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Vidi Aquam

Bild: eigene AufnahmeAn den Sonntagen nach Ostern wird in den Gemeinden, die nach altem Brauch vor dem Sonntagshochamt die Gläubigen zum Taufgedächtnis mit Weihwasser besprengen, die Antiphon „Vidi Aquam“ gesungen. Nach dem Pfingstsonntag und bis zum nächsten Ostern folgt dann wieder das „Asperges“. Beide Gesänge greifen weit in die Vergangenheit zurück auf die Theologie und Liturgie des Tempels in Jerusalem. Das Asperges ist eine Zeile aus dem Psalm 50, die sich ihrerseits auf die Liturgie des Entsühnungsfestes (Yom Kippur) bezieht, bei der die Gläubigen mit Opferblut besprengt und somit gereinigt wurden. Das Vidi Aquam vermittelt den gleichen Grundgedanken, ist jedoch viel tiefer eingebettet in die „Theologie“ des Alten Testamentes und deren Fortführung und Erfüllung im Neuen.

Der Text folgt leicht geglättet einem Abschnitt aus der Vision des Propheten Ezechiel (Kap. 40-48) die das Idealbild des Ersten Tempels zeichnet und in vielen Einzelheiten dem Bau und dem Kult des zweiten Tempels – begonnen 516 – zum Vorbild diente.

Die von Ezechiel (47, 1-12) beschriebene Quelle auf dem Gebiet des Tempels hat in der materiellen Welt nie existert – das geben die geologischen Verhältnisse nicht her. Die nächstgelegene Quelle lag südlich des Tempelberges im Kidrontal außerhalb der Stadtmauer. Das war die Gihon-Quelle, deren Wasser seit dem 7. Jh. vor Chr. durch einen unterirdischen Tunnel in den Siloah-Teich innerhalb der Mauern der Davidsstadt geleitet wurde und die im Altertum faktisch die einzige Quelle für die Wasserversorgung der Stadt bildete.

Die Quelle im Tempel, von der Ezechiel spricht und die im „Vidi Aquam“ zitiert wird, war gewöhnlichen Augen unsichtbar. Sie entspringt nicht dem Felsenboden des Berges Moria, sondern theologischer Notwendigkeit und prophetischer Eingebung: Der Tempel war in seiner gesamten Anlage Abbild der Schöpfung und insbesondere des im Zentrum der Erde liegenden Gartens Eden, und der ist undenkbar ohne den Strom lebendigen Wassers, der nach dem zweiten Schöpfungsbericht im 2. Buch Genesis den „Lustgarten des Herrn“, in den er den Menschen gesetzt hatte, durchzieht und bewässert. Beim Austritt aus dem Garten Eden teilt dieser namenlose Strom sich in vier „Anfänge“: den Euphrat, den Tigris, den Pischon – von den Juden zur Zeit Christi und später auch von den Kirchenlehrern als der Ganges gedeutet – und schließlich den in der materiellen Welt nur bescheiden widergespiegelten Gihon, der in der Genesis  „das ganze Land Äthiopien umfließt“. Hier geht es weiter

Die Tempelquelle der Vision Ezechiels entspringt unmittelbar dem Lichthof des Tempelhauses, und zwar dessen rechter Seite, wie der Bericht gleich mehrfach festhält. „siehe: Wasser floss von unterhalb des Lichthofs hervor nach Osten, denn die Vorderseite des (Tempel)hauses schaute nach Osten. Und das Wasser floss von der rechten Seite herab, von Süden her, zur Opferstätte hin.“

Im Glauben und in der Liturgie der Kirche verschmilzt hier das Bild vom Allerheiligsten des Tempels mit dem des gekreuzigten Christus auf der Opferstätte von Golgatha, und die Tempelquelle mit dem Strom der Gnaden aus der vom Soldaten mit der Lanze geöffnete Seite Christi – es ist in der bildlichen Darstellung immer die rechte Seite. Tod und Auferstehung Christi sind die das endgültige Opfer und die endgültige Entsühnung, und deshalb wechselt mit dem Ostersonntag der Gesang zum Taufgedächtnis von der Erinnerung an die alttestamentlichen Vorgestalt der „Sakramentalie“ der Entsühnung mit dem Blut des Opfertieres zu deren Vollendung mit dem Blut des am Kreuz geopferten Gottmenschen. Und da die Kirche sich des Zusammenhangs von Vorgestalt und Vollendung stets bewußt war, wählte sie für diese Antiphon keinen Text aus dem neuen Testament, sondern die Vision des Propheten des alten Bundes.

In der Vision Ezechiels heißt es dann vom Wasser der Quelle des Allerheiligsten, daß es sich in einem gewaltigen Strom durch die ganze bekannte Welt ergießen wird:

Alles, was atmet an wimmelnden Lebewesen, alles, wohin der Fluss kommt, wird leben. Und es wird dort gewaltig viele Fische geben, weil dieses Wasser dorthin kommt, und es wird heilen. Und (alles) wird leben. Alles, wohin der Fluss kommt, wird leben. (…) Und am Fluss wird an seinem Ufer an beiden Seiten jedes essbare (Früchte hervorbringende) Holz wachsen. Es wird nicht alt werden und die Frucht wird nicht ausgehen. Es wird immer wieder Erstlingsfrüchte hervorbringen; denn seine Wasser – aus dem Heiligtum kommen sie. Und es wird seine Frucht zur Nahrung und sein Aufstieg zur Heilung sein. (Übersetzung der Septuaginta Deutsch)

Das ist die Rückkehr des Paradieses zur Erde oder genauer: der Schöpfung zurück in den Zustand des Paradieses.

Genau in diesem Sinne wird das Bild Ezechiels in der Offenbarung des hl. Johannes (In Kap. 21 und 22) aufgenommen, wenn er schreibt:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. (...)

(Und ich sah) einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.  Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker. Es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt stehen und seine Knechte werden ihm dienen. (Offb. 21,22)

Das neue Jerusalem, die neue Schöpfung, enthält keinen Tempel mehr – sie sind der Tempel, so wie das Paradies es der Garten Eden hätte sein sollen. Und so umschreiben die wenigen Zeilen des Vidi Aquam den großen Zirkel von der ersten bis zur zweiten Schöpfung und das ganze „Geheimnis des Glaubens“.

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Dieser Beitrag ergänzt und erweitert unseren Text zum gleichen Thema aus dem letzten Jahr.

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