Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Wider den Geist der Unordnung

Erzbischof Albert Ranjith Patabendige

Interview in der italienischen Zeitschrift Il Foglio mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Kongregation für den Gottesdienst

Il Foglio:Das Dokument, mit dem Papst Benedikt den Gebrauch der tridentinischen Messe freigegeben hat, hat viel Interesse gefunden. Es scheint allerdings, daß viele es voreingenommen aus der Perspektive des sogenannten „Geistes des Konzils“ wahrnehmen.

Erzbischof Ranjith: Der Papst hat mit großem Interesse und Wohlwollen die zunehmenden Anfragen der Gläubigen in Bezug auf den tridentinischen Ritus wahrgenommen, und er hat bei seiner Entscheidung auch den aktuellen Stand der nach-konziliaren Liturgiereformen in Rechnung gestellt.

Jetzt geht es nicht darum, Gespenster von Spaltungen oder rückwärtsgewandter Theologie hinter dieser Entscheidung zu sehen, sondern aufmerksam hinzuhören und treu Gehorsam zu leisten. Es ist nicht so, daß die Reform Pauls VI. Zurückgenommen würde. Der Papst spricht davon als von der ordentlichen Form der Messe. Ich denke, daß aufgrund seiner Entscheidung einige grundlegende Werte der Liturgie wieder stärker betont werden, und zwar bei der einen wie bei der anderen Weise der Zelebration.

Ich bin sicher, daß vor allem die Bischöfe, die dem Papst bei der Übernahme ihres bischöflichen Dienstes ihre vollständige Treue und ihren Gehorsam gegenüber dem Papst versprochen haben, diese Entscheidung im Geist einer bereitwilligen Kooperation annehmen und dafür sorgen werden, daß die Anordnungen des motu proprio in der Weise getreulich erfüllt werden, wie es ihnen aufgetragen ist, und daß sie dabei die spezifischen Charakteristika der beiden Zelebrationsformen berücksichtigen.

Erzbischof Ranjith: Ich sehe, daß das motu proprio im Allgemeinen gut aufgenommen worden ist. Darin einen Akt gegen das 2. Vatikanische Konzil zu sehen, wäre in jedem Fall nicht nur ein grobes Mißverständnis, sondern auch ein Versuch, Spaltungen in die Kirche hineinzutragen. Ich kann für derartige Aufgeregtheiten überhaupt keinen Grund erkennen.

Il Foglio: Der Papst scheint die Liturgische Frage zu einem der Grundthemen seines Pontifikates gemacht zu haben.

Erzbischof Ranjith: Schon zur Zeit seiner Tätigkeit als Bischof in München hat er großes Interesse für die liturgische Frage gezeigt. Jetzt als Papst besteht er weiterhin auf der zentralen Rolle des unaufgebbaren Prinzips „lex orandi – lex credendi“ und darauf, daß man unbedingt und von Grund auf das Eucharistische Geheimnis als das lebensspendende Prinzip der Kirche anerkennen, feiern und leben muß. Der Papst möchte, daß alle Gläubigen sowohl am vornehmen und transzendenten als auch am von Grund auf verwandelnden Wesen der Liturgie teilhaben. Die Liturgie ist weniger etwas, das man studiert, sondern etwas, das man feiert, glaubt und lebt.

Il Foglio: Es gibt viele Junge Priester in der Altersklasse unter 40, die sich für die traditionelle Liturgie interessieren.

Erzbischof Ranjith: Diese Nachfrage seitens der jungen Priester ist ein interessantes Phänomen. Für mich ist es ein Zeichen der Zeit, und das II. Vatikanum ermahnt uns, diese Zeichen der Zeit immer aufmerksam zu betrachten. Ich sehe bei ihnen ein starkes Verlangen, den Anforderungen ihrer Berufung treu zu sein. Die jungen Leute von heute, die sich dazu entscheiden, Priester zu werden, treffen eine Wahl, die ihnen mehr Opfer abverlangt als das früher der Fall war. Als wir ins Seminar gingen war die allgemeine Atmosphäre doch viel stärker religiös geprägt als heute. Ich beobachte in vielen Fällen, daß ihre Motivation sie dazu führt, ein mehr traditionelles Verständnis von Liturgie zu entwickeln, die Soutane oder andere sichtbare Zeichen ihres Priestertums zu tragen und auch in anderer Hinsicht ihre Berufung zum Ausdruck zu bringen.

Das bedeutet keine Verurteilung anderer, die vielleicht nicht so viel Wert auf diese äußere Seite ihrer Identität legen. Aber die Zeiten verändern sich. Die Jungen verlangen mehr Konsequenz – und der Enthusiasmus der Jungen muß stets ermutigt und darf nicht geringgeschätzt werden.

Il Foglio: In diesen Jahren haben viele liturgische Feiern eine Tendenz gezeigt, das Göttliche zum Menschlichen herabzuziehen statt das Menschliche zum Übernatürlichen zu erheben. Glauben Sie, daß die traditionelle Liturgie hier zur Abhilfe beitragen kann?

Erzbischof Ranjith: Nicht nur die traditionelle Liturgie – auch die des Novus Ordo, sofern sie mit Glaube, Hingabe, Würde, im Geist der Treue zu den Vorgaben und mit geistiger Kraft begangen wird, sind imstande, das menschliche Herzu zu einer wahren Gottesverehrung zu erheben. Wie der Papst sagt: „die Liturgie ... ist der Glanz der Wahrheit“. Sie nichts, was wir machen, sondern etwas himmlisches, an das sich auch in den äußeren Formen anzugleichen wir aufgerufen sind. Andererseits ist es die Kirche, die die Liturgie feiert, die den Herrn als sein Volk lobt und anbetet. Wegen dieser ekklesiastischen Dimension kann – um mit den Worten des Konzils in „Sacrosanctum Concilium“ zu sprechen, „niemand, auch nicht der Priester, aus eigener Vollmacht der Liturgie etwas hinzufügen, etwas von ihr wegnehmen oder etwas ändern“. Unser gegenwärtiges Problem ist ein Geist der Unordnung in der liturgischen Disziplin, der sich in weiten Teilen der Welt ausgebreitet hat. Diese Lage ist Ergebnis einer unzureichenden liturgischen Ausbildung auf verschiedenen Ebenen. Einige Priester kennen gar nicht die eigentliche Bedeutung dessen, was da gefeiert wird, und vertreten eine Liturgie des Selbermachens.

Unglücklicherweise zeigen sich in einigen Fällen auch die Bischöfe unbeweglich und inkonsequent, sie nehmen diese Entwicklung passiv hin oder ermutigen diese Haltung in einigen wenigen Fällen sogar noch. Dazu kommt die ausgesprochen bornierte Haltung einiger Theoretiker, die unglücklicherweise vergessen haben, daß die Liturgie weniger ein intellektueller Akt ist, sondern ein Akt der Anbetung, also der tiefen Spiritualität und des Glaubens.

Il Foglio: Wir beobachten eine Absetzbewegung der Gläubigen in Richtung zweier entgegengesetzter Extreme: Die Suche nach Mystizismus um jeden Preis oder die Banalisierung.

Erzbischof Ranjith: Im Namen des sogenannten „Geistes des Konzils“, der sich in Wirklichkeit gar nicht an die verschiedenen Dokumente gehalten hat, ist vieles geschehen, das der Kirche schweren Schaden zugefügt hat – vor allem durch eine bestimmtes liturgisches Abenteurertum. Diese Diagnose darf nicht als eine Kritik des Konzils hingestellt werden, sondern als Aufforderung, sich wider dem anzuschließen, was es wirklich beschlossen hat. Einige der größeren Veränderungen in der Liturgie sind niemals vom Konzil gewollt worden. Die Banalisierung der ewigen Geheimnisse der Liturgie, die von einigen Liturgikern betrieben und gerechtfertigt worden ist, erzeugt nun ein wachsendes Bestreben, sich von den irdischen Aspekten ganz frei zu machen und in einen betonten Mystizismus überzugehen. Es ist zum einen erforderlich, ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen beiden Aspekten – dem, was wir zu erbringen haben und dem, was uns gegeben ist – herzustellen, und ebenso brauchen wir ein echtes Verständnis des unvergänglichen Wertes dessen, was wirklich in der Liturgie geschieht. Die ständigen Erklärungen von Papst Benedikt über das wahre Wesen der Liturgie sollen die Kirche und vor allem die Bischöfe und den Klerus auf dieses notwendige Gleichgewicht hinweisen. Wenn das nicht erreicht wird, besteht die Gefahr, daß man auf der einen Seite in Oberflächlichkeit und Formalismus verfällt, und auf der anderen Seite in einen Spiritualismus, der keine Motivation für eine christliche Lebensführung bietet.

Il Foglio: Über die Liturgischen Fehlentwicklungen sind auch Entstellungen der Lehre eingetreten. Wird es möglich sein, diese auch durch die Tridentinische Liturgie zu heilen?

Erzbischof Ranjith: Ich denke ja, aber das Wort „auch“ ist wichtig. Wir dürfen nicht nachlassen in den Anstrengungen, allen den unvergänglichen Wert jeder Form des liturgischen Feierns bekannt zu machen, vor allem aber des Novus Ordo. Durch die Korrektur einiger dieser liturgischer Übertreibungen, die uns die Tridentinische Messe in den kommenden Jahren erleichtern wird, werden wir eine weitere Verbesserung des Novus Ordo erreichen und damit auch eine Überwindung der theologischen Krise, die durch die Banalisierungstendenzen in der Liturgie verursacht worden ist.

Il Foglio: Viele Priester und Laien scheinen Angst zu haben, die Anwendung dessen zu verlangen, was der Papst ihnen als ihr Recht zugewiesen hat.Vielleicht bedarf es einer Ermutigung.

Ich sehe nichts, was wir fürchten müßten, denn Furcht bedeutet einen Mangel an Glauben. Außerdem wäre es eine schwerwiegende Angelegenheit, wenn in einer Welt, die den Sinn für die rechte Ordnung verliert und darunter zu leiden hat, wenn dann irgend ein Oberhirte der Kirche durch Ungehorsam gegenüber dem Papst ein schlechtes Beispiel gäbe. Das wäre ein Zeugnis ganz und gar entgegen dem Vorbild Christi, der sich selbst erniedrigte und dem Vater gehorsam war bis zum Tod am Kreuze.

Die Arbeitsgruppe hat dieses Interview nach der englischen Fassung auf „The New Liturgical Movement“ ins Deutsche übertragen, ohne Zugang zum italienischen Original zu haben. Sobald uns das Original vorliegt, werden wir die Übersetzung noch einmal überprüfen. (17. 9. 2007)