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Was sind „Meßandachten“?

Bild: Eigene AufnahmeMit einiger Genugtuung haben wir die Bemerkungen Winfried Haunerlands im Interview zu 50 Jahren Liturgiereform zur Kenntnis genommen, mit denen er dene vielfach verpönten „privaten Frömmigkeitsübungen“ zur Mitfeier der hl. Messe ungewohnte Anerkennung zukommen ließ: „Wer Rosenkranz betete, tat formal etwas anderes, war aber inhaltlich auch beim Leben Jesu, das in Tod und Auferstehung kulminiert. Das gleiche gilt für die Messandachten.“ So ist es – und es besteht von der Sache her kein Grund, das heute anders zu sehen.

Zwar gab es schon lange vor dem Schott Bücher, die dem Bedürfnis gerecht werden wollten, der hl. Messe so zu folgen, wie der Priester sie „las“ - eines der frühesten ist „Flurheyms Deutsches Messbuch“ von 1529, das als photomechanischer Nachdruck von 1964 oft preiswert im Antiquariatshandel zu bekommen ist. Die Masse der Gläubigen – sofern sie nicht bevorzugt zum Rosenkranz griff – betete jedoch während der Messe eine der auch von Haunerland genannten „Messandachten“, die ab dem 17. Jahrhundert in zahllosen Versionen und Druckausgaben in Umlauf waren. Sie enthielten vielfach 52 oder 53 unterschiedliche solche „Andachten“, so daß man sie in den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres oder zu den Sonntagen passend und auch mit einiger Abwechslung auswählen konnte. Der Begriff „Andacht“ ist hier weniger im Sinne von während der Messe zu sprechenden Gebeten zu verstehen, sondern als vorbereitende Betrachtung zu Einstimung auf die Messfeier, auf deren Text man dann auch während der Messe jederzeit zurückgreifen konnte.

Hier aus dem oben abgeildeten Büchlein (knapp 400 Seiten) als Beispiel die 12. Andacht „Passionsmesse in der Fasten und am Freytag zu sprechen“.

Es beginnt ein langes ZitatO Gütigster Jesu! Ich erkenne mich verpflichtet zu seyn, dein bitteres Leiden stets zu verehren, und mit schuldigster Dankbarkeit zu vergelten; weis aber kein besseres Gebet oder Übung, dasselbe besser zu verehren, oder zu vergelten, als eben das andächtige Meßhören; weil du in allen heiligen Messen dein ganzes Leiden erneuerst und dem ganzen Himmel klärlich vor augen stellest. Darum will ich diesem göttlichen Opfer mit möglichster Andacht beiwohnen und dein bitteres Leiden mitleidig beherzigen.

O mein treuer Erlöser! Wie groß war deine Liebe zu mir, welche dich antrieb, so viele und bittere Peinen für mich zu leiden, auf daß du für meine Sünden genug thun und mir deine Huld deines Vaters erwerben möchtest. O wie groß ist deine Liebe zu mir, welche dich antreibt, dein heil. Leiden in allen heil. Messen zu erneuern, auf daß du mir dessen Verdienste zueignen und mitteilen möchtest. Aus ganzem Herzen danke ich dir für deine so große Liebe, und vom Grund meiner Seele bitte ich, du wollest mich der Früchten deines bitteren Leidens teilhaftig machen.

Hier geht es weiterIch beherzige, verehre und opfere deinem Vater deinen blutigen Angstschweiß am Ölberge, deine schmähliche Fahung (Gefangennahme), schmerzliche Geißelung, spöttloiche Krönung, ungerechte Verurtheilung, beschwerliche Kreuztragung, grausame Annagelung, peiniche Hangung am Kreuze, gänzliche Verlassung, bittern Todeskampf, und deinen allerschmerzlichsten Tod.

Das alles verehre ich nicht nur als vor Zeiten geschehen, sondern welches jetzt wiederum unschmerzlich und unblutiger Weise geschieht oder vorgestellt wird. O mein gekreuzigter Jesu! Ich knie heute vor deiner persönlichen Gegenwart, als wenn ich auf dem Berge Kalvariä unter deinem Kreuze kniete, und dich daran hangend mitleidig anschaute.

Ach! Sieh auch mich an mit deinen gnädigen Augen und erfülle mein Herz mit wahrem Mitleiden gegen dir, auf daß dein bitteres Leiden mir also möge zu Herzen gehen, gleichwie es deiner liebsten Mutter, und der H. Magdalena zu Herzen gegangen ist. Darum opfere ich dir all ihr herzliches Mitleiden und vergossene Zähren, und begehre damit zu erfüllen, was mir am wahren Mitleiden abgehet.

Ich opfere dir, O himmlischer Vater! Deinen lieben Sohn und all sein bitteres Leiden, so er in jeder H. Messe dir vorgestellet. Weil er dann so viel für mein Heil gethan und gelitten, und gleichsam alles in allen H. Messen erneuert hat: ey! So laß mir das alles zur Verzeihung meiner Sünden, Zahlung meiner Schulden, Besserung meines Lebens, Erlangung eines seligen Sterbens und Vermehrung der ewigen Glory gereichen, Amen.

Stil und Ton dieser Betrachtung mögen am heutigen Bewußtsein vieler Menschen vorbeigen. Ihnen den Inhalt wieder näher zu bringen wäre eine zentrale Aufgabe der Seelsorge. 

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