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Schönheit und Stärke der Liturgie

Kopie des Genter Altarbildes der Brüder van Eyck im Berliner Bode Museum, eig. Aufnahme.Vielleicht kommt es ja von dem „Dienst“ im Wort Gottesdienst, vielleicht auch von dem zentralen Gedanken des Opfers, daß der Aspekt der Schönheit der Liturgie in unseren Gottesdiensten allzuoft an den Rand geschoben oder ganz verdrängt wird. Und das nicht nur im Novus Ordo, dessen mißverstandene „edle Schlichtheit“ viel zur Säkularisierung der Kirche und ihres geistigen Lebens beigetragen hat. Auch in Gemeinden der Tradition steht die Betonung der Schönheit der Liturgie gelegentlich unter dem Verdacht, Ausdruck überkommener Prachtentfaltung fürstbischöflicher Zeiten zu sein, der nicht mehr in die Gegenwart passt.

Zur Abwehr solcher Tendenzen kann die Tradition sich zumindest auf das seit 1500 Jahren gebrauchte Kanongebet „Unde et memores“ stützen, das in drei Begriffen beschreibt, worum es bei der Messfeier der Diener, aber auch des heiligen Volkes Gottes geht: Um das Gedächtnis des heilbringenden Leidens, der Auferstehung von den Toten und der glorreichen Himmelfahrt Christi, der nun auf ewig zur Rechten des Vaters sitzt und im Glanz des himmlischen Jerusalem die Hochzeitsfeier mit seiner Kirche begeht. Einen Abglanz dieser Feier hat der Seher der Apokalypse eindrucksvoll beschrieben, und Künstler wie die Brüder van Eyck haben in ihrem Genter Altarbild versucht, einen Abglanz dieses Abglanzes wiederzugeben. Wer glaubt, dem Wesen dieser Feier mit der geschäftigen Nüchternheit einer Gemeindeversammlung, in einer aufgegebenen Fabrikhalle oder im nachempfundenen Elend einer Favela am besten gerecht werden zu können, hat einige wichtige Dinge nicht verstanden.

Auch ein Begriff von der überlieferten Liturgie, der diese am liebsten auf die „stille Messe“ reduzieren wollte, hätte Wesentliches nicht verstanden.

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Erscheinung des Herrn

Bild: Wikimedia CommonsDen Zusammenhang der inkarnatorischen Festtage rund um die Erscheinung des Herrn hatten wir bereits 2019 hier angesprochen. In diesem Jahr soll dem ein Blick auf die liturgischen Texte des Tages selbst folgen. Diese Texte der überlieferten Liturgie sind – vielleicht aufgrund des hohen Alters des Feiertags – bemerkenswert konzise und direkt.

Das Graduale und das Offertorium greifen mit Zitaten prophetischer Passagen aus Jesaja 60 und Ps. 71 die nun erfüllten messianischen Erwartungen Israels auf, in Oration und Sekreta erhebt die Kirche in der Nachfolge Israels selbst die Stimme:

O Gott, Du hast am heutigen Tage den vom Stern geführten Heiden Deinen Erstgeborenen offenbart; führe uns, die wir Dich bereits durch den Glauben 

Und die Sekret:

Wir bitten Dich, o Herr: Schau gnädig auf die Gaben Deiner Kirche; sie bringt Dir in Ihnen nicht mehr Gold, Weihrauch und Myrrhe dar, sondern Ihn selbst, den diese Geschenke versinnbildlichen, der jetzt unser Opfer und unsere Speise wird.

Über die in jeder Hinsicht „vieldeutige“ Natur der von Matthäus erwähnten Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe geben die zu den Laudes ins Brevier übernommenen Strophen des großen Epiphanie-Hymnus (hier ganz) von Aurelius Prudentius Clemens Auskunft:

Kaum hatten sie ihn erblickt,
holten sie die Gaben des Ostens hervor,
und kniend unter Gebeten boten sie dar
königliche Gaben: Weihrauch, Myrrhe und Gold.

Erkenne darin die deutlichen Zeichen
Deiner Wesenheit und Deines Königtums,
oh Kind, die Dir der Vater
als dreifaches Erbe bestimmt hat:

Den König und den Gott künden
der Goldschatz und der wohlriechende Duft
des Weihrauchs von Saba – doch das Pulver derMyrrhe
sagt schon das Grab voraus.

Das ist das Grab, durch das der Gott
indem er das Sterben des Körpers erduldete,
und dann den Begrabenen wieder auferweckte,
den Kerker des Todes aufbrach.

Das ist – in der an Vergil geschulten poetischen Sprache des spätantiken Dichters  exakt der Gedankenbogen, den die ganz besonders kurze Präfation für das Fest der Erscheinung viele Jahrhunderte später in einem einzigen Satz zusammenfaßt:

Dein Eingeborener ist ja in der Gestalt unseres sterblichen Fleisches erschienen und hat uns so in Seiner neuen, lichtvollen Unsterblichkeit wieder hergestellt.

Die Erscheinung des Herrn nimmt bereits die Erlösung voraus - das ist der ganze Inhalt der Inkarnation.

Hl. Anastasia - bitte für uns

Bild: https://www.maranatha.it/Festiv2/natale/1225TextAnLat.htmAls unerwartetes vorweihnachtliches Geschenk lag heute eine Mail in unserem Briefkasten, die an die hl. Anastasia von Sirmium erinnert. Dieser Heiligen, die in der Verfolgung Diokletians den Märtyrertod erlitt, ergeht es wie vielen, deren himmlischer oder irdischer Geburtstag auf den 24. oder 25. Dezember fällt: Ihr Fest muß dem Gedächtnis der Geburt des Herrn weichen und wird verdrängt, wenn nicht sogar vergessen. Aber bitte nicht in diesem Jahr, meint Baldassare Stella, und schreibt:

Es beginnt ein langes ZitatIn einem Jahr wie diesem, in dem die bereits von Karl dem Großen verehrte heilige Corona wieder mehr Beachtung gefunden hat, wird auch eine andere frühchristliche Heilige besonders geehrt.

Nachdem aber von Papst Gregor dem Großen schon drei Messfeiern am hochheiligen Weihnachtsfest bezeugt wurden und die Kirche nach langen Abwägungen zu der Praxis gekommen ist, daß ein Priester an einem Tag höchstens drei Mal das Meßopfer darbringen dürfe, um die Gefahr einer routinemäßigen Verflachung dieses Höhepunktes des kirchlichen Lebens zu bannen, war die Feier eines Heiligenfestes mit einer eigenen Messe am 25. Dezember nicht möglich.

Doch dieses Jahr gestattet die römische Kongregation für den Gottesdienst Priestern vier Messen an Weihnachten zu zelebrieren. Dieser Umstand erfreut nicht nur Gläubige, die dadurch die Möglichkeit erhalten, dem heiligen Opfer beiwohnen zu können, sondern auch die heilige Anastasia. Ihr Fest wurde seit vielen Jahrhunderten vom Geburtsfest Christi so überschattet, daß davon nur die Kommemoration in der zweiten Weihnachtsmesse geblieben ist. Aber heuer ist ihre Verdrängung nicht nötig, weil nun die Messe zu Ehren der heilige Anastasia mit ihren eigenen Orationen und den Commune-Texten für eine Märtyrerin gefeiert werden kann. Dies ist keineswegs als Bruch mit der bisherigen kirchlichen Disziplin zu sehen, sondern als Maßnahme gegen die alles beherrschende Corona-Pandemie, da die heilige Anastasia mit dem Beinamen Φαρμακολύτρια als Schutzheilige gegen Krankheiten angerufen wird.

Die Antiphonen der Erwartung

Bild: Screenshot des Digitalisats der franz. NationalbibliothekDie O-Antiphonen, die das Hymnarium in diesem Jahr an den Tagen vor Weihnachten präsentiert (und deren Präsentation wir in der Randspalte begleiten), gehören formal wie inhaltlich zu den großen Kostbarkeiten der lateinischen Liturgie. In ihrem heutigen Bestand richten sie sich alle an den erwarteten göttlichen Erlöser selbst, der unter verschiedenen Bezeichnungen und Aspekten angesprochen wird. Diese O-Antiphonen haben seit über 1000 Jahren ihren Platz in der Vesper der sieben Tage vor Weihnachten. In dem durchaus anerkennenswerten Versuch, diesen Schatz auch den Gläubigen zugänglich zu machen, die nicht am Stundengebet teilnehmen, haben die Liturgiereformer von 1969 die Antiphonen auch als „Ruf vor dem Evangelium“ in den Novus Ordo Missae übernommen. Dabei haben sie die Texte jedoch teilweise verstümmelt und im übrigen nicht bedacht, daß ihre „Reformen“ dazu führen könnten, die Bereitschaft zur täglichen Teilnahme an der Meßfeier nicht zu erhöhen, sondern enorm zu verringern.

Neben den sieben quasi kanonischen O-Antiphonen waren zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten alternative oder zusätzliche Versionen in Gebrauch – insgesamt sind derzeit 23 davon bekannt. René Strasser hat für das Hymnarium eine Reihe von ihnen zusammengetragen und übersetzt. Diese – zumindest die dort veröffentlichten – sind allerdings weder formal noch inhaltlich mit den Originalen aus der Liturgie des lateinischen Offiziums vergleichbar. Anders als diese richten sie sich in der Regel nicht an den als Messias erwarteten Erlöser und Weltenherrscher selbst, sondern an die Gottesmutter, den Erzengel Gabriel oder andere Instanzen der Heilsgeschichte, denen aber keine göttliche Stellung zukommt. In ihrem theologischen Gehalt bleiben sie weit hinter den Originalen zurück.

Kennzeichnend für diese Originale ist, daß sie in ihrem Wortlaut unverkennbar auf allgemeine Denkfiguren oder exakt identifizierbare Passagen aus dem Alten Testament zurückgreifen, diese Passagen aber aus der Perspektive des um seine künftige Erlösung flehenden Volkes Israel herauslösen und unter dem Blickwinkel des vollzogenen Erlösungswerkes neu interpretieren. Gleichzeitig wird die sehr stark auf irdische Verhältnisse gerichtete Erlösungshoffnung Israels ins Metaphysische gewendet: Nicht mehr die von babylonischer Versklavung und römischer Fremdherrschaft unterdrückten Juden der Zeit vor der Ankunft des Herrn, sondern das bereits befreite neue Volk Israel, das sich der nur durch eigenes, persönliches Verschulden fortdauernden Knechtschaft in der Beherrschung durch die Sünde bewußt geworden ist, erhebt in den O-Antiphonen seine Stimme. Ansatzpunkte für einen Vergleich dieser Perspektiven, der hier zunächst nicht angestellt werden kann, finden sich in dem erfreulicherweise recht ordentlichen Wikipedia-Artikel zu den O-Antiphonen. 

Zum Stellenwert der niederen Weihen

Bild: Aus dem Zitierten Artikel auf New Liturgical MovementPeter Kwasniewski hat dieser Tage auf New Liturgical Movement einen überaus lesenswerten Beitrag über den Status der niederen Weihen und des Subddiakonats in der gegenwärtigen Situation veröffentlich. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daß die Weihen im Bereich des Novus Ordo als „abgeschafft“ angesehen werden, wohingegen sie in den Gemeinschaften der Tradition mit den Büchern von 1962 nach wie vor erteilt werden. Wir haben den Beitrag übersetzt und mit einer „Anmerkung des Übersetzers“ versehen. Doch nun dar Artikel Kwasniewskis:

Es beginnt ein langes ZitatImmer öfter wird heutzutage die Frage gestellt: Was ist der genaue rechtliche Stellenwert der niederen Weihen (Ostiarier, Lektor, Exorzist, Akolyth) im römischen Ritus? Die Liste können wir auch noch um die Stufe des Subdiakons erweitern. Trotz ihres außerordentlichen hohen Alters, das ihnen doch grundsätzliches Wohlwollen durch die Liturgiereform verschafft haben sollte – die niederen Weihestufen sind z.B. älter als der Advent – wurden die niederen Weihen in der Form, in der sie bis dahin bestanden hatten, von Papst Paul VI. in seinem Apostolischen Schreiben Ministeria Quaedam (deutscher Text) von 1973 abgeschafft – oder es sah zumindest für viele Beobachter so aus, als ob sie abgeschafft worden wären). Allerdings wurden auch danach die niederen Weihen und das Subdiakonat immer in irgendeinem Winkel der weiten katholischen Welt weiterhin gespendet. Dank des Motu Proprios Ecclesia Dei von Papst Johannes Paul II. und Summorum Pontificum von Benedikt XVI. hat das zugenommen, und sie werden inzwischen routinemäßig den vielen jungen Männern erteilt, die den traditionsorientierten Gemeinschaften zuströmen. Das ist schjon eine ziemlich seltsame Situation.

Soweit ich sehe, gibt es dazu eine „konservative“ und eine streng „traditionalistische“ Auffassung.

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