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Die Vorbereitung

Die Oratio des 2. Adventssonntags schließt an die des ersten an wie eine zweite Strophe eines Gedichtes an die erste. Sie beginnt sogar mit dem gleichen Wort, dem Anruf „excita", der sich hier freilich nicht auf den Herrn in seiner Machtfülle selbst bezieht, sondern ihn bittet, an uns zu tun, was uns dazu verhelfen möge, Seiner würdig zu werden:

Erwecke, Herr, unsere Herzen, daß wir Deinem Eingeborenen die Wege bereiten, damit wir durch seine Ankunft (adventum) in den Stand versetzt werden, Dir mit geläutertem Sinn zu dienen.

Der Gedanke schließt so direkt an den des vorhergehenden Sonntags an, daß man versucht ist, von einer Bekräftigung durch Verdoppelung zu sprechen: Wir alleine sind nicht im Stande, dem Herrn reinen Herzens zu dienen – dazu bedürfen wir des Kommens des ersehnten Messias. Doch selbst die Vorbereitung darauf würde unsere Kräfte überfordern, wenn der Herr unseren Herzen nicht einen Stoß geben wollte.

Dieser Gedanke der doppelten Abhängigkeit ist im Grunde gar nicht kompliziert und wird in der traditionellen Form der Oratio in vollendeter Einfachheit ausgedrückt. Den Gestaltern des neuen Missales war das anscheinend zu einfach und zu direkt. Sie gaben der Grundaussage daher einen anderen Dreh, der die „Lebenswirklichkeit" mit in den Blick nimmt – fast so, als ob darin eine Entschuldigung unseres Unvermögens liegen würde. Aus einem prinzipiellen Defizit wird so eine widrigen Umständen des Erdenlebens geschuldete Schwäche:

Allmächtiger und barmherziger Gott, deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg. Laß nicht zu, daß irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohne entgegenzugehen. Führe uns durch dein ‚Wort und deine Gnade zur Gemeinschaft mit ihm.

Die Fassung im Deutschen Messbuch stimmt dabei mit der lateinischen Editio Typica weitgehend überein.

Rechtes Verständnis der Liturgie

Die Diskussion um die Karfreitagsfürbitte geht weiter. Fr. Hunwicke hat in diesem Zusammenhang auf einen Vortrag von Erzbischof Hilarion vom Moskauer Patriarchat hingewiesen (), in dem zum Verhältnis von Liturgie und Glaube unter anderem folgendes ausgeführt wurde:

Eine andere Scheidung ist zwischen Liturgie und Theologie zu erwähnen. Für einen Orthodoxen Theologen sind die liturgischen Texte nicht nur das Werk hervorragender Theologen und Dichter, sondern auch die Frucht der frommen Erfahrung jener, die zur Heiligkeit und zur theosis gelangt sind. Die theologische Autorität liturgischer Texte ist meiner Ansicht nach höher als die der Werke der Kirchenväter, denn nicht alles in deren Wserken ist von gleichem theologischen Wert und nicht alles ist von der Kirche in ihrer Gesamtheit übernommen worden. Liturgische Texte demgegenüber werden von der ganzen Kirche als eine „Regel des Glaubens" (kanon pisteos =? regula fidei) angenommen, weil sie überall und über viele Jahrhunderte in Orthodoxen Kirchen gelesen und gesungen worden sind. (...)

Die lex credendi erwächst aus der lex orandi, und Dogmen gelten als göttlich offenbart, weil sie vom Gebetsleben getragen und der Kirche durch ihren Gottesdienst kund gemacht sind. Wenn also Divergenzen im Verständnis eines Dogmas zwischen einer bestimmten theologischen Autorität und liturgischen Texten auftreten, neige ich dazu, letzteren den Vorzug zu geben. Und wenn ein Lehrbuch der Dogmatik andere Ansichten enthält als man sie in den liturgischen Texten vorfindet, so ist es das Lehrbuch und nicht die Liturgie, das der Korrektur bedarf.

Noch wesentlich weniger zulässig ist es nach meiner Ansicht, liturgische Texte nach zeitbedingten Normen zu korrigieren. Erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit hat die Römisch Katholische Kirche sich entschlossen, einige als „antisemitisch" bezeichnete Texte aus dem Gottesdienst des Karfreitag zu streichen..."

Diese Ausführungen des „Außenministers des Moskauer Patriarchats" provozieren einen Vergleich zu den Abschnitten 247 – 249 der Enzyklika Mediator Dei von Papst Pius XII. Die dort vorgetragene Lehre hat zwar gewisse Überschneidungen mit oder Parallelitäten zu der von Hilarion vorgetragenen Position – nimmt aber in letzter Konsequenz eine deutlich andere Position ein. Sie erkennt zwar die Liturgie als eine theologische Quelle zur Schöpfung von Glaubenswahrheiten an – die Liturgie ist dies jedoch „nicht aus eigener Autorität", sondern deshalb, „weil sie ein stets dem obersten kirchlichen Lehramt unterstelltes Bekenntnis der übernatürlichen Wahrheiten ist... Wollen wir aber das Verhältnis zwischen Glauben und Liturgie in allgemein und unbedingt gültiger Form genau erfassen und abgrenzen, so kann vollkommen richtig gesagt werden: „Lex credendi legem statuat supplicandi, durch das Gesetz des Glaubens soll das Gesetz des Betens bestimmt werden". (249)

Demenstsprechend kann die Liturgie auch von der Hierarchie in einem in Mediator Dei nicht näher definierten Rahmen auch jederzeit geändert werden. Voraussetzungen und Konsequenzen dieser Position bedürfen sicher im Licht der Erfahrungen der letzten 6 Jahrzehnte einer kritischen Würdigung. Zumal inzwischen selbst Erscheinungen wie Die Lebenswirklichkeit oder Die Armen als Quellen der Offenbarung im Gespräch sind.

Zur Sache „Karfreitagsfürbitte" selbst ist folgendes anzumerken: Die von Papst Benedikt vorgenommene Änderung des Gebetes wahrt unbestreitbar die Übereinstimmung mit dem traditionellen Glaubensinhalt, so wie er auf den Brief des Apostels Paulus an die Korinther, 3.12-16 zurückgeht. Auch eine solche „redaktionelle" Änderung unter Druck von Außen ist nicht unproblematisch, kann aber möglicherweise unter dem Aspekt sinnvoll sein, letztlich unnötige Missverständnisse oder Missdeutungen zu vermeiden. Bei der im Missale von 1970 gebrauchten Form ist die Übereinstimmung demgegenüber fraglich – hier könnten sich modernistische Ansichten „theologischer Autoritäten" in den Vordergrund gedrängt haben.

Die Wiederkunft

Der Advent hat seit Alters her einen Doppelcharakter; er dient der Vorbereitung auf die Feier des ersten Kommens Christi in Bethlehem ebenso wie dem Hinblick auf die zweite Wiederkunft als Weltenrichter am Ende der Zeit. Dieser Doppelcharakter ist auch im Missale des Novus Ordo erhalten geblieben – einschließlich des apokalyptischen Ausblicks auf die letzten Tage im Lukasevangelium, der heute noch im „Lesejahr C" vorgetragen wird. Und doch läßt sich im Proprium des 1. Adventssonntags ein überaus charakteristischer Unterschied im Glaubensverständnis vor und nach der Reform feststellen.

Die Oratio im überlieferten Ritus ist ein typischer Vertreter des knappen römischen Geistes, der den Kern der Sache ins Auge fasst und sich ihm ohne Umschweife zuwendet:

Biete Deine Macht auf , oh Herr, und komm, wir bitten Dich: dann werden wir aus den Gefahren, die uns wegen unserer Sünden drohen, durch deinen Schutz entrissen und durch Deinen Freikauf erlöst.

Das Tagesgebet im NO macht – bereits auf Latein, noch mehr aber in der deutschen Fassung – deutlich mehr Worte:

Herr unser Gott, alles steht in deiner Macht, du schenkst das Wollen und das Vollbringen. Hilf uns, daß wir auf dem Weg der Gerechtigkeit Christus entgegengehen und uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vorbereiten, damit wir den Platz zu seiner Rechten erhalten, wenn er wiederkommt in Herrlichkeit.

Unter den vielen Worten fehlt freilich das eine Wort „Sünde", das in der überlieferten Form eine zentrale Stellung einnimmt. „Wegen unserer Sünden" sind wir in Gefahr des (ewigen) Todes – und deshalb ist Christus gekommen, uns zu beschützen und zu erllösen. Dieser Zusammenhang bleibt in der modernen Form im Ungewissen verschleiert, und wo man von der Sünde schweigt, muß man auch von der Erlösung nicht reden. Statt dessen ist von unserer „Eigenleistung" die Rede, wir gehen Christus entgegen und bereiten uns so auf seine Wiederkunft vor, daß wir dann einen „Platz zu seiner Rechten erhalten"

Diese Akzentverschiebung ist etwas irritierend, aber nicht illegitim. Der Aspekt der „Eigenleistung" gehört ja dazu, damit Erlösungstat und Erlösungswille Christi bei allen wirksam werden können. Das ist in der überlieferten Form im Begriff der Gefahren, „die uns wegen unserer Sünden drohen", zwar implizit enthalten – darauf explizit einzugehen wäre sicher kein Fehler, würde das Gewicht nicht durch den Wegfall des Begriffs „Sünde" allzusehr in die entgegengesetzte Richtung verschoben.

Dabei hält sich die deutsche Fassung hier gegenüber der Lateinischen noch wohltuend zurück. Dort heißt es nämlich:

Da, quaesumus, omnipotens Deus, hanc tuis fidelibuis voluntatem, ut, Christo tuo venienti iustis operibus occurentes, eius dexterae societati regnum mereantur possidere caeleste.

„Durch Werke der Gerechtigkeit" Christus entgegengehen und so „verdienen, Gefährten zur Rechten seines Reiches" zu werden – das klingt verdächtig nach jener „Werkgerechtigkeit", die die Reformatoren der Kirche seinerzeit vorwarfen, obwohl die Tradition – siehe oben die Oratio in der überlieferten Form – sich diesem Mißverständnis stets entgegengestemmt hatte. Immerhin: Wer tatsächlich nach Indizien für „Semipelagianische" Tendenzen" sucht, könnte hier fündig werden.

Haltet eure Stadt sauber!

Der Rückblick auf unsere Themen im zu Ende gehenden Monat zeigt, daß es so nicht weitergehen kann – zumindest auf summorum-pontificum.de nicht. Von den bis gestern 16 Artikeln im November hatten ganze vier Nachrichten aus dem Bereich der überlieferten Liturgie zum Gegenstand – gute und weniger gute. Sechs befassten sich analytisch oder auch nur fassungslos mit den verwirrenden Signalen, die aus dem Rom des gegenwärtigen Pontifikats in die Welt gesandt werden; weitere sechs hatten ähnliche Erscheinungen aus Deutschland und Mitteleuropa zum Gegenstand – teils als Symptome für die herrschende Verwirrung, teils als Indizien dafür, wie sehr diese Verwirrung auf das Versagen der zur Anleitung der Gläubigen bestimmten Hirten zurückgeht.

Zugegeben, die Zahl der guten Nachrichten hätte sich erhöhen lassen – etwa durch Hinweis auf ein Allerseelenamt im überlieferten Ritus in einem amerikanischen College oder die Ankündigung einer Messe im Dominikanischen Usus zum Ordensjubiläum am 7. Dezember in Bologna. So erfreulich solche Dinge sind: Sie sind keinesfalls Ausdruck eines bedeutenden Trends, und sie haben so gut wie keinen Einfluss auf den allgemeinen Gang der Dinge. Dieser Gang der Dinge wird für die deutschsprachigen Leser, an die sich summorum-pontificum.de in erster Linie wendet, durch das kirchlich und geographisch nähere Umfeld bestimmt, sprich: Rom von Ecclesia Dei bis Enzyklika und von unseren Bischöfe bzw. den nationalen Bischofskonferenzen.

Die Durchsicht der für diesen Bereich relevanten Nachrichtenquellen am heutigen Donnerstag gab ein niederschmetterndes Bild. Zunächst erfordert es eine Ergänzung unserer Mitteilung vom 22., daß die Bischofskonferenz von England und Wales sich mit der Bitte um Änderung der Karfreitagsfürbitte im überlieferten Ritus an Ecclesia Dei gewandt habe. Nachdem der Vorgang umfassender publiziert ist, wird erkennbar, daß die Bitte an Rom ursprünglich von (den) deutschen Bischöfen bzw. ihrem Sekretariat ausgeht – sie haben die Engländer aufgefordert, sich ihnen anzuschließen. Ein typischer Langendörfer also.

Zweiter Schlag: Ein auf dem Webportal der deutschen Bischöfe „katholisch.de" veröffentlichter Artikel eines Mitglieds der Webredaktion: Björn Odendahl hat für den in Teilen Afrikas überaus starken und lebendigen Glauben eine Erklärung gefunden hat, die sich in einem hässlichen Satz zusammenfassen läßt: „Nun – die Neger sind ja auch dumm und ungebildet". Ein würdiger Nachschwätzer des unsäglichen Unsinns, den die Herren Kardinäle Kasper und Daneels zu verbreiten belieben. katholisch.de eben.

Zum dritten Schlag, der ein dreifacher ist

Chaos im Feldlazarett

In der vergangenen Woche hat Papst Franziskus wieder eine seiner extemporierten Reden gehalten, nach denen sich viele fragen, was er denn nun eigentlich sagen wollte. Insbesondere ermahnte er die Verantwortlichen für die Priesterausbildung, ein Auge auf die geistige Gesundheit der zukünftigen Priester zu haben:

Das ist interessant: Wenn ein junger Mann zu streng, zu fundamentalistisch ist, dann traue ich ihm nicht. Vielleicht steckt da irgend etwas in ihm, das er selbst noch nicht einmal weiß."

Daher sei es wichtig, daß die für die Priesterausbildung Verantwortlichen auch auf kleine Anzeichen geistiger Instabilität achteten. Zu große Strenge hindere den Priester daran, im Geist der Barmherzigkeit zu handeln.

Fr. Ray Blake von St. Mary Magdalen hat sich seine Gedanken über diese Rede gemacht - wir haben sie übersetzt:

Es beginnt ein langes ZitatIn Frankreich gibt es eine kleine altrituelle Gemeinschaft von Schwestern, die das Down-Syndrom haben – die „kleinen Schwestern des Lamms“. Das ist eine der vielen Gründungen im Umfeld der Abtei von Fontgombault. Ich weiß nicht, ob es auch ähnliche Gemeinschaften nach dem Novus Ordo gibt. Irgendwie scheint der alte Ritus besonders geeignet, Leuten wie den Schwestern des Lammes entgegen zu kommen.

Früher konnten Menschen mit körperlichen oder gesitigen Behinderungen vielleicht nicht Chormönche oder Nonnen werden, dazu hätten sie Latein können müssen, aber wenn sie in der Lage waren, zu arbeiten, hätte man sie unter Umständen als Laienbrüder oder -schwestern aufgenommen. Die Veränderung kam mit der Erneuerung des Ordenslebens nach dem 2. Vatikanum. Heutzutage kommt man ohne anständigen Hochschulabschluss für viele Ordensgemeinschaften gar nicht in Betracht; und wer ein auffälliges Merkmal in seinem psychologischen Gutachten hat, das heute in allen Diözesen und den meisten Gemeinschaften obligatorisch zu sein scheint, wird ebenfalls höchst wahrscheinlich zurückgewiesen.

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  • Stationskirchen

    Die römischen Stationskirchen

    Kupferstich von Giusepppe Lauro aus dem Jahr 1599

    In der Fastenzeit 2013 haben wir zu jedem Tag die entsprechende Stationskirche kurz vorgestellt. Damit sind zwar alle gegenwärtigen Stationskirchen erfasst, aber nicht alle Tage mit einer Statio, von denen es auch etliche außerhalb der Fastenzeit gibt.

    Bei der Vorstellung der Stationskirchen orientierten wir uns im wesentlichen an „Die Stationskirchen des Missale Romanum“ von Johann Peter Kirch, Freiburg 1926. Zu Ergänzungen haben wir Hartmann Grisar „Das Missale im Licht römischer Stadtgeschichte“, Freiburg 1925, und Anton de Waals „Roma Sacra - Die ewige Stadt“ von 1905 in der Überarbeitung Johann Peter Kirchs von 1925 (Regensburg 1933) herangezogen. Daneben haben wir auch auf Informationen aus Internetquellen zurückgegriffen. Die Illustrationen stammen, soweit nicht anders angegeben, von eigenen Aufnahmen.

    Wie der gegenwertige Nachfolger de Waals und Kirchs als Direktor des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Prof. Msgr. Stefan Heid, uns mitteilte ist diese älter Literatur insbesondere in Sachen der Datierungen vielfach überholt. Nach seinen Untersuchungen geht die Institution der Stationes nicht wesentlich vor die Zeit Gregors d. Großen zurück. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Stationskirchen bzw. deren Vorgängerbauten nicht wesentlich älter sein können.

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