Bereichsnavigation Themen:

Der leere Tempel

Bild: Our Lady of Walsingham Catholic Church in Houston, TexasDas im Tempel selbst gesprochene Wort Jesu: „Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen“ hat die Menschen seiner Zeit tief verstört. Nach dem Passionsbericht von zwei Evangelien (Matthäus 27,61 und Markus 14,58) spielte dieser Satz eine bedeutende Rolle im Verhör Jesu vor dem Hohenpriester. Johannes erwähnt es zwar nicht im Rahmen der Leidensgeschichte, wohl aber an der Stelle, zu der es ursprünglich geäußert worden war: bei der Reinigung des Tempels von den Geschäftemachern (Johannes 2,19). Wobei der Evangelist (oder sein Kommentator) erklärend hinzufügt: „Er aber meinte den Tempel seines Leibes“. Doch das war erst aus der Nachschau erkennbar, nicht schon zu Beginn des öffentlichen Lehrens. Die Juden von Jerusalem bezogen das Wort jedenfalls stets auf den Tempel als Gebäude, und so wurde es auch im Prozess vor Kaiphas verstanden.

Wenn man Jesus kein täuschendes Spiel mit Worten unterstellen möchte, muß man davon ausgehen, daß ihm dieses Verständnis der Zeitgenossen durchaus bewußt war und daß er den Tempel auf dem Zionsberg bei seiner Rede mitgemeint hat. Also den prächtigen Bau, der dann 40 Jahre später von Titus tatsächlich zerstört wurde – und seitdem in Steinen nie wieder aufgebaut worden ist. Seine Fortsetzung fand er vielmehr im Bau der Kirche des Neuen Bundes, die Juden wie Heiden gleicherweise offen stand.

Der Tempel des alten Bundes war nach dem Vorbild des Bundeszeltes um 1000 Jahre vor Christi Geburt errichtet worden, sein Allerheiligstes enthielt die Bundeslade mit dem „Zeugnis des Bundes“ (oft gedeutet als Tafeln mit dem Gesetz des Mose), und dem Stab des Aaron sowie einen Krug mit Manna. Später kam noch das Öl zur Salbung der Priesterkönige hinzu. Die Bundeslade oder genauer ihr mit den Cherubim verzierter Deckel galt als der Fußschemel der Göttlichen Herrlichkeit – eine von mehreren Manifestationen des höchsten Gottes, der seinerseits jenseits von Raum und Zeit in unzugänglichem Licht wohnt. Von daher war der Tempel stets auch eine Frühform inkarnatorischen Gottesverständnisses, Ausdruck des Wissens um die reale Gegenwart Gottes in seiner Welt und insoweit tatsächlich bereits Christus selbst, das Wort Gottes unter den Menschen.

Der erste Tempel wurde 586 von den Babyloniern zerstört. An seiner Stelle und auf den alten Fundamenten wurde nach der Rückkehr der nach Babylon weggeführten Herrscher- und Priesterklasse nach Jerusalem ab 515 der zweite Tempel errichtet. Dieser zunächst wohl eher bescheidene Bau wurde in den folgenden Jahrhunderten ständig erweitert und zuletzt von König Herodes um 20 v.Chr. zu einer palastartigen Anlage umgestaltet, die mit den Weltwundern der Antike konkurrieren konnte oder zumindest sollte.

Dieser Zweite Tempel litt unter mehreren Mängeln, der schwerwiegendste darunter war: Sein Allerheiligstes war leer.

Hier geht es weiter Die Bundeslade war verschollen, es ist ungewiß, ob sie, wie einige Berichte besagen, vor der Zerstörung verborgen oder ob sie von den Babyloniern geraubt wurde. Ein weiterer Makel war die Entweihung des Tempels durch die im Jahr 167 erfolgte Errichtung eines Zeus-Altars im Vorhof des Heiligtums – das sind die im Buch Daniel 11 beschriebenen „Greuel der Verwüstung“. Dieser Vorgang wird oft als Vergewaltigung durch die hellenistischen Seleukidenherrscher dargestellt. Das stimmt bestenfalls teilweise. Zumindest mitbeteiligt war auch eine mächtige Partei „progressiver“ Juden, die bereit waren, den Olympischen Zeus als eine andere Manifestation des Höchsten Gottes zu akzeptieren. Diese Episode dauerte freilich nur drei Jahre. Nachdem die Makkabäer im Krieg und Bürgerkrieg gegen die Hellenisten gesiegt hatten, wurde der Tempel 164 entsühnt und der Kult der früheren Jahre wieder hergestellt.

Sein Hauptmangel wurde freilich auch dadurch nicht geheilt: Das Allerheiligste war und blieb leer; darüber konnte auch die inzwischen erweiterte Ausstattung des vorgelagerten Heiligtums mit dem Siebenarmigen Leuchter als Sinnbild des paradiesischen Lebensbaums, dem Tisch der „Brote der Gegenwart“ (s. dazu hier) und dem Weihrauchaltar nicht hinwegtäuschen. Dem Tempel und damit den Juden insgesamt fehlte das starke alles verbindende Zentrum.

Tatsächlich war die geistige Landschaft des Judentums zur Zeit Jesu viel stärker differenziert, als die geläufige Unterscheidung von Pharisäern und Sadduzäern auch nur ahnen läßt. Neben mehr oder weniger stark hellenisierten „progressiven“ Richtungen gab es auch traditionalistisch eingestellte, die sich allerdings ebenfalls wieder in Grundfragen unterschieden. Besonders im einfachen Volk gab es starke Strömungen, die sich nach einer Rückkehr zum Priesterkönigtum der Zeit vor dem babylonischen Exisl sehnten – diese Juden waren es, von denen es in den Evangelien oft genug heißt: „Sie wollten ihn zum König machen“. Hier waren sowohl „sozialrevolutionäre“ wie auch mystische Richtungen vertreten.

Andere Gruppierungen – sowohl Sadduzäer wie Pharisäer - betonten die auf Moses zurückgehende starke Gesetzesbindung, der sie vielfach absoluten Vorrang vor den Traditionen aus der „Tempeltheologie“ der Zeit vor dem Exil einräumen wollten. Als deren Gegenpol gab es aber auch Richtungen, die an dem, was sie noch über den ersten Tempel wußten festhalten wollten. Sie lehnten den zweiten Tempel als Ausdruck einer gottlosen Fehlentwicklung grundsätzlich ab und nahmen und somit in gewisser Weise das „Judentum ohne Tempel“ der Zeit nach der Zerstörung vorweg. Genau in dieser höchst komplizierten geistigen Landschaft manifestiert sich die Fülle der Zeit, in der das Wort Gottes die Offenbarung auf eine neue Stufe gehoben hat.

Obwohl die Lehre Christi in vielem vorrangig die Offenbarung aufgreift, die ihren Niederschlag in der um die Entsühnung zentrierten Theologie des Ersten Tempels gefunden hat – ohne dabei das messianische Königtum und den Rang des Gesetzes zu verwerfen – hat Christus auch den „problematischen“ zweiten Tempel stets als das „Haus des Vaters“ anerkannt. Dort haben auch seine Apostel und Jünger noch nach der Auferstehung und nach Pfingsten gebetet, bis sie von den Herrschern des Tempelberges vertrieben wurden.

Doch mit der Gründung der Kirche aus dem Opfer am Kreuz und der Ausgießung des Geistes an Pfingsten hatte der „leere“ Tempel seine letzte Existenzberechtigung verloren – die endgültige Zerstörung wenige Jahrzehnte später war nur noch eine Frage der Zeit. Die Gegenwart Gottes unter den Menschen hatte eine neue und noch realere Form gefunden als die Herrlichkeit des Herrn über den Cherubim der Bundeslade: Die eucharistische Gegenwart im Tabernakel.

Dieser Tabernakel wird allerdings immer öfter und in immer mehr Kirchen unsichtbar gemacht. Die reale Präsenz der Herrlichkeit des Herrn in der materiellen Welt wird theologisch „problematisiert“ und praktisch beiseite geschoben: „Herrenmahl für alle“. Viele Kirchen sind im Begriff, „leere Tempel“ zu werden.

Zusätzliche Informationen