Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

40 Jahre Protestantisierung der Kirchenmusik

Musica Sacra – Klingende Liturgie

Von Pfarrer Dr. Guido Rodheudt

6. 4. 2008

Als im Jahre 1989 die Berliner Mauer fiel und die deutsch-deutsche Grenze aufgelöst wurde, konnte auf eine Reihe von Gründen verwiesen werden, die dieses historische Ereignis herbeigeführt hatten. Dabei war es nicht nur Michail Gorbatschow, die wirtschaftliche Engführung des „real existierenden“ Sozialismus oder der Erfolg westlicher Geheimdienste, sondern nicht zuletzt die Volksseele, die zunächst zu kochen begonnen hatte und sich in den Leipziger Montagsdemonstrationen Luft verschafft hatte, bis sie am Ende die Mauer zum Einsturz brachte.

Nicht unwichtig waren dabei der Informationsaustausch, die Mundpropaganda und insbesondere der westliche Rundfunk und das westliche Fernsehen. Zwar war es verboten, es zu empfangen, aber bekanntlich hat sich daran niemand gehalten. Dennoch gab es eine Bevölkerungsgruppe, die keine Chance auf die Neuigkeiten aus dem Westen hatte. Besonders die Bevölkerung im Dresdner Elbtalkessel hatte Probleme mit dem terrestrischen Empfang der Westsender. Das Informationsvakuum in diesem Gebiet gab ihm den Namen das „Tal der Ahnungslosen“. Ein Tal der Unkenntnis. Bewohnt von Menschen, denen aufgrund ihrer mangelnden Anbindung an das Netz der Informationen der Horizont für die sich abzeichnende Entwicklung fehlen mußte. Das kam der Strategie des Totalitarismus entgegen, die Menschen für dumm zu verkaufen. Damit sie an die Ziele glaubten, die ein Systemdenken für sie vorgesehen hatte, das nicht durch die Orientierung an der Wirklichkeit, sondern durch Ideologie die Welt umgestalten wollte, das nicht fragte, wie die Welt ist, sondern wie sie werden soll.

Im Sinne dieser ideologiestrategischen Vorgabe möchte ich Sie heute noch einmal gerne mitnehmen ins „Tal der Ahnungslosen“. Aber nicht, weil sich in absehbarer Zeit der Mauerfall zum zwanzigsten Mal jährt, sondern weil es auch heute noch „Täler der Ahnungslosen“ gibt, die sich auf eigenartige Weise erhalten haben. Eigenartig, weil sie selbst dort existieren, wo an sich die Möglichkeit zur Informationsbeschaffung besteht und jeder von daher wissen könnte, wie sich die wirklichen Verhältnisse gestalten. Und dennoch gibt es sie, die Vakuumregionen des Nichtwissens – oder besser – des Nichtzurkenntnisnehmens dessen, was der Wirklichkeit entspricht.

Unter anderem gibt es die Regionen der Desinformation insbesondere dort, wo Menschen über die Liturgie und ihre Musik reden, namentlich jene, denen man ihre Unwissenheit nicht auf Anhieb ansieht: Priester und Musiker. Es ist mir ein Anliegen - in gebotener Kürze - dort die Störsender zu entfernen und die Ohren neu auf Empfang zu stellen für das, was wahr ist und schon immer Wahrheit gewesen ist und – so wie es aussieht – auch bleiben wird. Denn der Sachbereich, der hier zu verhandeln ist, ist von Hause aus mit Dingen beschäftigt, die sich deswegen nicht ändern, weil sie sich nicht ändern können, ohne ihr Wesen zu verlieren.

Bei der Reise ins „Tal der Ahnungslosen“ fällt zunächst auf, daß die meisten, die dort wohnen, beflissen bekunden zu wissen, worum es geht. Priester und Kirchenmusiker schreiten laute Thesen deklamierend einher und verkünden erstaunliche Dinge. Musik in der Liturgie sei wichtig, weil es einen Ausdruck des Menschen brauche, mit Gott zu sprechen. Liturgiekreismitglieder wissen, daß sie Musik für den Gottesdienst aussuchen können und in kleine Heftchen kopieren dürfen. Über die Wahl der Formen ist man sich weitgehend darin einig, daß sie die Zeitumstände, Geschmäcker, Lebensverhältnisse und Stilistiken der Musikgeschichte aufgreifen dürfen – ja müssen -, um die Menschen abzuholen und ihnen im Gottesdienst Ausdrucksformen zu schaffen. Die Jüngeren dürfen sich bei der E-Gitarre zu Hause fühlen und die Älteren bei jenem „Neuen Geistlichen Lied“, das vor 30 Jahren in der Euphorie des Abschieds von der Tradition zur Ikone der Jugendbewegten geworden ist, weswegen es heute in der Regel bei der Goldhochzeit gewünscht wird. Dazwischen liegen die Bedürfnisse halbintellektuell-bürgerlicher Kreise. Sie bringen ihre Musik mit einem esoterischen Mix aus Jazz, Didscheridu und Saxophonskalen ein. Man erlebt sie im großen Stil bei den Abschlußgottesdiensten der Katholikentage, wo Bands mittelalterlicher Musiker im schwarzen Kleinkunstbühnen-T-Shirt die liturgischen Aktionen mit crossover-Klängen umgeben. Die ganz Traditionellen wissen sich zum Thema Liturgie und Musik ebenfalls zu Wort zu melden. Sie mögen eben die Gregorianik und auch die Alte Musik und treten dafür ein, daß „das auch in den Gottesdienst eingebracht werden kann“.

Beflissen – wie gesagt – hören sich alle Positionen und Bedürfnisbekundungen an. Schlägt man liturgische Gazetten auf, findet man dies bestätigt: Musik ist wichtig. Sie hilft dem Menschen, Gott zu finden und sie gibt ihm einen Raum, „in dem er sich wiederfindet“. Und hier genau offenbart sich, daß – ganz wie im „Tal der Ahnungslosen“ – die Wahrheit eher durch die Änderung von Nuancen als durch die gezielte Lüge verstellt wird. Denn es begleitet die Diskussion und viel mehr noch den praktischen Umgang mit der sakralen Musik, daß eine grandiose Ahnungslosigkeit herrscht im Hinblick darauf, was sie von ihrem Wesen her ist und was sie auf diesem Hintergrund für eine Aufgabe hat, wo sie herkommt und welchen Platz sie heute und gestern und morgen hat, was sie von daher niemals sein darf und welche illegitimen Geschwister ihr nicht den Rang bestreiten dürfen, ohne daß ein ganzes Gebäude einstürzt, in dem doch gerade heute so viele Menschen einziehen möchten. Es empfiehlt sich also, die Frage nach dem Sinn der Musica Sacra erst zu beantworten, wenn klar ist, was ist sie ist. Eine Frage – zugegeben, die nicht gerne gestellt wird, wo das Wesentliche von den Zwecken bedrängt wird, wo also das, was eine Sache nicht aus sich heraus hat, sondern empfängt und besitzt, bevor sie geworden ist, totgeschrieen wird, von dem, was sie machen soll.

Dabei entpuppt sich die Frage nach dem Wesen der Kirchenmusik aus dem Kokon ihrer Zweckhaftigkeit recht schnell, wenn man sie mit der Frage nach dem Wesen dessen konfrontiert, was eine Kirche ist – was ihr also den Namen gibt.

Die Kirche – so sagt es das erste christliche Jahrtausend – ist eine mystische Größe. Sie ist kein Zweckverband. Sie ist die sichtbare Seite Gottes. Sie ist in der Zeit, aber sie ist auch ausserhalb der Zeit. Mitglied wird man nicht durch Leistung, sondern gratis. Und die Gnade, die einen mit dem Ewigen Leben beschenkt, fließt wiederum aus der Hand menschlicher Diener.

Die Kirche ist Sakrament. Sie ist selbst ein Zeichen, das bewirkt, was es bedeutet. Sie kann wirken, weil Gott in ihr lebt. Er ist der Beweger und Heiligmacher. Und zwar sehr konkret und sehr greifbar. Gott ist nämlich Mensch geworden, um die Menschen mit den ihnen gemäßen Mitteln zu erlösen. Durch eine Geburt, durch Sprechen und Heilen, durch Bluten, Sterben und Tod. So sollte der Schuldbrief zerrissen werden, der die Ursünde des Menschen notwendig gemacht hatte, sich an der unbegründeten und zweckfreien Gnade Gottes hochmütig zu reiben. Die Erlösung Gottes geschieht also durch das Wort, das Fleisch wird. Nicht durch das Fleisch, das betextet wird.

Daher reicht Christus am Abend vor Seinem Leiden den Aposteln auch nicht letzte Anweisungen, sondern Seinen Leib und Sein Blut. „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ heißt nicht: „Unterhaltet Euch über mich!“ oder „Erinnert Euch an mich!“. Es ist vielmehr eine Aufforderung zur Vergegenwärtigung Gottes. Der Erlöser will durch das Tun der Kirche aufs neue da sein. Er möchte sich nicht auf die historische Stunde beschränken, sondern in der Zeit bleiben. Nichts anderes ist der Kult.

Das Christentum lebt also nur da, wo es den Kult gibt, die Selbstbindung Gottes an das Tun der Kirche. Die Kirche ist Sakrament und ist niemals mehr Kirche als dort, wo die Sakramente gefeiert werden. Weil sie hier in ihrem Handeln Gott ist. Eine kühne und spätestens seit der Reformation bestrittene Behauptung. Aber eine Behauptung, die wesentlich ist für den Fortgang der Überlegungen. Denn wenn die Kirche der fortlebende Christus ist, dann ist ihre heilige Mitte das, was Christus tut: Erwählen, Versöhnen, Sich-opfern, mit Geist erfüllen, Verbinden, Bevollmächtigen, Stärken und Heilen und: Singen! Ja, „Christus singt in der Kirche!“ Eine Wahrheit, die sich deswegen in den Schriften des hl. Ambrosius findet, weil Christus keine andere Stimme hat, als die der Kirche.

Schon in den Tagen der Apostel – und später entfaltet im Ringen der Väter um die Praxis des Glaubens – ist der Kult die Mitte kirchlichen Lebens. Der Kult begleitet nicht den Alltag, er begründet ihn. Und so wie das Fest nicht das Einerlei des Alltäglichen mit den Nettigkeiten einer Pause unterbricht, sondern dem Alltag erst Sinn und Richtung gibt, so ist der Kult keine Paraphrase des Alltages, sondern das, worauf sich Arbeiten und Mühen erst stützen können, ohne ein sinnloses und deswegen unmenschliches Räderwerk zu werden. Im Kult „macht“ der Mensch erst einmal nichts. Das heißt er tut das, was ihn zuallererst zum Menschen macht: Hören und Singen. Aber er macht es nicht wie auf dem Parteitag oder in der Schule. Er gibt nicht wieder, was er gelernt hat oder skandiert, was man ihm als wichtig eingebläut hat. Er hört, was er sich selbst niemals hätte sagen können. Und antwortet darauf mit unaussprechlichem Seufzen und Jubeln. Es entlockt ihm Gesang, zu wissen, daß es eine Zukunft gibt – einen unendlichen Dank, gewahr zu werden, daß er sich selbst nicht erlösen muß. Es ist das Exultet auf die glückliche Schuld des Urvaters, der die Erlösung hat nötig werden lassen.

Aber anders als die Stimmungsmusik, die wir machen, um eine Gemütsbewegung wiederzugeben und die aus der Spontaneität eines augenblicklichen Zustandes fließt, ist die kultische Musik eine Musik, die von außen kommt. Ihre Klänge bilden sich an der Wirklichkeit – sie bringen die Wahrheit zum Schwingen - und dann erst die Seele. Sie ist die klingende Seite des Wahren. Da, wo sie singt und spielt, ist Gott. Aber Gott ist nicht da, weil sie singt und spielt.

Dieser Umkehrschluß ist die gefährliche Verschiebung der Nuancen, die der Musica Sacra in unseren Tagen beinahe den Kopf gekostet hat. Denn christlicher Kult hat nichts mit dem Tanzen und Singen der Baalspriester auf dem Berg Karmel gemein, die sich am Ende verzweifelt die Haut aufritzen, weil ihr Gott scheinbar ihre Gesänge nicht hört – oder sie womöglich nicht mag. Nein, der wahre Gott erscheint dort, wo der wahre Prophet im rechten Glauben und im Vertrauen auf die Satzung der Väter das Richtige tut. So fährt das Feuer in das Opfer des Elia und so bewegt der Geist im christlichen Kultmysterium die Wirklichkeit der gefallenen Welt zum Guten und Ewigen.

Dort, wo das geschieht, ist die höchste Kunst gerade gut genug, um eine Entsprechung zu sein für das, was die Heiligkeit Gottes bewirkt. Sie – die Kunst – ummantelt das Handeln Gottes und dient ihm auf eine menschliche, wenn auch auf eine höchst geistige Weise. Kunst und Musik dürfen deswegen niemals profan sein, wollen sie kultisch sein. Denn sie sind nicht nur Requisiten. Sie haben den Anspruch, die sichtbare und hörbare Seite der kultisch-mystischen Gegenwart Gottes zu sein. Weil der Kult – also die Weise Gottes, an dieser Welt zu handeln – mehr ist als bloß eine menschliche Form der Verehrung, weil der Kult eine Sache Gottes ist, bemißt sich die Ausrichtung und Qualität der kultischen Kunst nach Ihm und nach niemandem sonst. Die christliche Liturgie ist die irdische Seite dessen, was im Himmel geschieht, dort, wo der Alltag endgültig zum Schweigen gebracht worden ist.

Die Musica Sacra entwickelt sich also schon seit frühester Zeit aus dem Wesen des Kultes. Sie singt und tanzt nicht, weil andere Kulte es auch tun. Sie tastet sich vielmehr vorsichtig in ihrer Entwicklung vorwärts und befragt sehr genau, welche Musiken aus dem antiken Mittelmeerraum sie verwenden kann, um ihre Aufgabe zu erfüllen, eine heilige und eben keine Alltagsmusik zu sein. Nicht alles wird dabei getauft. Das aber, was an Musik getauft wird, erhält einen Adel, der bis in unsere Zeit unüberholbar geworden ist. Nicht erst die Mönche von Heiligenkreuz beweisen das, indem sie den Gregorianischen Choral in die Charts brachten, es ist auch die unbestreitbare Tatsache der Musikgeschichte, daß man dem Choral genauso wenig durch epochale Stilistiken den Rang ablaufen kann, wie die Ikone sich in ihrer Aussagekraft und Zeitlosigkeit von einem noch so gut gemeinten Tafelbild des Mittelalters oder ein noch so blaues Chagallfenster überbieten läßt.

Wenn man also verstehen will, was die Kirchenmusik ist, muß man vorher verstanden haben, was Kult ist. Man muß zur Kenntnis genommen haben, daß Kult nichts Funktionales ist, nichts, was einem Zweck huldigt. Man muß verstanden haben, daß Kult immer das Gegenteil von Alltag ist. Und zwar nicht gemäß dem unerleuchteten Vorwurf, der Kult würde die Welt fliehen wollen und würde den Alltag nicht mögen, sondern - ganz im Gegenteil -, weil der Kult den Alltag liebt. Weil er ihn und den Menschen in ihm liebt, möchte er ihn heiligen und durchdringen. Darum läßt der Kult es auch nicht zu, daß er vom Alltag durchdrungen wird. Dort, wo die Messe ein Thema bekommt, hört sie auf Messe zu sein. Die Messe verträgt es genauso wenig, von Tagesordnungspunkten durchzogen zu werden, wie eine Hochzeitsnacht.

Und die Musik, die geeignet erscheint, die Saiten des Kultes zum Schwingen zu bringen, muß denselben Anforderungen genügen. M. a. W. wenn das christliche Kultmysterium die Wirklichkeit Gottes in die Nähe holt, dann muß der Jubel, der dieses Geschehen umgibt genauso außergewöhnlich, unalltäglich, unbürgerlich und zweckfrei sein, wie der, den es umjubelt. Sie muß klingender Kult sein.

Die Musik verschönert nicht den Gottesdienst, sie verklanglicht ihn. Noch heute ist eine byzantinische Liturgie ohne Gesang undenkbar. Es gibt in den orientalischen Riten keine „Stille Messe“, weil zur Liturgie das gesungene Wort gehört. Die menschliche Stimme soll in ihrer Singfähigkeit genutzt werden, um die Schönheit und Einheit Gottes abzubilden.

Der Gregorianische Choral, der die Musiken des antiken Mittelmeerraumes einsammelt und in die Form der Monodie gießt, wird integraler Bestandteil des liturgischen Vollzugs: keine Dekorationskirsche, die über der Torte thront und nur von denen geschätzt wird, die es gerne weniger herb haben. Die Musica Sacra ist nichts Hübsches. Sie ist schön und sie trägt – aus sich – dazu bei, daß die Anwesenheit des Verborgenen eine körperliche Dimension gewinnt. Sie führt nicht nur den Menschen pädagogisch in die Nähe Gottes. Sie läßt eine Saite der anwesenden Gottheit in Raum und Zeit klingen.

Es wird später ein erstes Zeichen des liturgischen Verfalls sein, daß die Musik zum Dekorationsgegenstand verkommt. Selbst die liturgische Form der „Stillen Messe“, eine Form, die sich aus der Mobilität und Vergrößerung der Weltkirche ergibt, kennt die alten Gesänge zu Prozessionen und Bewegungen der Altardiener, wenn sie wie im Trockendock Introitus, Gradualien, Sequenzen oder das Alleluja – rezitierend – „singt“.

Mit dieser Grundausstattung schreitet die liturgische Entwicklung des Kultes und seiner Formen in die Zeit. Sie entfaltet in den Formen der Inkulturation den Kern des Ursprünglichen auf unterschiedliche Weise in Ost und West. In einem herrscht jedoch kristallene Klarheit und Übereinstimmung in beiden Hemisphären der Christenheit: darüber, was die Liturgie ist und was sie nicht ist: sie ist Opus Dei und nicht Menschenwerk. Sie ist Anbetung und nicht Machen. Sie ist feierlich und nicht alltäglich. Sie ist schön und nicht banal. Ihre Ausstattung ist aufwendig und nicht praktisch. Sie klingt und scheppert nicht. Sie singt und quatscht nicht. Sie jubelt und ist daher unverständlich. Sie schaut in erster Linie nach vorne auf Christus und nicht auf den Rücken des Priesters – und noch viel weniger in sein Gesicht. Sie ist zweckfrei und nicht thematisch. Sie bemüht sich im bildenden Bereich der Kunst wie in der Musik um ikonographische Zeitlosigkeit und nicht um Unterhaltung. Sie wirft alles, was schön und gut ist, in die Schale und nicht bloß ein paar Anständigkeiten. Sie ist ein Mysterium und nicht Erläuterung. Sie ist Sakrament und nicht Symbol. In ihr wird gehandelt und nicht bloß gedacht. Sie will weniger dienen, als bedient werden. Sie wird in ausgesonderten Räumen gefeiert, die an Paläste erinnern und nicht an Hörsäle oder Sparkassen – und selbst wenn es die Armut der Umstände erfordert, sind ihre Kirchen niemals praktisch, sondern würdig eingerichtet. Sie ist prunkvoll und majestätisch und nicht bürgerlich. Ihr ist nichts zuviel und nichts gut genug. Denn sie weiß, daß sie der Vorhang ist, hinter dem der Lebendige Gott in der Zeit wirkt, solange bis dieser Vorhang beiseite geschoben wird, und wir durch ihn eintreten dürfen in die himmlische Liturgie der Engel und Heiligen.

Diese Sicht verbindet die Liturgie von Byzanz und von Rom über Jahrhunderte. Denn - unabhängig von den Unterschieden in den äußeren Formen – in einem laufen die Linien bis in das 20. Jahrhundert zusammen: da wo das christliche Kultmysterium als latreúein – als selbstloses, zweckfreies Dienen im Angesicht der Gottheit verstanden wird.

Die Versuche der Reformation, damit Schluß zu machen zugunsten von frommen bis akademischen Bildungsveranstaltungen in nüchternen Kirchen, spalten am Ende die Christenheit und verlassen endgültig den Bereich des Kultischen. Der reformierte Christ soll singen, spielen, beten, denken, predigen, sich erinnern, um dadurch fromm zu werden oder fromm zu bleiben. Die alte Vorstellung der Väter, daß Christus in der Kirche singt, hat ausgedient. Dort, wo der Kult in der Reformation an sein Ende kommt, hört die Kirche über Nacht auf zu existieren. Schuld daran ist nicht der Dominikaner Tetzel, der den Ablaß mit dem Peterspfennig abrechnete, wie die Deutsche Kirche heutzutage die Kirchenmitgliedschaft mit der Kirchensteuer. Schuld sind die zutiefst nordisch- teutonischen Geister, die sich in einer Mischung von persönlicher religiöser Skrupulanz und zeitgeistlichem Humanismus im 16. Jahrhundert den Kult der Kirche als für sie unerträgliche und als zu einfache und direkte Begegnung mit Gott vom Leibe schüttelten, wie ein Hund sich das Wasser nach dem Regen aus dem Fell schüttelt. Zurück blieb nichts als die kahlen Kirchen der Reformation, in denen alles fehlt, was zu einer Liturgie gehört, inklusive des Priesters.

Es ist nun offenkundig, daß genau diese Sicht in unseren Tagen auch in das Empfinden der katholischen Kirche Einzug gehalten hat. Schuld sind in erster Linie nicht die Musiker, sondern die Theologen. Sie haben die Kirche in den Protestantismus geführt und sie ihrer kultischen Mitte beraubt – im 16. Jahrhundert gegen die Amtskirche, heute von ihr bezahlt.

Für das Verständnis von Kirchenmusik heißt das dort, daß sie zwar auf Gott ausgerichtet sein will, aber vom Menschen ausgeht. Im Kult geht sie dagegen von Gott aus, so wie im Sakrament die Wirkung göttlicher Gnade zwar in menschliche Formen gekleidet ist, aber von Gott ausgeht. Und so wie die tröstende Hand am Sterbebett zwar hilfreich ist, aber nicht im mindesten die erlösende Wirkung hat, wie die geweihte Hand, die im Sakrament der Heiligen Ölung dem Sterbenden den Himmel aufschließt, so ist die evangelische Kirchenmusik ohne Zweifel fromm und hebt die Seele. Aber sie ist nicht in dem Maße Inkarnation des Wortes, wie es die kultische Musik ist. Sie möchte es auch nicht sein, denn mit Martin Luther ist das kultische Geschehen ja eine „vermaledeite Abgötterei“. So sehr die Alte Kirche den Kult als die Weise der Gottbegegnung schlechthin versteht, so ist er für den Protestantismus eine Ablenkung vom Wesentlichen. Und das ist: im „reinen Wort“ und in der inneren Antwort des Glaubens das Heil zu finden – ohne Netz und doppelten Boden.

Wenn es also in der Gegenwart Unsicherheiten in der Frage gibt, was die Kirchenmusik sei, so liegt dies nicht zuletzt daran, daß das Gottesdienstverständnis unter den Katholiken schleichend protestantisch geworden ist. Schleichend, weil sich ein langsamer Prozeß an Verunsicherung und Ablösung in der Theologie von der kultischen Mitte zu einem funktionalen Zweckrahmen im Verständnis des Gottesdienstes ergeben hat.

Beispiele kann jeder in Fülle werktags und sonntags einholen. Da wird „im Kyrie der auferstandene Herr in unserer Mitte begrüßt“, so wie ein Gast im Fernsehstudio. Da wird am Anfang vermeldet, zu welchem Thema die Messe gefeiert wird. Da wird im Beton-Gemeindezentrum aus dem Mund des Pfarrers oder der Gemeindereferentin auf nüchternen Magen die Welt erklärt, während Kinder Plakate hochhalten, auf denen Begriffe stehen, die leider nicht für die Schwerhörigen, sondern für gesunde und erwachsene Menschen gedacht sind, die sicherlich bald einen Test über die morgendliche Schulstunde schreiben werden. Da erklingt Musik, die zwar von Gott sprechen möchte, es aber nicht kann, weil sie unter dem Diktat steht, ansprechend sein zu müssen. Und also verzieht sich die Musica Sacra, die diesen Ehrentitel verdient hat und überläßt den Platz den Machwerken.

Wo der Kult stirbt, verflüchtigt sich die Schönheit, verstummt die heilige Musik, verschwindet das Mysterium wie nach der Legende die Priester in der Wand der Hagia Sophia in Konstantinopel beim Betreten Mehmets, des heidnischen Eroberers. Diese Bestandsaufnahme ist tragisch aber realistisch.

Andererseits ist es auch eine Erfahrung der Geschichte, daß sich die Wahrheit nicht auf Dauer einsperren lässt, auch nicht durch Kirchensteuermittel. Sie geht ihre eigenen Wege, so wie sich das Gras seinen unberirrten Weg durch den Asphalt bahnt. Zur Not über die Charts der Hitparaden, die die merkwürdig faszinierenden Gesänge der Mönche wie die Botschaft aus einer anderen Welt herübertragen, von der die Aufmerksamen und „religiös Musikalischen“ spüren, daß es keine vergangene Welt ist, sondern eine höchst gegenwärtige. Eine, die man hören kann und die die Ahnung ins „Tal der Ahnungslosen“ trägt, daß die Welt eine heilige Musik braucht. Nicht aus pädagogischen Gründen, sondern weil sie von ihrem Bräutigam singen will, sobald sie ihn gefunden hat.

Wir entnehmen diesen Aufsatz mit freundlicher Genehmigung des Autors dem Mitteilungsblatt Nr. 26 von Sinfonia Sacra, März 2009. Das Blatt kann auch als PDF von der Website des Vereins downgeloadet werden.