Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Zusatzinfo

Die Moderne und die „Fähigkeit zur Liturgie“

Können wir wirklich heute noch behaupten, lieber zu sterben, als auf die hl. Messe zu verzichten?

26. 6. 2010

Am 24. Juni hat Erzbischof Charles Chaput O.F.M.Cap. von Denver vor dem liturgischen Institut der University of St. Mary of the Lake in Illinois eine bemerkenswerte Rede zur andauernden Notwendigkeit einer liturgischen Erneuerung gehalten. Das englische Original als PDF-Dokument finden Sie hier. Dort finden Sie auch die nicht mitübersetzten Anmerkungen. Die Zwischenüberschriften wurden zur Verbesserung der Lesbarkeit von uns eingefügt.

Erzbischof Chaput von Denver

Ist der moderne Mensch liturgiefähig?

Ich beginne mit einer Rückschau auf eine uns in jeder Hinsicht fernliegende Szene: Mainz, Deutschland, April 1964. Gerade wenige Monate vorher, im Dezember 1963, hatte das 2. Vatikanische Konzil sein bahnbrechendes Dokument über die Liturgie veröffentlicht: Sacrosanctum Concilium wurde zu Recht als die Quintessenz des praktischen und des theologischen Geistes der Liturgischen Bewegung begrüßt. Das waren Tage der Hochstimmung, und die in Mainz zur Dritten deutschen liturgischen Konferenz Versammelten waren verständlicherweise dazu aufgelegt, sich gegenseitig zu beglückwünschen. Einer ihrer Freunde, einer der Pioniere der Liturgischen Bewegung auf dem Kontinent, konnte nicht bei ihnen sein. Dieser Freund war Pater Romano Guardini, Autor des inzwischen zum Klassiker gewordenen Werkes „Der Geist der Liturgie“.

Wenn er nicht anwesend sein konnte, so schickte Guardini doch einen langen offenen Brief, der vor dem Kongress verlesen wurde. Darin pries er das Werk des zweiten Vatikanischen Konzils als Zeugnis dafür, daß der Hl. Geist lebe und seine Kirche leite. Für ihn bedeutete Sacrosanctum Concilium einen neuen Abschnitt der liturgischen Bewegung. Aber den größten Teil seines Briefes widmete er einer differenzierten Betrachtung der Bedeutung des Gottesdienstes. Und in seinen abschließenden Zeilen trug er einen Gedanken vor, der die Versammelten verblüffte. Er schrieb:

„Ist nicht der liturgische Vollzug und damit auch alles, was als Liturgie bezeichnet wird, so sehr in einen historischen Zusammenhang eingebunden – antik, mittelalterlich oder barock – daß es ehrlicher wäre, ihn vollständig aufzugeben? Wäre es nicht besser, zuzugeben, daß der Mensch in diesem industriellen und wissenschaftlichen Zeitalter mit seinen neuen gesellschaftlichen Strukturen zum liturgischen Vollzug nicht mehr fähig ist?“

Diese Frage Guardinis verursachte einige Aufregung, aber es gibt keine Anzeichen dafür, daß Theologen oder Liturgiker seine Bedenken jemals ernst genommen hätten. Nun, ich nehme sie ernst. Ich denke, er hat seinen Finger auf eine der Schlüsselfragen der Verkündigung in seiner Zeit und auch in unserer Zeit gelegt. Mit „liturgischem Vollzug“ meinte Guardini die Verwandlung von persönlichem Gebet und Frömmigkeit in wahrhaft gemeinschaftlichen Gottesdienst, in leitourgia, den öffentlichen Dienst, den die Kirche Gott darbringt. Er erkannte an, daß das gemeinschaftliche Gebet der Kirche sich sehr vom individuellen Gebet der einzelnen Gläubigen unterscheidet.

Der liturgische Vollzug erfordert ein neues Bewußtsein, eine „Bereitschaft zu Gott“, eine innere Bewußtheit der Einheit der ganzen Person in Leib und Seele mit dem spirituellen Leib der Kirche, wie er im Himmel und auf der Erde gegenwärtig ist. Er erfordert die Wahrnehmung und Anerkennung dessen, daß die heiligen Zeichen und Riten der hl. Messe – das Stehen, Knien, Singen usw. - an sich selbst „Gebet“ sind. Guardini ging davon aus, daß der Geist der modernen Welt den Glauben, der dieses liturgische Bewußtsein ermöglichte, untergrub. Dahinter steht die Erkenntnis, daß unser glaube und unser Gottesdienst nicht in einem Vakuum stattfinden. Wir sind immer zu einem gewissen Maß Produkte unserer Kultur. Unsere Begriffsgebäude, unsere Realitätswahrnehmung werden von der Kultur geformt, in der wir leben – ob wir das wollen oder nicht.

Der Glaube in der technisch-wissenschaftlichen Welt

Ich möchte Guardinis Herausforderung in unsere aktuelle amerikanische Situation übertragen. Betrachten wir einige der Symptome: Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Technologische Fortschritt in einem ganz engen wissenschaftlichen und materialistischen Sinne das Leitprinzip darstellt. Unsere Kultur wird von den Vorstellungen dieser wissenschaftlichen und materialistischen Weltsicht dominiert. Unser Urteil darüber, was „wahr“ und was „real“ ist, folgt dem, was wir sehen, berühren und mit Forschung und Experiment überprüfen können.

Was für eine Bedeutung kann in einer solchen Kultur die traditionelle katholische Vorstellung haben, daß die menschliche Person nach dem Bild eines unsichtbaren Gottes geschaffen ist, daß die Person ein Geschöpf aus Leib und Seele ist, dem durch die Liturgie und die Sakramente der „Geist der Gottessohnschaft“ eingegossen ist?

Praktisch findet fast nichts von dem, was wir als Katholiken glauben, in unserer Kultur Bestätigung. Selbst die Bedeutung der Worte „menschlich“ und „Person“ ist umstritten. Andere Zentralpunkte der katholischen Weltsicht werden aggressiv abgelehnt oder ignoriert.

Damit stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen hat all das für unseren Gottesdienst, in dem wir doch bekennen,. Mit Leib und Seele mit geistigen Wirklichkeiten in Berührung zu sein, mit den Engeln und Heiligen im Himmel gemeinsam zu singen und auf dem Altar wahrhaft Leib und Blut unseres Herrn zu empfangen, der tot war und nun auferstanden ist?

Oder ein anderer Aspekt: Wir sind in unserem Alltag umgeben von Zeichen unserer Macht über Natur und Notwendigkeit. Überall stehen die Siegeszeichen unserer Autonomie und Selbstverantwortlichkeit: Gebäude, Maschinen, Heilverfahren, Erfindungen. Alles scheint darauf hinzudeuten, daß wir fähig sind, jedes unserer Bedürfnisse durch unser eigenes Wissen und unsere Technologie zu befriedigen. Und wieder stellt sich die Frage: Was macht das mit der zentralen Voraussetzung unseres Gottesdienstes, nämlich daß wir Geschöpfe sind, abhängig von unserem Schöpfer, und daß wir Gott für alle guten Gaben Dank schulden, angefangen mit der Gabe des Lebens?

Die gleiche Frage können wir zu unserem Auftrag zur Verkündigung stellen. Wir predigen die gute Nachricht, daß diese Welt einen Erlöser hat, der uns aus den Banden von Sünde und Tod befreien kann. Was kann unsere gute Nachricht in einer Welt bedeuten, in der die Menschen nicht glauben, daß es Sünde gibt oder daß es da irgend etwas gibt, vor dem sie gerettet werden müßten? Was bedeutet das Versprechen des Sieges über den Tod für Menschen, die an keine Wirklichkeit über diese sichtbare Welt hinaus glauben?

Hat also Guardini recht? Scheint der moderne Mensch für wahrhaften Gottesdienst unfähig zu sein? Ich denke ja. Aber die wichtigere Frage für uns ist: Wenn Guardini Recht hat – was wollen wir unternehmen?

Die Liturgie als verwandelnde Kraft

Einer der wenigen, die sich mit den von Guardini aufgeworfenen Fragen auseinandergesetzt haben, ist ein Priester aus Chicago, der auch selbst wichtige Beiträge zur liturgischen und intellektuellen Erneuerung der Kirche geleistet hat, Fr. Robert Barron.

Barron sieht die Sache so: Es geht nicht darum, die Liturgie entsprechend den Vorstellungen des Zeitalters zu gestalten, sondern darum, die Liturgie instand zu setzen, die Vorstellungen jedes Zeitalters in Frage zu stellen und zu gestalten. Ist der moderne Mensch zum liturgischen Vollzug unfähig? Wahrscheinlich. Aber das ist kein Grund zur Verzweiflung. Unser Ziel besteht nicht darin, die Liturgie der Welt anzupassen, sondern die Liturgie sie selbst sein zu lassen – als Verwandlung wirkendes Zeichen des Ordo Gottes.

Barron ist der Ansicht, daß das professionelle katholische „liturgische Establishment“ sich in der Zeit nach dem Konzil für den ersten Weg entschieden habe und versuchte, die Liturgie den Anforderungen der modernen Kultur anzupassen. Ich denke, damit hat er recht. Und ich möchte hinzufügen: die Zeit hat gezeigt, daß das eine Sackgasse war. Der Versuch, mit einem Kult der Neuerungen die Liturgie ingenieurmäßig so zu gestalten, daß sie „bedeutungsvoller“ und „verständlicher“ wird, hat nur zur Verwirrung geführt und die Kluft zwischen den Gläubigen und dewahren Geist der Liturgie vertieft.

Vier Punkte für den Aufbau einer eucharistischen Kultur

Ich möchte hier keine alten Debatten wieder aufwärmen. Wir müssen nach vorn auf Jesus Christus schauen. Das heißt, wir müssen uns der Herausforderung, die in den Worten Guardinis liegt, stellen. Die nächste große Aufgabe der liturgischen Erneuerung ist der Aufbau einer wahrhaften eucharistischen Kultur, die Verwirklichung einer neuen sakramentalen und liturgischen Sensibilität, die die Katholiken in Stand setzt, den Idolen und Denkvoraussetzungen unserer Kultur mit dem Bewußtsein von Gläubigen zu begegnen, die ihre Kraft aus den heiligen Geheimnissen ziehen, in denen wir Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott haben. Wir müssen neue Wege entdecken, um in das liturgische Geheimnis einzutreten und den zentralen Ort der Liturgie im Heilsplan Gottes zu erkennen, um unser Leben wirklich als geistige Opfergabe für Gott zu leben und unsere Verantwortung für den Lehrauftrag der Kirche in einer erneuerten eucharistischen Spiritualität anzunehmen.

1. Die Liturgie als Höhepunkt unseres Lebens

Ich hoffe, der zweite Teil meiner Rede wird einen kleinen Beitrag zu dieser Erneuerungsaufgabe leisten. Ich möchte dazu auf vier Punkte eingehen. Der erste: Wir müssen die wesensmäßige und untrennbare Verbindung zwischen Liturgie und Glaubensverkündigung wiederentdecken.

Die Liturgie ist sowohl die Quelle als auch das Ziel des Auftrags der Kirche. So hat es Christus gelehrt und die frühe Kirche praktiziert; und so hat das Zweite Vatikanum es bekräftigt.

In Sacrosanctum Concilium heißt es: „Die Liturgie ist der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. Denn die apostolische Arbeit ist darauf hin geordnet, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen.“

Das ist eine wunderbare Vision für das Leben aus der Eucharistie und für die Eucharistie. Das sollte die Grundlage nicht nur für unser Denken über die Liturgie sondern auch für unsere pastoralen Strategien bilden. Der Grund für unsere Verkündigung ist, Menschen in der eucharistischen Liturgie in Gemeinschaft mit dem Lebendigen Gott zu bringen. Und diese Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott bewegt uns wiederum zur Verkündigung.

In dieser Hinsicht war der Novus Ordo, die neue Ordnung der Liturgie, die nach dem Konzil erlassen wurde, ein großer Segen für die Kirche. Unsere Liturgie erweckt in uns den Eifer zur Verkündigung und zur Heiligung der Welt. Die Umgangssprache hat uns den Inhalt der Liturgie auf neue Weise erschlossen. Sie hat hat die aktive und tätige Teilnahme aller Gläubigen gefördert, und das nicht nur in der Liturgie, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Auftrags.

Dabei möchte ich jedoch anmerken, daß ich dem heiligen Vater sehr dankbar für seine Erlaubnis zur freieren Verwendung der tridentinischen Liturgie bin. Nicht, weil ich sie persönlich vorziehen würde - tatsächlich sehe ich im Novus Ordo, wenn er korrekt zelebriert wird, einen viel reicheren Ausdruck unseres Gottesdienstes – sondern weil wir den Zugang zum gesamten Erbe von Gebet und Glauben der Kirche brauchen.

So läuft also mein erster Punkt darauf hinaus, daß wir die Liturgie nicht als etwas betrachten können, das mit unserem Auftrag nichts zu tun hat. Unser Gottesdienst in der hl. Messe soll ein Akt der Anbetung, der Anerkennung und des Dankes sein. Er soll auch eine liebende Anerkennung unserer Berufung als Jünger sein. Deshalb endet jede eucharistische Liturgie mit einem Auftrag zur Verkündigung – wir werden ausgesandt und beauftragt, den Schatz, den wir entdeckt haben, mit jedem zu teilen, dem wir begegnen.

2. Das Fenster zur himmlischen Liturgie

Damit bin ich bei meinem zweiten Punkt: Die Liturgie ist Teilnahme an an der himmlischen Liturgie, in der wir Gott in Geist und Wahrheit mit der Kirche der ganzen Welt und der Gemeinschaft der Heiligen verehren.

Das ist der heute vielleicht am meisten vernachlässigte Aspekt der Liturgie. Wenn unsere Liturgiefeiern uns als alltäglich, verengt gemeindebezogen, und zu sehr auf die eigene Gemeinschaft und deren Bedürfnisse konzentriert vorkommen, wenn ihnen der kraftvolle Sinn für das Heilige und das Transzendente fehlt, dann kommt das daher, daß wir den Sinn dafür verloren haben, wie unsere Liturgie an der himmlischen Liturgie teil hat.

Um das besser zu verstehen möchte ich an die Legende darüber erinnern, wie das Christentum nach Russland kam. Wie es heißt, war um das Jahr 988 Großfürst Vladimir I. Von Kiew auf der Suche nach einer nationalen Religion. Er schickte Abgesandte in die Nachbarländer um die Eignung des Judentums, des Christentums und des Islam zu erkunden. Bei ihrer Erkundungsmission hatten die Leute des Fürsten auch Gelegenheit zur Teilnahme an einer Eucharistiefeier in der großen Kirche zur Hagia Sophia in Konstantinopel.

Sie waren vor Ehrfurcht überwältigt, und als sie nach Hause kamen, gaben sie folgenden Bericht: Wir kamen zu den Griechen und sie nahmen uns mit an jenen Ort, an dem sie ihren Gott verehren... Wir wissen nicht, ob wir im Himmel oder auf der Erde waren, wir wissen nur, daß dort Gott unter den Menschen wohnt.“ Kurz darauf ließ sich Vladimir I. taufen und forderte auch all seine Landsleute zur Taufe auf. Diese Geschichte geht auf alte Quellen zurück, und heute halten viele Historiker sie für eine nachträgliche Erfindung. Aber in jedem Fall beleuchtet sie die kosmische und die missionarische Dimension der Liturgie.

Die Eucharistie, wie sie die Männer des Fürsten von Kiev erlebt haben sollen, ist eine kosmische Liturgie, die den Dienst vor Gott im Himmel mit unserem Gottesdienst hier auf der Erde vereinigt. In der Göttlichen Liturgie kommt sein Reich wie im Himmel also auf Erden; Himmel und Erde sind erfüllt von seiner Herrlichkeit. Das ist, was wir glauben – aber ich weiß nicht, wie viele Gläubige das auch tatsächlich leben.

Wir erblicken die himmlische Liturgie in der Geheimen Offenbarung.Denken Sie daran, wie dieses Buch beginnt. Der hl. Johannes ist „im Geist des Tages des Herrn“ - in anderen Worten: Er feierte die Eucharistie an einem Sonntag, als ihm eine Vision des Dienstes vor Gott im Himmel und in der künftigen Welt zuteil wurde.

Das Buch ist voll mit liturgischen und sakramentalen Bildern. An einer Stele sieht Johannes eine unüberschaubare Menge aus jedem Stamm, jeder Sprache, jedem Volk und jeder Nation im Gottesdienst vor dem Lamm Gottes. Höhepunkt des Buches ist die Herabkunft „eines neuen Himmels und einer neuen Erde“ und die Ankündigung: „Wahrhaft, Gott wird bei den Menschen wohnen“.

Dazu möchte ich zweierlei anmerken:

  • Unser Gottesdienst ist ein Sinnbild himmlischer Dinge, ein Fenster, durch das wir einen Blick auf die Wirklichkeit und die Bestimmung unseres Lebens werfen können.
  • Die himmlische Liturgie bildet den Schlüssel zur Universalität des Auftrags der Kirche. In der katholischen Vision der Geschichte besteht der Höhepunkt von Gottes Heilsplan in einer kosmischen Liturgie, in der die ganze Schöpfung sich im Lob und Preis vor Gott, dem Schöpfer aller Dinge, vereinigt. Jedesmal, wenn wir die Liturgie auf der Erde feiern, haben wir einen Vorgeschmack der liturgischen Vollendung der Geschichte.

Diese Wahrheit muß die Art unserer Gottesdienste umformen. Sie muß uns mit Dankbarkeit erfüllen, daß unser Gott uns das Privileg gibt, uns dem Gottesdienst der Engel und Heiligen in seiner Gegenwart anzuschließen.Sie muss uns dazu veranlassen, uns um Liturgien zu bemühen, die ehrerbietig und schön sind und Herz und Sinn zum Überirdischen erheben.

Diese Wahrheit muß auch die Art verändern, wie wir über unser öffentliches Zeugnis in dieser Kultur denken. Wir sind dazu aufgerufen, Zeugnis für Jesus Christus abzulegen, seine Lehre zu verbreiten und gegen alles zu kämpfen, das Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit verletzt. Und wir müssen unseren Auftrag im Licht von Gottes größerem Plan begreifen, der seit Anbeginn der Zeit besteht.

Das letzte Ziel unseres Zeugnisses besteht darin, den Weg für jene kosmische Liturgie zu bereiten, in der die ganze Menschheit den Schöpfer anbetet.Unsere Arbeit hat Anteil am Erlösungsplan Christi zur Versöhnung aller Dinge bis zu dem Tag, an dem sich jedes Knie im Himmel und auf Erden in seiner Verehrung beugen wird und Gott „Alles in Allem“ ist, wie der hl. Paulus es ausgedrückt hat.

3. Das liturgische Leben der Märtyrer

Und nun zu meinem dritten Punkt: wir müssen uns mühen, die gleiche lebendige liturgische und evangelische Spiritualität wiederzugewinnen und zu leben, die die frühe Christenheit hatte.

Einige der übelsten liturgischen Tendenzen nach dem Konzil beruhten auf wirren romantischen Vorstellungen vom Glauben und vom Gottesdienst der frühen Christen. So wurde zum Beispiel behauptet, die frühe Christenheit habe kein sakramentales Priestertum gekannt und die Liturgie ohne besonderes Ritual gefeiert, im Wesentlichen als ein Gemeinschaftsmahl unter Freunden.

Ich kann mir hier nicht die Zeit nehmen, dieser Behauptungen zu widerlegen. Die Problematik all dieser nostalgisch-primitivistischen Rekonstruktionen kann man in einem Satz zusammenfassen: Niemand nimmt Folter und Tod auf sich für ein Mahl unter Freunden. Folter und Tod waren jedoch häufige Strafen, wenn jemand in den frühen Zeiten der Kirche bei der Feier der Eucharistie angetroffen wurde.

Wir können dazu auf eine große Zahl von Berichten verweisen. Einer, der mich ganz besonders berührt, stammt aus dem Jahr 304 während der großen Verfolgung unter Diokletian. Damals wurde eine Gemeinde in Abitina in der Nähe von Karthago ausgehoben. Einer der Zeugen hat wenige Jahre nach dem Ereignis ein brutalen und schonungslosen Bericht über ihre Folterung aufgeschrieben, aus dem uns der Glaube der Menschen an die Eucharistie entgegenleuchtet.

Auf die Frage, warum er dem kaiserlichen Befehl entgegen handle, antwortete ein junger Lektor namens Felix: „Man kann doch kein Christ sein ohne die Eucharistiefeier und die Eucharistie kann nicht ohne Christen gefeiert werden. Der Christ existiert durch die Eucharistie, und die Eucharistie in den Christen. Das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wir haben die erhabene Versammlung gefeiert; wir haben uns versammelt, um die Schriften des Herrn bei der hl. Messe zu lesen.“

In diesem Bekenntnis begegnen uns genau die Gegenstände, von denen wir eben gesprochen haben. Für diese Jünger ist die hl. Messe nicht nur ein Mahl; es ist eine „erhabene Versammlung“, eine himmlische Liturgie. Diese Liturgie definiert ihre Identität als Christen, und sie definiert auch die Identität der Kirche, so daß einer von Felix' Mitmärtyrern bekannte: „wir können ohne die Messe nicht leben“. Diese Art von Glaube muß auch unseren Gottesdienst inspirieren. Und unsere Art von Gottesdienst muß diesen Glauben inspirieren. Können wir heute wirklich davon sprechen, lieber zu sterben, als auf die hl. Messe zu verzichten?

Die Liturgie kann uns nur dann inspirieren, wenn wir sie in den Mittelpunkt unserer Tage stellen. Und das ist uns hier als Aufgabe gestellt. Das Herzstück einer neuen eucharistischen Kultur muß die sonntägliche Messfeier sein. Nichts bringt den Einfluss der Gegenwartskultur auf die Eucharistie besser zum Ausdruck als die Tatsache, daß wir den Sonntag nicht länger als den ersten Tag der Woche ansehen, sondern als letzten Tag unseres „Wochenendes“.

Jesus Christus ist „am ersten Tag der Woche“ von den Toten auferstanden. Deshalb heiligten die ersten Christen den Sonntag als „das wöchentliche Ostern“, als den Tag des Herrn. Und deshalb sollten wir es ebenso halten.

Die hl. Messe sollte das geistliche Opfer sein, das wir am Beginn jeder Woche darbringen, und nicht etwas, das wir irgendwie in unsere Freizeitaktivitäten einplanen, bevor wir montags wieder zurück zur Arbeit müssen. Selbst diese geringfügige Veränderung im Ansatz könnte tiefgehende Auswirkungen darauf haben, wie wir Gottesdienst feiern und unseren Glauben in der Welt leben.

4. Was das „Priestertum aller Getauften“ wirklich bedeutet

Mein vierter und letzter Punkt: Die Eucharistie ist eine Schule der opferbereiten Liebe. Das Gesetz unseres Gebetes muß auch das Gesetz unseres Lebens sein. Lex orandi, lex vivendi. Wir sind dazu bestimmt, das Opfer zu werden, das wir feiern. Es ist erstaunlich, wie viele Berichte von frühchristlichen Märtyrern – insbesondere von Bischöfen und Priestern – in Art einer „eucharistischen Metapher“ erzählt werden.

Geradezu klassisch dafür ist das Martyrium des alten Bischofs Polycarp – der gesamte Bericht entwickelt sich in der Dramaturgie einer Liturgie. Polycarp trägt sogar ein langes Gebet nach dem Vorbild des Eucharistischen Kanons der Messe vor. Am Schluss bittet Polycarp in Aufnahme eines Gebetes aus der Messe darum, „möge ich an diesem Tag als ein reiches und wohlgefälliges Opfer angenommen werden“. Die Schilderung fährt dann damit fort, wie er bei lebendigem Leibe gebraten wird, und die Zeugen bekräftigen, daß sie kein verbranntes Fleisch, sondern den Duft frisch gebackenen Brotes gerochen haben.

Das andere klassischen Beispiel ist der hl. Ignatius, Bischof von Antiochien. Als er im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartete – er sollte wilden Hunden vorgeworfen werden – schrieb er: „Ich bin der Weizen Gottes, und ich werde von den Zähnen wilder Tiere zermahlen um zu zeigen, daß ich Christi reines Brot bin.“

Aber nicht nur die Märtyrer sahen sich sich als eucharistische Opfergabe. Sie und ich sollten uns ebenso sehen, und jeder getaufte Gläubige ebenfalls. Wieder und wieder lesen wir im Neuen Testament, daß wir alle aufgerufen sind, uns selbst Gott als lebendiges Opfer des Lobes darzubringen, aus uns selbst ein vollkommenes Opfer zu machen, das vor Gott heilig und wohlgefällig ist.

Das ist einer der Grundsteine des katholischen Glaubens an das Priestertum aller Getauften. Die frühen Christen glaubten, daß sie Erben der Berufung Israels waren, '“ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk“. Durch das Priestertum unseres Lebens sollen wir Gläubigen in der Nachfolge Christi nicht das blutige Opfer von Tieren, sondern das Opfer unseres Herzens, das Symbol unseres Lebens, darbringen.

Das Geheimnis der tätigen Teilnahme

Wir bringen unser Lobopfer an erster und vornehmster Stelle in der Eucharistie dar. Das ist der Hintergrund des Aufrufs des Konzils zu einer „tätigen Teilnahme“ der Laien an der Liturgie. Dieser Begriff wurde unglücklicherweise als Rechtfertigung für alle möglichen äußerlichen Aktivitäten, Regsamkeiten und Geschäftigkeiten im Gottesdienst benutzt. Aber das ist ganz und gar nicht das, worum es dem 2. Vatikanischen Konzil ging.

„Tätige Teilnahme“ bezieht sich auf die innere Bewegung unserer Seelen, auf unsere innere Beteiligung an Christi Tat der Opferung seines Leibes und seines Blutes. Das verlangt stille Zeiten und Pausen in unserem Gottesdienst, in denen wir unsere Gefühle und Gedanken sammeln und einen bewußten Akt der Selbstaufopferung vornehmen. Wir sollen „unsere Herzen erheben“ und zerknirscht und demütig zusammen mit dem Brot und dem Wein auf dem Altar niederlegen.

Aber unser Auftrag endet nicht mit der Messe.

Alles in unserem Leben – unsere Arbeit, unsere Leiden, unsere Gebete, unser Dienst – alles, was wir tun und erfahren soll Gott als ein geistiges Opfer dargebracht werden. All unser Tun für die Ungeborene Kinder, die Armen und Behinderten, all unsere Arbeit für Gerechtigkeit gegenüber Immigranten und für die Würde von Ehe und Familie – das alles müssen wir zum Lobe und zum Ruhme des Namens Gottes und zum Heil unserer Brüder und Schwestern aufopfern.

Darin liegt eine andere bedeutende Lehre des Konzils, die wir noch in unsere übliche katholische Spiritualität integrieren müssen. In Lumen Gentium hat das Konzil gelehrt „Bei der Feier der Eucharistie werden (all unsere Werke) mit der Darbringung des Herrenleibes dem Vater in Ehrfurcht dargeboten. So weihen auch die Laien, überall Anbeter in heiligem Tun, die Welt selbst Gott. “ (LG 34)

Alles, was wir tun – in der Liturgie und in unserem Leben in der Welt – soll in dem Dienst stehen, diese Welt Gott zu weihen. Und so, liebe Zuhörer, haben wir einen vollen Kreis zurückgelegt. Das ist die Antwort auf die Herausforderung Guardinis. Sie, wir alle, sind die Antwort auf die Herausforderung Guardinis.

Der liturgische Vollzug wird für den modernen Menschen dann möglich, wenn wir aus unserem Leben eine Liturgie machen, wenn wir unser Leben liturgisch leben – als Opfer des Dankes und des Lobes an Gott für seine Gaben und seine Erlösung. Wir sind die Zukunft der liturgischen Erneuerung.

Der liturgische Vollzug wird für den modernen Menschen dann möglich, wenn wir unser Leben und unsere Arbeit im Licht von Gottes Plan für die Welt sehen, im Licht seines Willens, daß alle Männer und Frauen gerettet werden und zur Kenntnis der Wahrheit kommen.

Das Geheimnis, das wir mit den Engeln und den Heiligen feiern, muß Wurzeln schlagen tief in unserem Leben und in unserer Persönlichkeit. Es muß Frucht tragen. Jeder von uns muß seinen eigenen und individuellen Beitrag zu Gottes Liebesplan machen – damit alle Schöpfung zur Anbetung und zum Opfer seines Lobes werde.