Bereichsnavigation Themen:

Liturgie: mehr Platz für Gott

Rorate Caeli hat nachgelegt und den kompleten Text des hier gestern erwähnten Artikels von Liturgiepräfekt Robert Cardinal Sarah im Osservatore ins Englische übersetzt. Darin unternimmt der Kardinal nichts weniger als den Versuch, die in der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium versteckten „Liturgischen Zeitbomben“ zu entschärfen und die Liturgie wieder in eine Richtung zu entwickeln, die den tatsächlichen Intentionen der Konzilsmehrheit näher kommt.

Zentraler Gedanke der Ausführungen des Kardinals ist eine - so muß man wohl sagen - grundlegende Neubestimmung des Prinzips der participatio actuosa, in dem er das Zentralprinzip der Liturgiekonstitution insgesamt erblickt. Participatio, so wie er sie verstanden haben will, bezieht sich in gar keiner Weise auf äußere Abhläufe im Kirchenraum, sondern zuallererst darauf, daß die Kirche sich durch ihre Priester und alle Gläubigen dem Erlösungsopfer Christi anschließt, so wie Christus sich dem Erlösungswillen des Vaters unterworfen habe. Wo dieses Grundprinzip nicht im Glauben angenommen werde, bestehe die Gefahr, „daß die Liturgie zu Menschenwerk, zu einer Selbstfeier der Gemeinde wird.“

Von hier aus sieht der Kardinal eine gefährliche Tendenz darin, undifferenziert von der „feiernden Versammlung“ zu sprechen und die „participatio actuosa“ dann oft nur als die Notwendigkeit zu verstehen, „irgend etwas zu tun“. In dieser Hinsicht sei die Lehre des Konzils „häufig verfälscht“ worden:

Eine allzu oberflächliche und vor allem eine allzu sehr auf den Menschen konzentrierte Lektüre nahm an, daß man die Gläubigen ständig in Bewegung halten müsse. Die gegenwärtige westliche Mentalität, die von der Technik geformt und von den Massenmedien bezaubert ist, wollte aus der Liturgie ein wirkungsvolles und erfolgreiches pädagogisches Unternehmen machen. In diesem Sinne versuchte man, die Feiern als gesellige Veranstaltungen durchzuführen. Von pastoralen Motiven bewegt versuchen die liturgischen Akteure  auch, ihre didaktischen Ziele durch weltlich Elemente und Showeinlagen zu fördern. Wir sehen doch, wie persönliche Zeugnisse, Vorführungen und Beifall sich ausbreiten. Man glaubt, auf diese Weise die Teilnahme zu fördern - doch in Wirklichkeit wird die Liturgie auf ein menschliches Schauspiel reduziert.“

Um dem entgegenzuwirken, stellt der Kardinal über die hier bereits referierten Vorschläüge hinaus weitere bemerkenswerte Überlegungen an. Er kritisiert, daß das Allerheiligste im modernen Kirchen(um)bau nicht mehr als ein allein dem Gottesdienst vorbehaltener Raum abgegrenzt ist, daß dort Akteure in weltlicher und - etwa bei der Verkündigung des Wortes Gottes - auch vielfach unangemessener Kleidung auftreten und daß die Gläubigen nur noch in den seltensten Fällen dazu angehalten werden, die ihnen zukommenden Teile der Liturgie in lateinischer Sprache zu sprechen oder zu singen.

Seine wiederholten Aufforderungen, die Liturgiekonstitution nicht als ein Dokument der Bruches mit der Vergangenheit, sondern als eines der Vertiefung der Kontinuität zu lesen, ergänzt der Kardinal mit einem Appell an die Adresse derjenigen, die die Liturgie nach dem „usus antiquor“ feiern: Dabei dürfe man nicht in Oppositionsgeist verfallen und nun seinerseits die Konstitution als ein Dokument der Diskontinuität darstellen.

Dem ist sicher zuzustimmen - im Prinzip. Solange und soweit Sacrosanctum Concilium jedoch in Wissenschaft und liturgischer Praxis als Rechtfertigung für tiefgehende Brüche mit der Tradition verstanden und genutzt wird, gibt es kaum eine Alternative dazu, eben darauf immer wieder hinzuweisen. Auftritte wie der des neuernannten brasilianischen Bischofs Wilson Luis Angotti Filho, der vorgestern bei seiner Amtsübernahme von den Gläubigen verlangte, zum Kommunionempfang aufzustehen, zeigen, daß der Geist des Bruches immer noch stark ist.

Zusätzliche Informationen