Bereichsnavigation Themen:

Der Geist der Weisheit Gottes

Bild: https://russianicons.wordpress.com/2014/08/13/they-come-in-sevens-the-kiev-sophia-icon/Ein Nachtrag in der Pfingstoktav

Die dramatische Schilderung der Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten im 2. Kapitel der Apostelgeschichte mag dazu geführt haben, daß im Weltbild vieler Christen Pfingsten quasi den „Urknall“ für den Eintritt des heiligen Geistes in die Welt darstellt. Und ist nicht der Heilige Geist die „Dritte Person“ der hochheiligen Dreifaltigkeit, die den Menschen erst durch die Verkündigung des Neuen Bundes offenbart worden ist? Erst mit dem neuen Bund tritt der Heilige Geist in unser Gesichtsfeld – so scheint es.

Dem ist jedoch ganz und gar nicht so. Noch vor dem ersten WORT des Schöpfers „Es werde Licht“ in Vers Drei des Schöpfungsberichtes ist in Vers Zwei vom Gotteshauch, dem pneuma theou oder spiritus dei die Rede, der über dem liegt, was noch keine Form und Teilung hat. Von diesem Vers an ist der „Geist Gottes“, die „Weisheit des Herrn“ ständiger Begleiter des Wirkens Gottes in seiner Schöpfung, und das „Buch der Weisheit“ (8, 21ff), das viel später entstanden ist als die Genesis, aber auch zum Bestand des masoretischen Alten Testaments gehört, greift das auf und führt quasi als Selbstbeschreibung des Geistes der Weisheit aus:

(23) Der Herr hat mich erschaffen als Anfang seiner Wege auf seine Werke hin, (2)4 bevor er die Erde erschuf und bevor er die Abgründe machte, bevor die Quellen der Wasser hervorgingen, (25) bevor die Berge festgemacht wurden, vor allen Hügeln zeugte (wörtlich: „zeugt“ im Präsens) er mich.
(27) Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm dabei, und als er seinen Thron auf den Winden festsetzte. (28) Als er stark machte die oberen Wolken und als er sicher machte die Quellen unter dem Himmel (29) und fest machte die Fundamente der Erde, (30) da war ich bei ihm als Ordnende. Ich war es, an der er sich freute, und täglich erfreute ich mich in seiner Gegenwart zu jeder Zeit...

Unsicherheiten wie die, ob der Geist nur grammatisch oder dem Wesen nach weiblich ist und ob er/sie geschaffen oder gezeugt ist, sind typisch für den unfertigen Stand der Offenbarung des alten Bundes – selbst nach der Stiftung des neuen dauerte es noch Jahrhunderte, bis die Kirchenväter und die frühen Konzilien zu einer einigermaßen kohärenten Lehre und einem theologisch stimmigen Bild vom heiligen Geist und der allerheiligsten Dreifaltigkeit fanden.

Vielleicht wären sie besser dem Gebot gefolgt: Ihr sollt Euch kein Bildnis machen.

Weiterlesen...

Pfingsten und Pfingstvigil

Bild: Marco Plassio, Wikimedia CommonsIn der überlieferten Liturgie, die in dieser Form bis 1955 praktiziert wurde, hat die Vigil von Pfingsten einen zweifachen Charakter: Sie ist – wie ursprünglich alle Vigilien – ein Tag der Buße und der betenden Vorbereitung auf den kommenden Festtag. Die nächtliche Feier bildete den Abschluß dieser Vorbereitung und bot einen harmonischen Übergang zur Feier des eigentlichen Festes. Die Pfingstvigil war aber außerdem eine Art Replik, ein Wiederholungstermin der Ostervigil. In der Nacht vor Pfingsten erhielten Katechumenen, die an der österlichen Taufe nicht teilnehmen konnten, eine zweite Gelegenheit zum Empfang des Sakraments. Sie erhielten in den Lesungen eine letzte Unterweisung; es fand eine eigene Weihe des Taufwassers statt, und schließlich wurden die Katechumenen in feierlicher Prozession zur Taufe geführt. Praktischer Grund für diesen Wiederholungstermin war wohl die Tatsache, daß es immer wieder Taufbewerber gab, die aus äußeren Gründen (Krankheit, Reisehindernisse) an der Taufe in der Osternacht nicht teilnehmen konnten. Es konnten aber auch innere Gründe vorliegen, etwa, daß Katechumenen bei den Scrutinien nach der Vorbereitungszeit noch beträchtliche Wissenslücken offenbarten, die eine Verschiebung der Taufe und eine mehrwöchige „Nachschulung“ angeraten erscheinen ließen.

Auch lagen die beiden Festgedanken traditionell nahe beieinander. Der Opfertod am Kreuz, die Auferstehung und die Ausgießung des heiligen Geistes bildeten deutlicher als das heute vielfach empfunden wird drei Facetten des einheitlichen Erlösungsgeschens. Pfingsten war keine neues Fest nach Ostern, sondern Pfingsten bildete den Abschluß und war einer der drei Höhepunktes des großen Festes der Erlösung.

Von daher konnte sich die liturgische Feier der Pfingstvigil eng an die Formen der Osternacht anschließen. Wie diese hatte sie eine Reihe von alttestamentlichen Lesungen, die den Katechumenen noch einmal Hauptstationen der Heilsgeschichte vorstellten. Es waren hier allerdings nur sechs Lesungen, eine Auswahl aus der umfangreicheren Liste der Osternacht in zudem veränderter Reihenfolge. Wo es Tractus zu den Lesungen gibt, sind es die gleichen wie am Karsamstag – aber die Texte der nach den Lesungen gebeten Orationen unterscheiden sich von denen am Karsamstag. Nicht wirklich verschieden dem Sinne nach – schließlich beziehen sie sich auf die gleichen Schriftstellen und greifen die gleichen Motive auf, die auch am Karsamstag betont wurden. Aber verschiedene im Wortlaut. Tatsächlich lesen sie sich wie zwei Redaktionen ein- und desselben Grundtextes, die vielleicht verschiedenen lokalen Traditionen oder zeitlichen Ebenen entstammen.

Weiterlesen...

Vidi Aquam

Bild: eigene AufnahmeAn den Sonntagen nach Ostern wird in den Gemeinden, die nach altem Brauch vor dem Sonntagshochamt die Gläubigen zum Taufgedächtnis mit Weihwasser besprengen, die Antiphon „Vidi Aquam“ gesungen. Nach dem Pfingstsonntag und bis zum nächsten Ostern folgt dann wieder das „Asperges“. Beide Gesänge greifen weit in die Vergangenheit zurück auf die Theologie und Liturgie des Tempels in Jerusalem. Das Asperges ist eine Zeile aus dem Psalm 50, die sich ihrerseits auf die Liturgie des Entsühnungsfestes (Yom Kippur) bezieht, bei der die Gläubigen mit Opferblut besprengt und somit gereinigt wurden. Das Vidi Aquam vermittelt den gleichen Grundgedanken, ist jedoch viel tiefer eingebettet in die „Theologie“ des Alten Testamentes und deren Fortführung und Erfüllung im Neuen.

Der Text folgt leicht geglättet einem Abschnitt aus der Vision des Propheten Ezechiel (Kap. 40-48) die das Idealbild des Ersten Tempels zeichnet und in vielen Einzelheiten dem Bau und dem Kult des zweiten Tempels – begonnen 516 – zum Vorbild diente.

Die von Ezechiel (47, 1-12) beschriebene Quelle auf dem Gebiet des Tempels hat in der materiellen Welt nie existert – das geben die geologischen Verhältnisse nicht her. Die nächstgelegene Quelle lag südlich des Tempelberges im Kidrontal außerhalb der Stadtmauer. Das war die Gihon-Quelle, deren Wasser seit dem 7. Jh. vor Chr. durch einen unterirdischen Tunnel in den Siloah-Teich innerhalb der Mauern der Davidsstadt geleitet wurde und die im Altertum faktisch die einzige Quelle für die Wasserversorgung der Stadt bildete.

Die Quelle im Tempel, von der Ezechiel spricht und die im „Vidi Aquam“ zitiert wird, war gewöhnlichen Augen unsichtbar. Sie entspringt nicht dem Felsenboden des Berges Moria, sondern theologischer Notwendigkeit und prophetischer Eingebung: Der Tempel war in seiner gesamten Anlage Abbild der Schöpfung und insbesondere des im Zentrum der Erde liegenden Gartens Eden, und der ist undenkbar ohne den Strom lebendigen Wassers, der nach dem zweiten Schöpfungsbericht im 2. Buch Genesis den „Lustgarten des Herrn“, in den er den Menschen gesetzt hatte, durchzieht und bewässert. Beim Austritt aus dem Garten Eden teilt dieser namenlose Strom sich in vier „Anfänge“: den Euphrat, den Tigris, den Pischon – von den Juden zur Zeit Christi und später auch von den Kirchenlehrern als der Ganges gedeutet – und schließlich den in der materiellen Welt nur bescheiden widergespiegelten Gihon, der in der Genesis  „das ganze Land Äthiopien umfließt“.

Weiterlesen...

Christi Himmelfahrt II

Bild: aus der im Text verlinkten Quelle

Das Auferstehungsbild aus dem Evangeliar von Rabbula, das wir vor allem wegen seines hohen Alters für den Artikel zum Fest ausgewählt hatten, enthält bei näherer Betrachtung mehrere hoch bedeutsame Elemente. Das Wichtigste ist die ungewöhnliche Darstellung eines Thrones, auf dem der auferstandene, in den Himmel aufgefahrene und als Weltenrichter wiederkehrende Christus in der Mandorla wiedergegeben ist. Was auf den ersten Blick vielleicht noch nicht einmal als Thron, sondern eher als eine Art Ständer für die Mandorla, erscheinen mag, ist bei genauerem Hinschauen der Thron des Allmächtigen über den Cherubim, das Urbild der Kapporet, des „Schemels für die Füße“ des Herrn über der Bundeslade des ersten Tempels.

Die Ansammlung von mit Augen versehenen Flügeln, Rädern und Köpfen eines Löwen, eines Adlers, eines Stieres und eines Menschen sind der Versuch zur Abbildung des (oder der) lebenden Wesen, die in der Vision des Ezekiel (1, 1-24) den Thron der „Gestalt der Herrlichkeit des Herrn“ tragen, die „das Aussehen eines Menschen“ hat. Auch die etwas unmotiviert neben dem Stierkopf erscheinende Hand kommt von dort. Von alledem gehen die ebenfalls von Ezekiel erwähnten bernsteinfarbigen Feuerzungen aus. Mit diesem Christus auf dem Thron der Cherubim ist diese Darstellung unseres Wissens nach durchaus einzigartig. Die meisten anderen Bilder zur Himmelfahrt zeigen den in die Höhe aufsteigenden Christus in der Bewegung, gelegentlich sogar nur noch dessen Füße, denn „eine Wolke entzog ihn ihren Blicken“. Dringt der Blick des Künstlers dennoch bis zur Inthronisation des in sein Reich urückgekehrten Messias vor wie gelegentlich in Ikonen des Ostens, so ist sein Platz auf dem Regenbogenthron des Weltenrichters aus der Geheimen Offenbarung (Offb 4, 4), bei dem die „lebenden Wesen“ eher zum himmlischen Hofstaat gehören.

Der Rückgriff auf den von Ezekiel beschriebenen Thron über den Cherubim auf diesem ältesten Himmelfahrtsbild, das im späten 5. bis Mitte des 6. Jahrhunderts in Nordsysrien entstanden sein dürfte, ist ein wichtiger Beleg dafür, daß das frühe Christentum noch ein sehr lebendiges Bewußtsein davon hatte, daß der JHWH Israels die als Jesus Christus Mensch gewordene Person des göttlichen Wortes war.

Weiterlesen...

Bittage vor Himmelfahrt I

Bild:http://www.newliturgicalmovement.org/2014/06/ascension-rogation-days-photopost.htmlMit dem heutigen Montag beginnen die Bittage, die seit alters her an den drei Tagen vor dem Fest Christi Himmelfahrt begangen werden. Diese Litaniæ minores haben nichts mit der vorchristlichen Flurprozession der Ambarvalien zu tun, die in der römischen Kirche einen Nachfolger in der Großen Bittprozession vom 25. April gefunden haben. Sie stammen vielmehr aus dem Galien der Völkerwanderungszeit, wo sie erstmals in einer Anordnung des Bischofs von Vienne, Mamertus, aus dem Jahr 469/470 erwähnt sind – dort als mit Prozessionen verbundene Bitt- und Bußtage wegen Erdbeben und Missernten. Die Synode von Orléans machte sie 511 für alle Kirchen Galliens verpflichtend. Erst dreihundert Jahre später wurden die Bitttage von Papst Leo III. auch in Rom und den gesamten Bereich der römischen Liturgie eingeführt – allerdings zunächst wohl ohne das in Gallien damit verbundene Fastengebot. In Rom hatte man bis in die dunkelsten Zeiten der Barbareneinfälle daran festgehalten, die ganze Osterzeit im Geist der Auferstehungsfreude zu begehen; die alten Konzilien hatten (im Rückgriff auf Luk. 5, 34) während des Osterfestkreises jegliches Fasten sogar strikt verboten.

In Gallien bestimmte ein strenges Fasten- und Abstinenzgebot das Umfeld der Bitt- und Bußtage, die Synode von Orleans hatte sogar angeordnet, dienstbare Personen für diese Tage von der Pflicht zur Arbeit freizustellen, damit sie an den viele Stunden beanspruchenden Begängnissen teilnehmen konnten. Dom Gueranger vermerkt dazu im „Kirchenjahr“ (Bd 9, S. 58 folgende):

Der Hauptritus der gallischen Kirche während dieser drei Tage bestand von allem Anfang an in feierlichen Umzügen, während welcher Bittgesänge angestimmt wurden.... Der heilige Cäsarius von Arles berichtet, daß diese Prozessionen in der Bittwoche sechs volle Stunden dauerten, so daß der Klerus, wenn er sich von den langen Gesängen ermüdet fühlte, von Frauenchören abgelöst wurden, damit die Diener der Kirche Zeit hatten, wieder zu Atem zu kommen. (…)

Bevor die Bittprozession abging, wurden die Häupter der Teilnehmer mit Asche bestreut, und diese Teilnehmer waren das ganze Volk; daran reihte sich die Ausspendung des Weihwassers, worauf sich der fromme Zug in Bewegung setzte. Die Prozession war aus dem Klerus und den Angehörigen mehrerer Kirchen sekundären Ranges gebildet, die unter Vortragung des Kreuzes in einer Hauptkirche sich sammelten. Der Klerus der letzteren hatte auch die Leitung. Jedermann, Kleriker wie Laien, ging barfuß. Man sang die Litanei, Psalmen, Antipohonen, während man sich nach einer vorher als Station bezeichneten Basilika begab, woselbst man das heilige Meßopfer feierte., Alle Kirchen, an welchen man vorüberkam, wurden besucht, und man sang dort eine Antiphon zum Preise des Geheimnisses oder des Heiligen, dem die Kirche geweiht war. … Der Mönch von St. Gallen, der uns so kostbare Denkwürdigkeiten über Karl den Großen hinterlassen hat, berichtet, daß der große Kaiser in jenen Tagen wie der niederste Gläubige seine Fußbekleidung abgelegt und mit nackten Füßen von seinem Palast bis zur Stationskirche hinter dem Kreuz hergegangen sei.“

Die Bittage, insbesondere die Bittprozessionen, werden auch heute noch in manchen katholischen Gegenden begangen, tatsächlich scheint es in den letzten Jahren sogar teilweise zur Wiederbelebung des im 20. Jahrhundert vielfach aufgegebenen Brauches gekommen zu sein. Der Schwerpunkt liegt dabei allgemein weniger auf dem Aspekt der Buße, sondern bei den Bitten um eine gute Ernte.

Unterkategorien

  • Stationskirchen

    Die römischen Stationskirchen

    Kupferstich von Giusepppe Lauro aus dem Jahr 1599

    In der Fastenzeit 2013 haben wir zu jedem Tag die entsprechende Stationskirche kurz vorgestellt. Damit sind zwar alle gegenwärtigen Stationskirchen erfasst, aber nicht alle Tage mit einer Statio, von denen es auch etliche außerhalb der Fastenzeit gibt.

    Bei der Vorstellung der Stationskirchen orientierten wir uns im wesentlichen an „Die Stationskirchen des Missale Romanum“ von Johann Peter Kirch, Freiburg 1926. Zu Ergänzungen haben wir Hartmann Grisar „Das Missale im Licht römischer Stadtgeschichte“, Freiburg 1925, und Anton de Waals „Roma Sacra - Die ewige Stadt“ von 1905 in der Überarbeitung Johann Peter Kirchs von 1925 (Regensburg 1933) herangezogen. Daneben haben wir auch auf Informationen aus Internetquellen zurückgegriffen. Die Illustrationen stammen, soweit nicht anders angegeben, von eigenen Aufnahmen.

    Wie der gegenwertige Nachfolger de Waals und Kirchs als Direktor des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Prof. Msgr. Stefan Heid, uns mitteilte ist diese älter Literatur insbesondere in Sachen der Datierungen vielfach überholt. Nach seinen Untersuchungen geht die Institution der Stationes nicht wesentlich vor die Zeit Gregors d. Großen zurück. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Stationskirchen bzw. deren Vorgängerbauten nicht wesentlich älter sein können.

Zusätzliche Informationen