Motu Proprio: Summorum Pontificum

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Meine zweite Primiz

Ein Priester, der nur das Missale Pauls VI. kannte, beschreibt seine erste Begegnung mit der alten Messe

Am 23. September ging ich durch das Schiff unserer Pfarrkirche und machte eine Kniebeuge und das Kreuzzeichen mit den Worten In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. So begann meine erste Messe nach dem Missale Romanum von 1962 - mehr als 22 Jahre nach meiner ersten Erfahrung mit der Feier der Eucharistie.

Als Papst Benedikt seinen Brief vom 7. Juli herausgab, indem er die meisten Einschränkungen für den Gebrauch der sogenannten Tridentinischen Messe aufhob, schwankte ich in meinen ersten Reaktionen zwischen einer leichten Irritation (werden sich daran Konflikte entzünden, Wie sollen wir solche Messen jemals anbieten?) und einem unbestimmten Interesse (vielleicht gibt es ja doch irgendeinen verborgenen Schatz in der alten Messe).

Innerhalb einer Woche kamen dann die ersten Briefe. Einige verlangten eine Lateinische Messe für jeden Sonntag und behaupteten, der Papst habe ihre regelmäßige Zelebration angeordnet. Anderer waren vernünftiger. Im August traf ich mich dann mit einem Dutzend Pfarrangehörigen, die die alte Messe haben wollten. Das Treffen wurde ziemlich hitzig, nachdem ich erklärt hatte, daß ich als Priester noch nie die alte Messe zelebriert und sie auch als Messdiener nur zwei Jahre lang erlebt hätte, bevor alles anders wurde. Einige dachten, ich würde nur Unwissenheit vorschrieben, um mich zu drücken.

Einige Tage nach dem Treffen bekam ich ein 62er Missale, schaute es mir an und stellte widerstrebend fest, daß ich mehr Latein konnte, als ich gedacht hatte. Mein ursprüngliche Abwehrhaltung wankte unter dem Gewicht meines eigenen pastoralen Selbstverständnisses, das sich größtenteils vom 2. vatikanischen Konzil herleitet. Wie konnte ich als Befürworter des größtmöglichen Pluralismus innerhalb der Kirche mich gegen eine zugelassene Liturgische Form stellen? Als ein Hirte, der versucht, auf die Menschen zuzugehen, die sich von dem ihrer Meinung nach starren Konservatismus der Kirche abgestoßen fühlen – wie konnte ich mich da Menschen entziehen, die sich von Priestern wie mir selbst nicht angenommen fühlten – progressiven, volksverbundenen Pfarrern ohne ein Organ für die traditionelle Frömmigkeit? Eine Gewissenserforschung enthüllte eine Ungleichgewicht in meinem pastoralen Herangehen: Eine entgegenkommende Offenheit gegenüber „links“ (Feministen, Abtreibungsbefürwortern, unverheiratet zusammenlebenden und weltlich eingestellten Katholiken) und eine stets wache Skepsis gegenüber „rechts“ (Traditionalisten).

Nachdem ich mich entschieden hatte, die Tridentinische Messe in den Plan aufzunehmen, begann ich mit der mühsamen Arbeit, meine Lateinkenntnisse so wiederzubeleben, daß ich die Liturgie in einer frommen und verständlichen Weise feiern könnte. Als ich die lateinischen Texte und die verwickelten Rubriken studierte, die ich als Junge nie wahrgenommen hatte, entdeckte ich, daß die priesterliche Spiritualität und die Theologie des alten Ritus gerade das Gegenteil von dem waren, was ich erwartet hatte. Wo ich mit einer „hohepriesterlichen“ und „pfarrherrlichen“ Einstellung gerechnet hatte, fand ich statt dessen die Haltung des „unwürdigen Werkzeuges für das Wohl der Menschen“.

Die bis in die letzten Kleinigkeiten gehende Regelungen der Rubriken ließen mich sich wie eine Maschine ohne eigene Persönlichkeit fühlen – aber dann fragte ich mich: ist das denn so verfehlt? Tatsächlich fühlte ich mich wie befreit von der ständigen Notwendigkeit etwas darzustellen, mitzureißen, ein immer freundlicher Zelebrant zu sein. Als ich in unserer örtlichen Presse ein Photo der alten Messe sah, erkannte ich plötzlich die geradezu geniale Fähigkeit des Ritus, den Priester klein zu machen. Von der Chorempore aus aufgenommen, war ich nur noch ein kleiner grüner Fleck, der vor dem Hochaltar fast verschwand. Der Brennpunkt war nicht der Priester, sondern die versammelte Gemeinde. Und ist das nicht ein zutreffendes Abbild der Kirche, des Volkes Gottes?

Als ich den römischen Canon langsam und mit leiser Stimme sprach, unterstrich das noch meine eigene Kleinheit und meine Eigenschaft als Werkzeug. Während ich die ersten vielleicht 50 Worte des Canons stammelte, fühlte ich eine ungeheure Einsamkeit. Als es dann weiter ging, nahm ich auch die absolute Stille hinter mir wahr – 450 Menschen jeden Alters, die im Gebet auf geheimnisvolle Weise mit den Worten, die ich murmelte, und den Ritualen, die ich stockend und ungeschickt vollführte, verbunden waren. Nach der Konsekration überkam mich beim Hinschauen auf das Sakrament eine paradoxe Erfahrung von großer Einsamkeit und gleichzeitig eines Gefühls intensiver Verbundenheit mit der Menge hinter mir.

So viel Gewinn mir diese Erfahrung gebracht hat, so muß ich doch bekennen, daß ich mich irgendwie seltsam, unbeholfen und nicht ganz bei mir gefühlt habe. Einige der rubrizistischen Vorschriften wie z. B. Daumen und Zeigefinger nach der Konsekration für nichts anderes zu benutzen als die Hostie zu halten, haben mich gelähmt. Vom Stil her entspricht mir das irgendwie nicht wirklich, und ich kann mir auch nicht vorstellen, Spitzen zu tragen. Aber als Priester muß ich mich vielen Stilen anpassen und viele schwierige Dinge tun. Warum sollte das hier anders sein? Vielleicht ist das eine neue Form priesterlicher Askese: Pastorale Anpassung zum Wohle einer Minderheit.

Mein widerstrebendes Eingehen auf die Lateinische Messe hat meine eigene priesterliche Spiritualität, die aus dem 2. Vatikanum kommt, nicht untergraben. Eher ergänzt und bestätigt es die Lehre des Konzils, daß der Priester ein Werkzeug Christi ist, dazu berufen, jedermann ungeachtet des theologischen oder liturgischen Stils zu dienen. Letzten Endes hat es wenig zu bedeuten, ob die Messe auf Latein oder in der Umgangssprache gefeiert wird, ob ich die Menschen beten sehe oder ihr Schweigen hinter mir höre. Ich weiß, was mir lieber ist – aber der Dienst muß dem vorangehen.

Dieser Bericht von Fr. Michael Kerper erschien zuerst in der Zeitschrift „America“, die von den amerikanischen Jesuiten herausgegeben wird. Er wurde am 27. 11. in das Blog von Fr. Zuhlsdorf übernommen und dort breit diskutiert. Wir verzichten hier auf jede durchaus mögliche kritische Anmerkung zu diesem Bericht, der so, wie er ist, für sich stehen soll und kann. Im Laufe des Tages meldete sich übrigen Fr. Kerper im Blog von Fr. Zuhlsdorf kurz zu Wort und teilte dabei mit, daß er am 2. 12. eine weitere hl. Messe im älteren Gebrauch feiern wird.