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Liturgie als Regietheater

In Heft 2013/3 der Una Voce Korrespondenz fanden wir einen längeren Beitrag von Dr. Guido Rodheudt, Pfarrer in Herzogenrath, zum Thema „Was bedeutet ,Pastoralliturgie'?“ Wir entnehmen daraus einige Abschnitte, die sich mit der erstaunlichen, aber letztlich nicht überraschenden Ähnlichkeit von Regietheater und Reformliturgie befassen.

Es beginnt ein langes ZitatLiturgie ist von ihrem Wesen her etwas gänzlich Zweckfreies, sie ist die Begegnung mit dem allmächtigen Gott, der in Seiner Nähe keine Ablenkung zugunsten von etwas, das nicht Er selbst ist, ertragen kann. Wenn man in der Liturgie in den Raum der Gegenwart Gottes eingetreten ist, dann hat alles Erziehen ein Ende, dann mag man nicht mehr mit Deutungen oder Hinweisen abgespeist werden, dann ist man eben nicht mehr im Vorzimmer, man ist beim Herrn selbst. Das heilige Theater verträgt keine hörbaren Regieanweisungen, es will nicht belehren, es will ganz und gar in der heiligen Handlung aufgehen und sich um seiner selbst willen entfalten. Theater und Liturgie sind hier eng verwandt.

Die in Deutschland erfundene Inszenierungsmethode des „Regietheater“, die in den sechziger Jahren entstanden ist, hat nicht zuletzt auch vielen Liturgen den Sinn für diese Verwandtschaft geraubt. Das „Regietheater“ setzt an die Stelle des Spiels die Erläuterung. Es inszeniert nicht mit Blick auf den Gehalt eines Stückes, sondern mit Blick auf das Verständnis seiner Zuschauer. Das Publikum soll nachvollziehen können, was auf der Bühne geschieht, es soll durchschauen und verstehen und anwenden, mit anderen Worten, es soll sich ändern.

Dies ist natürlich auch der antiken Tragödie ein Anliegen, aber - und hier liegt ein wichtiger Unterschied - die Pädagogik des antiken Theaters will den Zuschauer moralisch reinigen, indem es ihn durch die Form, in die es gekleidet ist, in die Region des Außeralltäglichen mitnimmt. Das Regietheater richtet sich in seinen Inszenierungen im wesentlichen nach der jetzt gültigen Alltagsmoral und biegt deswegen jedes Stück so um, daß es ein Teil des Heute wird. Nicht der Zuschauer soll an die Moral des Stückes angepaßt werden, sondern umgekehrt, die Moral des Stückes an die Gegenwart.

In dieser Art und Weise mit dem Theater umzugehen, liegt mehr als nur eine zufällige oder womöglich bloß zeitliche Parallele zu den Veränderungen des liturgischen Lebens der Nachkonzilszeit.

Denn es ist charakteristisch für diese Zeit, daß sie auf vielen Ebenen das Leben zu pädagogisieren versuchte und vor allem das Objektive und Selbstverständliche zum Gegenstand der Kritik machte. Nichts stand mehr aus sich da, alles war hinterfragbar und mußte hinterfragt werden. Die Kunst wurde davon nicht verschont und mutierte vollends von der Wesensschau zur zweckgebundenen Methode der Erziehung. Kunst im Alltag wollte nicht mehr länger Schönes darstellen, sie wollte die Gegenwart performieren, sie ihr selbst wie in einem Spiegel gegenüberstellen und sie dadurch zur Selbstreflexion führen. Nichts sollte mehr fair sich sprechen, alles sollte in einen Prozeß der Weltwerdung einbezogen werden, damit die vermeintliche Ummündigkeit des Menschen ein Ende habe, durch die ihn die alten Bindungen an das Überkommene gelähmt und ihm seine wahre Freiheit genommen hatte - so sagte man. (...)

Die Versuche der nachkonziliaren Liturgiereform, die Liturgie zu erklären, zeugten eine Praxis, die - mag sie auch ein illegitimes Kind sein - mit der Berufung auf das Zweite Vatikanum als „Pastoralkonzil" die Zerstörung des Ritus durch seine Pädagogisierung verursachte. Das Anliegen, die Liturgie besser zu verstehen, das schon Päpste wie Pius X. oder Plus XII. umgetrieben hatte, wur-de verkehrt und den Gläubigen nicht dadurch der Vollzug näher gebracht, daß Gebräuche, Gesänge, Riten und Gebete besser geübt, feierlicher ausgeführt und mit größerer Mühe gepflegt wurden, sondern es wurde der Ritus durch seine Überlagerung mit Alltäglichkeiten und durch erklärende Vereinfachungen in größere Ferne gerückt. Das, was der Ritus eigentlich ist, nämlich die körperliche Seite des verborgen anwesenden Gottes, wurde fortan noch unverständlicher, weil den Gläubigen das Plagiat eines um Verständlichkeit und Alltäglichkeit bemühten Regietheaters zum Ersatz dargeboten wurde. Wie die gotische Madonna, die man ins Museum stellt, um sie vor dem Verfall zu retten, stirbt, weil sie aus der Unmittelbarkeit des Kultes genommen ist und niemandem nu einfällt, vor ihr zu beten.

So verzeichnen wir in der nachkonziliaren Entwicklung einen schleichenden Abschied von der Anbetung Gottes nicht etwa durch einen bewußten Akt der Abkehr, sondern durch die Pensionierung des Ritus und seine Ablösung durch ein anthropozentrisches Geschehen, das jedem, der in dieser neuen Form heranwächst, die große liturgische Tradition der Kirche unverständlich statt verständlich erscheinen läßt. Jede nüchterne Bestandsaufnahme muß gestehen, daß es eben doch ein Schnitt war, der vorgenommen wurde, als man das organisch Überkommene klinisch sezierte.

Damit ist der vermeintliche Erfolg der Liturgiereform ein Pyrrhussieg, bei dem der Sieger am Ende der Besiegte ist. Statt das Herz der Menschen für Gott zu öffnen, Seine Majestät klarer und inniger zum Leuchten zu bringen, wie es unsere Zeit gebraucht hätte, um zu überleben, wurde der Zugang zum Heiligtum versperrt. Die Suchenden wurden nicht zu den zeitlosen liturgischen Oasen geführt, deren Wasser aus in der Überlieferung bewährten und haltbaren Formen bestehen, die die Erhabenheit Gottes als einzigen Trost in dieser endlichen Welt zum Leuchten bringen, sondern man bot den Menschen eine neue „Liturgie“ als Befriedigung ihrer aktuellen Bedürfnisse nach kultureller Unterhaltung, politischer Bewußtseinsschärfung oder intellektueller Beschäftigung an.“


Quelle: Una Voce Korrespondenz 2013, 3. Quartal, S. 276 - 279. Bezugsmöglichkeit.

Liturgie ist von ihrem Wesen her etwas gänzlich Zweckfreies, sie ist die Begegnung mit dem allmächtigen Gott, der in Seiner Nähe keine Ablenkung zugunsten von etwas, das nicht Er selbst ist, ertragen kann. Wenn man in der Liturgie in den Raum der Gegenwart Gottes eingetreten ist, dann hat alles Erziehen ein Ende, dann mag man nicht mehr mit Deutungen oder Hinweisen abgespeist werden, dann ist man eben nicht mehr im Vorzim­mer, man ist beim Herrn selbst. Das heilige Theater verträgt keine hörbaren Regieanweisungen, es will nicht belehren, es will ganz und gar in der heiligen Handlung aufgehen und sich um seiner selbst willen entfalten. Theater und Li­turgie sind hier eng verwandt.

 

Die in Deutschland erfundene Inszenierungsmethode des „Regietheater", die in den sechziger Jahren entstanden ist, hat nicht zuletzt auch vielen Liturgen den Sinn für diese Verwandtschaft geraubt. Das „Regietheater" setzt an die Stelle des Spiels die Erläuterung. Es inszeniert nicht mit Blick auf den Gehalt eines Stückes, sondern mit Blick auf das Verständnis seiner Zuschauer. Das Publikum soll nachvollziehen können, was auf der Bühne geschieht, es soll durchschauen und verstehen und anwenden, mit anderen Worten, es soll sich ändern.

 

Dies ist natürlich auch der antiken Tragödie ein Anliegen, aber - und hier liegt ein wichtiger Unterschied - die Pädagogik des antiken Theaters will den Zuschauer moralisch reinigen, indem es ihn durch die Form, in die es gekleidet ist, in die Region des Außeralltäglichen mitnimmt. Das Regietheater richtet sich in seinen Inszenierungen im wesentlichen nach der jetzt gültigen Alltagsmoral und biegt deswegen jedes Stück so um, daß es ein Teil des Heute wird. Nicht der Zuschauer soll an die Moral des Stückes angepaßt werden, sondern umge-kehrt, die Moral des Stückes an die Gegenwart.

 

In dieser Art und Weise mit dem Theater umzugehen, liegt mehr als nur ei­ne zufällige oder womöglich bloß zeitliche Parallele zu den Veränderungen des liturgischen Lebens der Nachkonzilszeit.

Denn es ist charakteristisch für diese Zeit, daß sie auf vielen Ebenen das Leben zu pädagogisieren versuchte und vor allem das Objektive und Selbstverständli­che zum Gegenstand der Kritik machte. Nichts stand mehr aus sich da, alles war hinterfragbar und mußte hinterfragt werden. Die Kunst wurde davon nicht ver­schont und mutierte vollends von der Wesensschau zur zweckgebundenen Me­thode der Erziehung. Kunst im Alltag wollte nicht mehr länger Schönes darstel­len, sie wollte die Gegenwart performieren, sie ihr selbst wie in einem Spiegel gegenüberstellen und sie dadurch zur Selbstreflexion führen. Nichts sollte mehr fair sich sprechen, alles sollte in einen Prozeß der Weltwerdung einbezogen werden, damit die vermeintliche Ummündigkeit des Menschen ein Ende habe, durch die ihn die alten Bindungen an das Überkommene gelähmt und ihm seine wahre Freiheit genommen hatte - so sagte man. (…)

 

Die Versuche der nachkonziliaren Liturgiereform, die Liturgie zu erklären, zeugten eine Praxis, die - mag sie auch ein illegitimes Kind sein - mit der Beru­fung auf das Zweite Vatikanum als „Pastoralkonzil" die Zerstörung des Ritus durch seine Pädagogisierung verursachte. Das Anliegen, die Liturgie besser zu verstehen, das schon Päpste wie Pius X. oder Plus XII. umgetrieben hatte, wur­de verkehrt und den Gläubigen nicht dadurch der Vollzug näher gebracht, daß Gebräuche, Gesänge, Riten und Gebete besser geübt, feierlicher ausgeführt und mit größerer Mühe gepflegt wurden, sondern es wurde der Ritus durch seine Überlagerung mit Alltäglichkeiten und durch erklärende Vereinfachungen in größere Ferne gerückt. Das, was der Ritus eigentlich ist, nämlich die körperliche Seite des verborgen anwesenden Gottes, wurde fortan noch unverständlicher, weil den Gläubigen das Plagiat eines um Verständlichkeit und Alltäglichkeit bemühten Regietheaters zum Ersatz dargeboten wurde. Wie die gotische Madonna, die man ins Museum stellt, um sie vor dem Verfall zu retten, stirbt, weil sie aus der Unmittelbarkeit des Kultes genommen ist und niemandem nu einfällt, vor ihr zu beten.

 

So verzeichnen wir in der nachkonziliaren Entwicklung einen schleichenden Abschied von der Anbetung Gottes nicht etwa durch einen bewußten Akt der Abkehr, sondern durch die Pensionierung des Ritus und seine Ablösung durch ein anthropozentrisches Geschehen, das jedem, der in dieser neuen Form heranwächst, die große liturgische Tradition der Kirche unverständlich statt verständlich erscheinen läßt. Jede nüchterne Bestandsaufnahme muß gestehen, daß es eben doch ein Schnitt war, der vorgenommen wurde, als man das organisch Überkommene klinisch sezierte.

 

Damit ist der vermeintliche Erfolg der Liturgiereform ein Pyrrhussieg, bei dem der Sieger am Ende der Besiegte ist. Statt das Herz der Menschen für Gott zu öffnen, Seine Majestät klarer und inniger zum Leuchten zu bringen, wie es unsere Zeit gebraucht hätte, um zu überleben, wurde der Zugang zum Heiligtum versperrt. Die Suchenden wurden nicht zu den zeitlosen liturgischen Oasen geführt, deren Wasser aus in der Überlieferung bewährten und haltbaren Formen bestehen, die die Erhabenheit Gottes als einzigen Trost in dieser endlichen Welt zum Leuchten bringen, sondern man bot den Menschen eine neue „Liturgie" als Befriedigung ihrer aktuellen Bedürfnisse nach kultureller Unterhaltung, politischer Bewußtseinsschärfung oder intellektueller Beschäftigung an.

 

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