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Kulturzerstörung durch Liturgiereform

Bild gefunden auf PinterestIn einem überaus lesenswserten Beitrag auf New Liturgical Movement lenkt der Liturgiehistoriker Claudio Salvucci den Blick auf die reichen lokalen Traditionen innerhalb des überlieferten Ritus, die mit der Revolutionierung der Liturgie durch Paul VI. ebenso zerstört wurden wie die Basis des Ritus selbst. Der US-Amerikaner Salvucci hat bei diesem Thema nicht die in Europa schon früher untergegangenen Lokalriten von Köln oder Lyon im Auge, sondern im Zuge der Verbreitung des Glaubens in Amerika entstandene Traditionen. Hier einige Auszüge aus dem Beitrag auf NLM.

(Im Verständnis einiger Liturgie-Wissenschaftler) bildet das zweite Vatikanum einen kulturellen Nullpunkt. Der Novus Ordo erhält den erhabenen Rang eines ent-romanisierten ent-europäisierten „neutralen“ Katholizismus, er bildet die einzige Grundlage, von der aus dann die wahre „Inkulturation“ ausgehen soll. Diese Einstellung ist überaus typisch für die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, nach der das klassische Römische Messbuch wenig oder gar nichts zum geistigen und liturgischen Leben des modernen Katholiken beizutragen hat. (…)

Es gibt eine ganz einfache Tatsache hinsichtlich des Novus Ordo Missae, die wir endlich zur Kenntnis nehmen müssen: Der radikale Bruch von 1970 war nicht nur ein einziger Bruch mit dem allgemeinen Erbe der westlichen Kirche. Er bestand aus tausend Brüchen mit lokalen, nationalen und kulturellen Erbschaften, viele von ihnen Hunderte von Jahre alt und nicht-europäischen Ursprungs. In meinem Buch „The Roman Rite in the Algonquian und Iroquoian Missions“ (letztere sind die hierzulande wohlbekannten „Irokesen“ -MC) habe ich dargestellt, wie sich ein derartiger Bruch in den Indianergebieten im Osten Kanadas und der USA ausgewirkt hat. In den 40er Jahren bewunderten Priester, die die Stadt Kahnawake mit der Kirche der hl. Kateri Tekakwitha besuchten, den Reichtum der örtlichen Liturgischen Tradition, den sie dort vorfanden, darunter auch Choräle und Polyphonie in der Sprache der Mohikaner. Diese Tradition wurde mit der Einführung der englischen Messe in Kahnawake abgebrochen. Dort und andernorts fühlten sich viele amerikanische Indianer um das betrogen, was sie selbst als „die indianische Messe“ bezeichneten.

Was immer man über den Novus Ordo sagen mag – eines wird man niemals über ihn sagen können: Daß er die Messe unserer Vorfahren gewesen sei. Das gilt überall ganz unabhängig davon, wer unsere Vorfahren waren. Die hl. Kateri und die Kahnawakeronnon, die ihre Jagdgebiete in den Wäldern von Quebec durchstreiften, kannten ihn nicht. Der Diener Gottes Augustus Tolton und andere ehemalige Sklaven, die gegen rassistische Vorurteile ankämpften, kannten ihn nicht. Die (katholischen) englischen Widerständler, die auf der „Ark“ und der „Dove“ nach Maryland segelten, kannten ihn nicht. Meine Urgroßeltern, die auf den Feldern unter der Sonne Italiens schufteten, kannten ihn nicht. Niemand irgendwo auf der Welt hat ihn jemals gekannt.

Hier geht es nicht nur um Rhetorik – hier geht es um einen schreienden, wenngleich verschwiegenen, Widerspruch im Zentrum unseres liturgischen Lebens: Wie können wir die Unverletzlichkeit nicht-katholischer Sitten und Gebräuche behaupten und ihre Beibehaltung in der Kirche verlangen, während wir gleichzeitig unsere katholischen Gebräuche und unsere katholische Kultur dabei aufgeben?“

Dem ist wenig hinzuzufügen. Inkulturation erfordert das Vorhandensein von Kultur. Der Zeitgeist, der das 2. Vatikanum nicht nur wesentlich bestimmte, sondern auch von ihm zusätzliche zerstörerische Impulse empfing, ist seit Jahrzehnten dabei, jede Kultur auszulöschen und durch billigste Surrogate zu ersetzen. Heute von Inkulturation zu sprechen bedeutet entweder, die Schätze der Tradition wieder zu entdecken und sich neu anzueignen – oder sich dem Zug in die Barbarei an zuschließen.

Priorität für die Dinge Gottes

Bild: Die Welt/APIm Verlag des Moskauer Patriarchats erscheint gegenwärtig eine russischsprachige Ausgabe der „sämtlichen Schriften“ von Josef Ratzinger/Benedikt XVI. Für den aktuell in der Produktion befindlichen Band XI zur Liturgie hat sich der Verlag ein neues Vorwort von Papst Benedikt erbeten, das dieser Tage in einer italienischen Version veröffentlicht worden ist. Wir haben es aus der englischen Fassung auf Rorate Caeli ins Deutsche übertragen – dabei können einige Feinheiten aus der italienischen (oder sogar deutschen?) Ursprungsversion auf der Strecke geblieben sein.

Es beginnt ein langes Zitat„Nihil Operi Dei praeponitur“ - nichts soll dem Gottesdienst vorgezogen werden. Mit diesen Worten hat der hl. Benedikt in seiner Regel (43,3) dem Gottesdienst den absoluten Vorrang gegenüber allen anderen Pflichten des monastischen Lebens zugewiesen. Das ist selbst für das Klosterleben keine Selbstverständlichkeit, weil für die Mönche die Arbeit in der Landwirtschaft und in der Wissenschaft ebenfalls höchste Bedeutung hatte.

In der Landwirtschaft, aber auch im Handwerk und in der Ausbildung können zeitweise Notfälle auftreten, die wichtiger als die Liturgie erscheinen mögen. Demgegenüber weist Benedikt mt seiner Priorität für die Lturgie auf unmißverständliche Weise Gott die Priorität in unserem Leben zu. „Wenn die Zeit für das Offizium gekommen ist sollen die Brüder, sobald sie das Glockenzeichen vernehmen, alles aus der Hand legen und mit der größten Eile herbeikommen“.

Im Bewußtsein der heutigen Menschen erscheinen die Göttlichen Angelegenheiten und damit auch die Liturgie nicht wirklich dringlich. Alles mögliche mag dringlich erscheinen, aber niemals die Angelegenheiten Gottes. Nun, man könnte mit einigem Recht einwenden, daß das monastische Leben sich in vielem vom Leben der Menschen in der Welt unterscheidet. Aber dennoch gilt die Priorität für Gott, die wir vergessen haben, für alle. Wenn Gott nicht mehr wichtig ist, dann verändern sich die Kriterien für das, was wichtig ist. Indem der Mensch Gott beiseite rückt, unterwirft er sich selbst Begrenzungen, die ihn zum Sklaven materieller Kräfte machen und so seiner Würde widersprechen.

In den Jahren nach dem 2. Vatikanischen Konzil kam mir die Priorität Gottes und der göttlichen Liturgie wieder neu zu Bewußtsein. Das falsche Verständnis von der Liturgiereform, das sich in der Katholischen Kirche weithin verbreitet hatte, ließ die Aspekte der Lehrvermittlung, der eigenen Tätigkeit und Kreativität immer stärker an die erste Stelle rücken. Das menschliche Handeln führte fast dazu, die Gegenwart Gottes zu vergessen. In diser Situation wird immer deutlicher, daß die Existenz der Kirche auf der rechten Feier der Liturgie beruht und daß die Kirche in Gefahr gerät, wenn die Vorrangstellung Gottes in der Liturgie – und damit im Leben – nicht mehr sichtbar wird. Die tiefste Ursache der Krise, die die Kirche untergraben hat, besteht darin, daß die Vorrangstellung Gottes in der Liturgie unsichtbar geworden ist. Das alles hat mich dazu geführt, micht dem Thema Liturgie noch stärker als in der Vergangenheit zuzuwenden weil ich erkannte, , daß eine wirkliche Erneuerung der Liturgie die unabdingbare Voraussetzung für eine Erneuerung der Kirche ist. Die in diesem 11. Band der „Sämtlichen Schriften“ gesammelten Studien beruhen auf dieser Überzeugung. Letzten Endes ist das Wesen der Liturgie im Osten und im Westen trotz aller Unterschiede ein und dasselbe. Und daher hoffe, ich, daß dieses Buch auch den Christen Rußlands dabei behilflich ist, das große Geschenk der Heiligen Liturgie auf neue und bessere Weise zu verstehen.

Vatikanstadt, am Fest des hl. Benedikt, 11. Juli 2015.

Der Schlag hat getroffen

Die ungewöhnlich klare Stellungnahme des Präfekten der Gottesdienstkongregation Robert Kardinal Sarah zur reformierten Liturgie Papst Pauls VI. und deren verheerenden Folgen (und Ursachen) im Glaubensleben der Kirche sorgt weiterhin für Diskussionen. Nicht nur dort, wo das Thema schon immer kritisch gesehen worden ist, sondern auch im theologischen Establishment, wo man sich normalerweise zu fein dafür ist, auf Einwände des unerleuchteten Volkes zu reagieren – und wo bekanntlich eine Krähe der anderen...

So hat heute Hans-Joachim Höhn, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln, auf katholisch.de versucht, den Darlegungen des Kardinals etwas entgegen zu setzen. Die kurze Replik geht weder auf inhaltliche Aspekte noch auf Tatsachenaussagen der Rede des Kardinals ein und beschränkt sicha auf nur ein Argument: Höhn verteidigt den didaktischen Ansatz der Reformtheologie, indem er Kardinal Sarah unterstellt, er verlange von den Gläubigen, „sie sollten vollziehen, was sie nicht verstehen“. Das entspricht zwar in keiner Weise der vorher zitierten Aussage des Liturgiepräfekten, nach der sich in der Liturgie „ein Mysterium … vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen müssen“ - aber es erlaubt dem Professor die Schlußfolgerung, Kardinal Sarah mißbrauche seine Machtposition, um den Gläubigen den Mund zu verbieten.

Das ist schon ziemlich kläglich. Statt sich auf Inhaltliches einzulassen, versucht Höhn, von dem, worum es in der Liturgie geht, abzulenken und die Frage zu einer von demokratischer Mitbestimmung und Redefreiheit umzudeuten – also modische Denkfiguren anzusprechen, von denen aus gesehen automatisch im Unrecht ist, wer von Gehorsam“ oder „anbetendem Schweigen“ spricht. Dieses Verfahren erlaubt es dem Religionsphilosophen überdies, auch nicht den kleinsten Gedanken auf den von Kardinal Sarah ebenfalls angesprochenen Aspekt der Praxis zu verschwenden: Daß nämlich trotz des hochfahrend vorgetragenen didaktischen Anspruchs der Liturgiereformer nach zwei Generationen praktiziertem Novus Ordo das Glaubenswissen um das in der Liturgie gefeierte Geheimnis der Eucharistie noch nie so gering, die darüber kursierenden Mißverständnisse und Mißdeutungen noch nie so virulent waren wie seit der gescheiterten Reform.

Diskreditierung der überlieferten Glaubenslehre und Verleugnung der praktischen Realität - postkatholische deutsche Universitätstheologie vom Feinsten.

Zurück zur Form

Bild: orf;  screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=aBEJXN0YYA8Martin Mosebach hat einen großen Artikel zum Stand der Liturgie im 10. Jahr von Summorum-Pontificum geschrieben, der – zunächst anscheinend nur in englischer Übersetzung – dieser Tage auf First-Things erschienen ist: Return to Form - A Call for the Restauration of the Roman Rite. Eine deutsche Originalfassung war im Internet nicht aufzufinden – wir werden versuchen, dem nachzugehen und dann hier einen entsprechenden Hinweis nachreichen.

Mosebach stellt zwei Komplexe ins Zentrum seiner Überlegungen. Der eine ist eine großangelegte Einschätzung des historischen Stellenwertes der versuchten Abschaffung des überlieferten Ritus durch die nachkonziliaren Reformer und Papst Paul VI. Dabei zeichnet der Autor das Bild eines historischen Bruches, ja einer historischen Katastrophe, deren volles Ausmaß inzwischen für jeden erkennbar ist, der sich nicht mit Märchengeschichten von einem „neuen Frühling“ den Geist venebelt. Aus dieser Perspektive gewinnt Mosebach den Blick für die ebenfalls historische Bedeutung des Motu-Proprio von Papst Benedikt, der diesen Ritus nicht nur „wieder zugelassen“ hat, sondern unmißverständlich erklärte, daß er nie verboten war, weil ein solches Verbot die Vollmacht jedes Papstes und jedes Konzils übersteigen würde. Was die Kirche weit über anderthalb Jahrtausende lang gepflegt und gelehrt hat, steht nicht zur Disposition. Nur diese Tradition kann die Maßstäbe liefern, anhand derer jene organische Entwicklung möglich ist, die den Ritus schon immer getragen hat.

Deutlicher, als man das vielfach zu sagen wagt, deutet Mosebach auf die Parallelen zwischen den marxistischen Kultuirrevolutionen der 60er Jahre und der säkularistischen Revolution in der nachkonziliaren Kirche – und dabei läßt er durchaus offen, wo die Anstöße und wo die Echos zu sehen sind.

Der zweite Schwerpunkt des Artikels ist der Verweis auf die Bedeutung, die den Laien in der aktuellen Situation für die Wiederherstellung der Liturgie im Geiste der Tradition zukommt. Der Apparat – von der Spitze in Rom bis zu den Ortsbischöfen – hat sich weitgehend auf das modernistische Paradigma verpflichtet und nutzt seine Macht, den Status quo – also eine der Säkulargesellschaft vermeintlich angenehme Form von Lehre und Liturgie – zu verteidigen. Es liegt vor allem an den Laien, die von Summorum-Pontificum eröffneten Möglichkeiten zu nutzen und zusammen mit Priestern, die weiterhin Gottesdienst und nicht Menschendienst feiern wollen, auf die Wiederherstellung der Liturgie hinzuarbeiten, indem sie sie so praktizieren, wie sie nach der Tradition der Kirche zu praktizieren ist. Was „von oben“ aufgegeben und abgeschafft worden ist, konnte nur deshalb so umfassend zerstört werden ist, weil es schon zuvor vielerorts seine Wurzeln verloren hatte. Es kann nicht per Befehl wieder verordnet werden, sondern es muß „von unten“ her wieder aufgebaut werden.

Mosebach: Zurück zur Form

Bild: orf;  screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=aBEJXN0YYA8Martin Mosebach hat einen großen Artikel zum Stand der Liturgie im 10. Jahr von Summorum-Pontificum geschrieben, der vor zwei Wochen zunächst auf Englisch bei First-Things erschienen ist: Return to Form - A Call for the Restauration of the Roman Rite. Jetzt hat First Things auch die deutsche Originalversion veröffentlicht: Zurück zur Form. Wir zitieren hier noch einmal unsere an Hand der englischen Fassung verfasste Leseempfehlung - es lohnt sich.

Mosebach stellt zwei Komplexe ins Zentrum seiner Überlegungen. Der eine ist eine großangelegte Einschätzung des historischen Stellenwertes der versuchten Abschaffung des überlieferten Ritus durch die nachkonziliaren Reformer und Papst Paul VI. Dabei zeichnet der Autor das Bild eines historischen Bruches, ja einer historischen Katastrophe, deren volles Ausmaß inzwischen für jeden erkennbar ist, der sich nicht mit Märchengeschichten von einem „neuen Frühling“ den Geist vernebelt. Aus dieser Perspektive gewinnt Mosebach den Blick für die ebenfalls historische Bedeutung des Motu-Proprio von Papst Benedikt, der diesen Ritus nicht nur „wieder zugelassen“ hat, sondern unmißverständlich erklärte, daß er nie verboten war, weil ein solches Verbot die Vollmacht jedes Papstes und jedes Konzils übersteigen würde. Was die Kirche weit über anderthalb Jahrtausende lang gepflegt und gelehrt hat, steht nicht zur Disposition. Nur diese Tradition kann die Maßstäbe liefern, anhand derer jene organische Entwicklung möglich ist, die den Ritus schon immer getragen hat.

Deutlicher, als man das vielfach zu sagen wagt, deutet Mosebach auf die Parallelen zwischen den marxistischen Kulturrevolutionen der 60er Jahre und der säkularistischen Revolution in der nachkonziliaren Kirche – und dabei läßt er durchaus offen, wo die Anstöße und wo die Echos zu sehen sind.

Der zweite Schwerpunkt des Artikels ist der Verweis auf die Bedeutung, die den Laien in der aktuellen Situation für die Wiederherstellung der Liturgie im Geiste der Tradition zukommt. Der Apparat – von der Spitze in Rom bis zu den Ortsbischöfen – hat sich weitgehend auf das modernistische Paradigma verpflichtet und nutzt seine Macht, den Status quo – also eine der Säkulargesellschaft vermeintlich angenehme Form von Lehre und Liturgie – zu verteidigen. Es liegt vor allem an den Laien, die von Summorum-Pontificum eröffneten Möglichkeiten zu nutzen und zusammen mit Priestern, die weiterhin Gottesdienst und nicht Menschendienst feiern wollen, auf die Wiederherstellung der Liturgie hinzuarbeiten, indem sie sie so praktizieren, wie sie nach der Tradition der Kirche zu praktizieren ist. Was „von oben“ aufgegeben und abgeschafft worden ist, konnte nur deshalb so umfassend zerstört werden ist, weil es schon zuvor vielerorts seine Wurzeln verloren hatte. Es kann nicht per Befehl wieder verordnet werden, sondern es muß „von unten“ her wieder aufgebaut werden.

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