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Der Blick in den Himmel

Chor von St. Denis, Bild: wikimediaNach Inhalt und Umfang ein Schwerpunkt der aktuellen UVK-Ausgabe ist Peter Stephans „Schönheit als Aufstieg zu Gott – die Bedeutung der Kunst in der Theologie Joseph Ratzingers/Bendikt XVI. Auch dieser Beitrag des Potsdamer Kunsthistorikers ist die Wiedergabe eines Vortrags auf der 18. Liturgischen Tagung im Frühjahr; er ist mit zahlreichen s/w-Abbildungen und 4 Farbseiten illustriert.

In der Darstellung der Gedanken Ratzingers, die etwa die erste Hälfte des Beitrags ausmacht, stützt sich Stephan im wesentlichen auf die Ausführungen des späteren Papstes im „Geist der Liturgie“ und in „Ein neues Lied für den Herrn – Christusglaube und Liturgie in der Gegenwart“. Er findet darin nicht nur den von Ratzinger explizit ausgesprochenen „musikalischen Imperativ“ für den Gottesdienst, sondern auch Hinweise auf einen architektonischen und bildkünstlerischen Imperativ – enthalten doch alttestamentliche Schriften wie Exodus und Könige eine Fülle von Vorschriften zur künstlerischen Gestaltung des Gotteshauses. Das Christentum hat auf dieser Grundlage dann den ganzen Reichtum der von der Kunst erschlossenen Formenwelt aufgenommen und transformiert. Für den Bau der Kirche beschreibt Stephan das dann so:

Vor dem Hintergrund der von Benedikt thematisierten conversio ad Dominum kann nun der Kunsthistoriker die meisten typologischen und ikonographischen Besonderheiten des christlichen Kirchenbaus als Stationen eines Weges zu Gott erklären. Die Fassaden mit ihren großen Portalen erinnern an Stadttore, durch die der Mensch von der irdischen in die himmlische Welt tritt. Das Mittelschiff führt wie die gleichfalls von Kolonnaden gesäumten Prozessionsstraßen römischer Städte vom Stadttor zur Palastaula bzw. zu einem Triumphbogen. Apsis und Chor vergegenwärtigen den himmlischen Thronsaal. Das Apsisbild zeigt mit der Majestas Domini den im Jenseits wartenden Christus. Der Hochaltar schließlich ist die Pforte zum Paradies. Oder, um zu Benedikt zurückzukehren: Er markiert den „Übergang von der Welt zu Gott, den Christus eröffnet hat`. Er ist der „Ort des aufgerissenen Himmels" der den Kirchenraum nicht ab-, sondern aufschließt - „in die ewige Liturgie hinein".

Es liegt nahe, an dieser Stelle in eine Auseinandersetzung mit dem so ganz anders gearteten Architektur- und Liturgieverständnis der aktuellen Mode einzutreten. Das erfolgt dann auch, aber nicht als Polemik, sondern in Form einer Darstellung der Entwicklung höchst unterschiedlicher Verständnisse vom Wesen des Bildes in der Kirche des Ostens und der des Westens, die dort schließlich zu einer „Erblindung des Geistes“ geführt hat. In den Worten Ratzingers:

So überschreitet unsere Bilderwelt das sinnlich Erscheinende nicht mehr, und die Flut der Bilder, die uns umgeben, bedeutet zugleich das Ende des Bildes: Über das Fotografierbare hinaus ist nichts zu sehen.

Damit ist der aktuelle Nullpunkt, an dem sich Liturgie und religiöse Kunst der Gegenwart befinden, zutreffend beschrieben. Er bildet den Hintergrund, vor dem Stephan dann im zweiten Teil seines Artikels den Gedankengang von der Schönheit als Mittel und Weg des Aufstiegs zu Gott nachzeichnet: Über die Proportionenlehre des griechischen Altertums zur metaphysischen Symbolik der mittelalterlichen Kathedrale, in der jedes architektonische Element „in seiner Form, seinen Maßen, seinem Standort und seiner Bestimmung im Voraus entworfen“ ist, um sich so zu einem stimmigen und harmonischen Abbild der guten Schöpfung zusammenzufügen. Dann zur Renaissance, in der die „Invention“ des menschlichen Geistes als schöpferisches Element hinzutritt, und schließlich zum Barock, in dessen von Theologen entworfenen „Conceptus“ der Kirchenbau als eine zu Stein und Bild gewordene Predigt zum idealen Medien der Glaubenspropaganda wird.

Als Schöpfer des Universums ist Er der eigentliche Urheber jeder Invention und schöpferischen Idee. Er ist das Urbild: des Menschen, den Gott als Sein Abbild geschaffen hat, aber auch all dessen, was der Mensch in der Nachahmung Gottes auf Christus hin erschafft. Deutlich wird dies nicht nur an den eben behandelten Kirchen in Limburg, Freiburg, Straßburg, Lüttich oder Rom. Jeder Sakralbau von der Spätantike bis zur Aufklärung enthält Hinweise auf Christus als das Urbild der Schöpfung. Um nur einige besonders prominente Beispiele zu nennen: Die als Thronsaal gestaltete Apsis in St. Paul vor den Mauern zu Rom vergegenwärtigt den himmlischen König, der am Ende der Zeiten die Welt neu erschaffen wird (Offb 21, 5; Abb. 1); die Kuppel der Hagia Sophia ist eine Manifestation der Göttlichen Weisheit, die sich in Gestalt des Himmelsgewölbes ihr Haus gebaut hat (Spr 9, 1; Abb. 33); die ein Stadttor paraphrasierende Fassade von Saint-Denis erinnert an den Herrscher der Gottesstadt, der unter den Menschen Wohnung genommen hat.

Bis zur Aufklärung, so eine von Stephans Kernthesen, waren die verschiedenen Kunstgattungen (Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik) darauf angelegt, die in Christus Mensch gewordenen göttliche Schönheit zu „verleiblichen“, also in gestalteter Materie sichtbar oder hörbar zu machen. Im Gegenzug strebten sie danach, in einem Akt der „Vergeistigung“ über sich selbst hinausweisend den Menschen zur Schönheit Gottes zu führen. Gott war Ursprung und das Ziel alles künstlerischen Schaffens. Architekten, Maler, Bildhauer und Komponisten wurden so zu Mitwirkenden an der göttlichen Schöpfung. Zugleich bildeten sie im Zusammenspiel mit der Liturgie und ihren Riten und Symbole eine Art ‚Gesamtkunstwerk’, innerhalb dessen Gott auf möglichst vielen Ebenen der sinnlichen und geistigen Wahrnehmung vergegenwärtigt wurde.

Ausführlich beschreibt der Verfasser dann den Prozess, in dem die „Aufklärung“ diese Grundwahrheiten verdunkelt und schließlich durch eine neue Selbstbezüglichkeit der Künste und durch die Illusion des Menschen als Schöpfer seiner selbst ersetzt hat. In diesem Prozess hat die Kunst folgerichtig ihre Anschlußfähigkeit an die Liturgie verloren. In der Folge wird eine oberflächliche Schönheit, die sich vom „Wahren und Guten“ löst, zum Kitsch, und ein vorgeblicher Realismus, der keine Metaphysik mehr (an)erkennen kann, zum Mittel irdischer Zwecke. Mit den überall zu besichtigen und allseits bekannten Folgen. Die Liturgie wird dann im besseren Fall zur nüchternen Glaubensverkündung, im schlechteren aber zur in sich abgeschlossenen Selbstvergewisserung einer Gemeinde von Wohlmeinenden.

Daher hat es nichts mit Nostalgie zu tun, wenn in der Kunst ebenso wie in der Liturgie die „Wiedervereinigung“ von dem, was wahr und schön und gut ist, eingeklagt und angestrebt wird. Mit „Summorum Pontificum“ hat Papst Benedikt dazu an einer ganz entscheidenden Stelle die Weichen gestellt.

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