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„Pastoral“ als inhaltsarmes Schlagwort

Ende Januar hatten wir den äußerst lesenswerten 1. Teil eines Artikels von Pavel Milcarek zu Entwicklungslinien der Liturgiereform im vergangenen Jahrhundert referiert – und die Sache anschließend aus dem Auge verloren. Das ist schade, denn der wenig später erschienene 2. Teil hat das Thema noch einmal konkretisiert und vertieft.

Als Gründe für eine Reformbedürftigkeit des römischen Ritus benennt Milcarek mehrere Motive: zunächst eine weitgehende Privatisierung der Frömmigkeit seit dem Spätmittelalter. Dies habe nicht nur die Teilnahme an der eigentlichen Liturgie negativ beeinflusst, sondern auch dazu beigetragen, die soziale Dimension des Lebens von der Religion abzuspalten und damit den Einflüssen der Modernisierung zu öffnen. Daher also der überragende Stellenwert der Forderung nach „participatio actuosa“. Ein weiteres Motive sieht er in der starken Romanisierung, genauer gesagt, Papalisierung der lateinischen Liturgie im Gefolge von Trient, die die liturgische Entwicklung zentralisierte und von traditionellen örtlichen Quellen abtrennte. Kritisch betrachtet er auch die von Papts Pius V. In quo primum vorgenommene kennzeichnung der römischen Liturgie als die „pristinie“. d.h. reine und unverfälschte Form der Liturgie – darin sieht er im Rückblick bereits eine „Zeitbombe“, die mitgewirkt habe, später das Feuerwerk von Archäologismus und Rationalismus zu zünden.

In der Bewegung zur Liturgiereform nimmt Milcarek in seinem zweiten Beitrag nun vier Hauptrichtungen wahr, die er am Beispiel von vier Personen identifiziert:

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Zwiespältiges bei Rahner

Zu unsere Erwähnung der verächtliche Haltung von Karl Rahner gegenüber den Anhängerrn der überlieferten Liturgie haben uns gleich drei Zuschriften erreicht, die darauf aufmerksam machen, daß Rahner selbst bis zum Ende seines Lebens stets in der alten Form zelebriert habe - zumindest bei seinen täglichen „Privatmessen“. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, lässt sich allerdings mit geringer Mühe erklären oder zumindest verständlich machen.

Ein ganz wesentliches Motiv Rahners, bei der ihm vertrauten Form der Zelebration zu bleiben, dürfte ein Gefühl gewesen sein: Quod licet jovi, non licet bovi. Leute seiner Statur hatten die neue Form nicht nötig, um endlich zum rechten Verständnis der Messe zu kommen. Dieser Gedanke war dem gerade 65 Jahre alt gewordenen berühmten Gelehrten sicher sympatischer als die Berufung auf Nr. 19 der  Instructio de constitutione Apostolica »Missale Romanum« gradatim ad effectum deducenda vom 20. Oktober 1969, in der es heißt: „Priester in fortgeschrittenem Alter, welche die Messe ohne Volk feiern, und die vielleicht größere Schwierigkeiten mit dem neuen Ordo Missae und den zu verwendenden Texten des Missale Romanum und der Leseordnung in der Messe haben, können, mit Zustimmung des eigenen Ordinarius, die jetzigen Riten und Texte weiter gebrauchen.“

Dennoch bleibt dieser Abschnitt natürlich wichtig für das Verständnis des wesentlichen Inhalts der Reform: Das alte Missale wurde nicht aus Gründen der Lehre verworfen und abgeschafft, sondern seine Verwendung wurde disziplinär allgemein aufgehoben, konnte jedoch weiterhin - wenn auch unter Einschränkungen - gestattet werdene. Es blieb also rechtlich bestehen - so wie bei der Einführung des Missale von 1570 in Quo primum die älteren Riten - sofern sie länger als 200 Jahre praktiziert wurden und daher als rechtgläubig gelten konnten  - ausdrücklich anerkannt wurden.

Doch zurück zu Rahner. Die berechtigte Kritik an diesem Wegbereiter der Modernisierung des Glaubens und der Säkularisierung darf nicht dazu führen, ein undifferenziertes Bild zu entwerfen, das ihn als womöglich absichtsvollen und planmäßigen Verderber der Kirche darstellt. Ein solcher Vorwurf kann sich schlimmstenfalls gegen die Adepten und Nachbeter richten, die an seinen oft zweifelhaften Orakelsprüchen festhalten, obwohl deren destruktive Potenzen inzwischen deutlich erkennbar sind. Diese Potentiale finden sich jedoch nicht in allen seinen Schriften. Um eine zu anzuführen, die besonders zum Thema passt: Der kleine 1950 erschienene  Band "Die vielen Messen und das eine Opfer" zeigt ein tieferes und weitaus orthodoxeres Verständnis vom bereits damals heftig umstrittenen Charakter des hl. Messopfers als das seitdem in der aktuellen Modetheologie geläufig gewordene.

Gut möglich also, daß der Priester Karl Rahner sich wie so viele seiner Amtsbrüder schwer damit tat, in den intimsten Momenten des priesterlichen Lebens in der neuen Form der Liturgie die geistlichen Kraftquellem wieder zu finden und für sich und andere nutzbar zu machen, die ihm erst die Führung dieses Lebens ermöglichten. Nicht alle, die nach 1970 zumindest heimlich bei der überlieferten Form blieben, taten das aus Opposition zum Papst und der von ihm angeordneten Revolution: Sie konnten einfach nicht anders. Und damit sind wir bei einem der traurigsten und bisher am wenigsten thematisierten Kapitel der großen pastoralen Kulturrevolution: Was für ein Verständnis vom seelischen Leben frommer Menschen muß man eigentlich haben, um mit solcher Unerbittlichkeit in die bis dahin von der Kirche geformten und vorgegebenen innersten Vollzüge des Gebetes von Priestern und Gläubigen einzugreifen, wie die Entwickler und Exekutoren dieser Reform es getan haben?

Der ehedem viel zitierte Fleischerhund muß demgegenüber von ausgesprochen zartfühlendem Gemüt gewesen sein. 

Liturgie ohne Metaphysik?

Als neuestes Positionspapier der internationalen Una-voce Föderation ist jetzt ein Dokument erschienen, das die Überschrift: „Die Außerordentliche Form und Afrika südlich der Sahara" trägt. Es ist wie bereits die anderen Positionspapiere im vollen (englischen) Wortlaut bei Rorate Cæli erschienen, und wir können die Lektüre nur sehr empfehlen.

Mindestens ebenso empfehlenswert ist die Vorstellung dieses Papiers, die (Mit)Autor Joseph Shaw, Vorsitzender der Una-Voce von England und Wales, auf seinem Blog veröffentlicht hat. Er unterzieht die Denkvoraussetzungen der Schaffung der neuen Liturgie und der darauf begründeten Vorstellung von „Inkulturation" einer schonungslosen Analyse. Ergebnis: Der Novus Ordo ist die Liturgie für eine Gesellschaft, der Metaphysik peinlich ist. Hier der wesentliche Teil seines Beitrags in Übersetzung:

Es beginnt ein langes ZitatIch bin sicher, daß es genug Leute gibt, die uns allen Ernstes versichern, daß die überlieferte Messe deshalb ungeeignet für Afrika wäre, weil diese Messe eine religiöse Kultur – nämlich europäische religiöse Kultur – repräsentiere, die im Gegensatz zum Novus Ordo, den Afrikanern fremd und unverständlich sei.

Es stimmt: die überlieferte Liturgie ist in Europa entstanden, aber die Progressisten scheinen noch nicht bemerkt zu haben, daß das ebenso auf den Novus Ordo zutrifft. Der Unterschied ist, daß die Entstehung der überlieferten Liturgie in Europa schon lange Zeit zurückliegt – und dieser Unterschied hat große praktische Bedeutung.

Das spätantike und frühmittelalterliche Europa, das die außerordentliche Form hervorbrachte, hatte große Ehrfurcht vor dem Übernatürlichen, es war sehr empfänglich für die Wirklichkeit des Heiligen, der Sünde und des Bösen; auch der Magie. Diese Epoche war in Ritualen zuhause, und sie sah sich eingebunden in Tradition und die Sitten und Gebräuche der Vorfahren.

Der Novus Ordo ist das Produkt einer Kultur, die sich mit dem Übernatürlichen und dem Ritual schwer tut; einer Kultur, die die Befreiung von der Tradition und den Gebräuchen der Vorfahren als Schlüssel zur Authentizität und Freiheit (was immer das bedeuten möge) betrachtet. Einer Epoche, die es nicht erträgt, die Realität der Sünde anzuerkennen und die das Böse und Magie als schlechten Scherz ansieht.

Da liegt es ja auf der Hand, daß der Novus Ordo den kulturellen Gegebenheiten Afrikas besser entspricht - nicht wahr?

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Participatio actuosa

In den letzten Tagen machen Videos aus der St.Patricksgemeinde in Seattle die Runde im Internet und sorgen auf traditionsorientierten Blogs für Aufsehen: wie hier „Liturgie getanzt“ und mit simpelster Broadway-Melodik (wahlweise: Klezmer) aufgehübscht wird, übertrifft so ziemlich die schlimmsten Albträume, die unsereinen bisher schon in trüben Stunden heimsuchten. Wer schwache Nerven hat, sei daher hier ausdrücklich vor dem Besuch der Sites gewarnt.

Wir haben es uns natürlich trotzdem angetan, und nachdem wir mit dem Kopfschütteln aufhören konnten, mit dem Versuch einer kühleren Bestandsaufnahme begonnen. Hier einige erste Ergebnisse:

  • Die Darbietungen sind musikalisch infantil und choreografisch effeminiert. Das maskuline Element ist - auch wenn Männer und andere Behinderte durchaus ihren Auftritt auf der Altarbühne bekommen - nicht vorhanden.
  • Der Besucherandrang hält sich - den wenigen Blicken der Kamera ins Publikum zufolge - eher in Grenzen. Wenn alle Akteure auch nur ihre engsten Familienmitglieder zum Mitkommen bewegen könnten, müssten es schon mehr sein. So also: Wir tanzen für uns.
  • Die Auswahl der Photos und Filmszenen konzentriert sich völlig auf die artistisch gestalteten Abschnitte. Die - schließlich handelt es sich um Messfeiern - ja vermutlich doch vorhandenen Elemente eben dieser werden  ausgelassen oder verschwinden ebenso am Rande wie die Figur des gelegentlich sichtbaren Priesters.
  • Inszenierung und Theatralik rufen unwillkürlich die Vermutung auf: So ähnlich muß es zugegangen sein bei den Osterspielen, Pfingst-Tauben-Erscheinungen und Krippenspielen des angeblich doch glücklich überwundenen liturgischen Mittelalters. Wobei freilich ein Unterschied ins Auge fällt: Die frommen Dramen des Mittelalters waren weitgehend außerliturgisch. Hier drängt sich die verspielte Darstellung ins Zentrum der Liturgie und lässt diese völlig aus dem Blickfeld geraten. 

Die auf Youtube gebotenen Filme decken einen Zeitraum von fünf Jahren ab. Es ist also anzunehmen, daß der zuständige Erzbischof James Peter Sartain oder sein Ordinariat Kenntnis von den Exzessen haben, aber unwillig oder auch unfähig sind, dagegen einzuschreiten. Für letzteres spricht, daß Bischof Sartain zu seinem Amtsantritt in Seattle ein durchaus solides Bild von seinem Amtsverständnis gezeichnet hat, während andererseits das amerikanische System der Gemeindefinanzierung „von unten“ lokale Tendenzen zur Verselbständigung begünstigt.

Die Liturgien der Heiligen Woche

Zum Abschluss der Osterwoche hier eine Zusammenfassung der diesjährigen Beiträge zur Entwicklung der Liturgie in der Heiligen Woche:

Außedem verweisen wir noch auf die Beiträge aus László Dobszays Buch „The Bugnini-Liturgy and the Reform of the Reform“, die wir bereits 2009 präsentiert hatten

Zusätzliche Informationen