Bischof André-Mutien Léonard
Was die Bischöfe tun können
18. 1. 2010
Im Juli 2001 trafen sich in kleiner Runde mehrere Theologen im Kloster Fontgombault, um sich unter dem Vorsitz von Kardinal Joseph Ratzinger über die Möglichkeiten zur Behebung der liturgischen Krise in der Kirche auszutauschen. Einziger teilnehmender Diözesanbischof war André-Mutien Léonard, damals Bischof von Namur. Die Redebeiträge dieses Treffens sind 2003 im Verlag von St. Michael's Abbey, Farnborough in englischer Sprache erschienen. Wir übersetzen daraus wesentliche Teile eines Diskussionsbeitrages von Erzbischof Léonard, dort S. 33 - 35.
Ein Bischof kann durch seine eigene Zelebrationsweise seine Gläubigen inspirieren und seine Priester und das Volk gleicherweise zu einer ausgewogenen Art der Feier motivieren, die einerseits das Mysterium ausdrückt und gleichzeitig das Herz der Menschen von heute anspricht. Er kann das bei den wichtigen Anlässen tun (der Chrisammesse, bei Priesterweihen, Pilgerfahrten, großen Veranstaltungen, Firmungen usw.), und er kann das bei den regelmäßigen Messfeiern in den Pfarreien seiner Diözese tun.
Bei einigen dieser Anlässe – etwa bei Pastoralbesuchen – kann der Bischof auch über bestimmte Aspekte der Liturgie predigen. Er kann beispielsweise ab und zu die Bedeutung der liturgischen Körperhaltungen in Erinnerung rufen, des Stehens, Sitzens und Kniens. In einigen Ländern des nördlichen Europa ist die Gewohnheit entstanden, fast während der ganzen Dauer der Messe zu sitzen, als ob der Hl. Paulus geschrieben hätte. „Ich falle auf meinen Sitz vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Darauf muß man reagieren und Stellung beziehen. Das gleiche gilt für die Art des Empfanges der hl. Kommunion. Die Handkommunion die in diesen Ländern weit verbreitet ist, kann auch würdig und respektvoll erfolgen. Aber sehr oft sieht das ganz anderes aus. Oft, ja sogar meistens, verläuft der Empfang der Kommunion hastig, unandächtig und in trivialisierter Form. Bei Jeder Firmung könnte der Bischof zum Beisiel die Gläubigen an die beiden Weisen des Empfangs der Kommunion erinnern und sie ihnen erklären. Ich habe das versucht, und jetzt nach zehn Jahren sehe ich auch einige Erfolge. Die Predigten des Bíschofs und seine Medienbeiträge könnten mit der Unterstützung seiner Liturgiekommission ein wirkungsvolles Mittel darstellen, um die Gläubigen zu instruieren und so die Praxis der Liturgie positiv zu beeinflussen.
Andererseits kann der Bischof allein auch nicht sehr viel ausrichten, weil die liturgische Atmosphäre sehr stark von weltweiten Faktoren bestimmt wird, da gibt es sehr unterschiedliche Tendenzen, die viel mit dem kulturellen Umfeld zu tun haben. Man muß also auch auf einer Ebene tätig werden, die zugleich weiter und tiefer ist.
Notwendigkeit einer breitangelegten Bewegung
Auf längere Sich brauchen wir sowohl unter theologischen wie unter pastoralen Aspekten eine neue internationale liturgische Bewegung, die sich bemüht, durch einen fundierten Rückgriff auf die Tradition eine bessere Balance zu erreichen.Das Buch von Kardinal Ratzinger, das schon im Titel auf den „Geist der Liturgie“ von Romano Guardini anspielt, könnte mit einigen anderen einen Weg nach vorne weisen. Eine solche liturgische Bewegung bräuchte ihre Zeit, zehn, zwanzig oder dreißig Jahre. In gewisser Weise hat die Kirche viel Zeit, auch um sicher zu gehen, daß die Liturgie, die von einer solchen Bewegung vorangebracht wird, wirklich die Kraft zur Formung einer authentischen Entwicklung hat.
Natürlich kann man dagegen einwenden, die Kirche möge Zeit haben – aber die Familien hätten diese Zeit nicht, und sie müssen schnell eine geeignete liturgische Umgebung für ihre Kinder finden. Das ist richtig. Die Kirche braucht ihre Zeit, eine tragfähige Liturgische Bewegung ins Werk zu setzen. Auf kurze Sicht müssen daher die Eltern sich zunächst selbst nach Orten umsehen, die ihren Kindern die Entwicklung eines guten liturgischen Bewußtseins ermöglichen. Wenn sie das traurigerweise in ihrer eigenen Pfarrei nicht vorfinden, dann haben sie das Recht und sogar die Pflicht, sich anderswo nach nach Gottesdiensten umzusehen, die in Lehre und Liturgie die erforderliche Qualität aufweisen. Dabei geht es nicht um eine Suche nach ästhetisch besonders ausgefeilten Messfeiern, sondern darum, die Wahrheit der Liturgie zu finden. Und das gibt es in kleinen Orten mit begrenzten Mitteln ebenso wie in Stadtregionen mit größeren Ressourcen.
Der vorangehende Absatz ist im Buch als Fußnote gesetzt - er wurde von Msgr Léonard möglicherweise nachträglich eingefügt.
Ein weiterer positiver Beitrag bestünde darin, einmal ein Verzeichnis der tatsächlichen Gewinne aus der nachkonziliaren Liturgiereform aufzustellen und dem die Vorteile aus der rechtmäßigen Erhaltung der alten Liturgie gegenüberzustellen, um sie bekannt zu machen und zu fördern.
Noch wichtiger wäre es, wenn jede Bischofskonferenz die Qualität der Professoren der Liturgie in ihren Seminaren genauer überwachte und dort, wo diese Professoren selbst ihre Ausbildung erhalten, nur die allerbesten Kräfte förderte.
Und ein letzter Punkt: Auf lange Sicht kommt den Klöstern, den Abteien und den neuen Gemeinschaften eine ganz entscheidende Rolle zu. Die Gläubigen, die dort die Messe besuchen, tun das nicht aus geografischer Notwendigkeit, sondern nach freier Wahl. Damit haben diese Gemeinschaften ein viel größeres Maß an Freiheit. Wenn ein Pfarrer die Verwendung der Gregorianik fördern oder die hl. Messe in der traditionellen Richtung nach Osten zelebrieren wollt, muß er gegen viel Kritik und Widerstand ankämpfen. In einer Gemeinschaft, die keine Pfarrei ist, kann man eine korrektere Feier der Liturgie erreichen, die sich weniger der aktuellen Mode unterwirft, ohne die Gläubigen in Unruhe zu versetzen, weil wir es hier mit einer Gemeinde zu tun haben, deren Mitglieder sich freiwillig dort zusammenfinden. Durch regelmäßige oder gelegentliche Teilnahme an solchen Liturgien kann man die Gläubigen ohne sie zu irritieren zu einer neuen und gesünderen liturgischen Praxis führen. Das könnte eine enorme Hilfe zu ihrer Verbreitung darstellen.
Die uns vorliegende englische Übersetzung der auf französische gehaltenen Beiträge ist an zwei oder drei Stellen nicht ganz klar. Wir haben uns bemüht, auch in solchen Fällen verständliche Übersetzung zu finden, konnten jedoch keinen Vergleich mit einem Original anstellen, um letzte Zweifel auszuräumen.