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Der leere Tempel

Bild: Our Lady of Walsingham Catholic Church in Houston, TexasDas im Tempel selbst gesprochene Wort Jesu: „Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen“ hat die Menschen seiner Zeit tief verstört. Nach dem Passionsbericht von zwei Evangelien (Matthäus 26,61 und Markus 14,58) spielte dieser Satz eine bedeutende Rolle im Verhör Jesu vor dem Hohenpriester. Johannes erwähnt es zwar nicht im Rahmen der Leidensgeschichte, wohl aber an der Stelle, zu der es ursprünglich geäußert worden war: bei der Reinigung des Tempels von den Geschäftemachern (Johannes 2,19). Wobei der Evangelist (oder sein Kommentator) erklärend hinzufügt: „Er aber meinte den Tempel seines Leibes“. Doch das war erst aus der Nachschau erkennbar, nicht schon zu Beginn des öffentlichen Lehrens. Die Juden von Jerusalem bezogen das Wort jedenfalls stets auf den Tempel als Gebäude, und so wurde es auch im Prozess vor Kaiphas verstanden.

Wenn man Jesus kein täuschendes Spiel mit Worten unterstellen möchte, muß man davon ausgehen, daß ihm dieses Verständnis der Zeitgenossen durchaus bewußt war und daß er den Tempel auf dem Zionsberg bei seiner Rede mitgemeint hat. Also den prächtigen Bau, der dann 40 Jahre später von Titus tatsächlich zerstört wurde – und seitdem in Steinen nie wieder aufgebaut worden ist. Seine Fortsetzung fand er vielmehr im Bau der Kirche des Neuen Bundes, die Juden wie Heiden gleicherweise offen stand.

Der Tempel des alten Bundes war nach dem Vorbild des Bundeszeltes um 1000 Jahre vor Christi Geburt errichtet worden, sein Allerheiligstes enthielt die Bundeslade mit dem „Zeugnis des Bundes“ (oft gedeutet als Tafeln mit dem Gesetz des Mose), und dem Stab des Aaron sowie einen Krug mit Manna. Später kam noch das Öl zur Salbung der Priesterkönige hinzu. Die Bundeslade oder genauer ihr mit den Cherubim verzierter Deckel galt als der Fußschemel der Göttlichen Herrlichkeit – eine von mehreren Manifestationen des höchsten Gottes, der seinerseits jenseits von Raum und Zeit in unzugänglichem Licht wohnt. Von daher war der Tempel stets auch eine Frühform inkarnatorischen Gottesverständnisses, Ausdruck des Wissens um die reale Gegenwart Gottes in seiner Welt und insoweit tatsächlich bereits Christus selbst, das Wort Gottes unter den Menschen.

Der erste Tempel wurde 586 von den Babyloniern zerstört. An seiner Stelle und auf den alten Fundamenten wurde nach der Rückkehr der nach Babylon weggeführten Herrscher- und Priesterklasse nach Jerusalem ab 515 der zweite Tempel errichtet. Dieser zunächst wohl eher bescheidene Bau wurde in den folgenden Jahrhunderten ständig erweitert und zuletzt von König Herodes um 20 v.Chr. zu einer palastartigen Anlage umgestaltet, die mit den Weltwundern der Antike konkurrieren konnte oder zumindest sollte.

Dieser Zweite Tempel litt unter mehreren Mängeln, der schwerwiegendste darunter war: Sein Allerheiligstes war leer.

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Daniel in der Löwengrube

Bild: Sailko, Wikimedia CommonsSeit alters her liest die Kirche am Dienstag in der Woche nach dem Passionssonntag die Perikope von Daniel in der Löwengrube aus dem 14. Kapitel des Buches Daniel. So ist es schon beschrieben bei Rupert von Deutz in De Divins Officiis 5.5. Das 14. Kapitel Daniel gehört zu den sogenannten „deuterokanonischen“ Schriften, die von der katholischen Kirche als Bestandteil der Heiligen Schrift anerkannt sind, von den rabbinischen Juden und nach deren Vorbild auch von den Gemeinschaften der Reformation jedoch abgelehnt werden. Vielleicht ist das der Grund dafür, daß diese Perikope auch im lateinischen Lektionar des Novus Ordo nicht mehr auftaucht – und zwar in keinem der drei Lesejahre (Hazell, Index Lectionum S. 47).

Das ist eine schwer nachvollziehbare Entscheidung der Kompilatoren dieses Lektionars, die sich in gar keiner Weise mit dem Wunsch von Sacrosanctum Concilium vereinbaren läßt, „den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher (zu) bereiten“ (SC 51). Der Bericht von Daniel in der Löwengrube und seiner wunderbaren Errettung durch die Kraft Gottes und die nicht ganz freiwillig gewährte Mahlzeit des Habakuk (der war von einem Engel am Schopf gepackt und aus dem fernen Judäa nach Babylon geschleift worden) gehört ja zu den beliebtesten und bekanntesten Erzählungen des alten Testaments. Sie wird auch seit den Zeiten der Kirchenväter als eine Vorausdeutung auf Christus, auf sein Erlösungsopfer am Kreuz und auf das Sakrament der Eucharistie verstanden. Deshalb passt diese Erzählung ausgezeichnet in die Liturgie der Tage vor der Karwoche – und deshalb war sie wohl auch den masoretischen Kompilatoren „ihres“ Alten Testaments nicht ganz geheuer, so daß sie in nicht in ihren Kanon aufnahmen.

Heute mag als Grund für die Ablehnung (denn nichts anderes bedeutet die Auslassung) hinzukommen, daß Daniel ja nur deshalb in der Löwengrube landete, weil er den Babyloniern ihre angestammte Religion schlecht machen wollte, indem er in liebloser Weise ein Standbild des Baal zerstört und dessen Haustier, einen ziemlich üblen Drachen, erstickt hatte.

In einem ausführlichen Artikel über die Bedeutung des 14. Kapitels Daniel in der Liturgie der Fastenzeit stellt Gregory Dipippo anhand einer Plastik aus dem 12. Jahrhundert (Bild oben) das christliche Verständnis von der oben angesprochenen Parallele zwischen Daniel und Christus auf eindrucksvolle Weise vor Augen. Daniel im Zentrum, der ringsum von Löwen umgeben ist, hebt seine Hände in einer Geste, die der des Priesters beim Pater Noster ähnlich ist. Der Engel zu seiner Rechten scheint als Diakon zu amtieren, und Habakuk hält seinen Korb mit dem Essen unter einem Schleier verdeckt, so wie der Subdiakon die Patene. So verschmelzen die Bilder Daniels und Christus des Hohenpriesters, des Opferpriesters und der Opfergabe, vom Tode bedroht, aber ihm nicht unterworfen - das ganze Paschamysterium in extremer Verdichtung.

Dem frommen Geist eines Steinmetzen im hohen Mittelalters war das offenbar unmittelbar einsichtig, aber  für die Grobschmiede der Liturgiereform offenbar viel zu subtil.

Die Zukunft der Tradition

Bild: https://www.gabriellieditori.it/portfolio-posts/andrea-grillo/Der römische Liturgieprofessor Andrea Grillo hat – wieder einmal – seine Feindschaft gegenüber der überlieferten Liturgie zu Protokoll gegeben. Seine Forderungen, das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ aufzuheben, die Feier der überlieferten Liturgie an strenge Beschränkungen unter der Aufsicht der Ortsbischöfe zu binden und mittelfristig völlig zu untersagen, hat denn auch für einiges Aufsehen gesorgt. Dabei ist ganz untergegangen, daß jenseits der Sphäre akademischen Geschwätzes, in der Grillo eine große Nummer ist, gerade ein wichtiger Fortschritt zu verzeichnen ist, der in direktem Gegensatz zu seinen Forderungen steht: Mit Datum vom 9. April hat der Papst neue Normen und Ausführungsbestimmungen für die Personalordinariate der anglikanischen Tradition erlassen, die diesen Einrichtungen, die große Bedeutung für die Erhaltung liturgischer Traditionen haben, weitaus bessere Grundlagen für ihre zukünftige Entwicklung geben als bisher.

Doch der Reihe nach. Die Ausgangsposition Grillos hat ja durchaus einen gewissen Realitätsgehalt: Summorum Pontificum spricht in Art. 1 von einem unproblematischen Nebeneinander der „zwei Ausdrucksformen derselben ‚lex orandi‘ der Kirche“ und „zwei Anwendungsformen des einen Römischen Ritus“. Dieses Nebeneinander wäre freilich nur dann unproblematisch, wenn es „keineswegs zu einer Spaltung der "Lex credendi" der Kirche führen“ würde, wie das Motu Proprio an gleicher Stelle einigermaßen apodiktisch feststellt. Doch genau das war schon 2007 zum Zeitpunkt des Erlasses von SP eine Fiktion.

Seit Einführung des Novus Ordo, und wenn man genauer hinschaut, schon seit den Beratungen und Diskussionen, die zu seiner Ausarbeitung führten, gab es bedeutende Stimmen, die die überlieferte „lex orandi“ deshalb verwarfen, weil sie den vermeintlichen Anforderungen der Gegenwart an eine zeitgemäße „lex credendi“ nicht entspräche. In den Schriften von Leuten wie Lengeling, Wagner, Emminghaus oder Kunzler finden sich immer wieder Wendungen, die darauf hinweisen, dies oder jenes aus der überlieferten Liturgie sei „heute nicht mehr vermittelbar“ oder „theologisch nicht mehr möglich“. Der Novus Ordo war von Anfang an nicht nur eine neue Stufe in der Entwicklung der römischen Liturgie, sondern auch ein Bruch mit ihrer bisherigen Tradition nach Formen und Inhalt – deshalb wurde die Auseinandersetzung auch von Anfang an mit solcher Schärfe geführt.

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Von Christen und Juden

Bild: Wikimedia CommonsFür Leser von Summorum-pontificum sollte es nichts Neues sein, aber dieser Position jetzt auch auf „katholisch.de“ zu begegnen, ist überraschend: Das heutige Judentum ist alles andere als ein Spiegel oder getreues Abbild des jüdischen Glaubens und der Religion der Zeit Jesu und seiner Jünger. Es ist vielmehr eine auf den Wurzeln dieses alttestamentarischen Glaubens entstandene neue Religion, die sich ganz bewußt von der Lehre Christi absetzte und aus ihrer eigenen Vorgeschichte all das austilgte, was im Christentum zur Reife und Vollendung geführt wurde. So der Historiker Israel Juval von der Hebräischen Universität Jerusalem in einem bemerkenswerten Interview, das „katholisch.de“ am 8. 4. unter der provokanten Überschrift veröffentlichte: „Das Christentum ist die Mutter, das Judentum die Tochter.“

Dieser Formulierung würden wir uns nicht unbedingt anschließen, sondern eher an den verlorenen Sohn aus dem Gleichnis denken, der zwar in Stolz und Eigensinn den Bruder und das Haus des gemeinsamen Vaters verlassen hat – doch es gibt noch Hoffnung. Auch sonst ist Yuval klaren bis harten Formulierungen nicht abgeneigt – bis hin zu einigen historischen Reminiszenzen, die ihn zu möglicherweise schwer haltbaren geschichtlichen Spekulationen führen. Aber in den religionswissenschaftlichen Aussagen steht er auf sicherem Boden, den insbesondere die amerikanische Wissenschaft vom Alten Testament in den letzten Jahrzehnten erschlossen hat und deren Erkenntniss nur an Deutschlands Fakultäten von einer in den Dogmen des „aufgeklärten Luthertums“ stehen gebliebenen (interkonfessionellen) Sekte ignoriert werden. Einige Zitate:

Der christliche Einfluss ist die DNA der jüdischen Religion, die historisch durch diesen Konflikt geformt wurde. Das Christentum ist in diesem Sinne die Mutter und das Judentum die Tochter, nicht umgekehrt. Der hunderte Jahre später entstandene Talmud ist eine Reaktion auf das Neue Testament, die Pessach-Haggadah eine Polemik zu Ostern: In ihr fordert der jüdische Gelehrte des 1. Jahrhunderts, Rabban Gamliel, dass jeder Jude an Pessach die drei Worte Pessach (Opfer), Mazza (ungesäuertes Brot) und Maror (Bitterkraut) benutzen muss. Die Parallele zum Christentum - Lamm Gottes, Leib Christi, Passion - ist unschwer zu erkennen. Gamliel kommentiert in Abgrenzung, um den Symbolen ihren christlichen Schein zu nehmen. (…)

Oder nehmen wir das Beispiel der Segenssprüche vor der Torahlesung an Schabbat: Darin betonen wir, dass Gott uns erwählt hat, uns die wahre Torah und das ewige Leben gegeben hat. Jede dieser Äußerungen impliziert zugleich die Zurückweisung der Alternative. Hierin spiegelt sich der Konflikt mit dem Christentum und der Erlösung. Es geht letztlich um die Frage, wer die Schlüssel zum Himmel hat.“

Dabei gehen Yuval (und erst recht nicht Interviewer Krogmann) noch gar nicht darauf ein, daß nicht nur die heute gültigen jüdischen Lehrschriften und Liturgien, sondern auch das Alte Testament in hebräischer Sprache (masoretischer Text) von dieser polemischen Absetzbewegung vom Christentum geprägt und teilweise verfälscht worden sind.

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Was sind „Meßandachten“?

Bild: Eigene AufnahmeMit einiger Genugtuung haben wir die Bemerkungen Winfried Haunerlands im Interview zu 50 Jahren Liturgiereform zur Kenntnis genommen, mit denen er dene vielfach verpönten „privaten Frömmigkeitsübungen“ zur Mitfeier der hl. Messe ungewohnte Anerkennung zukommen ließ: „Wer Rosenkranz betete, tat formal etwas anderes, war aber inhaltlich auch beim Leben Jesu, das in Tod und Auferstehung kulminiert. Das gleiche gilt für die Messandachten.“ So ist es – und es besteht von der Sache her kein Grund, das heute anders zu sehen.

Zwar gab es schon lange vor dem Schott Bücher, die dem Bedürfnis gerecht werden wollten, der hl. Messe so zu folgen, wie der Priester sie „las“ - eines der frühesten ist „Flurheyms Deutsches Messbuch“ von 1529, das als photomechanischer Nachdruck von 1964 oft preiswert im Antiquariatshandel zu bekommen ist. Die Masse der Gläubigen – sofern sie nicht bevorzugt zum Rosenkranz griff – betete jedoch während der Messe eine der auch von Haunerland genannten „Messandachten“, die ab dem 17. Jahrhundert in zahllosen Versionen und Druckausgaben in Umlauf waren. Sie enthielten vielfach 52 oder 53 unterschiedliche solche „Andachten“, so daß man sie in den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres oder zu den Sonntagen passend und auch mit einiger Abwechslung auswählen konnte. Der Begriff „Andacht“ ist hier weniger im Sinne von während der Messe zu sprechenden Gebeten zu verstehen, sondern als vorbereitende Betrachtung zu Einstimung auf die Messfeier, auf deren Text man dann auch während der Messe jederzeit zurückgreifen konnte.

Hier aus dem oben abgeildeten Büchlein (knapp 400 Seiten) als Beispiel die 12. Andacht „Passionsmesse in der Fasten und am Freytag zu sprechen“.

Es beginnt ein langes ZitatO Gütigster Jesu! Ich erkenne mich verpflichtet zu seyn, dein bitteres Leiden stets zu verehren, und mit schuldigster Dankbarkeit zu vergelten; weis aber kein besseres Gebet oder Übung, dasselbe besser zu verehren, oder zu vergelten, als eben das andächtige Meßhören; weil du in allen heiligen Messen dein ganzes Leiden erneuerst und dem ganzen Himmel klärlich vor augen stellest. Darum will ich diesem göttlichen Opfer mit möglichster Andacht beiwohnen und dein bitteres Leiden mitleidig beherzigen.

O mein treuer Erlöser! Wie groß war deine Liebe zu mir, welche dich antrieb, so viele und bittere Peinen für mich zu leiden, auf daß du für meine Sünden genug thun und mir deine Huld deines Vaters erwerben möchtest. O wie groß ist deine Liebe zu mir, welche dich antreibt, dein heil. Leiden in allen heil. Messen zu erneuern, auf daß du mir dessen Verdienste zueignen und mitteilen möchtest. Aus ganzem Herzen danke ich dir für deine so große Liebe, und vom Grund meiner Seele bitte ich, du wollest mich der Früchten deines bitteren Leidens teilhaftig machen.

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  • Stationskirchen

    Die römischen Stationskirchen

    Kupferstich von Giusepppe Lauro aus dem Jahr 1599

    In der Fastenzeit 2013 haben wir zu jedem Tag die entsprechende Stationskirche kurz vorgestellt. Damit sind zwar alle gegenwärtigen Stationskirchen erfasst, aber nicht alle Tage mit einer Statio, von denen es auch etliche außerhalb der Fastenzeit gibt.

    Bei der Vorstellung der Stationskirchen orientierten wir uns im wesentlichen an „Die Stationskirchen des Missale Romanum“ von Johann Peter Kirch, Freiburg 1926. Zu Ergänzungen haben wir Hartmann Grisar „Das Missale im Licht römischer Stadtgeschichte“, Freiburg 1925, und Anton de Waals „Roma Sacra - Die ewige Stadt“ von 1905 in der Überarbeitung Johann Peter Kirchs von 1925 (Regensburg 1933) herangezogen. Daneben haben wir auch auf Informationen aus Internetquellen zurückgegriffen. Die Illustrationen stammen, soweit nicht anders angegeben, von eigenen Aufnahmen.

    Wie der gegenwertige Nachfolger de Waals und Kirchs als Direktor des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Prof. Msgr. Stefan Heid, uns mitteilte ist diese älter Literatur insbesondere in Sachen der Datierungen vielfach überholt. Nach seinen Untersuchungen geht die Institution der Stationes nicht wesentlich vor die Zeit Gregors d. Großen zurück. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Stationskirchen bzw. deren Vorgängerbauten nicht wesentlich älter sein können.

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