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Keine Angst vor der Pracht!

Seit dem 3. Quartal des vergangenen Jahres erscheint die traditionsreiche Una Voce Korrespondenz unter neuer Schriftleitung. Anna María Pilar Koch hat es übernommen, das in den vergangenen Jahren etwas ins Schlingern geratene traditionsreiche Organ der katholischen Tradition wieder flott zu machen. Mit ansehnlichen Ergebnissen, wie die Ausgaben 2013-3 und insbesondere 2013-4 demonstrieren. Dort steht aus Anlaß des bevorstehenden 100. Geburtstages von Albert Tinz (1914 - 1987) als Schwerpunktthema die Musica Sacra im Mittelpunkt - mit sechs Beiträgen unter anderem von Albert Richenhagen, Martin Mosebach und Michael Tunger. Höhepunkt der Ausgabe 2013 ist jedoch ganz eindeutig ein Aufsatz des Kunsthistorikers Prof. Peter Stephan, der unter dem Titel: Keine Angst vor der Pracht! - Sinn und Schönheit des liturgischen Ornats den Band einleitet.

Wir übernehmen hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers die einleitenden Abschnitte dieses Aufsatzes, gekürzt um Zwischenüberschriften und Anmerkungen. Die aktuelle Ausgabe der Korrespondenz mit dem kompletten Text und den anderen lesenswerten Beiträgen kann man bestellen auf der Website von Una Voce Deutschland e.V.

Es beginnt ein langes ZitatWer in die bei Stuttgart gelegene Stadt Ludwigsburg kommt, sollte nicht nur die berühmten Gartenanlagen, sondern auch den Thronsaal des Schlosses besuchen. Das königliche Sitzkissen und vermutlich auch der prächtige Baldachin sind aus Messgewändern und Antependien gefertigt, die 1803, nach der Säkularisierung der Klöster und Reichsabteien, in den Besitz der württembergischen Krone gelangt waren.

Diese ziemlich drastische Umwidmung der Paramente war vor allem ein politisches Zeichen. Sie sollte die neuen territorialen Machtverhältnisse dokumentieren, aber auch den totalen Herrschaftsanspruch des aufgeklärten Absolutismus zum Ausdruck bringen. Eine Liturgie, die in ihrem Glanz die höfische Repräsentation des Königs in den Schatten stellte und in ihrer Symbolik den Absolutheitsanspruch weltlicher Herrschaft hinterfragte, war unerwünscht. So wurden die Paramente kurzerhand zu Accessoires umgedeutet, deren alleiniger Zweck darin bestanden habe, prunksüchtigen Prälaten zur Selbstdarstellung zu dienen. Sie einer anderen Bestimmung zuzuführen, erschien daher völlig legitim.

Begründen ließ sich die Abwertung der Paramente scheinbar mit der Abendmahltheologie Martin Luthers, der schon 1520 zu dem Schluss gelangt war: „Die Messe ist umso christlicher, je näher und ähnlicher sie der allerersten Messe ist, die Christus beim letzten Mahle gehalten hat. Aber Christi Messe war so einfach wie möglich, ohne jeden Prunk mit Gewändern, Gebärden, Gesängen und anderer zeremonieller Pracht." Daher sei es, so Luther weiter, wichtig, „daß niemand, durch den Glanz der Zeremonien betrogen und den vielfältigen Prunk verwirrt, (...) das schlichte Wesen der Messe verliert und an den vielen äußerlichen Zutaten des Gepränges hängt." Denn in der Urkirche sei die Messe in erster Linie ein Liebesmahl gewesen, bei dem die „Kollekten nach dem Beispiel der Apostel (Apg 4, 34f) an alle Bedürftigen verteilt werden sollten“.

Dass die von Luther geforderte Schlichtheit der Messe dem Anspruch protestantischer Landesväter nach alleiniger Prachtentfaltung entgegen kam, versteht sich von selbst. Erstaunlich ist jedoch, dass diese Denkungsart mittlerweile auch in der katholischen Kirche Einzug gehalten hat. Luthers Worte hätten auch aus dem Munde Annibale Bugninis, des Erfinders der Liturgiereform von 1969, stammen können. Und unter Papst Franziskus haben sie erneut an Bedeutung gewonnen.

Jedenfalls ist der Unterschied zwischen den neuen Papstmessen und dem „Paramentestil" des Ratzinger-Pontifikats unübersehbar. Hämisch geben die Gegner von Benedikts liturgischer Reform der Reform zu verstehen, die Zeiten des „Karnevals" und des „Tuntenballetts“ seien nun endgültig vorüber. Bischöfe, die weiterhin an einer feierlichen Form der Messfeier festhalten, gelten neuerdings sogar als Protzer und Prasser, ja als Vertreter einer „dunklen Macht“ – und dies nicht nur in kirchenfeindlichen Medien.

Allerdings lohnt es sich, darauf zu achten, in welchem gedanklichen Zusammenhang das eben angeführte Luther-Zitat steht. Es findet sich in der Schrift über „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“. In diesem Werk ging es Luther weniger um das materielle Wohl der Bedürftigen als um einen Angriff auf das überlieferte Verständnis des Priestertums und der Sakramente. Der Reformator versuchte nachzuweisen, dass die Lehre von den Sakramenten, insbesondere von der Priesterweihe und der Transsubstantiation, eine Erfindung der Scholastik sei, mittels derer die Papstkirche ihre Tyrannei über die wahre Kirche Christi errichtet habe. In der lutherischen Abendmahllehre geht die Ablehnung prächtiger Messgewänder Hand in Hand mit der Verunglimpfung des heiligen Messopfers als Götzendienst und des Priesterstandes als einer eigensüchtigen Herrscherkaste.

Luthers Polemik gegen Messopfer und Priesterstand taugt also keinesfalls als Begründung für innerkatholische Liturgiereformen – es sei denn, man will den Charakter der katholischen Messfeier wirklich im Sinne der reformatorischen Abendmahltheologie verändern und die kirchliche Hierarchie abschaffen: zugunsten eines basisdemokratisch organisierten Kirchenvolks oder einer verweltlichten und mainstreamhörigen Zeitgeistkirche, die sich der Diktatur des Relativismus ausliefert.

In Wirklichkeit hat das katholische Messopfer jedoch nicht das mindeste mit dem protestantischen Gedächtnismahl zu tun. Nach katholischem Verständnis feierte Christus beim sogenannten Letzten Abendmahl nicht nur das jüdische Pascha-Fest, sondern machte auch sich selbst zum Opferlamm. Im Brechen des Brotes und in der Darbringung des Weines nahm Er Seinen Tod vorweg. Er setzte Sein Blut, das Er am Holz des Kreuzes vergoss, mit dem Blut gleich, mit dem Mose beim allerersten Pascha-Fest die Türpfosten der Israeliten hatte bestreichen lassen. Damals hatte das Opferblut das Gottesvolk vor der Versklavung durch den Pharao und vor der Rache des Würgeengels bewahrt. Nun sollte es die Welt aus der Knechtschaft der Sünde und aus den Banden des Todes erretten. Anders als das jüdische Pascha-Fest und die protestantische Abendmahlfeier, die an ein einmaliges, in der Vergangenheit liegendes Ereignis erinnern, hat das katholische Messopfer eine viel weitere Dimension. Es vergegenwärtigt das Kreuzopfer im Hier und Heute. Darüber hinaus bestätigt es den Bund, den Gott mit Abraham geschlossen und durch Christus auf ewig erneuert hat. Durch die damit einhergehende Erneuerung der menschlichen Natur und die Versöhnung des Menschen mit Gott wird die Vollendung der Schöpfung am Ende der Zeiten vorweggenommen. Darum versteht sich die Messe auch als einen Teil der himmlischen Liturgie. Sie erfüllt die Menschen mit dem Geist Gottes, erhebt die Herzen in die Höhen des Himmels und macht so die heilige Versammlung zu einem Abbild des Ewigen Jerusalem, in dem die Menschen zusammen mit den Chören der Engel Gott in Seiner Herrlichkeit anbeten.

Die wahre Liturgie ist also keine Gemeinschafts- und schon gar keine Selbsterfahrung, sondern Gotteserfahrung. Sie verkapselt den Menschen nicht in Stuhlkreisen, sondern führt ihn aus der dunklen Enge dieser Welt in die lichte Weite Gottes. Sie ist Gottesoffenbarung und Gottesverehrung zugleich. Diese doppelte Eigenschaft findet im Ornat einen besonderen Ausdruck. Gläubige, die meinen, das Messgewand diene der Selbstdarstellung des Priesters, erliegen also einem falschen Klerikalismus. Und Priester, die wähnen, sie müssten mit Rücksicht auf diese Gläubigen auf einen repräsentativen Ornat verzichten, geben sich einem wohlfeilen Populismus hin.“

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