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Liturgie: Kein Platz mehr für Gott

In deutlichen Worten hat der Präfekt der Gottesdienstkongregation Robert Cardinal Sarah sich zum desolaten Stand der Liturgie geäußert und gleichzeitig gesagt, wie er dagegen angehen möchte: Durch entschlossene Betonung der Kontinuität. Der Osservatore Romano hat den Artikel des Kardinals auf S. 6 seiner Ausgabe vom 12. Juni mehr versteckt als veröffentlicht, und die Website des Vatikans bringt nur kleine Ausschnitte. So ist das halt in Rom.

Ausgangspunkt des Kardinals ist die kritische Feststellung:

Wir stehen vor der ganz realen Gefahr, in unseren Feiern Gott keinen Platz mehr zu lassen. Wir sind dabei, der gleichen Versuchung zu erliegen wie die Juden in der Wüste: Sie versuchten, sich selbst Gottesdienst nach eigenem Maß und eigener Tiefe zu schaffen - und sie endeten damit, sich vor dem goldenen Kalb niederzuwerfen.

Inwieweit er damit auch die Kirchensteuer meint, um deren Erhalt willen die Liturgien hierzulande immer zeitgeistiger und weltkompatibler „gestaltet“ werden, sei dahin gestellt. Seine konkreten Überlegungen zur Abhilfe deuten jedoch darauf hin, daß er dem sterilen „weiter so“ der Litrugiereformer eine entschlossene Rückkehr zu den mehr traditionellen Formen und Inhalten entgegensetzen will:

Im Gegensatz zu dem, was manchmal behauptet wird, steht es in völliger Übereinstimmung mit der Konzilskonstitution, daß sich während des Bußritus, des Gloria, der Orationen und des Hochgebets alle, Priester und Gläubige, gemeinsam nach Osten wenden und so ihren Willen ausdrücken, am tätigen Gottesdienst und am Erlösungswerk Christi teilzunehmen. Das könnte insbesondere in den Bischofskirchen so gehandhabt werden, die beispielhaft für das liturgische Leben sein sollen.

Darüber hinausgehend äußert der Kardinal die folgende Überlegung:

Es wäre überdiens wünschenswert, den Bußritus und das Offertorium des usus antiquor als Option in das Missale der Ordentlichen Form aufzunehmen. Das würde die Tatsache unterstreichen, daß die beiden liturgischen Formen sich gegenseitig in Kontinuität erhellen und nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Unsere Wiedergabe folgt der von Rorate Caeli präsentierten englischen Übersetzung eines bislang nur auf italienisch veröffentlichten Berichts von Sandro Magister.

Theoretisch markieren die Aussagen des Kardinals entscheidende Punkte. Die Feststellung, daß die allgemein praktizierte und theologisch mit den abenteuerlichsten Argumenten begründete celebratio ad populum keinesfalls vom Konzil bzw. der Liturgiekonstitution vorgegeben ist, entzieht der liturgisch praktizierten anthropologischen Wende und Gemeindeideologie einen wichtigen Stützpunkt in der Lebenswirklichkeit. Und die Wiederaufnahme des traditionellen Offertoriums , das von den Reformatoren zugunsten nachchristlicher jüdischer Tischgebete verworfen worden war, ins Missale, würde der seit Jahrzehntgen grassierenden Behauptung den Boden entziehen, daß diese Gebete und damit bedeutende Teile der Liturgie einer Fehlentwicklung des Mittelalters entsprungen seien. Damit wären wesentliche Argumente für die Vernachlässigung bzw. aktive Bekämpfung der überlieferten Liturgie vom Tisch.

Soweit die Bedeutung in der Theorie. Praktisch muß man die Dinge leider etwas anders sehen. Die auf dem Wege zu protestantischen Nationalkirchen voranschreitenden Bischofskonferenzen und ihre Kombattanten in den Medien demonstrieren seit vielen Jahren, daß sie Stellungnahmen, aber auch gesetzliche Vorgaben, aus Rom nur insoweit berücksichtigen, wie sie ihren Kurs nicht stören. Alles andere wird schweigend ignoriert. Oder auch entschlossen konterkariert, wie an dem jetzt in neuer Fassung vorgelegten Gotteslob zu beobachten ist. Von den vier eucharistischen Hochgebeten ist dort nur noch das von den Protestantisierern wegen seiner dogmatischen Inhaltsarmut und publikumsfreundlichen Kürze heiß geliebte 2. Hochgebet übrig geblieben - obwohl dieser Canon eben deshalb an Sonn- und Feiertagen nicht verwandt werden soll. Die 7 Prozent sonntäglicher Messbesucher bekommen die Hochgebete, die die Kirche an diesem Tag besonders empfiehlt, sicherheitshalber gar nicht mehr zu sehen.

Selbst wenn die Überlegungen des Präfekten der Gottesdienstkongregation in der Kirche Gesetz würden, hätte das auf die Praxis der dem Schisma zustrebenden Ortskirchen wohl keine Auswirkungen mehr.

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