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Im Widerspruch zum Kirchenrecht

Bild: WikimediaDer an der römischen Rota tätige Kirchenrechtler und Theologe Markus Graulich hat bei der Podiumsdiskussion am letzten Tag der Liturgischen Tagung in Herzogenrath auf eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen dem geltenden Kirchenrecht und den von der deutschen Bischofskonferenz aufgestellten „Leitlinien“ zur Umsetzung von Summorum Pontificum hingewiesen. Demnach stehen diese kurz nach dem Inkrafttreten von Summorum Pontificum im Herbst 2007 erlassenen Richtlinien in einigen Punkten im Gegensatz zu der Rechtslage, wie sie in der Instruktion Universæ Ecclesiæ vom April 2011 festgelegt worden ist und damit auch in den Bistümern Deutschlands geltendes Recht ist. Die Vorgaben von Universæ Ecclesiæ kennen keine Begrenzung oder Qualifizierung des Teilnehmerkreises für alte Messen, sondern erlauben den Pfarrern die Zelebration im überlieferten Ritus auch dann, wenn eine größere Zahl von Messbesuchern keine Pfarrangehörigen sind. Die Deutsche Bischofskonferenz verlangt demgegenüber für diesen Fall, dass ein Antrag an den Diözesanbischof gestellt werden muss. „Diese Leitlinie geht klar über die Norm hinaus und stellt eine Bedingung auf, welche dem Gesetzestext nicht entspricht und daher keinen rechtlichen Bestand hat“ führte Prof. Graulich dazu aus.

Nun ist die Rechtslage das eine, die im Leben einer Pfarrei praktizierte und praktizierbare Realität das andere. Tatsächlich gibt es nach wie vor relativ wenige Pfarreien, in denen der Ortspfarrer oder ein von ihm dazu beauftragter Kaplan die überlieferte Messe zelebriert. Die in allen Diözesen durchgeführten oder gerade stattfindenden Strukturreformen mit komplizierten Zuständigkeitsregelungen und der damit verbundene Abbau der traditionellen Rechtsstellung der Pfarrer haben die Möglichkeiten der Pfarrer verringert, auf eigene Verantwortung Messen im traditionellen Ritus so in das Leben der Gemeinden zu integrieren, wie Summorum Pontificum das ursprünglich beabsichtigt hat. Der von traditionstreuen Laiengruppen geforderte und oft unter großen eigenen Anstrengungen organisierte Einsatz „pfarrfremder“ (was für eine Vorstellung!) Geistlicher wird vielerorts von den Bischöfen, deren Zustimmung in diesem Fall eingeholt werden muß, nach Kräften behindert.

Diesem in den meisten Diözesen herrschenden Geist der Abgrenzung von der historischen Gestalt der Kirche wird mit einem bloßen Verweis auf die geltende Rechtslage kaum umfassend beizukommen sein. Trotzdem empfiehlt es sich im Konfliktfall, die Instruktion von 2011 aufmerksam zu Rate zu ziehen, um sich Klarheit über die jeweils einzuhaltenden Rechte und Pflichten zu verschaffen und gegebenenfalls deren Umsetzung in Rom einklagen zu können.

Einen ausführlichen Bericht über die Posiumsdiskussion auf der Tagung in Herzogenrath hat Regina Einig in der Tagespost vom 3. April veröffentlicht.

Marienmesse zum Jahrestag von Fatima

Die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei für die Belange des überlieferten Ritus hat gestern ein Dekret veröffentlicht, daß es allen Priestern ermöglicht, zum 100. Jahrestag der ersten Marienerscheinung von Fatima am 13. Mai eine Votivmesse zum Gedächtnis Unserer Lieben Frau von Fatima zu zelebrieren.

Die Kommission hat dazu der Votivmesse Immaculatæ Cordis Beatæ Mariæ Virginis für disen Tag den Rang eines Festes II. Klasse verliehen. Das macht es möglich, das ansonsten für den 13. Mai vorgesehene Fest des hl. Robert Bellarmin (III. Klasse) in diesem Jahr zu verdrängen.

Latein und Volkssprache

Immer wieder hört man zur Begründung der Feier des Gottesdienstes in der Volkssprache die Behauptung, schließlich habe auch Rom, nachdem die griechische Sprache dort als Sprache der Gebildeten außer Gebrauch gekommen war, die bis dahin auf Griechisch gefeierte Liturgie ins Lateinische übersetzt. Wie selbstverständlich wird dabei impliziert, daß es sich dabei um die lateinische Volks- und Umgangssprache des 4. Jahrhunderts gehandelt habe.

Das ist ein Irrtum, und wenn Liturgiewissenschaftler, die so argumentieren, nicht noch ungebildeter sind, als man ohnehin annehmen muß, eine bewußte Irreführung. Fr. John Hunwicke vom Ordinariat ULF von Walsingham veröffentlicht in diesen Tagen eine Reihe von Artikeln über das Werk der bedeutenden niederländischen Altphilologin Christine Mohrmann (1903 – 1988), die sich große Verdienste um die Erforschung der unterschiedlichen Sprachschichten des Griechischen und des Lateinischen von den vorklassischen Zeiten bis ins spätmittelalterliche Gelehrtenlatein erworben hat.

Mohrmann hat bereits vor Jahrzehnten nachgewiesen, daß das liturgische Latein eine höchst artifizielle Sprache darstellte, die in enger formaler Anlehnung an uralte (und dem einfachen Volk längst fremd gewordene) Sprachmuster gestaltet wurde - eben um den Unterschied zwischen der Alltagssprache und einer Sprache für den Sakralen Raum zu betonen und sinnfällig zu machen. Sie hat auch eine einleuchtende Erklärung dafür gegeben, warum die Römer sich so viel Zeit für die Entwicklung einer lateinischen Liturgiesprache ließen: Die Christen mußten sich zunächst die lateinische Sprache soweit als Ausdruck des Christenglaubens aneignen, daß sie in der Lage waren, alte Formen zu assimilieren, ohne damit unzulässige Gleichklänge oder gar Gleichsetzungen mit den Gebeten zu riskieren, die etwa lauteten: „Vater Mars, ich flehe Dich an, Du mögest alle sichtbaren und unsichtbaren Krankheiten und Nöte sowie alle verheerenden Mißgeschicke und Notfälle von mir durch Dein Gebot fernhalten.“

Diese Sprache hatte nichts „umgängliches“ an sich, sie war nicht und mußte auch nicht Wort für Wort „verständlich“ sein – sie diente der Abgrenzung eines sakralen Geschehens vom Alltag, und sie wurde dadurch und insoweit „verstanden“, daß den Menschen neben dem ungefähren Inhalt eben der Unterschied zwischen säkular und sakral immer gegenwärtig war – nicht als wissenschaftliche Abstraktion, sondern als gelebte und erfahrene Religion.

Die erste der bisher 3 Beiträge von Fr. Hunwicke zum Thema findet sich hier: http://liturgicalnotes.blogspot.de/2017/03/recent-liturgical-shenanigans-in-rome.html

Erster Fastensonntag

https://www.youtube.com/watch?v=2JOShBSsql0Da das „Alleluia“ in der Fastenzeit verstummt, wird in dieser Zeit zum Abschluß des Graduale ein Tractus angestimmt – und der erste Sonntag der Fastenzeit hat mit dem vollständigen Psalm 90 „Qui habitat in adjutorio altissimi“ gleich den längste Tractus in der gesamten überlieferten Liturgie. Dieser Tractus kann psalmodierend vorgetragen werden – dann steht er im 2. Ton. Er hat jedoch auch eine eigene gregorianische Melodie, die freilich nicht ganz trivial ist und daher heute nur noch selten zu hören ist. Das in der Slovakei beheimatete Graduale Project hat eine Aufnahme dieser Fassung auf Youtube bereitgestellt.

Das ursprünglich vor allem der Kirchenmusik des überlieferten Ritus gewidmete Blog Vox Cantoris verlinkt zum 1. Fastensonntag auf eine „altrömische“ Form dieses Tractus (Teil 1, Teil 2), wie sie während des 1. Jahrtausends an vielen Orten Italiens in Gebrauch war und in den letzten Jahrzehnten durch Entzifferung von Manuskripten und Vergleich verschiedener Traditionen mit einiger Sicherheit erschlossen werden konnte. Diese Form mutet unseren „gregorianisch“ geschulten Ohren einigermaßen orientalisch an. Nicht grundlos: Sie geht auf eine weit bis in die Zeit der Apostel reichende Tradition zurück. Vox Cantoris schreibt dazu: „Sie kommt dem am nächsten, was unser Herr Jesus Christus wohl im Tempel zu Jerusalem gehört und auch selbst gesungen hat.“

Sonntag Quinquagesima

Der Sonntag Quinquagesima steht in der überlieferten Liturgie ganz im Zeichen des bevorstehenden Erlösungsopfers Christi, auf dessen Gedächtnis uns die Fastenzeit vorbereitet. Die Matutin liest daher aus der Genesis den Bericht über die Berufung Abrahams, für den Dom Gueranger folgende Deutung bietet:

Wir müssen also Abraham als unser Haupt und Vorbild anerkennen. Sein ganzes Leben faßt sich in den Begriff der Gottestreue zusammen.Allen Befehlen Gottes unterwarf er sich, Alles gab er preis und brachte es zum Opfer, um dem heiligen Willen Gottes Genüge zu leisten. Darin liegt auch das charakteristische Kennzeichen eines Christen, und wir können daher aus dem Leben dieses großen Mannes die Lehren, die es enthält, als Richtschnur ansehen.“ (Das Kirchenjahr, Bd 4, S. 195-6)

Wie haben Gueranger zur Bedeutung dieser Schriftstelle bereits vor zwei Jahren ausführlicher zitiert.

Im Zentrum des Propriums der Messe steht der Bericht des Hl. Lukas vom Aufstieg der Jünger nach Jerusalem, bei dem Jesus den Zwölfen sein bevorstehendes Leiden und Sterben vorhergesagt hat.

Alles wird in Erfüllung gehen, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben steht. Denn er wird den Heiden überliefert, verspottet und angespien werden, und nachdem sie ihn gegeißelt haben, werden sie ihn töten, doch am dritten Tage wird er wieder auferstehen.

Die Wiedergabe dieser Prophezeiung endet bei Lukas mit dem angesichts der Klarheit dieser Ansage schwer verständlichen Hinweis, daß die Jünger nicht verstanden hätten, was Jesus damit sagen wollte. Und so schließt auch das heutige Evangelium den bereits bei Lukas unmittelbar folgenden Bericht von der Heilung des Blinden an: Sei sehend, dein Glaube hat Dir geholfen. Nachdem bereits die Epistel mit der Lesung aus dem Brief an die Korinther zum Ausdruck gebracht hat , daß „alles nichts ist ohne die Liebe“, sind damit die entscheidenden Voraussetzungen dafür benannt, die bevorstehende Leidensgeschichte nicht als Anlaß zur Verzweiflung zu begreifen, sondern als Heilsgeschichte, als Grund zur Hoffnung auf die Erlösung durch das Kreuz.

Die Liturgie Pauls VI. kennt die Vorfastensonntage nicht mehr, dementsprechend hat auch die Ankündigung seines bevorstehenden Leidens im Evangelium des „8. Sonntages im Jahreskreis“ keinen Platz mehr gefunden – in keinem der drei Lesejahre. Tatsächlich ist die ganze eindringliche Prophezeiung Jesu, wie sie Lukas in 18, 31-34 überliefert hat, in der neuen Leseordnung an keiner Stelle mehr enthalten; allein der Bericht von der Heilung des Blinden findet sich noch am Montag der 33. Woche im Jahreskreis.

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