Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Ein Jahr Summorum Pontificum


Papst Benedikt hat die liturgische Landschaft neu gestaltet

Von Shawn Tribe

7. 6. 2008

Der Kanadier Shawn Tribe ist Gründer und Chefredakteur des Blogs The New Liturgical Movement, das sich innerhalb kurzer Zeit zur führenden Diskussionsplattform der liturgischen Reformbestrebungen entwickelt hat. Wir übersetzen hier geringfügig gekürzt einen Artikel von Tribe, der unter dem Datum vom 4. Juli in der britischen katholischen Wochenzeitung The Catholic Herald erschienen ist.
Tribe bezieht lediglich Informationen aus englischsprachigen Ländern in seine Überlegungen ein. Sie erscheinen uns jedoch als so typisch, daß wir darauf verzichtet haben, an denkbaren Stellen ein „Das ist bei uns ebenso“ oder auch „Das ist bei uns etwas anders“ anzumerken.

Die Nach-Summorum-Pontificum-Ära

Vor einem Jahr gab es im Leben der Kirche ein Ereignis, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, es habe ein neues Zeitalter eingeleitet: Die Nach-Summorum-Pontificum-Ära. Natürlich muß man sich beim Ausrufen von Zeitaltern vor Übertreibungen hüten, aber viel spricht dafür, daß das Motu Proprio Summorum Pontificum, das den Platz des usus antiquor (oder des Missale Romanum von 1962) im Leben der Kirche neu bestimmt hat, eine Situation geschaffen hat, die weitreichende Auswirkungen auf die gesamte liturgische Landschaft haben wird. Wenn man von weitreichenden Auswirkungen spricht, heißt das natürlich nicht, daß diese Wirkungen sofort eintreten werden – eher werden sie sich schrittweise im Lauf der Zeit bemerkbar machen. Schließlich lassen sich die Veränderungen im Verständnis und im Herangehen an die katholische Liturgie, die sowohl im akademischen Bereich wie auf der praktischen Ebene stattgefunden haben, nicht über Nacht ungeschehen machen. Das wird seine Zeit brauchen, die vollen Auswirkungen des Motu Proprio sind nicht nach Monaten, sondern nach Jahren zu ermessen. Doch schon nach dem ersten Jahr ist es möglich, eine Ernte der frühen Früchte des Motu Proprio einzufahren.

Ganz allgemein bleibt das typische Leben der Pfarreien eben das typische Leben der Pfarreien – das war nicht anders zu erwarten. Die Vorstellung, daß das päpstliche Motu Proprio ein Zaubermittel wäre, das über Nacht eine massive Einführung der traditionellen Liturgie herbeiführen könnte, mußte unrealistisch sein; das hat wohl, wenn überhaupt, auch nur eine Minderheit erwartet. Andererseits kann man jedoch schon viele sichtbare Auswirkungen dingfest machen. Da gab es zum einen eine Anzahl von erfolgreichen Workshops in verschiedenen Teilen der Welt, in denen sich Priester und Seminaristen mit dem usus antiquor vertraut machen konnten. Die Latin Mass Society von England und Wales veranstalte einen solchen Workshop im Sommer 2007 im Merton College, Oxford, und wird diese Veranstaltung dort in diesem Jahr wiederholen.

Die Regularkanoniker vom Hl. Johannes Cantius in Chicago, Illinois, haben einen ihrer Priester bis nach Osteuropa entsandt, um entsprechende Kurse anzubieten, kürzlich veranstalteten sie einen Frühjahrs-Seminar in Chicago. Sie haben sogar Kurse für Laien angeboten. Auch die Petrusbruderschaft und das Institut Christus König ähnliche Workshops mit großem Erfolg durchgeführt. Weitere sind in Planung, die Nachfrage hält an. Zwar ist die Zahl der Priester, die an diesen Veranstaltungen teilgenommen haben, eher in Hunderten als in Tausendern zu messen – aber dann sind es eben doch schon Hunderte, die sich auf den Weg zur Feier der überlieferten römischen Liturgie begeben haben.

Neben den Ausbildungsangeboten hat es auch einen spürbare Vermehrung der Zahl der Messen gegeben, die nach dem Missale von 1962 gefeiert werden. Einige der ermutigendsten Entwicklungen in dieser Hinsicht sind an den katholischen Universitäten zu beobachten, wo es vorher überhaupt keine alten Messen gab. In den Vereinigten Staaten sind hier zu nennen die Georgetown University, die Universität der Franziskaner in Steubenville, Seton Hall, Ave Maria und andere. Hier geht es weniger um Zahlen an sich sondern darum, daß die Verbreitung dieser Liturgie im akademischen Umfeld dazu beitragen wird, daß Junge Leute leichter daran teilnehmen, davon lernen und sich dafür begeistern können.

Erste Erfolge auf Ebene der Pfarreien

Die Reaktion auf das Motu Proprio bei den Pfarreien ist schwer abzuschätzen, aber auch auf dieser Seite hat es offensichtlich eine Zunahme gegeben, und man hört ziemlich oft von Pfarreien, in denen eine alte Messe jetzt zusätzlich zu den üblichen in der modernen Form angeboten wird. Auch das ist sicher noch nicht die Mehrheit der Pfarreien – das zu erwarten wäre zu diesem Zeitpunkt einfach unrealistisch – aber die Zunahme ist nicht zu übersehen. Wo es in größeren Städten früher – wenn überhaupt - vielleicht eine Messe in der überlieferten römischen Liturgie gab, gibt es heute in aller Wahrscheinlichkeit eine deutlich größere Zahl und eine dichtere zeitliche Abfolge. (Ein gutes Beispiel dafür liefert die Erzdiözese Detroit, wo derzeit eine alte Messe in 9 Pfarreien angeboten wird – früher waren es eine oder zwei.) Außerdem muß man sehen, daß Fortschritte nicht nur im europäischen Kulturkreis zu verzeichnen sind. Auch in Ländern wie Chile, den Philippinen, oder Hong Kong ist ein Wachstum zu beobachten – um nur einige zu nennen. Vergleicht man die Zugänglichkeit alter Messen mit der Situation vor einem Jahr, ist die Zunahme recht beeindruckend. Und all das – man darf es nicht aus dem Auge verlieren – im allerfrühesten Abschnitt der Nach-Motu-Proprio-Ära. Wir können also mit guten Recht weiteres Wachstum erwarten, und zwar ein erhebliches Wachstum.

An mehreren Orten sind neue Personalpfarreien oder ähnliches entstanden. In Toronto, der größten und bevölkerrungsreichsten Diözese Kanadas wurde kürzlich bestätigt, daß die Petrusbruderschaft gebeten worden ist, in die Diözese zu kommen, und man nach einer geeigneten Pfarrei für sie sucht. Das ist also noch zusätzlich zum Oratorium von Torono, wo bereits werktags wie sonntags messen im usus antiquior angeboten werden. Ebenso ist kürzlich in Quebec unter dem kanadischen Primas Cardinal Marc Ouellet eine FSSP-Pfarrei eingerichtet worden, eine andere Pfarrei wurde der FSSP in Vancouver, British Columbia, angeboten. Am bedeutendsten sind jedoch zweifellos die Fortschritte in der Diözese Rom selbst. Bislang stand der dem alten Ritus verbundenen Gemeinde dieser Stadt nur eine sehr kleine Kapelle zur Verfügung, die überdies am Ende einer schmalen Sackgasse lag. Diese Gemeinde wurde jetzt als Personalgemeinde für den alten Ritus eingerichtet und erhielt als Pfarrkirche eine große historische Kirche mit vielen bedeutenden Kunstwerken an einem viel besuchten römischen Platz. Diese Entwicklung signalisiert vielleicht besser als jede andere die Auswirkungen des Motu-Proprio, und es liegt auf der Hand, daß das, was in Rom geschieht, sich auf das auswirken wird, was anderswo geschieht. Es bildet ein Vorbild und eine Handlungsanweisung , die es anderen Diözesen erleichtert, ebenso zu verfahren. Von daher ist die römische Personalpfarrei derzeit vielleicht das wichtigste Apostolat überhaupt für den usus antiquior.

Ein weiteres Barometer für den Stand der Dinge ist, daß zumindest einige Priesterseminare bereits damit begonnen haben, sich an die neue liturgische Situation in der Kirche anzupassen. Ein Seminar in den USA feiert für seine Seminaristen einmal wöchentlich den Usus Antiquior, ein anderes monatlich, in weiteren ist die überlieferte Liturgie wenigstens schon einmal in der Seminarkapelle gefeiert worden – bis jetzt völlig unvorstellbar. In der Ausbildung sind die meisten noch dabei zu überlegen, wie sie, sich an die neuen Realitäten anpassen sollen – was vielleicht nicht das schlechteste ist, auch wenn es in einigen Fällen sichtlich darum geht, jede Anpassung zu verzögern. Andere haben sich schnell dazu entschlossen, ihren Seminaristen Ausbildung und auch praktische Übung zur Zelebration nach dem Missale von 1962 zukommen zu lassen. Die jüngsten Äußerungen von Kardinal Castrillón Hoyos in London haben die Bedeutung dieses Punktes unterstrichen. Möglicherweise deuten sie auch darauf hin, daß der Vatikan künftig dahingehende Vorschriften für die Seminare erlassen wird – das bleibt abzuwarten.

Unterstützung durch moderne Medien

Eine sichtbare Auswirkung besteht schließlich auch darin, daß das populäre katholische Medienunternehmen EWTN damit begonnen hat, aus ihrer schönen Wallfahrtsstätte des allerheiligsten Sakraments in Alabama mehrmals hl. Messen nach der alten Liturgie zu übertragen. Darunter waren zwei Levitenämter, die von Priestern der Petrusbruderschaft gefeiert wurden und ein gesungenes Amt eines anderen Priesters. Kürzlich haben sie das feierliche Pontifikalamt zur Priesterweihe in der Petrusbruderschaft von Kardinal Castrillón Hoyos aus der Kathedrale in Lincoln, Nebraska, übertragen. Neben diesen hl. Messen gab es auch andere Sendungen zum Thema Summorum Pontificum; außerdem nutzt der Sender seine technischen Möglichkeiten, große Bischofsmessen aufzuzeichnen – etwa das Pontifikalamt von Castrillón Hoyos in Westminster im Juni und vorher schon die Pontifikalmesse von Kardinal Pell in Australien.

Gemeinsam mit der Petrusbruderschaft hat EWTN ein höchst bedeutsames und anscheinend sehr brauchbares Schulungsvideo für den alten Ritus produziert. Wenn man bedenkt, daß vor dem Motu Proprio höchst wenige – wenn überhaupt – Messen im alten Ritus im Fernsehen zu sehen waren und es nur zu seltenen Gelegenheiten Dokumentationen über die Priestergemeinschaften gab, die den alten Ritus pflegen, muß man auch das zu den direkten Folgen von Summorum Pontificum rechnen. Die Auswirkungen sind jedenfalls nicht zu unterschätzen. EWTN erreicht aktuell ungefähr 146 Millionen Haushalte in 127 Ländern – das ist eine enorme Reichweite. Wenn EWTN in dieser Form weitermacht und den älteren Gebrauch vielleicht noch öfter überträgt, werden sich die Auswirkungen noch verstärken. Schon jetzt hat das viel dazu beigetragen, das Missale von 1962 wieder in die Alltagspraxis der Kirche einzuführen.

Größere Offenheit für die überlieferte Liturgie

Das bietet uns einen zwanglosen Übergang zu jenen Auswirkungen des Motu Proprio, die noch nicht so recht sichtbar geworden sind, die aber dennoch eine nähere Würdigung wert sind. Als Redakteur des New Liturgical Movement kann ich bezeugen, daß es viel Bewegung hinter den Kulissen gibt, die man zwar noch nicht sieht, von der man aber demnächst hören und sehen wird. Das Motu Proprio hat erhebliche psychologische Auswirkungen gehabt. Es gibt zwar immer noch sture Ideologen, die sich von ihrem Widerstand gegen die alte Liturgie nicht abbringen lassen oder die an der Version festhalten, daß mit „außerordentlicher Form“ gemeint ist, daß es sich dabei nur um eine Randerscheinung im Leben der Kirche handele, aber insgesamt gibt es doch eine deutlich größere Offenheit gegenüber dem alten römischen Ritus. Kardinal Hoyos, der bei seiner Ansprache im Juni vor der Latin Mass Society von England und Wales erklärt hat, daß der Papst will, daß diese Form der Liturgie an jedem Ort und in jeder Pfarrei ihren Platz finden möchte, würde der genannten Interpretation von „außerordentlich“ sicher nicht zustimmen.

Während die alte Messe früher als durchaus anrüchig galt, hat die Klärung ihrer rechtlichen Stellung und ihre offensichtliche Wertschätzung durch den Papst ein positiveres und aufgeschlosseneres Klima erzeugt. Das hat sich zum einen dahingehend ausgewirkt, daß die Befürchtung, Bindung an die alte römische Liturgie bedeutet quasi eine Zurückweisung des kirchlichen Lehramtes, gegenstandslos geworden ist. Es hat darüberhinaus klar gemacht, daß diese Liturgie ihren legitimen Platz in der Kirche hat, und das nicht nur als Ausnahmeregelung oder pastorales Zugeständnis, auch wenn das Motu Proprio vielfach immer noch in diesem Sinne interpretiert wird. Jede neue Erklärung, die aus Rom kommt, zeigt, daß das unhaltbar ist. Die alte Liturgie hat für die Kirche und die Gläubigen ihren eigenen Wert als Element der gültigen Tradition. Summorum Pontificum hat klar gemacht, daß der alte Ritus seinen Platz im Herzen und im Zentrum des Lebens der Kirche hat und daß die Frage der Liturgie im Geist der Kontinuität und nicht des Bruches anzugehen ist. An vielen Orten und für viele Menschen ist es weitaus leichter geworden, die alte Liturgie zu praktizieren und zu fördern – sei es nun durch bereitwillige Aufnahme oder nur passive Resignation seitens der etablierten Kräfte. Dennoch bleibt natürlich noch viel zu tun.

Der eigentliche Aufschwung steht erst bevor

Wir haben schon von den Personalpfarreien oder von den Priestern gesprochen, die bereits mit der Feier des usus antiquior in ihren Pfarreien begonnen haben, und man muß sehen, daß das nur die Spitze eines Eisbergs darstellt. Wir haben die vielen Priester erwähnt, die an Lehrgängen teilgenommen haben – viele dieser Priester, wahrscheinlich sogar die meisten von ihnen, haben noch gar nicht damit begonnen, diesen Ritus auch öffentlich zu feiern. Ein Lehrgang ist zunächst eben nur ein Schritt in einem längeren Lernprozess, und die wenigsten Priester werden heute an einem solchen Lehrgang teilnehmen und morgen damit beginnen, diesen Ritus zu praktizieren.

Dabei berücksichtigen wir noch nicht einmal die vielen Priester und Seminaristen, die zwar großes Interesse zur Teilnahme an solchen Kursen geäußert haben, die aber noch nicht teilnehmen konnten. Und wir beziehen auch nicht die vielen Priester und Seminaristen ein, die sich auf andere Weise mit dem Reichtum der liturgischen Tradition der Kirche vertraut machen – entweder durch kleine Veranstaltungen auf lokaler Ebene, im Einzelunterricht oder im Selbststudium mit Hilfe der DVDs, von denen es inzwischen ja mehrere gibt. Soweit ich sehe, machen diese Gruppen sogar die Mehrzahl derer aus, die den usus antiquor erlernen wollen. Wie es scheint, geht die tatsächliche Zunahme der Feiern nach dem Missale von 1062 bis jetzt hauptsächlich auf das Konto der Priester, die bereits im wesentlichen zur Feier dieser Liturgie qualifiziert waren und die lediglich größeren Freiraum brauchten, um das auch zu tun.

Bei denen, deren Interesse in der Nach-Summorum-Pontificum-Ära erst geweckt wurde und die erst jetzt mit dem Studium und dem Üben begonnen haben, konnte sich dieses Interesse noch gar nicht voll auswirken. Und die vielen Seminaristen, die ebenfalls an der Zelebration des alten Ritus interessiert sind, kommen für die Feier der hl. Messe in dieser Form ja überhaupt noch nicht in Frage. Offensichtlich steht der eigentliche Aufschwung also erst noch bevor. Wenn dieser durch Summorum Pontificum bewirkte Aufschwung dann im nächsten Jahrzehnt zum Tagen kommt, wird die vermehrte Praktizierung dieser Liturgie sehr wahrscheinlich noch einmal eine Art von Domino-Effekt auslösen: Mehr Messen an mehr Orten bedeuten größere Sichtbarkeit. Das wird seinerseits wieder größeres Interesse auslösen und dazu führen, daß diese Liturgie immer mehr ihren normalen und regulären Platz im Leben der Kirche einnehmen wird – und das wird wieder seine Auswirkungen auf Priester wie Laien und auch auf Seminaristen oder potentielle Seminaristen haben.

Eine neue Rolle und Aufgabe für die Bischöfe

Die Zukunftsaussichten sind also sehr gut, auch wenn es in dieser Zukunft weiterhin Probleme und sogar einige zunehmende Nöte geben wird. Es sind nach wie vor viele Schwierigkeiten zu überwinden. Einerseits gibt es stellenweise immer noch erklärten Widerstand gegen das Motu Proprio und die überlieferte Liturgie – das kann nach dem ganzen Klima und der ganzen Entwicklung der letzten 40 Jahre auch niemanden überraschen. Für viele bedeutet das schwere psychische Belastungen, vor allem dann wenn sie diese turbulenten Zeiten selbst erlebt haben. In einigen Fällen zeigen Bischöfe zwar eine größere Neigung, den alten Ritus in ihren Diözesen zuzulassen – was im Prinzip zu begrüßen ist – aber sie tun das eher nach Maßgabe des früheren Indults als entsprechend den Vorgaben von Summorum Pontificum, was natürlich eine höchst zweischneidige Angelegenheit ist.

Natürlich ist eine Vergrößerung des Angebots nach Messen mit dem Missale von 1962 zu begrüßen, aber in diesen Fällen muß man doch ebenso bestimmt wie im Geiste der Nächstenliebe darauf hinwirken, die Rechte von Laien und Priestern voll zur Geltung zu bringen und ein korrektes Verständnis der Aufgabe des Bischofs in dieser Sache und in Angelegenheiten der Liturgie überhaupt zu entwickeln. Die Bischöfe haben hier tatsächlich eine Aufgabe, aber es ist nicht die, die sie unter den Bedingungen des Indults hatten, es ist eine Aufgabe im Gehorsam zum Gesetz und zur Tradition der Kirche. Dennoch ist es nicht von einem auf den anderen Tag möglich, die Denkgewohnheiten der Jahrzehnte, in denen das Missale von 1962 als Ausnahme vom geltenden Recht oder gar als Abweichung betrachtet wurde, aufzubrechen, und so wird es niemanden überraschen können, daß sich diese konservativen Denkmuster noch eine Weile halten werden. Viele Wunden werden erst durch die Zeit und mit größerer Vertrautheit heilen können.

Eine „Neue liturgische Bewegung“

Ein wichtiger Aspekt, der bisher noch gar nicht angesprochen wurde, ist der, daß all das durch die breite Wiederbelebung der liturgischen Tradition im Lauf der Zeit auch positive Auswirkungen auf die moderne Form der römischen Liturgie haben sollte, was ganz offensichtlich ja auch eine der Absichten des Papstes ist. Eine Anzahl von Priestern, die sich bisher der „Reform der Reform“ verschrieben hatten, sind nun daran gegangen, die Feier der Messe nach dem Missale von 1962 zu erlernen, einerseits um dessen selbst willen, dann aber auch, weil das ihnen die Mittel an die Hand gibt, schneller und leichter einer stärker der Tradition verpflichtete Form der römischen Liturgie in ihren Pfarreien und in ihrem priesterlichen Leben zu praktizieren, auch wenn das im Zusammenhang mit der modernen Liturgie nicht immer ganz einfach sein mag. In jedem Fall hilft das ihnen und den Mitgliedern ihrer Gemeinden, wieder Anschluß an die Tradition zu finden und so auch als Sauerteig für die Reform der Reform auf allen Ebenen zu wirken. (...)

Das Motu Proprio hat in der Kirche eine „Stille Revolution“ in Gang gesetzt. Das Wort „Revolution“ ist vielleicht zu stark und zu sehr mit negativen Anklängen behaftet, aber es erscheint doch insoweit angemessen, als wir damit eine bedeutsame Verschiebung und Veränderung der bestehenden Verhältnisse ansprechen, eine Veränderung, die sich im Lauf der Zeit in verschiedener Hinsicht und in unterschiedlichem Ausmaß auswirken wird.

Die einzelnen Elemente dieses Vorganges sind bereits vorhanden, und der Prozess gewinnt langsam, aber sicher Kraft – soviel konnten wir schon in diesem ersten Jahr beobachten. Ob wir uns nun eher für die Reform der Reform oder mehr für die überlieferte Liturgie einsetzen – wir haben viel Grund, für das, was in diesem Jahr geschehen ist, dankbar zu sein, und noch mehr, auf das wir für die Zukunft hoffen können, und das trotz der Widerstände und der Probleme, die es immer noch gibt. Grund, sich deshalb auf den Lorbeeren auszuruhen, kann das nicht sein, es ist noch viel zu tun. Alle, die sich für die Umsetzung und Verwirklichung von Summorum Pontificum einsetzen, müssen eine überzeugende missionarische Haltung entwickeln und den Reichtum der liturgischen Tradition der Kirche mit Freude, Klugheit, im Geist der Nächstenliebe und mit Sachkenntnis propagieren. Unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI. hat uns in vielerlei Hinsicht die Mittel an die Hand gegeben, das zu verwirklichen, was er seinerzeit als Kardinal als so überaus notwendig bezeichnet hatte: Eine neue liturgische Bewegung. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn wir annehmen, daß genau diese Bewegung jetzt in Gang gekommen ist.