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Gegengesellschaft

Scan des BuchtritelsEmmanuele Barbieri von Corrispondenza Romana hat im vergangenen Monat anläßlich der Vortragsreise von Rod Dreher in Italien eine Besprechung der „Option Benedikt“ veröffentlicht, die Widerspruch herausfordert: „The Catacomb Option of Rod Dreher“, in Englisch erschienen auf Rorate Cæli. Neben einigen Punkten, die wohl eher Ausdruck persönlicher Animositäten sind, thematisiert Barbieris Kritik vor allem die Frage der „Gegengesellschaft“. Das ist in der Tat eines von Drehers zentralen Konzepten, und es bedarf zweifellos intensiver Diskussion – nicht zuletzt deshalb, weil Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für Bildung und Erhalt von Gegengesellschaften in den USA und Europa ziemlich verschieden sind.

Barbieris Hauptkritikpunkt kommt bereits in der Überschrift zum Ausdruck, in der er von einer Katakomben-Option spricht. Er wirft Dreher vor, die Flucht auf privilegierte Inseln zu propagieren, auf denen kleine Gruppen sich vor dem öffentlichen Kampf in der modernen Welt zurückziehen – seine Begrifflichkeit sagt eher: „sich drücken“ - um in ihrem kleinen familiären oder kommunitären Rahmen für das eigene Heil zu leben.

Selbst wenn kleine Gruppen genau das täten, wäre wenig dagegen einzuwenden – sie könnten sich dabei durchaus auf den heiligen Benedikt stützen, auch auf die Gesellschaftsanalyse Drehers, jedoch nicht auf seine darüber hinausgehenden Überlegungen zu einer perspektivischen Veränderung dieser Gesellschaft. Diese Überlegungen sind durchgängig davon geprägt, daß die insularen Gruppen einer christlichen Gegengesellschaft sich nicht in sich abschließen, sondern als ein Sauerteig in dieser Umgebungsgesellschaft wirken sollen, um auf deren verhängnisvollen Tendenzen entgegenzuwirken und wo möglich eine Gesundung zu befördern. Als Unterton durchzieht diese Vorstellung das gesamte Buch, an mehreren Stellen wird sie auch ganz klar ausgesprochen. Z.B. auf S. 236 (englische Ausgabe, eigene Übersetzung):

Die Benedikt-Option bietet kein Verfahren, um die politischen und anderen Verluste rückgängig zu machen, die die Christen erlitten haben. Sie ist keine Strategie, um die Uhr zu einem phantastischen Goldenen Zeitalter zurückzudrehen. Und noch weniger ist sie ein Entwurf zum Aufbau von Gemeinschaften der Reinen, die mit der wirklichen Welt nichts zu tun haben.

Ganz im Gegenteil ist die Benedikt Option eine Aufruf, an die langwierige und viel Geduld erfordernde Arbeit zu gehen, die wirkliche Welt von der Künstlichkeit, Entfremdung und Atomisierung des modernen Lebens zurückzugewinnen. Sie bietet eine Möglichkeit, die Welt und das Leben in der Welt so zu sehen, daß die große Lüge der Moderne sichtbar wird: daß Menschen nicht mehr sind als Geisteswesen in einer Mechanerie und daß wir unser Leben einrichten können wie auch immer wir das wollen.

„Ich kann mir gut vorstellen, daß die nächste große Spaltung der Menschheit zwischen denen aufbricht, die als Geschöpfe, und denen, die als Maschinen leben wollen“ schreibt Wendell Berry. Nun, wir sollten uns auf die Seite der Geschöpfe stellen – und des Schöpfers.“

Das läßt an Klarheit nichts zu wünschen übrig, und zwar in beiderlei Hinsicht: Einmal in der Anerkennung, daß es tatsächlich eine tiefe und sich weiter vertiefende Kluft gibt zwischen denen, die als Christen – und das heißt auch: wahrhaft menschlich – leben wollen, und denen, die die Moderne anbeten – was immer das auch gerade sein mag. Und zum zweiten darin, daß es der klaren und in jeder Hinsicht praktischen Entscheidung für das Leben mit Christus bedarf, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, dem gewaltigen Zug ins Verderben, den diese moderne Gesellschaft entwickelt, im kleinen Privaten zu widerstehen und ihm im großen Gesellschaftlichen entgegen zu wirken.

Fast schon bösartig wirkt da der Vorwurf Barbieris, die Option Benedikt erscheine als ein

Ergebnis jener Absage an ein kämpferischen Verständnis von Christentum, wie es sich nach dem zweiten Vatikanischen Konzil allgemein durchgesetzt hat: Statt Mauern zu errichten Brücken zu bauen, schließlich gibt es letztlich keine Unterschiede in der Weltanschauung zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen, so daß sich Katholiken, Protestanten und Orthodoxe gegen die Diktatur des Relativismus zusammen tun können, indem sie sich auf eine unbestimmte Empfinden von Transzendenz verständigen und das übernatürliche Wirken der Gnade ausklammern.“

Das ist auf eine Weise sektiererisch, daß man kaum weiß, wo man mit der Kritik ansetzen soll. Liegen unsere Differenzen mit den Schrift und Tradition – in zugegeben wichtigen Punkten – nicht so wie wir auslegenden ernsthaften Protestanten etwa auf der gleichen Ebene wie der Gegensatz zum „Non serviam“ der Gender-Ideologen? Bestreiten wir den Orthodoxen, daß auch in ihrer Kirche die Sakramente als Werkzeuge der Gnade ihr übernatürliches Wirken entfalten? Sind Dreher, Marx und Bedford-Strohm wirklich gleiche Brüder unter gleichen Kappen? Gegen wen denn noch soll eine von Barbieri herbeiphantasiert ecclesia militans der wenigen wirklich Reinen denn ihren Kampf richten – und mit welchen Waffen? Träumt hier einer von einer frommen Version des Klassenkampfes mit anschließender Errichtung eines Paradieses auf Erden?

Um das ganz klar zu sagen: Natürlich bietet das Buch Drehers keine Blaupause zum Bau einer wunderbaren Kampfmaschine, die die westlichen Dekadenzgesellschaften wieder auf einen Weg der Genesung und des Heils zurückzwingen könnte. Derlei Mechanik ist, soweit wir das überblicken, in Gottes Plan nicht vorgesehen. Das Buch bietet auch nicht Pläne zum Bau von Archen, mit der sich Christen (jeder Konfession, nota bene) vor den hereinbrechenden Fluten der militanten Gottfeindlichkeit in Sicherheit bringen könnten – Sicherheit wird es nicht mehr geben, ständiger Kampf und kräftezehrende Auseinandersetzung, die viele Opfer fordert, wird zum Alltag. Drehers Buch bietet – nicht die ersten, und nicht die letzten – Denkanstöße, mit der die Christen in der postchristlichen Gesellschaft ihre Lage besser erkennen und Strategien für diese Auseinandersetzung entwickeln können, um in einer immer feindlicher werdenden Umwelt zu bestehen. Ob und inwieweit daraus dann Inseln entstehen, deren Bewohner von einer Sturmflut zur anderen zittern, oder Kristallisationskerne einer Gegengesellschaft, die wachsen und wieder festen Grund bilden – das hängt in der Tat von der Gnade ab und nicht allein von schlau ersonnenen Strategien der einen oder der anderen Art.

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