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Vom Guten Hirten

Heute ist der dritte Sonntag nach Ostern, an dem die Kirche im Evangelium zum ersten Mal darauf hinweist, daß der Erlöser „nur noch eine kleine Weile“ als Der Auferstandene unter den Seinen weilen wird. In der neuen Ordnung wird daraus der „4. Sonntag in der Osterzeit“, und das Evangelium macht den Guten Hirten zum Thema, der in der überlieferten Liturgie am zweiten Sonntag nach Ostern (also letzte Woche) seinen Platz hatte. Die Klempner der Bugnini-Werkstatt haben wirklich nichts ausgelassen, um zu demonstrieren, daß sie sich als Meister und nicht als Schüler der hl. Liturgie sehen. Von wegen „Es soll nichts verändert werden, dessen Nutzen für die Gläubigen nicht klar erwiesen ist.“

Diese Willkür im Formalen ist nicht ohne Auswirkungen auf den Inhalt geblieben. Schmerzhaft deutlich wird das beim Blick auf die Einleitungen zum „4. Sonntag in der Osterzeit“, die die Beuroner Verfasser des Schott diesem Tag für die verschiedenen „Lesejahre“ vorausgestellt haben. Hier zitiert nach der Ausgabe von 1975 ohne Überprüfung auf möglichweise inzwischen erfolgte weitere Änderungen.

Im Lesejahr A präsentieren uns die frommen Mönche einen veritablen Aufruf zur Revolution:

Wir sind mündige Christen. Wir wollen ernst genommen werden. Wir stellen die Autorität in Frage... Wir sind getauft, wir haben den Geist empfangen.“ Es folgt eine wohl unvermeidliche, aber durch geschickten Einbau des „Wir“ doch bestenfalls halbherzige Relativierung: „Einer ist für uns gestorben: der gute Hirt. Und er lebt. Wo wir seine Stimme hören, horchen wir auf. Wenn er uns vorausgeht, gehen wir sicher.“

Wo WIR hören.

Im zweiten Lesejahr setzen sie dann noch eins drauf: Dem Lobpreis des heroischen Menschen folgt der Hinweis, das wohl auch Jesus ein solcher gewesen sei und dann eher unklar: „Er hat mehr für uns getan als ein Hirt für seine Herde tun kann.“

Was das auch immer bedeuten möge - das Dementi folgt im Lesejahr C auf dem Fuß:

Es gibt in der Kirche Hirten und Oberhirten, aber von Herde und Schafpferch reden wir nicht so gern. Keiner will ein Schaf sein. Das wird auch nicht verlangt. In heutiger Sprache würde Jesus vielleicht sagen: ,Ich bin der gute Kamerad, ich setze mein Leben ein für meine Kameraden'.“

Halten wir uns also besser an das Tagesgebet, das im lateinischen Ritus seit vielen Jahrhunderten am heutigen 3. Sonntag nach Ostern gebetet wird:

Gott, Du lässest den Irrenden das Licht Deiner Wahrheit leuchten, damit sie auf den Weg der Gerfechtigkeit zurückkehren können; gib, daß alle, die dem christlichen Bekenntnisse angehören, das verabscheuen, was diesem Namen widerstreitet, und das erstreben, was ihm entspricht.“

Zitiert nach dem Schott, Beuron 1953.

„Galoppierende Protestantisierung“

Auf Rorate Cæli lasen wir dieser Tage einen Beitrag, der indizien für die immer stärker werdende Protestantisierung von Erscheinungsbild und Auftreten der Kirche zusammenträgt und zu einem größeren Bild zusammenzufügen versucht. Auch wenn wir nicht alle Schlussfolgerungen und Zuspitzungen dieses Textes teilen, der primär die italienische Situation betrachtet und zuerst in Radicati nella fede erschienen ist, stellt er doch einen Diskussionsbeitrag dar, an dem man nicht vorbeigehen kann. Daß er Tendenzen, die auch in der deutschen Kirche stark sind, zutreffend beschreibt, steht außer Frage.

Es beginnt ein langes ZitatGegenwärtig ist ein enormer Rückgang der Priesterberufungen und ein entsprechender Rückgang der priesterlichen Präsenz unter den Gläubigen zu beobachten. Täglich erhöht sich die Zahl der Pfarreien ohne ständig anwesenden Priester; unbestreitbar werden die Priester seltener. Immer öfter sind Kirchen nur noch für die Hl. Messe geöffnet und bleiben sonst das ganze Jahr über geschlossen. Und selbst wo ein Priester in einer größeren Pfarrei noch seinen ständigen Wohnsitz hat, wird seine spürbare Präsenz ständig geringer, da er durch seine Verpflichtungen in zahllosen kleinen Gemeinden des Umlands völlig überlastet ist. In einigen abgelegenen Gebieten gibt es überhaupt keine Priester mehr.

Was soll man zu diesem herzzerreißenden Bild sagen?

Die größte Gefahr in dieser Situation besteht darin, daß die Lösung all dieser Probleme von denen diktiert wird, die sie verursacht und vorangetrieben haben. Es war ein „protestantisiertes“ Christentum, das diese Fehlentwicklungen vor Jahrzehnten eingeleitet hat und ausgerechnet das bietet sich uns nun als Heilmittel an.

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Ein Hochamt für die Armenier

Am vergangenen Sonntag hat der Papst in der Peterskirche zu Rom ein Hochamt Messe „für die Gläubigen des Armenischen Ritus“ gefeiert. Anwesend waren neben Vertretern des armenischen Staates auch der Oberste Patriarch Karekin II. Nersissian sowie Katholikos Aram I. Keshishian, beide von der nicht in Einheit mit Rom stehenden Armenischen Apostolischen Kirche. Das katholische Patriarchat der Armenier war durch den seit der Vertreibung in Alexandria residierenden Patriarchen Nerses Bedros XIX. Tarmouni vertreten. In einer Ansprache  vor dem Hochamt hat der Papst in erfreulicher Klarheit den Völkermord an den Armeniern, dessen Beginn sich in diesen Monaten zum hundertsten Mal jährt, als das bezeichnet, was er ist: Als Völkermord. Er stellte ihn dabei als die erste derartige Katastrophe des 20. Jahrhunderts in eine Reihe mit den Völkermorden durch die Faschisten und die Stalinisten. Dieser politische Aspekt hat verständlicherweise die Frage nach der Liturgie, in der dieses Hochamt „für die Gläubigen des Armenischen Ritus“ zelebriert wurde, in den Hintergrund gedrängt oder gar nicht erst aufkommen lassen. Das sei hiermit nachgeholt.

Das vom vatikanischen Mediendienst in voller Länge zum Abruf angebotene Hochamt war im Prinzip und sieht man einmal von der Dispensierung des Papstes vom Knien oder Singen ab, ein vorbildliches und mit Würde gefeiertes lateinisches Hochamt nach dem Novus Ordo, wie es im Messbuch steht. Die wesentlichen Teile des Ordinariums wurden von Chor und Schola gregorianisch gesungen – Missa de Angelis und einige moderne Einsprengsel. Als Konzelebranten waren der armenische Patriarch und drei weitere Priester am Altar. Sollten noch andere Priester und Bischöfe, die ihren Platz im innersten Kreis hatten, konzelebriert haben, war das durch die sehr auf die Person des Papstes konzentrierte Bildregie nicht erkennbar. Keine Spur von den früher häufigen Massenkonzelebrationen. Die beiden orthodoxen Patriarchen hatten hervorgehobene Ehrenplätze in einem äußeren Kreis, ohne irgendwie den Anschein von Konzelebranten zu erwecken. Sie traten zum Austausch des Friedensgrußes mit dem Papst an den Altar und dann noch einmal nach dem eigentlichen Hochamt zum Vortrag von Botschaften, die teilweise auch politischer Natur waren.

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Aktualität der Liturgie

Fr. John Hunwicke vom Ordinariat unserer Lieben Frau von Walsignham ist ein scharfer Beobachter und scharfzüngiger Kommentator. Was ihm an der alt/neuen Liturgie dfes gestrigen Tages aufgefallen ist, soll hier in ganzer Länge wiedergegeben werden. Er beginnt mit dem Zitat der überaus konzisen Kollekte des Tages:

Es beginnt ein langes ZitatDa quaesumus, omnipotens Deus: ut, qui in tot adversis ex nostra infirmitate deficimus; intercedente unigeniti Filii tui passione respiremus. Gewähre uns, allmächtiger Gott, daß wir, die gegenüber so vielen Gefahren aus eigener Kraft nichts ausrichten können, durch die Vermittlung deines eingeborenen Sohnes wieder aufatmen mögen. 

Wie außerordentlich aktuell sind solche alten Gebete! Die Kirche steht in gerade diesem Augenblick unter schweren Angriffen des Satans: Noch hat sie sich nicht von den Wunden erholt, die ihr das monströse Übel der Pädophilie zufügte, als Männer, deren Privileg es ist, allmorgendlich mit reinem Herzen zur Darbringung des unbefleckten Opfers den Herrn in ihre eigenen Hände zu nehmen ... zu Dreck wurden. Dämonische Listen richten in den höchsten Rängen der Kirche einen Angriff auf die Lehre von der Ehe. Mit Stolz paradiert sexuelle Perversion durch unsere Straßen - und wehe dem, der widerspricht. Und draußen vor den Toren werden Christen von einem verdorbenen und mörderischen Aberglauben gejagt und als Märtyrer abgeschlachtet. 

Der neue Ritus hat diese Kollekte beibehalten - aber er lässt die Worte gegenüber so vielen Gefahren aus. In der gutgelaunten und optimistischen Vertrauenseligkeit der nachkonziliaren Jahre, die uns erfüllte, als die Kirche sich auf die Höhe der Zeit brachte, ihre Fenster zur Welt weit aufstieß und die Spinnweben wegpustete, entsprach die Rede von so vielen Gefahren nicht wirklich dem Zeitgeschmack.

Au Backe - jetzt müssen wir die Suppe auslöffeln, die uns die modebewussten Liturgisten mit Fleiß eingebrockt haben. Und man erinnert sich an die Worte des Herrn von der noch größeren dämonischen Heimsuchung, die das gekehrte und geschmückte Haus anfallen kann.

So weit Fr. Hunwicke - hier im Original.

Uns ist in der gestrigen Liturgie noch ein weiterer höchst aktueller Bezug aufgefallen. In der Lesung aus dem Evangelium des hl. Johannes, wo Judas der Verräter sich bitter über die protzende Maria aus Bethanien beklagt - das für die Füße des Herrn verschwendete Nardenöl hätte man auch zugunsten der Armen verkaufen können. 

Das Evangelium geht dann gleich mit einer zweifachen Lehranwendung weiter. Zunächst informiert uns Johannes darüber, daß Judas als Kassenwart durchaus auch an sich selbst dachte, wenn er von der Sorge für die Armen sprach: „Er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte“. Und dann gibt er die Worte Jesus selbst wieder: „Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“ Womit er nicht nur den Anspruch klarstellt, daß Gott jeder Verschwendung wert ist - die doch nur etwas von dem zurück gibt, was wir ihm verdanken. Die Armut als solche zu überwinden steht nicht in unserer Macht. Der Auftrag des Christen ist, im Armen das Gesicht Christi zu erkennen und sich danach zu verhalten.

Nur eine Sache der Atmosphäre?

Einer der hauptsächlichen Kritikpunkte an der reformierten Liturgie beruht auf dem Vorwurf, diese Liturgie stellle zumindest in ihrem praktischen Vollzug das horizontale Element, die versammelte Gemeinde und deren soziale Dynamik, über das vertikale Element, also die Hinordnung jedes Einzelnen und damit auch der Versammlung insgesamt zur Verherrlichung Gottes und auf das Gnadenhandeln des Erlösers an den Menschen, das von jedem Einzelnen aufgenommen und beantwortet werden muß.

Die Plausibilität dieser Kritik wurde in den vergangenen Tagen - nicht zum ersten Mal - durch Worte aus dem Mund des Papstes selbst bestätigt. In einem Interview mit dem mexikanischen Fernsehen (hier ein Kurzbericht) pries Franziskus die Atmosphäre der Nähe, von der aus evangelikalen Gottesdiensten berichtet wird:„Sie gehen einmal bei ihnen zum Gottesdienst, und am Sonntag darauf warten sie an der Tür auf Sie, kennen Ihren Namen und begrüßen Sie“ In römisch-katholischen Kirchengemeinden gehe es dagegen vielfach sehr distanziert zu. Attraktiv für Außenstehende seien offenbar auch die guten und biblischen Predigten in vielen evangelikalen Gruppen, so Franziskus. Manche katholische Auslegungen seien hingegen ein „Desaster". Sie erreichten nicht das Herz der Zuhörer: „Es sind Theologiestunden oder abstrakte, lange Sachen.“ Freilich gebe es auch bei den Evangelikalen weniger gelungene Ansätze. Ausdrücklich kritisierte er Strömungen, die ein Wohlstandsevangelium verkündeten. Das sei sektiererisch und unbiblisch.

Der Unterschied im Atmosphärischen zwischen evangelikalen Gottesdiensten und der hl. Messe mag manchmal sehr auffällig sein - das Wesen der Sache selbst bringt er nicht ausreichend zum Ausdruck. In der heiligen Messe - auch wenn sie in nordeuropäisch-zurückhaltender Atmosphäre stattfindet und von einer vielleicht etwas steifen Glaubensverkündigungspredigt begleitet werden sollte - erfahren wir in der Vergegenwärtigung des Erlösungsopfers, in Wandlung und Kommunion unmittelbar das sakramentale Handeln Gottes an den Menschen, an jedem Einzelnen selbst, das weit über alles hinausgeht, das die Gemeinde aus sich heraus oder aus einer mitreißenden Predigt zu bewerkstelligen vermag. Und genau dieses Wesentliche - im Marketing würde man von einem „Alleinstellungsmerkmal“ sprechen - scheint dem Papst (oder denen, die den Bericht verfasst haben) in diesem Interview nicht der Rede wert zu sein.

Der Charakter des Gottesdienstes als Feier der Gemeinschaft mag in den Jahrhunderten zwischen Beginn der Neuzeit und der vollen Ausprägung der Moderne etwas in den Hintegrund getreten zu sein. Wenn die Reformen des 20. Jahrhunderts in der Gegenbewegung jetzt dazu geführt haben sollten, diesen Gemeinschaftscharakter vor allem anderen in den Vordergrund zu stellen, sind sie trotz aller Kraftanstrengung rettungslos gescheitert.

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