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Die Hohe Woche in Jerusalem - II

Karte nach dem Kenntnisstand um 1900Hier zunächst der Bericht der Egeria über die Liturgie des Palmsonntags:

Es beginnt ein langes ZitatAm Sonntag, mit dem man in die Osterwoche eintritt, die hier die „große Woche“ genannt wird, feiert man zunächst vom Hahnenschrei bis zum Morgen (das Morgenlob), so immer in der Anastasis oder am Kreuz und zieht dann in die große Kirche, das Martyrium. Sie heißt eben deshalb Martyrium, weil sie auf Golgota steht, hinter dem Kreuz, wo der Herr gelitten hat.

Nach der Feier in der großen Kirche teilt der Erzdiakon vor der Entlassung zunächst mit, daß in dieser Woche alle täglich zur Non im Martyrium zusammen kommen, dann verkündet er: „Heute wollen wir uns alle um die siebte Stunde in der Eleona versammeln.“

Nach der Entlassung aus der Martyriumskirche geleitet man den Bischof unter Hymnnegesang zur Anastasis, und dort verfährt man so wie immer an Sonntagen nach der Entlassung. (Aus anderen Passagen des Berichtes ist zu erschließen, daß es sich dabei um Danksagungsgebete nach dem Kommunionempfang handelt) Dann geht jeder nach Hause, um schnell zu essen, damit er zur siebten Stunde wieder in der Eleonakirche sein kann, nämlich in der Kirche am Ölberg bei der Höhle, in der der Herr gelehrt hat.

Wenn sich um die siebte Stunde dann das ganze Volk dort versammelt hat, nimmt der Bischof seinen Platz ein, und man singt die zum Tag passenden Hymnen und Antiphonen und trägt die entsprechenden Lesungen vor. Zu Beginn der 9. Stunde steigt man dann wieder mit Hymnengesang zum Imbomon hinauf, also dem Ort, von dem aus der Herr in den Himmel auffuhr. Dort nehmen wieder alle Platz, wie immer, wenn der Bischof gegenwärtig ist. Nur die Diakone bleiben immer stehen. Auch am Imbomon singt man wieder die zu Tag und Ort passenden Hymnen und Antiphonen und man fügt dazwischen passende Lesungen und Gebete ein.

Wenn die elfte Stunde beginnt, wird die Stelle aus dem Evangelium vorgelesen, wo die Kinder der Juden dem Herrn mit Zweigen und Palmwedeln entgegen gehen und rufen „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“. Sofort erhebt sich der Bischof, und dann steigt das Volk wieder vom Gipfel des Ölbergs herab. Es zieht dabei unter Hymnen und Antiphonen vor dem Bischof her und singt als Antwortvers immer wieder „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“. Die Kinder, auch die, die noch so klein sind, daß die Eltern sie tragen müssen, halten Zweige, und so begleiten sie den Bischof eben so, wie der Herr begleitet worden ist.

Vom Gipfel des Ölbergs bis zur Stadt und von dort durch die Stadt bis zur Anastasis gehen alle zu Fuß, selbst die vornehmen Damen und Herren. Sie begleiten den Bischof singend und mit langsamen Schritten, damit die Menge nicht zu sehr ermüdet. Deshalb dauert es auch ziemlich lange, bis man schließlich in der Anastasis ankommt. Aber wie spät es auch ist, wird dort dann das Lucernar gefeiert. Dann folgt noch ein Gebet beim Kreuz, und das Volk wird entlassen.“


Soweit also der Bericht der Pilgerin. Hierzu einige Anmerkungen.

Zunächst, und das gilt auch für die an weiteren Tagen folgenden Passagen aus Egerias Bericht: Wir konnten uns für keine der vorhandenen Übersetzungen entscheiden und wollten uns auch nicht selbst als Übersetzer im eigentlichen Sinn versuchen, denn Sprache und Schreibweise Egerias stehen einigermaßen quer zu heutigen Lesegewohnheiten. Und damit Leser ohne altphilologische Neigungen nicht beim ersten Absatz Schluss machen, haben wir, ein Auge auf den lateinischen Text und das andere auf die gängigen Übersetzungen gerichtet, eine Art Nacherzählung verfasst. Alle Details sind erhalten, aber Wiederholung weggelassen und umständliche Wendungen begradigt. Schließlich handelt es sich nicht um einen liturgischen Text, sondern um Lesestoff. Soviel Unterschied muß sein.

Dann, und auch das gilt nicht nur für den Palmsonntag: Diese Liturgien waren lang. Der Hahnenschrei verweist auf eine Zeit zwischen 4 und 5 Uhr in der Nacht. Die erwähnte Mittagspause fiel in den späten Vormittag, und die 7. Stunde, mit der es dann weiterging, begann mit dem Sonnenhöchststand. Danach dann noch einmal 4 – 5 Stunden Gesänge, Lesungen und Gebete, gefolgt von einer mehrstündigen Prozession und danach das Luzernar. Entlassung dürfte gegen 20 oder 21 Uhr gewesen sein – und das nach mehrwöchiger Fastenzeit, die allerdings nach dem Zeugnis der Egeria nicht allen so strikte Verpflichtungen auferlegte, wie das manchmal vermutet wird.

Bei den erwähnten „Hymnen“ hat es sich in der Mehrzahl wohl um Psalmen gehandelt, die Egeriologen haben auch Theorien dazu entwickelt, welche das zu welcher Zeit und welchem Anlass gewesen sein sollen. Auffällig ist, daß der Gottesdienst die Tagzeitenliturgie und die Eucharistiefeier – Egeria spricht übrigens durchgängig von „Darbringung des Opfers" (oblationem facere) – als integrales Ganzes zusammenfasst. Über die Einzelheiten der Gestalt dieser Opferfeier selbst erfahren wir wenig, weil Egeria oft nur anmerkt, das sei „ebenso wie bei uns“, d.h. in Südgallien. Das ist aus mehreren Gründen auch nicht überraschend: Der politische und kulturelle Zusammenhalt des Reiches war noch stark, und die theologischen Differenzen, die im 4. Jahrhundert die Eliten beschäftigten, hatten noch keine Zeit gehabt, die liturgischen Abläufe umzuprägen.

Die große Besonderheit der Jerusalemer Liturgie, die in den Berichten Egerias auch sehr gut zum Ausdruck kommt, besteht natürlich darin, daß die Abläufe nicht statisch waren, sondern soweit möglich an den Originalschauplätzen stattfanden, was eine Vielzahl von Umzügen und Prozessionen mit sich brachte und auch die Auswahl von Gesängen und Lesungen stark bestimmte. Diese Originalschauplätze waren übrigens zur Zeit Egerias – also gerade einmal sechs oder sieben Jahrzehnte nach dem Beginn großer öffentlicher Liturgien in Jerusalem – noch nicht komplett erschlossen oder fixiert. Das Haus des Kaiphas oder der Prokuratorenpalst des Pontius Pilatus kommen in ihrer Beschreibung der Karwoche überhaupt nicht vor, auch ein Ort des Abendmahles wird als solcher nicht benannt. Es ist allgemein die Rede von der Höhle am Ölberg, „in der der Herr sich mit den Jüngern versammelte“, aber die „Darbringung des Opfers" erfolgt gerade am Gründonnerstag „am Kreuz“ im Komplex der Anastasis. Die Vorstellung, daß es sich bei der Eucharistiefeier um eine Wiederaufnahme des letzten Abendmahles oder gar um ein Gemeinschaftsmahl handle, findet in der von Egeria beschriebenen Praxis der Kirche von Jerusalem keinerlei Stütze. Hier dreht sich alles um den Opfertod am Kreuz und die Auferstehung.

Nur von Spezialisten erschlossen ist ein weiterer besonderer Zug der von Egeria beschriebenen Liturgie in Jerusalem. Mehrfach erwähnt sie eine Praxis, die ihr offenbar als Abweichung von der anderswo üblichen und dort auch durch Zeugnisse belegten Vorgehensweise aufgefallen ist: Daß nämlich der Bischof sich zu bestimmten Gelegenheiten getrennt vom Klerus und Volk ins abgeschlossene Allerheiligste begibt, um dort Fürbittgebete zu sprechen oder von dort aus das Volk zu segnen (Röwekamp 73). Diese Beobachter sehen darin eine bewußte Anknüpfung an den ehemaligen Tempelgottesdienst, aber nicht im Sinne eines „jüdischen Einflusses“, sondern als Versuch, die Ablösung der alten Ordnung durch eine neue zu zeigen. Der Bischof von Jerusalem übernimmt in diesem Zusammenhang die Rolle des Hohenpriesters.

Die Illustrationen entnehmen wir dem Artikel Jerusalem in Meyers Großem Konversationslexikon von 1905, das auf academic.ru online online verfügbar ist.

Am Sonntag, mit dem man in die Osterwoche eintritt, die hier die „große Woche“ genannt wird, feiert man zunächst vom Hahnenschrei bis zum Morgen (das Morgenlob), so immer in der Anastasis oder am Kreuz und zieht dann in die große Kirche, das Martyrium. Sie heißt eben deshalb Martyrium, weil sie auf Golgota steht, hinter dem Kreuz, wo der Herr gelitten hat.

Nach der Feier in der großen Kirche teilt der Erzdiakon vor der Entlassung zunächst mit, daß in dieser Woche alle täglich zur Non im Martyrium zusammen kommen, dann verkündet er: „Heute wollen wir uns alle um die siebte Stunde in der Eleona versammeln.“

Nach der Entlassung aus der Martyriumskirche geleitet man den Bischof unter Hymnnegesang zur Anastasis, und dort verfährt man so wie immer an Sonntagen nach der Entlassung. (Aus anderen Passagen des Berichtes ist zu erschließen, daß es sich dabei um Danksagungsgebete nach dem Kommunionempfang handelt) Dann geht jeder nach Hause, um schnell zu essen, damit er zur siebten Stunde wieder in der Eleonakirche sein kann, nämlich in der Kirche am Ölberg bei der Höhle, in der der Herr gelehrt hat.

Wenn sich um die siebte Stunde dann das ganze Volk dort versammelt hat, nimmt der Bischof seinen Platz ein, und man singt die zum Tag passenden Hymnen und Antiphonen und trägt die entsprechenden Lesungen vor. Zu Beginn der 9. Stunde steigt man dann wieder mit Hymnengesang zum Imbomon hinauf, also dem Ort, von dem aus der Herr in den Himmel auffuhr. Dort nehmen wieder alle Platz, wie immer, wenn der Bischof gegenwärtig ist. Nur die Diakone bleiben immer stehen. Auch am Imbomon singt man wieder die zu Tag und Ort passenden Hymnen und Antiphonen und man fügt dazwischen passende Lesungen und Gebete ein.

Wenn die elfte Stunde beginnt, wird die Stelle aus dem Evangelium vorgelesen, wo die Kinder der Juden dem Herrn mit Zweigen und Palmwedeln entgegen gehen und rufen „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“. Sofort erhebt sich der Bischof, und dann steigt das Volk wieder vom Gipfel des Ölbergs herab. Es zieht dabei unter Hymnen und Antiphonen vor dem Bischof her und singt als Antwortvers immer wieder „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“. Die Kinder, auch die, die noch so klein sind, daß die Eltern sie tragen müssen, halten Zweige, und so begleiten sie den Bischof eben so, wie der Herr begleitet worden ist.

Vom Gipfel des Ölbergs bis zur Stadt und von dort durch die Stadt bis zur Anastasis gehen alle zu Fuß, selbst die vornehmen Damen und Herren. Sie begleiten den Bischof singend und mit langsamen Schritten, damit die Menge nicht zu sehr ermüdet. Deshalb dauert es auch ziemlich lange, bis man schließlich in der Anastasis ankommt. Aber wie spät es auch ist, wird dort dann das Lucernar gefeiert. Dann folgt noch ein Gebet beim Kreuz, und das Volk wird entlassen.

Hierzu einige Anmerkungen. Zunächst, und das gilt auch für die an weiteren Tagen folgenden Passagen aus Egerias Bericht: Wir konnten uns für keine der vorhandenen Übersetzungen entscheiden und wollten uns auch nicht selbst als Übersetzer im eigentlichen Sinn versuchen, denn Sprache und Schreibweise Egerias stehen einigermaßen quer zu heutigen Lesegewohnheiten. Und damit Leser ohne altphilologische Neigungen nicht beim ersten Absatz Schluss machen, haben wir, ein Auge auf den lateinischen Text und das andere auf die gängigen Übersetzungen gerichtet, eine Art Nacherzählung verfasst. Alle Details sind erhalten, aber Wiederholung weggelassen und umständliche Wendungen begradigt.

Dann, und auch das gilt nicht nur für den Palmsonntag: Diese Liturgien waren lang. Der Hahnenschrei verweist auf eine Zeit zwischen 4 und 5 Uhr in der Nacht. Die erwähnte Mittagspause fiel in den späten Vormittag, und die 7. Stunde, mit der es dann weiterging, begann mit dem Sonnenhöchststand. Danach dann noch einmal 4 – 5 Stunden Gesänge, Lesungen und Gebete, gefolgt von einer mehrstündigen Prozession und danach das Luzernar. Entlassung dürfte gegen 20 oder 21 Uhr gewesen sein – und das nach mehrwöchiger Fastenzeit, die allerdings nach dem Zeugnis der Egeria nicht allen so strikte Verpflichtungen auferlegte, wie das manchmal vermutet wird.

Bei den erwähnten „Hymnen“ hat es sich in der Mehrzahl wohl um Psalmen gehandelt, die Egeriologen haben auch Theorien dazu entwickelt, welche das zu welcher Zeit und welchem Anlass gewesen sein sollen. Auffällig ist, daß der Gottesdienst die Tagzeitenliturgie und die Eucharistiefeier – Egeria spricht übrigens durchgängig von „Darbringung des Opfers“ (oblationem facere) – als integrales Ganzes zusammenfasst. Über die Einzelheiten der Gestalt dieser Opferfeier selbst erfahren wir wenig, weil Egeria oft nur anmerkt, das sei „ebenso wie bei uns“, d.h. in Südgallien. Das ist aus mehreren Gründen auch nicht überraschend: Der politische und kulturelle Zusammenhalt des Reiches war noch stark, und die theologischen Differenzen, die im 4. Jahrhundert die Eliten beschäftigten, hatten noch keine Zeit gehabt, die liturgischen Abläufe umzuprägen.

Die große Besonderheit der Jerusalemer Liturgie, die in den Berichten Egerias auch sehr gut zum Ausdruck kommt, besteht natürlich darin, daß die Abläufe nicht statisch waren, sondern soweit möglich an den Originalschauplätzen stattfanden, was eine Vielzahl von Umzügen und Prozessionen mit sich brachte und auch die Auswahl von Gesängen und Lesungen stark bestimmte. Diese Originalschauplätze waren übrigens zur Zeit Egerias – also gerade einmal sechs oder sieben Jahrzehnte nach dem Beginn großer öffentlicher Liturgien in Jerusalem – noch nicht komplett erschlossen oder fixiert. Das Haus des Kaiphas oder der Prokuratorenpalst des Pontius Pilatus kommen in ihrer Beschreibung der Karwoche überhaupt nicht vor, auch ein Ort des Abendmahles wird als solcher nicht benannt. Es ist allgemein die Rede von der Höhle am Ölberg, „in der der Herr sich mit den Jüngern versammelte“, aber die „Darbringung des Opfers“ erfolgt gerade am Gründonnerstag „am Kreuz“ im Komplex der Anastasis. Die Vorstellung, daß es sich bei der Eucharistiefeier um eine Wiederaufnahme des letzten Abendmahles oder gar um ein Gemeinschaftsmahl handle, findet in der von Egeria beschriebenen Praxis der Kirche von Jerusalem keinerlei Stütze. Hier dreht sich alles um den Opfertod am Kreuz und die Auferstehung.

Nur von Spezialisten erschlossen ist ein weiterer besonderer Zug der von Egeria beschriebenen Liturgie in Jerusalem. Mehrfach erwähnt sie eine Praxis, die ihr offenbar als Abweichung von der anderswo üblichen und dort auch durch Zeugnisse belegten Vorgehensweise aufgefallen ist: Daß nämlich der Bischof sich zu bestimmten Gelegenheiten getrennt vom Klerus und Volk ins abgeschlossene Allerheiligste begibt, um dort Fürbittgebete zu sprechen oder von dort aus das Volk zu segnen (Röwekamp 73). Diese Beobachter sehen darin eine bewußte Anknüpfung an den ehemaligen Tempelgottesdienst, aber nicht im Sinne eines „jüdischen Einflusses“, sondern als Versuch, die Ablösung der alten Ordnung durch eine neue zu zeigen. Der Bischof von Jerusalem übernimmt in diesem Zusammenhang die Rolle des Hohenpriesters.

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