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Wo verlaufen die Bruchlinien?

Bild: Screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=DgyOEAF2h9w&feature=youtu.beWo so viel von Bruch und Spaltung in der Kirche die Rede ist, stellt sich immer dringlicher die Frage: Wo genau verlaufen eigentlich die Bruchlinien – und welche Rolle spielt dabei die überlieferte Liturgie? Äbtissin Christiana Reemts OSB von Mariendonk hat dazu unter Datum vom 8. Februar einen durchaus lesenswerten Beitrag auf dem Blog der Abtei (https://mariendonk.de/index.php/blog) veröffentlicht, in dem sie die Situation ihres Kloster als „zwischen allen Stühlen“ beschreibt: „Die Progressiven finden uns hoffnungslos altmodisch, die Konservativen lehnen uns ab, weil wir nicht die tridentische Messe feiern und die Mundkommunion nicht für die Mitte unseres Glaubens halten.“ Mag sein, daß Sr. Christiana da ungute Erfahrungen gemacht hat – in Tradiland gibt es auch Leute mit einem ausgesprochen wenig charmanten Diskussionsstil. Aber die eigentliche Grenze zwischen „katholisch“ und „nicht mehr katholisch“ - eine Unterscheidung, die getroffen werden kann und in vielen Fällen auch getroffen werden muß – verläuft nicht entlang dieser beiden Fragen.

Rechtlich ist die Sache ganz eindeutig – und die römische Kirche als Erbin der Rechtskultur Roms tut gut daran, die Bedeutung von Geist und Buchstaben des Rechtes auch in Zeiten der allgemeinen Verwilderung hochzuhalten. Der „Novus Ordo“ nach dem Messbuch Pauls VI. ist (ein) ordentlicher Ritus der römischen Kirche, wer als Zelebrant oder Gemeindemitglied die Messe nach der Ordnung dieses Messbuchs feiert, kann nicht deshalb außerhalb der katholischen Gemeinschaft stehen. Ähnliches, wenn auch nicht genau das gleiche, gilt für die Handkommunion.

Von dieser grundsätzlichen Ebene zu unterscheiden sind zwei andere Aspekte des Problems: Ist die „neue Liturgie“ die geeignete, ja sogar die einzig sinnvolle und zulässige Antwort auf die Krise des Christusglaubens im 20. Jahrhundert? Und zum zweiten: Ist die Praxis der neuen Liturgie überall oder zumindest in der Regel von dem Willen geprägt, die Identität der Kirche mit sich selbst – und damit mit Christus – zu erhalten und in die Zukunft weiter zu tragen?

Hier geht es weiterDie erste Frage kann 5 Jahrzehnte nach Einführung der Reform ganz klar mit „Nein“ beantwortet werden. Der bereits vor dem Konzil einsetzende Niedergang des Glauben ist nach Einführung der neuen Liturgie ungebremst weiter gegangen, hat sich wohl in den vergangenen Jahren noch einmal noch beschleunigt. Die Architekten der neuen Liturgie und ihr Promulgater Papst Paul, die sich davon einen „neuen Frühling“ versprachen, haben sich geirrt und sind von der Wirklichkeit gnadenlos dementiert worden. Das entzieht dem Festhalten an der (Re)Form nicht jede Legitimiät, aber es ist zumindest ein unüberhörbarer Aufruf zu Bescheidenheit und Demut, vor allem im Umgang mit denen, die das Unglück hatten kommen sehen. Papst Benedikt, ursprünglich durchaus Befürworter der Reformideen, war dazu immerhin ansatzweise bereit. Die Mehrheit der französischen Bischofskonferenz (um nur eine gerade entsprechend hervorgetretene Gruppe zu nennen), ist es nicht und arbeitet nach Kräften darauf hin, die überlieferte Liturgie aus dem Leben einer Kirche herauszuschneiden. Sie soll sich aus der Identität mit ihrer Vergangenheit lösen.

Und genau das ist die Brücke zur zweiten Frage und der darauf zu gebenden Antwort. Nicht zuletzt wegen theologischer und konzeptioneller Mängel bei der übereilten Erarbeitung und Einführung des neuen Ordo bietet diese Liturgie der inzwischen in vielen Nationalkirchen durchgesetzten modernistischen Theologie zahllose Ansatzpunkte, den von Christus über seine Apostel der Kirche anvertrauten Glauben zu verwässern, zu verändern und zu entstellen – ja in vielen Bereichen sogar in sein Gegenteil zu verkehren. Die Praxis der Handkommunion, die vielerorts dazu beigetragen hat, das Bewußtsein für das übernatürliche Wesen der Eucharistie zu schwächen und durch die Vorstellung eines Gemeinschaftsmahles zu ersetzen, ist nur eines von zahllosen Beispielen, die dafür angeführt werden könnten.

Ja, es stimmt: Auch die Neue Liturgie kann würdig gefeiert werden, den Menschen, die dazu aufnahmebereit sind, die Gnaden des Messopfers vermitteln und den Glauben stärken. Sie kann das – wenn alle Beteiligten ihre Kräfte darauf richten, die sich anbietenden oder gar aufdrängenden Ansatzpunkte (man denke an die zensierte Lesordnung) für eine modernistische Umdeutung nicht zur Geltung kommen zu lassen. In vielen Pfarreien ist das nicht gelungen. In anderen Gruppierungen (z.B. aus dem charismatischen Spektrum, aber auch in klösterlichen Gemeinschaften wie z.B. Heiligenkreuz) demgegenüber schon eher. Vielleicht auch in Mariendonk, wo die Benediktinerinnen an der alten Tradition der Paramentenstickerei festhalten – wenn auch in Formen, die der Ästhetik der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verhaftet sind und die wegen ihrer Orientierung an der celebratio ad populum im traditionellen Bereich wohl kaum Nachfrage findet. Bei den Modernisten übrigens ebenfalls immer weniger – insoweit hat das „zwischen den Stühlen“ schon eine Grundlage.  Trotz solcher und vermutlich noch diverser anderer Unterschiede in Stil und Spiritualität wird niemand solche am überlieferten Glauben festhaltenden Gemeinschaften aus dem katholischen Multiversum ausgrenzen wollen – aus dem sich andere gerade mit zunehmender Geschwindigkeit entfernen.

Im Blogeintrag, der dem „Zwischen den Stühlen“ vorausgeht hat Äbtissin Reemts das, worum es geht, deutlich angesprochen:

Die Kirche muss sich verändern. Ja und nochmals Ja! Aber nicht nach dem Maßstab der säkularen Gesellschaft, sondern im Hören auf Gottes Wort. Und was sagt das Wort Gottes uns? „Ihr sollt nicht das Gleiche tun wie diese Völker, wenn ihr den Herrn, euren Gott, verehrt... Ihr sollt nicht tun, was jeder Einzelne für richtig hält, wie es hier bei uns heute noch geschieht“ (Deut 12,4.8). Und das Volk antwortet heute dasselbe, was das Volk Israel damals dem Propheten Samuel geantwortet hat: „Wir wollen wie alle anderen sein“ (1Sam 8,20).

Wenn diese Einsicht das Leben und den Glauben der Benediktinerinnen von Mariendonk bestimmt, dann sitzen sie auch nicht wirklich „zwischen den Stühlen“. Und wenn das anzuerkennen für „Traditonalisten“ eine Herausforderung bedeutet, nun, dann ist das eine Aufgabe, an der zu arbeiten ist. Auch und gerade auf Seiten der Tradition.

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