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Ad te levavi animam meam

Bild: http://blogs.nd.edu/oblation/2015/11/25/singing-the-season-advent-introits-part-1/Mit dem Sonntag „Ad te levavi anaimam meam“, dem ersten Adventssonntag, beginnt heute das neue Kirchenjahr. Der Begriff des Kirchenjahres ist eine durch und durch moderne Angelegenheit. Er konnte so erst entstehen, als nach der Reformation und der dadurch eingeleiteten Säkularisierung eine Trennung vom Jahresablauf der Welt und der weltlichen Verwaltung vom liturgischen Jahresablauf denkbar und notwendig wurde. Zuvor gab es nur das Annus Domini, das Jahr des Herrn, dem auch die weltliche Autorität folgte: Mit Zins- und Steuerterminen an Lichtmess oder Martini, mit Markt- und „Messe“-Tagen zu bestimmten Heiligenfesten, mit Gerichtstagen, die zwar nie an einem bestimmten Feiertag selbst, wohl aber in festgesetztem Abstand davor oder danach stattzufinden hatten.

Der Jahresanfang war im Altertum und bis ins späte Mittelalter eine ziemlich bewegliche Angelegenheit. Die Römer hatten ihn zwar schon früh auf den 1. Januar (der aber anders lag, als heute) festgesetzt; in der Christenheit wurde der Beginn eines Annus Domini jedoch mit verschiedenen kirchlichen Festen wie Erscheinung des Herrn, Mariä Verkündigung, Weihnachten oder eben mit dem 1. Adventssonntag verbunden – nie dagegen direkt mit astronomischen Daten, die der Berechnung von Jahreszeiten zugrunde liegen.

Die Betrachtung der Liturgischen Ordnung des Jahres – das ist etwas anderes als unser modernes Kirchenjahr – nimmt seit den frühesten uns erreichbaren Zeiten den 1. Adventssonntag als Ausgangspunkt – so bei Amalar von Metz (775-850) in seinem Liber de Ordine Antiphonarii und ganz dezidiert bei Rupert von Deutz (1070 – 1129), der im dritten Buch von Divinis Officiis dazu auch eine ausführliche Erläuterung bereit hält. Nachdem er in den beiden Ersten Büchern zunächst die äußeren Umstände der liturgischen Abläufe und Themen sowie die geistlichen Inhalte der Meßfeier mit dem Opfer als Zentrum dargestellt hat, wendet er sich im dritten Buch der Liturgie in der Ordnung des Jahres zu - nicht des Kirchenjahres, wie eher unzutreffend übersetzt wird, denn es gab nur das Eine Jahr des Herrn.

Indem wir jetzt unserem Vorsatz entsprechend auf die Ordnung des (Kirchen)Jahres eingehen, die ganz ausgerichtet ist auf die Feier dieses Geheimnisses, erflehen wir von dem, der uns lenkt, dem Heiligen Geist, daß er nicht aufhöre, mit dem sanften Hauch seiner Gunst unser Segel zu füllen, bis er das vorgenommene Werk in den Hafen der gewünschten Erfüllung geleitet. Weil wir von der Ankunft des Herrn (ab adventu Domini) an beginnen, müssen wir zuerst nach der Begründung hierfür fragen, um zu wissen, warum diese Zeit so genannt wird und was jenes Wort „Ankunft‘“ zeichenhaft ausdrückt.

Die Zeit, die der Gedächtnisfeier der Geburt des Herrn vorangeht, wird deshalb Advent genannt, weil ihre kirchliche Ordnung ganz auf die Betrachtung der Ankunft des Herrn hin eingerichtet ist. Wiewohl der Herr überall ist mit der unischtbaren Gegenwart seiner Majestät, wird aber zu recht gesagt, daß er ankommt, da er durch die Annahme dessen, was sichtbar ist an uns, sich den Augen des Fleisches als Sichtbarer gezeigt hat.... Und das wird auf die gleiche Weise in Zukunft geschehen, wenn der, der jetzt zur Rechten Gottes sitzt und weit entfernt ist von uns, wiewohl er bei uns ist bis zur Vollendung der Welt, sich wiederum in leiblicher Gegenwart zeigen wird am Ende der Welt. 

Ankunft und Wiederkunft fließen hier stärker, als wir das heute wahrnehmen, in Eins und dienen so auf passende Weise zur Markierung und Identifikation des Punktes, an dem die Beschreibung der Jahresordnung ihren Anfang nimmt.

Dieser Anfang ist demnach nicht durch Verordnung bestimmt, sondern vorgegeben und quasi Bestandteil der geschaffenen und offenbarten Ordnung der Dinge. Und genau das verleiht diesem Punkt als Anfang des heutigen Jahres der Kirche, das längst nicht mehr mit einem säkularisierten und emanzipierten Jahr der Welt zusammenfällt, seine besondere Stellung und besonderes Gewicht. Die Welt mag ihren Kalender und ihre Administration nach ihrer eigenen Weise regeln. Für die Kirche bleibt es unverrückbar bei der Ordnung der Dinge, die vorgegeben und nur im Lichte der Offenbarung sichtbar sind.

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