Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

„Warum der Papst das Heilige zurückholt“

Ein Gespräch von Marco Politi, Repubblica, mit Erzbischof Ranjith

8. 8. 2008

Dieses Interview ist am 31. Juli in La Repubblica erschienen und am gleichen Tage von Fr. Zuhlsdorf in englischer Übersetzung in WDTPRS veröffentlicht worden. Diese Übersetzung dient auch zur Grundlage unsrer Übersetzung, an einem weitergehenden Abgleich mit dem Original wird noch gearbeitet. Einleitungstext und Fragen von Marco Politi sind kursiv hervorgehoben.

Das Signal war unübersehbar: Erst Fronleichnam in Rom, dann für alle Welt sichtbar aus Sydney. Papst Benedikt verlangt, daß die Gläubigen, die von ihm die hl. Kommunion empfangen wollen, das kniend tun. Das ist eine der vielen Restaurationen dieses Pontifikats; Latein, die „Tridentinische“ Messe, Zelebration mit dem Rücken zu den Gläubigen.

Papst Benedikt verfolgt einen Plan, und der Ceylonesische Erzbischof Malcolm Ranjith, den der Papst als Sekretär der Gottesdienstkongregation zu sich nach Rom geholt hatte, führt diesen Plan wirkungsvoll aus.

Die Hinwendung zur Liturgie, so erklärt er, hat das Ziel, sie wieder zur Transzendenz hin zu öffnen. Auf Anordnung des Papstes, so kündigt Ranjith an, bereitet die Gottesdienstkongregation ein Kompendium zur Eucharistie vor, das die Priester darin unterstützen soll, „sich angemessen auf die Feier der Eucharistie und die eucharistische Anbetung vorzubereiten“.

Zielt auch der knieende Kommunionempfang in diese Richtung?

Erzbischof M.P. Ranjith

„Es ist unbedingt notwendig, in der Liturgie den Sinn für das Heilige wieder zu entdecken, das gilt vor allem für die Feier der Eucharistie. Schließlich glauben wir, daß das, was am Altar geschieht, weit über jede menschliche Fassungskraft hinausgeht. Und deshalb wird der Glaube der Kirche an die Reale Gegenwart Christi in den Eucharistischen Gestalten durch angemessene Gesten und entsprechendes Verhalten zum Ausdruck gebracht, die sich von denen des täglichen Lebens unterscheiden.“

Wird damit der Unterschied nicht zu sehr betont?

Wir stehen nicht vor einem Politiker oder irgendeinem Prominenten der modernen Gesellschaft sondern vor Gott. Wenn die Gegenwart des ewigen Gottes auf den Altar herabsteigt, müssen wir eine Haltung einnehmen, die besser zu ihrer Verehrung geeignet ist. In meiner Heimatkultur sollten wir uns niederwerfen und mit dem Kopf den Boden berühren, wie es auch die Buddhisten und die Moslems beim Gebet tun.“

Vermindert der Empfang der Kommunion in die Hand den Sinn für die Transzendenz?

In einem bestimmten Sinne sicherlich. Es besteht die Gefahr, daß der Kommunikant sie für normales Brot hält. Der hl. Vater spricht oft von der Notwendigkeit, den Sinn für das Transzendente in all seinen Ausdrucksformen in der Liturgie zu bewahren. Die Geste, die konsekrierte Hostie selbst in die Hand zu nehmen und in den Mund zu stecken statt sie gereicht zu bekommen beeinträchtigt den tiefen sinn der Kommunion.

Gibt es ein Bestreben, den Trends zur Banalisierung der Messe entgegenzuwirken?

An einigen Orten ist dieser Sinn für das ewige, das heilige und himmlische verloren gegangen. Es gab eine Tendenz, den Menschen und nicht den Herrn in den Mittelpunkt der Feier zu stellen. Aber das 2. Vatikanum spricht ganz klar von der Liturgie als actio Dei, actio Christi. Desungeachtet entwickelte sich in bestimmten liturgischen Kreisen – entweder aus ideologischer Absicht oder aus einem gewissen Intellektualismus – die Vorstellung, man könne die Liturgie der jeweiligen Situation anpassen, man müsse Raum für Kreativität lassen, so daß sie zugänglich und hinnehmbar für alle sei. Und so wurden vielerlei Neuerungen eingeführt, die noch nicht einmal den sensus fidei der Gläubigen und ihre spirituellen Gefühle berücksichtigten.

Manchmal greifen sogar Bischöfe zum Mikrophon und treten in ein Frage- und Antwortspiel mit ihren Zuhörern ein.

Die Gefahr der Gegenwart besteht darin, daß der Priester glaubt, im Mittelpunkt der Handlung zu stehen. Auf diese Weise kann der Ritus die Anmutung einer Theatervorstellung oder einer Fernsehshow annehmen. Der Zelebrant sieht, wie die Gläubigen ihn als den Bezugspunkt betrachten, und daraus entsteht das Risiko, daß er sich, um den größtmöglichen Erfolg beim Publikum zu erzielen, so verhält und so ausdrückt, als wäre er die Hauptperson.

Was wäre denn die richtige Herangehensweise?

Wenn der Priester sich darüber im Klaren ist, daß nicht er, sondern Christus im Mittelpunkt steht. In demütigem Dienst am Herrn und an der Kirche durch Respekt gegenüber der Liturgie und ihren Regeln als etwas, was man entgegenzunehmen und nicht zu erfinden hat. Das heißt, dem Herrn größeren Raum zu lassen, damit er durch den Priester als sein Werkzeug die Andacht der Gläubigen anfachen kann.

Sind Predigten von Laien Mißbräuche?

Ja. Die Predigt ist, wie der Hl. Vater ausführt, die angemessene Weise, die Offenbarung und die große Tradition der Kirche auszulegen, damit das Wort Gottes die Gläubigen in ihrem Alltag erleuchtet und die liturgischen Feiern reiche Frucht bringen. Die liturgische Tradition der Kirche behält die Predigt den Zelebranten vor, den Bischöfen, Priestern und Diakonen, aber sie gesteht sie nicht den Laien zu.

Ohne Ausnahme?

Das ist ja nicht, weil Laien nicht in der Lage wären, eine Betrachtung anzustellen, sondern weil in der Liturgie die jeweiligen Rollen gewahrt werden müssen. Wie das Konzil es ausgedrückt hat, gibt es einen Unterschied „im Wesen und nicht nur im Grad“ zwischen dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen und dem der Priester.

Vor einiger Zeit hat der damalige Cardinal Ratzinger den Verlust des Sinnes für das Mysterium in der Liturgie beklagt.

Die konziliaren Reformen wurden oft in einer Weise interpretiert oder verstanden, die nicht vollständig mit den Absichten des 2. Vatikanum übereinstimmte. Der hl. Vater bezeichnet diese Tendenz als den „Ungeist“ des Konzils.

Seit der vollen Wiederzulassung der Tridentinischen Messe ist nun ein Jahr vergangen, wie ist Ihre Einschätzung?

Die Tridentinische Messe hat ihren großen Wert darin, daß sie die ganze Tradition der Kirche widerspiegelt. Sie zeigt durch ihre Gesten, die Kniebeugen, die Zeiten des Schweigens, größeren Respekt gegenüber dem Heiligen. Sie gibt mehr Raum dafür, über das Handeln des Herrn zu reflektieren und auch für die persönliche Andacht des Zelebranten, der das Opfer nicht nur für die Gläubigen darbringt, sondern auch für die eigenen Sünden und zur eigenen Rettung. Einige zentrale Elemente des alten Ritus können auch dazu verhelfen, mehr über die rechte Feier des neue Ritus nachzudenken.

Erwarten Sie, daß es eines zukünftigen Tages einen Ritus gibt, der die besten Elemente des alten und des neuen vereinigt?

Das könnte sein, aber ich glaube das nicht. Ich denke, daß wir in den kommenden Jahrzehnten zu einer gründlichen Bewertung des alten und des neuen Ritus kommen werden um alles zu erhalten, was an Ewigem und Übernatürlichem am Altar geschieht und das Bestreben zu zurücktreten zu lassen, sich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Es geht darum, Raum zu geben dafür, daß die Gläubigen durch die Person des Priesters, der nicht im Vordergrund steht, in wirkungsvoller Weise in Berührung mit dem Herrn kommen. Mit einer veränderten Stellung des Zelebranten? Mit dem Priester in Richtung der Apsis? Man könnte an die Opferung denken, wenn die Opfergaben zum Priester gebracht werden, und von da an bis zum Ende des Kanons, der den Höhepunkt von „transsubstatio“ und „communio“ darstellt.

Wirkt ein Priester, der den Gläubigen den Rücken zuwendet, nicht verwirrend?

Es ist falsch, das so auszudrücken. Es ist im Gegenteil so, daß er sich mit dem Volk zum Herren hinwendet. In seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ hat der hl. Vater erklärt, daß die Menschen, wenn sie im Kreise sitzen und sich gegenseitig anschauen, einen geschlossenen Kreis bilden. Aber wenn der Priester und die Gläubigen gemeinsam nach Osten, zum wiederkommenden Herrn schauen, dann ist das offen gegenüber dem Überzeitlichen.

Sehen Sie auch die Rehabilitierung des Latein in dieser Perspektive?

Ich mag das Wort „Rehabilitation“ nicht. Wir verfahren entsprechend dem 2. Vatikanischen Konzil, welches ausdrücklich bekräftigt hat, daß der Gebrauch der lateinischen Sprache im lateinischen Ritus erhalten werden solle, außer wo Partikularrecht anderes bestimmt. Damit war Raum für die Einführung von Umgangssprachen gegeben, aber das Lateinische sollte nicht völlig aufgegeben werden. Der Gebrauch einer Sakralsprache ist eine in der ganzen Welt verbreitete Tradition. Im Hinduismus ist Sanskrit, das nicht mehr gesprochen wird, die Sprache des Gebets. Im Buddhismus verwendet man Pali, das nur noch von buddhistischen Mönchen studiert wird. Im Islam verwendet man das Arabisch des Korans. Der Gebrauch einer Sakralsprache verhilft uns zu einer erlebbaren Erfahrung von Transzendenz.

Also wäre Latein die Sakralsprache der Kirche?

Selbstverständlich. Der Hl. Vater sagt selbst in seiner Enzyklika „Sacramentum Caritatis“, Abschnitt 62: Um die Einheit und die Universalität der Kirche besser zum Ausdruck zu bringen, möchte ich den Vorschlag der Bischofskonferenz unterstützen, daß es bei solchen Liturgien (nämlich bei internationalen Veranstaltungen) in Übereinstimmung mit den Vorgaben des 2. Vatikanischen Konzils mit Ausnahme der Lesungen, der Predigt und des Allgemeinen Gebetes angebracht ist, die Lateinische Sprache zu verwenden.

Was möchte Benedikt XVI erreichen, wenn er der Liturgie neue Kraft gibt?

Der Papst möchte die Möglichkeit geben, in Christus dem Wunder des Lebens zu begegnen, eines Lebens, das uns schon hier auf Erden erlaubt, die Freiheit und die Überzeitlichkeit zu erfahren, die den Kindern Gottes zukommt. Diese Erfahrung wird kraftvoll lebendig durch eine wahrhafte Erneuerung des Glaubens, die es ermöglicht, die Wirklichkeit des Himmel, an die man glaubt, die man feiert und die man lebt in der Liturgie vorauszukosten. Die Kirche ist das machtvolle Instrument, um diese befreiende Erfahrung in der Liturgie zu vermitteln, und soweit sie das noch nicht ist, muß sie dazu werden. Die Liturgie der Kirche erlaubt es, diese Erfahrung in den Gläubigen aufflammen zu lassen.