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Der Papst aus der Einsiedelei

Bild: NZZ; MAXPPP / KeystoneDas Martyrologium Romanum erwähnt den hl. Peter von Morrone an seinem heutigen Gedenktag in seiner üblichen lakonischen Kürze: „(Himmlischer) Geburtstag des hl. Bekenners Peter von Morone, der sich, nachdem er vom Einsiedler zum römischen Pontifex gemacht worden war, Cœlestin V. nannte. Jedoch dankte er als Papst schon bald wieder ab und ging, nachdem er in frommer Einsamkeit sein Leben geführt hatte, im Ruf der Tugend und Wundertätigkeit zum Herrn ein.“ Hans-Georg Bertram hat zum Tage einen lateinischen Hymnus gedichtet, den das Hymnarium heute samt seiner deutschen Übersetzung präsentiert. 

Gregorovius zeichnet in seiner „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ ein farbenstärkeres Bild (Bd. 2, 10. Buch) als das Martyrologium. Wir beginnen unser Zitat mit der Benachrichtigung des damals schon 85-jährigen Pierro di Morrone von seiner Erhebung zum Papst:

Die atemlosen Boten klommen die Hirtenpfade des Kalkgebirgs empor, um den Wundertäter zu finden, den sie aus einer dunklen Höhle auf den strahlenden Thron der Welt ziehen sollten. Auch der Kardinal Petrus Colonna hatte sich eingefunden, während das Gerücht eines so außerordentlichen Vorganges zahllose Menschenscharen herbeizog. Jakob Stefaneschi, der Sohn des damaligen Senators, hat als Augenzeuge die wunderliche Szene in wunderlichen Versen lebhaft geschildert. Als die Abgesandten den Ort gefunden hatten, sahen sie eine rohe Einsiedlerhütte vor sich mit einem vergitterten Fenster; ein Mann mit verwildertem Bart, mit bleichem, und gehärmtem Antlitz, in eine zottige Kutte gehüllt, blickte scheu auf die Ankommenden. Sie entblößten ehrfurchtsvoll ihre Häupter und warfen sich auf ihr Antlitz nieder. Der Anachoret erwiderte ihren Gruß demutsvoll in gleicher Weise. Als er ihre Botschaft hörte, mochte er eine seiner phantastischen Erscheinungen vor sich zu sehen glauben; denn diese fremden Herren kamen aus dem fernen Perugia, ein besiegeltes Pergament in den Händen, ihm zu melden, daß er Papst sei.

Man sagt, der arme Einsiedler habe die Flucht versucht und sei nur durch stürmische Bitten, zumal der Mönche seines Ordens, zur Annahme des Wahldekrets vermocht worden. Dies ist wahrscheinlich; obwohl die Verse seines Lebensbeschreibers nur die Pause eines Gebets machen zwischen der Eröffnung der seltsamen Botschaft und der kühnen Einwilligung des Heiligen. Der Entschluß eines in Bergwildnissen ergrauten Eremiten, mit der Papstkrone eine Weltlast auf sich zu nehmen, welcher kaum ein großes und praktisches Talent gewachsen sein konnte, ist wahrhaft staunenswert. Wenn auch die Eitelkeit selbst den Panzer eines Büßers und die rauhe Kutte eines Heiligen zu durchdringen vermag, so mögen doch Pflichtgefühl, Demut gegen den eingebildeten Wink des Himmels und kindliche Einfalt den Anachoreten zu dieser verhängnisvollen Zustimmung bewogen haben. Außerdem trieben ihn die Genossen seines Ordens; denn diese Jünger des heiligen Geistes stellten sich voll Entzückung vor, daß mit der Wahl ihres Oberhaupts jenes prophetische Reich eintreten solle, welches der große Abt Joachim von Fiore verkündet hatte.

Zahlloses Volk, Klerus, Barone, König Karl und sein Sohn eilten herbei, den Auserwählten zu ehren, und das wilde Gebirge Morrone bedeckte sich mit der seltsamsten Szene, welche die Geschichte jemals gesehen hat. Man zog nach der Stadt Aquila; der Papst-Eremit ritt in seiner ärmlichen Kutte auf einem Esel, den zwei Könige mit sorgsamer Ehrerbietung am Zügel führten, während Scharen glänzender Ritterschaft, hymnensingende Chöre der Geistlichkeit voraufzogen und bunte Menschenschwärme folgten oder an den Wegen andachtsvoll niederknieten. Beim Anblick der schauprangenden Demut dieses Aufzugs eines Papsts auf einem Esel, aber zwischen zwei dienenden Königen, urteilten manche, daß diese Nachahmung des Einzuges Christi in Jerusalem entweder eitel oder für die praktische Größe des Papsttums nicht mehr passend sei. Der König Karl bemächtigte sich sofort des Neugewählten; diese Puppe, einen Papst seines Landes, ließ er nicht mehr aus den Händen.

In einer Kirche vor den Mauern Aquilas nahm Petrus als Cœlestin V. die Weihe am 24. August 1294 unter dem Zudrang von 200000 Menschen, wie ein Augenzeuge berichtet. (...)

Hierauf hielt er seinen Einzug in jene Stadt, nicht mehr zu Esel, sondern auf einem reichgeschmückten weißen Zelter, gekrönt und mit allem Pomp. Ein Knecht Karls, ernannte er sofort neue Kardinäle, Kandidaten des Königs; er erneuerte auch die Konstitution Gregors X. über das Konklave. Verschmitzte Höflinge erlangten von ihm Siegel und Unterschrift für alles, was sie begehrten. Der Heilige konnte keines Mannes Bitte abschlagen, er gab mit vollen Händen. Seine Handlungen, die eines natürlichen Menschen, erschienen töricht und tadelnswert. Wahrscheinlich hoffte Karl von diesem Papst die Senatorwürde in Rom zu erlangen. Dies geschah freilich nicht, aber ein neapolitanischer Großer, Thomas von S. Severino Graf von Marsica, wurde als Senator nach Rom geschickt. Statt dahin zu gehen, wie die Kardinäle verlangten, gehorchte der Papst dem Könige und ging nach Neapel. Die Kurie folgte ihm mit Murren. Er selbst war tief unglücklich und in unbeschreiblicher Verlegenheit. Nachdem er die Geschäfte drei Kardinälen übertragen hatte, verbarg er sich in der Adventszeit im neuen Schloß des Königs zu Neapel, wo man ihm eine Zelle gezimmert hatte, in die er einzog, sich seiner Grotte zu erinnern und vom der Einsamkeit des Bergs Morrone zu träumen. Der Unglückliche glich hier, so sagt sein Lebensbeschreiber, dem wilden Fasan, der seinen Kopf verbergend unsichtbar zu sein glaubt, während er sich von den herbeischleichen Jägern mit der Hand ergreifen läßt.“

Soweit Gregorovius, dem seine protestantische Herkunft sichtliche Distanz zu alledem auferlegte – andererseits aber auch einen überaus scharfen Blick ermöglichte.

Die Geschichte ging, zumindest was deren irdischen Teil betrifft, nicht sonderlich glücklich aus. Cœlestin dankte nach kaum 5 Monaten im Amt am 13. Dezember des Jahres ab und versuchte, in seine Wildnis zurückzufliehen. Sein überaus tatkräftiger Nachfolger Bonifaz VIII. ließ ihn sicherheitshalber festsetzen, seine letzten Lebensmonate (Cœlestin starb am 19. Mai 1296) verbrachte er auf dem Castello die Fumone; wie die einen behaupten, in einem elenden Verließ, wie andere sagen, in einer für ihn aufgeschlagenen Nachbildung seiner Einsiedelei – aber was machte das schon ein Unterschied.

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