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Reform muß sein - nur in einem nicht

In einem wegen seiner Leichtfüßigkeit lesenswerten Interview mit Antonio Spadaro S.J. hat Papst Franziskus auf eine ihm eher am Rande gestellte Frage auch etwas zum Thema Liturgie gesagt. In der Wiedergabe von Radio SJ:

„Papst Benedikt hat eine richtige und großzügige Geste vollzogen, indem er auf eine gewisse Mentalität verschiedener Gruppen und Menschen zugegangen ist, die nostalgisch waren und sich entfernt hatten“, so Papst Franziskus über die vatikanische Annäherung an die Priesterbruderschaft St. Pius X. während des vergangenen Pontifikates. „Aber das ist eine Ausnahme. Deswegen sprechen wir ja auch von der ‚außerordentlichen' Form des Ritus. Das ist nicht die ordentliche Form.“ Man müsse das Zweite Vatikanische Konzil und die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium ihrem Sinn nach umsetzen. In der Vergangenheit war vor allem vom Präfekten der Liturgiekongregation, Kardinal Robert Sarah, eine ‚Reform der Reform' vorgeschlagen worden und damit auch eine Wiedereinführung der gemeinsamen Gebetsrichtung aller Gläubigen wie vor dem Konzil. Das aufgreifend formuliert der Papst im Interview mit P. Spadaro: „Von einer Reform der Reform zu sprechen, ist ein Irrtum“.

Nun kann unsereins sich beim gegenwärtigen Zustand der Kirche schwerwiegendere Irrtümer vorstellen, aber man muß Prioritäten setzen. Und den Präfekten der Gottesdienstkongregation (und den Vorgänger im Papstamt gleich mit) zur Ordnung zu rufen, ist der jesuitischen Kamarilla am päpstlichen Hof zweifellos ein starkes Bedürfnis. Außerdem erfahren wir wieder einmal, was dieser Papst von den der überlieferten Lehre und Liturgie treuen Katholiken hält: Es sind halt Nostalgiker, auf deren Mentalität man bestenfalls Rücksicht nehmen kann, die aber keinesfalls um sich greifen sollte. Dazu erfahren wir, daß ausweislich anderer Aussagen dieses Papstes zwar so ziemlich alles an der Kirche dringend reformbedürftig ist - nur nicht die Liturgie, wie sie heute praktiziert wird - wenn auch fast nirgendwo nach den Vorstellungen des Konzils und den Vorgaben des Messbuchs.

Wenigstens einmal eine klare Aussage.

Sie sollte denen, die für die Behebung der zum Himmel schreienden Mißstände im liturgischen Leben auf eine Reform der Reform gesetzt hatten, keine Überraschung bereiten: Franziskus hat fast das gleiche schon einmal vor anderthalb Jahren gesagt, in dieser Sache bleibt er sich treu.

Auch die Gläubigen der Tradition müssen nicht überrascht sein - der hochgeschätzte Vorsitzende der Latin Mass Society von England und Wales Joseph Shaw hat schon 2014 dargelegt, warum eine „Reform der Reform“ nicht praktikabel ist, zumindest dann nicht, wenn man Spiritualität und Sakralität der überlieferten Form zum Maßstab macht: Nicht nur die „Mentalität„ auch die Theologie des Messopfers und das Verständnis von der Kirche in der Welt sind zu verschieden.

Welche langfristigen Auswirkungen dieses Auseinanderklaffen haben wird, ist heute noch nicht abzusehen. für die Gläubigen der Tradition hat die erneute Bekräftigung der päpstlichen Meinung von der Perfektheit des Novus Ordo keine weitere Bedeutung. Das 1. Vatikanische Konzil hat - und das nicht zum ersten Mal - festgestellt, daß der Papst nicht der Herr, sondern der Diener der Tradition ist. Dem hat Papst Benedikt mit Summorum Pontificum Rechnung getragen: Die überlieferte Liturgie ist nie verboten worden, weil die Kirche nicht am einen Tag abschaffen kann, was ihr gestern noch als das Heiligste galt. Das Missale Romanum nach der Ordnung von Trient, das im 16. Jahrhundert nicht neu geschaffen, sondern in bruchloser Fortführung einer schon damals 1000-jährigen Tradition neu geordnet worden war, bietet allen, die keine andere Kirche wollen, eine sichere Grundlage.

¡Hagan lío!

Bild: Cicero, Picture-Alliance

Nachtrag: Die Liste

Mit Dekret von Mitte dieses Monats hat Papst Franziskus den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki in die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung aufgenommen. Qualifikationsausweis für den Kölner Oberhirten war vermutlich die im Mai von diesem vorgenommene ebenso kreative wie zeitgeistkompatible Weiterentwicklung einer altchristlichen Tradition: Statt über Märtyrerreliquien, wie es freilich seit den letzten Reformen nicht mehr erforderlich ist, zelebrierte der Kardinal über einem zum Altar erhobenen „Flüchtlingsboot“, das von einem Kölner Boulevardblatt an den Rhein organisiert worden war.

Kommentare, die in diesem Schritt der Franziskus-Administration den Versuch sehen, ein „Gegengewicht“ zum Präfekten Kardinal Sarah zu schaffen, greifen vermutlich zu kurz. Dazu wäre der Kölner zu sehr ein liturgisches Leichtgewicht. Wenn Franziskus sich durch Sarah wirklich behindert fühlte, könnte er sich von ihm ebenso leicht trennen wie von Kardinal Burke als oberstem Richter oder von der kürzlich in die Wüste geschickten Leitung des nun auf Amoris Lætitiæ neuorientierten Johannes-Paul-Familieninstituts. Aber erstens hat der Präfekt einer Kongregation weniger Entscheidungsvollmacht als der oberste Richter, und wie würde es zweitens aussehen, einen Mann von der „Peripherie“ öffentlich zurückzusetzen?

Schon bisher hat die gegenwärtige Administration überaus deutlich gemacht, daß ihr die rechtlich vorgesehenen Leitungsstrukturen des Vatikans - man denke nur an den traurigen Status der Glaubenskongregation unter Kardinal Müller - völlig schnuppe sind. Das Küchenkabinett des Papstes entscheidet alle wichtigen Fragen in eigener Machtvollkommenheit - die Leiter der Dikasterien können froh sein, wenn sie das Eine oder Andere über die Pressemitteilungen erfahren. Nie seit den Tagen des Barock ging es in Rom so absolutistisch zu wie heute.

Dieser Regierungsstil wird freilich sehr dadurch erleichtert, wenn man die Kongregationen auch noch durch die Besetzung mit fachfremdem Personal entwertet. Und noch besser geht es, wenn man die Gremien in Anlehnung an populäre säkularistische Denkmuster von  „Pluralismus“ oder „Vielfalt“ in endlose Debatten über Fragen verstrickt, die nach Lehre und Tradition der Kirche längst keiner Debatten mehr bedürfen. Ein Vertreter der Flüchtlingsboot-Theologie neben einem Präfekten der Resakralisierung - ist das nicht eine schöne Demonstation demokratischer Öffnung gegenüber starrer Dogmatik? Die Aussicht darauf, daß eine so besetzte Kongregation nichts wesentliches mehr zustande bringt, bietet es allemal.

¡Hagan lío! - Ein Juwel aus dem Schatzkästlein Nicolo Machiavellis.

Nachtrag: Die Liste der Neuernennungen

Inzwischen ist die gesamte Liste der Neuernennungen für die Gottesdienstkongregation öffentlich geworden. Sie folgt insgesamt der Linie der gegenwärtigen Administration: Regionale Diversität vor Kompetenz. Auffälligster Neuzugang ist Erzbischof Piero Marini, der Schüler und Gefolgsmann Annibale Bugninis und Regisseur vieler folkloristischer Liturgien unter Papst Johannes-Paul II. Als römischer Resident wird er besonderes Gewicht in der Alltagsarbeit des Dikasteriums zur Geltung bringen - die auswärtigen Mitglieder kommen nur einmal im Jahr zur Hauptversammlung. Als solche bekannte Vertreter einer „Reform der Reform“ sind im neuen Personaltableau nicht vertreten, die bisher noch nominell zugehörigen Kardinäle Burke und Pell sind nicht mehr dabei.

„Macht doch, was ihr wollt“

In der Form des Breviarium Romanum, die bis in die 60er Jahre gebraucht wurde, war es üblich, in Laudes und Versper nach der Tagesoration eine Commemoratio de Cruce vorzunehmen. Der Zusammenhang zwischen Kreuzesopfer und Auferstehung sollte auch in dieser Zeit der Auferstehungsfreude nicht vergessen werden. Der Text dieser Commemoratio war:

Der Gekreuzigte ist von den Toten auferstanden und hat uns erlöst – Alleluja, Alleluja. Verkündet es allen Völkern, alleluja; denn der Herr hat seine Herrschaft vom Kreuz her errichtet, alleluja.

Dieser letzte Vers geht auf eine Version von Psalm 95, Vers 10 zurück, die nur aus frühen lateinischen Übersetzungen und der griechischen Fassung des Psalters von Verona aus dem 6. Jahrhundert überliefert ist. In der offiziellen Septuaginta und ebenso in der Vulgata ist er so nicht enthalten. Wohl aber wird er so von vielen Kirchenvätern gekannt und zitiert, darunter auch von Augustinus in seiner Expositio in Psalmos, wo der fragliche Vers als Nr. 96,11 gezählt ist. In der Kirche ist er immer lebendig geblieben durch seine Aufnahme in den Hymnus „Vexilla regis prodeunt“ des Venantius Fortunatus. 

Erfüllt hat sich, was David in glaubwürdigem Liede gesungen, als er den Völkern verkündigte: vom Holze herab herrscht Gott.

Die Parallelführung der durch Eva vom Baum der Erkenntnis in die Welt gekommenen Sünde und der durch Christus am Holz des Kreuzes besiegelten Erlösung gehört zu den beherrschenden Motiven der Dichtkunst ebenso wie der bildenden Kunst der Christenheit. Und sie beruht ja nicht nur auf einer Textüberlieferung, die „Experten“ immer wieder mit feinziselierten Behauptung in Zweifel ziehen mögen - sie kann sich auch auf das Johannesevangelium (12,32) stützen:

Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.

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Schlicht bis zur Selbstabschaffung

Bild: Grathethrougfaith.com

Das zensierte Evangelium IV. 

An Tagen, die keine aktuellen Themen aus der Welt der katholischen Tradition bieten, fahren wir fort mit der Vorstellung von Perikopen der Fastenzeit, die die Liturgiereformer 1969 ersatzlos aus dem Missale Romanum getilgt haben. Der Quatember-Samstag in der ersten Fastenwoche bietet hier besonders reiche Beispiele – hatte die überlieferte Liturgie an diesem Tag doch insgesamt sieben Lesungen: Fünf Perikopen aus dem Alten Testament, als Epistel einen Ermahnung des hl. Paulus zum Leben nach den Geboten aus dem 1. Brief an die Thessaloniker und als Evangelium den Bericht des Matthäus von der Verklärung des Herrn. Überwölbendes Thema all dieser Schriftstellen ist die Macht und Glorie des Allmächtigen, der seinem Volk das Gesetz des Bundes gab und es für dessen Einhaltung mit reichen Gaben belohnt.

Von alledem ist in der erneuerten Liturgie nichts geblieben. Der selbstauferlegte Systemzwang veranlasst die Liturgiereformer, auch diesen Tag in ihr Werktagsschema von zwei Lesungen zu pressen. Für die erste übernahmen sie – in stark gekürzter Form – die erste Lesung der überlieferten Liturgie, das Evangelium präsentiert neu die Perikope aus dem Mathäusevangelium über die Feindesliebe. Der damit ursprünglich gegebene besondere Bezug zur Bundestreue Gottes und seines Volkes geht damit verloren. Die mit der Reform als Perikopen weggefallenen Schriftstellen tauchen nach der hier bereits mehrfach zitierten Untersuchung von Matthew Hazell teils in verändertem Umfang irgendwo außerhalb der Fastenzeit auf, zwei sind im erneuerten Missale überhaupt nicht zu finden.

Dabei handelt es sich ausgerechnet um zwei Schriftstellen, die zwei der bedeutendsten Hymnen des alten Bundes enthalten, die außerhalb des Psalters überliefert sind. Man tut den Liturgieingenieuren des Consiliums sicher kein Unrecht, wenn man das darauf zurückführt, daß sie von Dichtung und Poesie noch weniger Ahnung hatten als von allem anderen, was in der Liturgie zum Herzen der Menschen sprechen kann.

Hier zunächst die erste weggefallene Perikope aus dem 2. Buch der Makkabäer (1,23-26,27), wieder in der Übersetzung von Allioli:

Es verrichteten aber alle Priester ein Gebet, während das Opfer verzehrt ward, indem Jonathan anstimmte, und die übrigen nachsangen, und Nehemias betete auf folgende Weise:

Herr, Gott, Schöpfer aller Dinge, der Du furchtbar und stark, gerecht und barmherzig, allein der gute König bist, allein vortrefflich, allein gerecht, allmächtig und ewig, der Du Israel rettest aus allem Übel, der Du die Väter zu Auserwählten machtes und sie heilgtest; nimm an das Opfer für Dein ganzes Volk Israel, und bewahre und heilige Dein Erbe, damit die Heiden erfahren, daß Du unser Gott bist.

Im Original des Buches der Makkabäer ist der Hymnus noch ausführlicher wiedergegeben, dort heißt es nach „und heilige Dein Erbe“:

Versammle unsere Zerstreuten, befreie die, so unter der Dienstbarkeit der Heiden sind, und sieh gnädig auf die Verachteten und Geschmähten, damit die Heiden erfahren, daß Du unser Gott bist. Strafe, die uns unterdrücken und mißhandeln im Übermut. Setze fest Dein Volk an Deinem heiligen Orte, wie Moses gesagt.

Die Priester aber sangen Lobgesänge, bis das Opfer verzehrt war.

Das klingt im ersten Teil wie die Lobpreisungen des Gloria in Excelis und lässt im zweiten, für die Perikope gestrafften Teil bereits die Offertoriumsgebete der überlieferten Liturgie anklingen. Die freilich wurden von den Reformern ja völlig umgestalte und umgedeutet, und auch das Gloria, das das tatsächlich erst unter fränkischem Einfluss zum regulären Bestandteil der römischen Liturgie wurde, sollte nach ihren weitreichenden Plänen gestrichen werden. Keinerlei Rücksicht auf das ansonsten doch angeblich so hoch gehaltene Erbe des Alten Testaments. Stattdessen würdelose Schlichtheit bis zur Selbstabschaffung.

Die Lesungen der Fastenzeit

Bild: New Liturgical MovementIn der Fastenzeit gibt die überlieferte Liturgie der lateinischen Kirche für jedem Werktag ein vollständiges Messformular einschließlich der Lesung(en) und des Evangeliums vor. Das Missale des Novus Ordo behält diese Einrichtung zwar grundsätzlich bei, hat den Charakter der einzelnen Tage aber durch weitgehende Neugestaltung bzw. Neuordnung von Orationen und Lesungen tiefgreifend verändert. Der englische Theologe Metthew Hazell – im Internet bekannt als Autor der der Lectionary study aids und Mitarbeiter bei New Liturgical Movement – hat eine quantitative Analyse der Lesungen der Fastenzeit vorgenommen, bei der er untersucht, inwieweit sie von den seit weit über tausend Jahren in der lateinischen Kirche gebräuchlichen Lesungen abweichen. Mit einbezogen hat er auch die Sonntage, für die der Novus Ordo entsprechend seiner neueingeführten drei „Lesejahre“ über 50 Lesungen angibt. Das Untersuchungsergebnis hat er in einer Tabelle zusammengefasst, die man hier downloaden kann.

Das nicht wirklich überraschende, aber dennoch deprimierende Ergebnis der Untersuchung: Auch hier haben die Reformer praktisch keinen Stein auf dem anderen gelassen. Viele Lesungen wurden an andere Plätze außerhalb, andere auch innerhalb der Fastenzeit verschoben. Nur eine Minderheit durfte an ihrem angestammten Platz verbleiben, doch auch in diesen Fällen wurden meistens einige Verse hinzugefügt oder weggelassen. 10 Lesungen aus dem traditionellen Bestand tauchen überhaupt nicht mehr im „erneuerten“ Messbuch auf, also auch nicht irgendwo außerhalb der Fastenzeit.

Dabei hätte sich zumindest für die Fastensonntage eine zwanglose Gelegenheit geboten, für eines der Lesejahre die überlieferte Leseordnung beizubehlaten und lediglich die beiden anderen neu zu gestalten. Diese Möglichkeit wurde nicht genutzt, die drei Lesejahre wurden auch für die Sonntage weitgehend neu konzipiert, insgesamt wurden nur 5 ihrer Lesungen, und zwar ausschließlich die Evangelien, unverändert beibehalten.

Bereits diese Zahlen – die inhaltlichen Aspekte hat Hazell in der nun vorgelegten Auflistung nicht berücksichtigt – machen deutlich, wie sehr die Verfasser des neuen Missales sich nicht als Fortführer einer Tradition, sondern als Autoren eines neuen Werkes verstanden haben. Dieses Unternehmen haben sie stets mit der angeblichen Notwendigkeit begründet, die Liturgie den Bedürfnissen des „Menschen der Gegenwart“ verständlicher und angemessener zu machen. Allerdings hat der Gottesdienstbesuch in den vergangenen Jahrzehnten so dramatisch abgenommen, daß man heute nur noch das völlige Scheitern ihres damaligen Ansatzes feststellen kann.

Damit ist noch nicht bewiesen, daß die überlieferte Liturgie per se besser geeignet wäre, die Menschen des 21. Jahrhunderts anzusprechen – auch wenn es Anzeichen dafür gibt, daß das zumindest für einen Teil dieser Menschen zutrifft. Aber die Glaubwürdigkeit der Autoren des Novus Ordo hinsichtlich ihrer Urteilsfähigkeit und Menschenkenntnis ist zutiefst erschüttert.

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