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Gaudete in Domino semper

So stark wirkt der Aufruf „Freut euch allezeit im Herrn“ aus dem Introitus, daß er sogar das bußzeitliche Violett der Gewänder des heutigen dritten Adventssonntags aufgehellt hat zum „rosacea“ - jener Farbe, die, soweit sie heute noch in Paramenten auftaucht, etwas unsicher zwischen einem aufgehellten lila und pink schwankt. Der Introitus ist, eher ungewöhnlich, einem Brief des Apostels Paulus (Phil. 4) entnommen. Seine Stellung im Messformular ist so alt, daß er schon bei Amalar von Metz für den 3. Adventssonntag genannt wird, dort freilich mit der Anmerkung, er finde sich nicht im althergebrachten Missale von Metz, sondern erst in den neuerdings von Rom übernommenen Büchern. Bei Rupert von Deutz ist er längst selbstverständlicher Bestandteil des Propriums.

Bis auf den Introitus gibt es jedoch in den zu Amalars und Ruperts Zeiten gebräuchlichen Messordnungen wenig Übereinstimmungen zu der später geltenden Ordnung, wie sie im Missale Pius V. festgeschrieben wurde und in Teilen noch heute – also über den Umbruch von 1970 hinaus – gültig ist. Während in der tridentinischen Ordnung die Epistel noch einmal die bereits im Introitus verwandte Stelle aus dem Brief an die Philipper aufgreift und lediglich um einen weiteren Verse ergänzt, wird bei Amalar ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels an die Korinther vorgetragen, dessen Kernsatz ist: Deshalb urteilt nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das in der Finsternis Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbar machen wird. (1 Kor 4,5).

Von daher erhält die Deutung dieses Sonntags bei Rupert eine ganz eigene Richtung. Während wir heute diesen Sonntag als freudige Vorausschau auf die Ankunft des Herrn wahrnehmen – daher auch das aufgehellte Violett – leitet Rupert aus der Lesung des Korintherbriefs eine deutlich verschiedene Interpretation ab. Sie ist bei weitem nicht so adventlich wie die heutige, und man kann nachvollziehen, daß die Kirche diese Lesung und Lesart irgendwann aufgegeben hat – sofern sie überhaupt jemals Allgemeingültigkeit besaß.

Das heißt aber nicht, daß Ruperts Version des 3. Adventssonntags uns heute nichts mehr zu sagen hätte, im Gegenteil. Sie gibt eine Ahnung davon, wie sehr die Kirche auch zu seiner Zeit von Auseinandersetzungen gezeichnet war, und sie spricht Mahnungen aus, die auch heute noch beherzigenswert sind:

Das ganze Offizium des dritten Sonntags trägt Trost vor allem für die Vorsteher der Kirchen vor: Je höher deren Rang ist, umso mehr ist ihr Lebenswandel den Urteilen der Menschen ausgesetzt, und umso mehr wird sehr oft ihr guter Ruf bei den Menschen verunglimpft, je stärker ihr Verdienst im göttlichen Gericht glänzt. Denn das Offizium verkündet ihnen das Kommen des Herrn, der das in Der Finsternis Verborgene ans Licht bringt‘, weil er selbst ihr Richter und Mitwisser ist, er, der sich im Gericht ganz und gar nicht zu irren vermag. Damit sie sich also auf das Kommen eines solchen Zeugen und Richters freuen und darauf hoffen, von ihm etwas zu erfahren, wird passend hierzu im Evangelium jenes herrliche und berühmte Zeugnis vorgetragen, das der Herr über Johannes den Täufer abgelegt hat.“

Rupert bezieht sich damit auf die Perikope aus Mt 11, die später auf den zweiten Adventssonntag vorgezogen worden ist. Und insgesamt richtet sich sein Blick eher auf die Wiederkunft des Herrn als Richter am Ende der Zeit als auf das Erscheinen des Erlösers im Stall von Bethlehem. Eine Veränderung des Blickwinkels, aber nicht in der Sache.

Die hier am Beispiel des dritten Adventssonntags ausschnittweise erkennbare historische Entwicklung – man sollte vielleicht eher von 'Varianz' sprechen – macht zweierlei deutlich: Die Wurzeln der fälschlich als „tridentinisch“ bezeichneten Liturgie reichen weit in das davor liegende Jahrtausend zurück. In dieser Zeit gab es Entwicklungen und Veränderungen, die aber doch in einer recht schmalen Bandbreite blieben.

Populus sion, Ecce, Dominus veniet

Der zweite Sonntag des Kirchenjahres ist ganz der Erinnerung an die Wurzeln der Kirche im Volk der Juden und dessen Hoffen auf den Messias bestimmt. Aus dieser wohl sehr alten Widmung leitet sich auch die erst später erfolgte Wahl der Kirche zum heiligen Kreuz in Jerusalem als römische Stationskirche ab. Diese Kirche war nicht nur dem Kreuz von Jerusalem, von dem ein Teil dort aufbewahrt wurde, geweiht. Die fromme und dem Ausmaß nach vielleicht übertriebene, in der Sache jedoch durchaus glaubhafte Überlieferung weiß, daß der Boden dieser Kirche mit Erde aus Jerusalem bedeckt war, den Kaiserin Helena in drei Schiffsladungen aus Jerusalem habe heranbringen lassen. Hier, in der ehemaligen Festhalle des sessorianischen Palastes, war Jerusalem. Und von dort her ergab sich – insbesondere zum Ausdruck gebracht im Offizium der Terz in der Predigt des. hl. Papstes Gregor – nicht nur der Blick auf die Herkunft Christi und seiner Kirche, sondern auch auf die erste Vollendung der Ankunft am Kreuz von Golgatha.

Im Proprium der Messe steht das Gedenken an die Herkunft ganz im Vordergrund. Der Christus ist der Gesalbte, auf den die Hoffnung des Volkes seit mehr als einem Jahrtausend gerichtet ist – und erst und nur in ihm findet dieses Volk, seither grenzenlos erweitert um die Hinzugekommenen aus allen Heidenvölkern der Erde, seine Erfüllung. Im Introitus mit den Worten des Propheten Isajas:

Volk von Sion, siehe der Herr wird kommen, die Heiden zu erlösen; und der Herr wird hören lassen sein majestätisches Wort zur Freude eures Herzens.

In der Messerklärung des Rupert von Deutz, dem sehr daran gelegen ist, „den harmonischen Zusammenklang eines jeden Offiziums gleich wie den Bau eines jeden Körpers genau zu erforschen“ (Liber 3,3), wird das Proprium des zweiten Adventssonntags folgendermaßen zusammengefasst:

Der Hauptinhalt also dieses Offiziums ist, daß das in der Fremde lebende Jerusalem, das heißt die gegenwärtige Kirche, die Verbannung dieses Lebens in der geduldigsten Hoffnung erträgt , und wenn sie nach der Vorankündigung des schon genannten Evangeliums den Untergang der Welt als nahe bevorstehend erkannt hat, soll sie ihr Haupt erhaben (vgl. Lk 21,28) und der Ermahnung der Communio entsprechend ‚aufstehen und in die Höhe steigen‘ (vgl Bar. 5,5) – das Irdische verschmähend und das Himmlische liebend, wie die Oration bittet, die zur Postcommunio gesprochen wird – und ‚soll schauen die Freude, die von ihrem Gott kommt‘ (vgl. Bar 4.36) und wie beim sich nahenden Sommer (vgl. Mt 24,32) die Wolken ihrer Trauer vertreiben, weil ‚die Tage des Lebens im Glanz der ewigen Sonne erstrahlen‘.“

An der von Rupert gegebenen Beschreibung und Ausdeutung des Propriums zum zweiten Adventssonntag ist neben dem Inhalt auch bemerkenswert, wie sehr dieses Offizium auch dem bis 1970 alleine vorgeschriebenen Formular entspricht – an die 500 Jahre vor Trient. Einzige größere Abweichung ist das Evangelium. Hier war die von Rupert im 12. Jahrhundert angeführte Perikope vom Weltuntergang nach Lukas 21 inzwischen auf den 1. Adventssonntag vorgezogen worden, während der zweiter Adventssonntag ab der Zeit um Trient hier die Perikope von der Frage Johannes des Täufers „Bist Du es, der da kommen soll“ (Mt 11) hat. Sie wird bei Rupert erst für den 3. Adventssonntag genannt.

Eine solche wie auch immer zustande gekommene „Verschiebung“ des Sonntagsevangeliums im Lauf des Mittelalters ist auch zu anderen Gelegenheiten zu beobachten. Sie ist – wie hier auch – wegen des überwölbenden Gesamtzusammenhanges im Kirchenjahr vielfach unproblematisch. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen sie den „harmonischen Zusammenklang“ des Offiziums beeinträchtigt.

Die planeta plicata - eine Verlustanzeige

Bis zum Beginn der liturgischen Neuerungen im Jahr 1950 trugen Diakon und Subdiacon beim feierlichen Hochamt der Bußzeiten – also auch im Advent, nicht die übliche Dalmatik/Tunika, sondern eine reduzierte Form der eigentlich dem Priester vorbehaltenen Casel bzw. Planeta: Die planeta plicata. Davon gab es zwei Varianten: Die Glockenkasel („gotisch“) wurde ursprünglich wohl nur gerafft und zu einer Schärpe zusammengebunden über der linken Schulter getragen. Daraus entwickelte sich späte die vereinfachte Form der „breiten Stola“. Die Barockkasel („Baßgeige“) wurde verkürzt – entweder tatsächlich, indem man vorne ein Stück abschnitt, oder zeitweilig, indem man den vorderen Teil hochfaltete. In modernerer Zeit wurde auch die mit beginn des 20. Jh. wiederbelebte Glockenkasel in dieser Weise vorne verkürzt. Reich bebilderte Abhandlungen dazu findet sich in New Liturgical Movement von 2009 und (in Italienisch) auf Muniat intrantes, von wo wir auch unsere Abbildung haben.

Die Verwendung der planeta plicata geht weit zurück bis in die früheste in liturgischen Büchern fassbare Zeit, erste Hinweise finden sich bereits bei Amalar von Metz im frühen 9. Jahrhundert. Bei Rupert von Deutz im 12. und Durandus im 13. Jahrhundert erscheint der Brauch bereits voll ausgebildet.

Bei Rupert findet sich auch der Versuch einer Deutung:

Von jetzt an bis zur heiligen Nacht der Geburt des Herrn zeigen sich der Diakon und der Subdiakon in weniger festlichen Gewändern. Denn weder legt der Diakon die Dalmatika noch der Subdiakon die Tunika an. Der Subdiakon stellt gleichsam das Gesetz dar, dem vor der Menschwerdung des Herrn der Schmuck des Evangeliums noch fehlte, der Diakon gleichsam das Evangelium selbst", dessen Glanz in seiner ganzen Fülle vor dem Offenbar-werden der Geheimnisse der Geburt, des Leidens, der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn noch nicht hatte erscheinen können. Denn nicht deren Gegenwart, sondern deren Erwartung stellt diese Zeit zeichenhaft dar, weswegen sie auch, wie gesagt worden ist, Zeit der Ankunft des Herrn genannt wird. Unterdessen aber tragen der Diakon und der Subdiakon die Kasel, die das Gewand des Priesters ist, wie wir gesagt haben, als wir über dessen Kleidung sprachen."

Dies darf niemanden beunruhigen. Sie tragen nämlich die Kasel nicht in der Weise, daß sie in ihr die Epistel und das Evangelium vortragen oder ministrieren, sondern legen sie ab, wenn sie vortragen oder ministrieren müssen. Damit geben sie deutlich zu verstehen, daß die Kasel nicht ihr Gewand ist und sie es wegen ihres Weihegrades auch nicht als das ihnen zustehende, sondern aus Ehrfurcht vor dem Sonntag oder einem Fest als das für sie angemessene betrachten, um sich über die als dürftig und unschicklich empfundene Entbehrung (sc. der Dalmatika und der Tunika) zu trösten. (Übersetzung der Fontes Christiani)

Der letzte Satz weist wohl auch über die geistliche Ausdeutung des Sachverhalts auf eine überaus profane Erklärung dieses Brauches hin: Die Albe war stets nur ein Untergewand – außer Haus trug man dazu in antiker Zeit die Toga, die in der Nachantike durch die casula abgelöst wurde. Sie war bis ins 6. Jahrhundert nicht nur dem Klerus vorbehalten – zum geistlichen Gewand wurde sie erst, als die Weltleute sich im frühen Mittelalter nach germanisch-fränkischer Sitte in Wams und Hose zu kleiden begannen. Für den Gottesdienst galt dies freilich nach wie vor als unangebracht – doch allein im Untergewand am Altar zu stehen, mochte nicht nur als unschicklich erscheinen. Zu den Gottesdienstzeiten, zumal zur Advents- und Fastenzeit, war es wohl oft auch einfach zu kalt dazu. Der Text von Rupert läßt jedenfalls ebenso gut die Übersetzung zu: Um die Entbehrung zu lindern, den Mangel auszugleichen.

Doch das war im 12. Jh. Im 20. Jh., dem Zeitalter der Kirchenheizung war nicht nur der Sinn für die spirituelle Erklärung des alten Brauchs verloren gegangen – alles abschaffen, was sich nicht von alleine versteht, wurde zur gerne aufgegriffenen Devise. Und so ist inzwischen nicht nur das levitierte Hochamt, sondern auch der Subdiakon aus der Liturgie verschwunden. Von der planeta plicata ganz zu schweigen.

Die Frage, ob das dort, wo überhaupt noch levitierte Hochämter gefeiert werden, ein Verlust ist, ist nicht leicht zu beantworten. Ihren ursprünglichen Zweck – die ministri auch ohne ihr eigentliches liturgisches Gewand vor dem Frieren zu bewahren, hat die verkürzte Casel weitgehend verloren, und ihre geistliche Bedeutung erschließt sich nur noch nach ausführlicher Erklärung. Moderne Rationalität kann damit in der Tat wenig anfangen. Und genau das zeigt den Verlust an, der sich mit der Abschaffung dieses Teils des Paramentenfundus verbindet: Nicht alles muß dem unterworfen sein, was sich zu einer bestimmten Zeit als „modene Rationalität“ ausgibt, und im Gottesdienst gilt das mehr als anderswo.

Eine Primiz 1954

Fr. Zuhlsdorf hat das Link zu einem Film veröffentlicht, der 1954 bei der Primiz von Fr. Gerald Coates in St. Bartholomews, Norbury, aufgenommen worden ist. St. Bartholomews ist auch heute noch die - zeitgemäß verunstaltete - Pfarrkirche der Gemeinde von Norbury, eines kleinstädtisch gebliebenen Stadtteils im äußersten Süden von London. Fr. Coates lebt heute in einem Altersheim in Heathfield.

Eine Primizmesse war und ist immer etwas besonderes. Aber die gesammelte und überaus würdige Art, in der diese Messe in einer unbedeutenden Kirche eines unbedeutenden Stadtteils gefeiert wurde, muß auch heute noch beeindrucken. Als Zeugnis dafür, daß die Liturgie der Kirche in den übel beleumdeten 50er Jahren in einem dringend erneuerungsbedürftigen Zustand gewesen wäre, taugt dieser Film jedenfalls nicht.

Filmaunahmen waren in den 50er Jahren weitaus schwieriger als heute, der insgesamt 13 Minuten lange Film ist mit einem lauten Störgeräusch unterlegt. Es empfiehlt sich, vor dem Aufruf den Ton heruntgerzuregeln. Film. Zum Video.

Zur Vigil von Pfingsten

Die Vigil des Pfingstfestes ist einer der Tage, an denen man die der Liturgie durch die “Reformen“ des vergangenen Jahrhunderts geschlagenen Wunden besonders stark empfindet: Die überlieferte Feier der Pfingstvigil wurde bereits 1955, also noch unter Papst Pius XII, aber schon unter maßgeblicher Mitarbeit des Liturgiezerstörers Bugnini, abgeschafft – ohne jede nähere Begründung übrigens, im Rahmen des Dekrets Maxima Redemptionis Nostræ Mysteria () geht, dessen eigentlicher Gegenstand die Reform der heiligen Woche war.

Die Abschaffung der Pfingstvigil erfolgt dort quasi in einer Fußnote – insofern also nichts neues unter der Sonne. Im 2. Kapitel „Über einige Rubriken des Ordo der Heiligen Woche“ heißt es dort in Abschnitt d) „Über die Oster-Vigil“ als Punkt 16 völlig ohne jeden Zusammenhang:

An der Vigil von Pfingsten entfallen die Lesungen oder Prophetien, die Weihe des Taufwasser sowie die Litaneien. Die Messe, auch die Konventsmesse, das Levitenamt oder das gesungene Amt, beginnt in der üblichen Weise mit dem Introitus ‚Cum sanctifcatus fuero, wie das im Missale Romanum an diesem Platz für die Privatmesse vorgesehen ist, nachdem an den Stufen des Altars das Sündenbekenntnis gesprochen worden ist.“

Seitdem – also seit Inkrafttreten von Maxima Redemptionis Ostern 1956 – entspricht die Liturgie der Pfingstvigil auch bei der Feier der Eucharistie nach den Büchern von 1962 nicht mehr dem überlieferten Ritus der römischen Kirche, sondern dem „banalen Produkt des Augenblicks“ (Josef Ratzinger; s. hier) nach dem Kochbuch Annibale Bugninis.

Der Blick auf das bis 1955 gültige Messformular soll zeigen, was damit verlorengegangen ist.

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