicht die Papierform betrachten, so kann kein Zweifel bestehen: Es handelte sich nicht um eine Re­form, sondern um eine Revolution, nicht um eine organische Weiterentwicklung und Anpassung des klassischen lateinischen Ritus an neue Einsichten und neue Sensibilitäten, sondern um einen neuen Ritus. (...) Die Identität eines Ritus hat eher etwas mit seinem Phänotyp zu tun. Es ist eine Identität nicht des Was sondern des Wie. Und sie ist nicht unabhängig davon, wie die Menschen sie erleben. Und die Menschen erlebten ganz offensichtlich die Reform als Revolution als „neue Messe“. Viele waren mit der Revolution einverstanden. Viele resignierten und nahmen die Dinge nolens volens hin, viele entfernten sich stillschweigend. Einige aber hielten am klassischen Ritus fest. Sie weigerten sich, in der „neuen Messe“ diejenige Reform zu sehen, die das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution verlangt hatte.

Je offenkundiger sich die neue Liturgie als neuer Ritus präsentierte, umso offenkundiger wurde nun allerdings auch, daß der alte nicht einfach in ihm aufgegangen war, was etwa am Wegfall der Offertoriumsgebete deutlich wird. Wenn dies aber nicht der Fall war, dann war es mit dem Traditionsprinzip der Kirche und mit dem vom Zweiten Vaticanum als Reichtum der Kirche anerkannten Ritenpluralismus unvereinbar, den klassischen römischen Ritus zu verbieten beziehungsweise dieses fragwürdige Verbot aufrechtzuerhalten. So erließ denn der Papst im Jahr 1984 das Indult, das den Bischöfen ermöglicht, die Feier der klassischen Liturgie wieder zu gestatten.

Zwei lahme Entschuldigungen

Zunächst die mit dem Kirchenraum, der angeblich nicht zu finden ist. Für jede Ausländergruppe, für ökumenische Gastfreundschaft gegenüber Protestanten, Altkatholiken und so weiter ist er merkwürdigerweise immer zu finden. Und was ist, wenn die Gläubigen selbst ihn dank eines gastfreundlichen Pfarrers finden? Dann ist plötzlich dieser Raum, also zum Beispiel eine Pfarrkirche, zu öffentlich. Es besteht die Gefahr, daß Menschen, die der Petentengruppe nicht angehören, diese Messe entdecken könnten, was sogar am Werktag nicht sein darf. (…)

In der ehemaligen DDR achtete die Kultusministerin, Frau Honecker, darauf, daß in Neubaugebieten Kirchen nur dort errichtet wurden, wo keine Schulkinder vorbeikamen, die auf diese Weise aufmerksam werden könnten, daß es so etwas wie eine Kirche gibt. Ich kann mir nicht helfen, ich werde immer wieder an diese Art Quarantäne erinnert. Wird irgendwo schließlich doch die Genehmigung erteilt, da geschieht dies häufig, wie zum Beispiel auch in dieser Diözese, nämlich in Frankfurt und in Wiesbaden, nur für eine Werktagsmesse in der Woche, teils aus prinzipiellen Gründen, um des zu Tode gerittenen Pfarrprinzips willen, teils mit Hinweis auf den Priestermangel.(…)

Nein, die Ausrede des Priestermangels ist einfach nicht ehrlich. Junge und ältere Priester in Universitätsstädten wundern sich, daß man sie sonntags nicht mehr zur Aushilfe braucht. Der priesterlose Gottesdienst in Gemeinden ohne Pfarrer ist längst zu etwas Positivem, Erwünschtem ideologisiert worden und wird in der offiziellen Verlautbarung eines diözesanen Priesterrats offen propagiert. Gewiß, wenn die Gemeinde sich sonntags selbst zelebrieren will, beziehungsweise ihr dies vom Pastoralreferenten eingeredet wird, der gern selbst predigen möchte, dann braucht man natürlich keinen von außen kommenden Priester, der, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, „in persona Christi die unbefleckte Opfergabe darbringt“.

Wir bräuchten allerdings sehr wohl einen solchen Priester. Aber für uns darf er nicht zur Verfügung stehen. Warum nicht? Weil er erstens nicht alt, zweitens nicht gebrechlich ist und weil er drittens im Verdacht steht, es gern zu tun. Jüngere gesunde Priester, die die klassische Liturgie gern feiern würden, bekommen dazu in der Regel keine Erlaubnis. Sie geben den Bischöfen Anlaß zur Besorgnis.


Und nun Georg Muschalek, 2007:

Aus dem Artikel von Georg Muschalek haben wir uns nicht für die an sich sehr bedenkenswerten Ausführungen zum Thema „Christologische Abrüstung“entschieden, in denen der Autor die in weiten Teilen der Kirche verbreitete Tendenz kritisiert, die Wahrheit der Menschwerdung und des Erlösungsopfers Christi zugunsten leichter vermittelbarere Unverbindlichkeiten zurücktreten zu lassen - auch in der Liturgie. Statt dessen folgen wir dem Autor da, wo er etwas rundum Positives darstellt, und bringen Auszüge aus seiner Beschreibung der alten Liturgie als Hinwendung und Hinführung zu Christus.

Die umgedrehten Altäre

Mit Beginn der Reform wurden die Altäre sehr schnell umgedreht, obwohl es nicht angeordnet war. Man mochte in den letzten drei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts kommen, wohin man wollte, nach Frankreich, Italien, USA: überall fand man den umgedrehten Altar. Sehr große Hoffnungen waren hier am Werk. Irgend etwas im Verborgenen, ein starker Wunsch, wurde angerührt, geweckt, bestätigt. Anders ist das Aufflammen dieser Aktivität - das Umdrehen des Altars und die Hinwendung zum Volk - nicht zu verstehen. Damit ist der Mensch in den Vordergrund getreten, er mit seinen Nöten und seinen Therapien. Dies gilt von der neuen Liturgie auch dort, wo sie sehr verantwortlich als Tun der Kirche gefeiert wird. Man hat den Priester der Gemeinde vorgestellt, ihn hingewendet zur Gemeinde.

Die Liturgie bewegt sich aber auf Gott hin. Auch die Neue Liturgie will es. Die alte Form sorgt aber eindeutig dafür, daß dies auch faßbar wird, dargestellt wird. Daß es geradezu eine räumliche Hinwendung ist, die den Menschen selbst im Raum, leiblich umorientiert, auf Gott hin. Dies geschieht so sehr, daß das, was sonst am Menschen ist, in sehr hilfreicher Weise zurücktritt. Dieses Menschliche ist so oft ein großes Hindernis auf dem Weg zu Gott und erst recht auf dem Weg zur Kirche. Jahrhunderte hindurch haben die Menschen die Kirche glauben können, weil in ihrem zentralen Mysterium etwas sichtbar wurde, was nicht von Menschenhand war. Vielleicht haben sie gerade deswegen im Glauben verharren können, weil im zentralen christlichen Geschehen, im Meßopfer der Mensch aufhörte, ein Hindernis zu sein.

In dem kultischen Geschehen ist der Priester wie auch jeder Mensch am unmittelbarsten konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die ihn unendlich überragt. Verbunden damit ist dann auch die Abkehr von anderen Menschen, oder die Distanz zu ihnen, so sehr alle da sind und gemeinsamen ausgerichtet sind. Eigentlich kann man es nicht ertragen, wenn in einem solchen Augenblick der Anwesende, der Priester, die anderen anschaut. Alles wird dann in das Alltägliche herabgezogen. Es ist richtig und überaus angemessen, wenn in einem Gespräch, in einer Diskussion, die Menschen sich anblicken. Wenn es anders wäre, muß man sich fragen, welche Störung vorliegt. Es geht um den anderen Menschen, den man hören und ver­stehen will. Im Falle des Kultes ist es aber eine mächtige Ablen­kung, eine Verstellung des Blicks, der auf das Göttliche gehen will, jenes Göttliche, das sich im Irdischen vollzieht. Der Mensch mit seinem Tun, seinem Denken, seinem Gesichtsausdruck, seinen Gesten ist jetzt unwichtig. (…)

Die Alte Liturgie hatte sich eindeutig dem gekommenen und kommenden Christus zugewandt. Bei jeder Bewegung am Altar spürt man, daß es um das Heilige geht, um den menschgewordenen Gott, um seine Anwesenheit in den sakramentalen Gestalten. Die liturgischen Texte sind voll von Ehrfurcht, voll von Dank ihm gegenüber (und nicht nur für die Gaben des Feldes), und voll von Zeichen der Annahme seines Opfers. In der heutigen Zeit, in der wir über eine christologische Abrüstung nachdenken, ist es keine Frage: die Alte Messe stemmt sich gegen solche Versuche.

Es wird manchmal, etwas leichthin, gesagt, das Christentum lebte und lebt aus seiner Eucharistiefeier, und daß es so - also aus diesem Ursprung heraus - das Abendland formte. Wenn man dies ernst nimmt, muß man fragen: was war eigentlich an dieser Eucharistiefeier, daß es die Kraft hatte zu formen, Menschen zu prägen, zu erziehen, auszurichten auf ein großes überweltliches Ziel? Und von dieser Ausrichtung die Fähigkeit erhielt, die Welt zu gestalten? Die Feier einer Gemeinde, die sich vorwiegend selbst feiert, wird das nicht zu Wege bringen. Offenbar war es doch die besondere Hinwendung auf den gekommenen und kommenden Christus, in die die Menschen Tag für Tag hineingenommen wurden. (…)

Die „endgültige Entschiedenheit Gottes“

Dadurch vor allem ist nach (Heinrich Schlier) das Katholische bestimmt. Eine Entscheidung Gottes zum Heil der Welt, die so endgültig ist, daß die Menschen diese Endgültigkeit gewissermaßen ergreifen, betasten, sich aneigenen können, nein besser: in dieses Bleibende hineingehen und sich von ihm aufnehmen lassen können. Das Heil ist greifbar geworden, und zwar nicht nur jetzt, sondern für alle Ewigkeit. Es ist greifbar, aber es kann nicht einfach in Besitz genommen werden. Die Greifbarkeit des Heiles ist da für jene Menschen, die es in Hingabe ihrer eigenen Person sich zueigen machen.

Die Messe im Alten Ritus stellt in sehr deutlicher Weise diese „endgültige Entschiedenheit Gottes“ dar. Sie ist etwas, die Feier von etwas, das gesetzt wurde und gesetzt ist. Sie wird nicht gemacht, auch nicht gestaltet. Sie ist etwas, das diese endgültige Entscheidung Gottes darstellt, greifbar werden läßt. Sie ist eine menschliche Wirklichkeit und deshalb auch irdischen Veränderungen ausge­setzt. In all den vorsichtigen Veränderungen früher blieb sie aber in geheimnisvoller Weise die Darstellung des Einmaligen, Endgültigen, das von Gott in die Welt eingesenkt wurde. Es ist ein Geschehen, das die Menschen nachvollziehen. Da es aber ein Nachvollziehen ist, ein Nachvollziehen des heiligsten Geschehens, das die Welt erlebt hat, wird es von selbst eine Form, die Änderungen nicht leicht zuläßt. Es ist dann eben ganz und gar nicht etwas, das ich, das die Vorsteher, die versammelten Menschen neu formen, entwerfen, ausschmücken, gestalten.

Eine Gestaltung muß immer neue Ideen verwirklichen, weil sonst, wie bei allem Irdischen, die Langeweile auftritt. Die Langeweile treibt dann aber neue Veränderungen hervor, durch die sie sich aufheben will. Die Veränderun­gen aber müssen ihre Kurzlebigkeit offenbaren, weil sie aus dem Unbehagen am Bestehenden hervorgegangen sind. Was aber so deutlich das Merkmal der Veränderlichkeit an sich trägt, kann nur im Augenblick befriedigen.

Die Liturgie in ihrer außerordentlichen Form feiert wirklich das Außerordentliche, das in unserer weltlichen Erfahrung nicht Vorkommende, von Gott als Außer-Ordentliches in die Welt Gesetztes, in das man eintreten muß, das aber jeder Gestaltungskraft entzogen ist. Da es aber fern ist (was ist ferner dem Geschaffenen - trotz engster Nähe - als Gott?), kann es nur einigermaßen verstanden werden, indem man in es eintritt.

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