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Nur noch Asche

Bild: mike_tn auf flickrAn der Messe des Aschermittwoch kann man besonders gut ablesen, wie die Liturgiereformen des vergangenen Jahrhunderts die ursprüngliche Gestalt und den Gehalt eines Messformulars erst reduziert und dann bis zur Grenze der Wiedererkennbarkeit verdünnt haben.

In der überlieferten Liturgie - also bis zu den Reformen von 1955 - gab es zur Aschenweihe drei Orationen, die schrittweise den Gedanken von Buße und Vergebung entfalten: Ausgangspunkt ist die göttliche Barmherzigkeit, dazu kommt die Bereitschaft des Sünders zur Umkehr und die Aussicht auf gnädige Erhörung.

In den Orationen der Messe sowie der Secreta und der Postcommunio setzt sich diese Dreiteiligkeit unter einem anderen Aspekt fort - hier geht es um die nochmalige Vertiefung des Bußgedankens, dann um die Bitte um Fürsprache der Heiligen und schließlich die Fürsprache für die bereits Verstorbenen. Dieser reichhaltige Aufbau wurde bereits durch die Reformen in den Jahren vor 1961 abgeschafft - wahrscheinlich empfand man ihn als zu anspruchsvoll, zu wenig hilfreich für ökumenische Sensibilitäten und sicher auch zu zeitraubend für die '"pastorale Lebenswelt". Praktischwerweise gleich miterledigt wurde damit der in der dritten Sekret angesprochene Bezug auf "das Buch der seligen Auserwählten" - es soll wohl niemand durch einen wenn auch nur indirekten Bezug auf die schwierige Prädestinationslehre beunruhigt werden.

O Gott, Dir allein ist die Zahl der Auserwählten bekannt, die für die ewige Seligkeit bestimmt sind. Wir bitten Dich: Gib, daß auf die Fürsprache all Deiner Heiligen das Buch der seligen Auserwähltendie Namen aller aufgeschrieben bewahre, die unserem Gebete empfohlen sind, sowie die Namen aller Gläubigen.

Die Totalreform von 1970 verringerte dann die Zahl der Orationen zur Aschenweihe auf zwei, die bis zur Unkenntlichkeit gekürzt waren. Außerdem waren sie nur noch alternativ zu verwenden - die Aschenweihe war damit ähnlich wie die ÄWeihe der Palmzweige am Palmsonntag in der gottesdienstlichen Praxis meistens vorüber, bis die Gläubigen überhaupt bemerkt hatten, daß sie stattfand.  sie machte sie auch in der Weise fakultativ, daß nur noch eine davon verwendet werden sollte. Die anderen Gebete des Tages enthalten mit Ausnahme der Oratio super Oblata keinen Bezug mehr zur Beginnenden Zeit der Faste und Buße. Die bis dahin noch als Erbe aus frühchristlicher Zeit als feierlicher Fastensegen gesprochene "Oratio super populum" entfiel ganz. Sie sei daher an dieser Stelle wiedergegeben:

Lasset uns beten - neiget in Demut euer Haupt vor Gott: O Herr, schau gnädig auf diese, die vor deiner Majestät sich neigen, damit sie, gestärkt mit der göttlichen Gabe, immerdar mit himmlischen Gnaden genährt werden.

In der neuesten Ausgabe des Missales von 2002 (liturgia semper reformanda) ist eine solche übrigens wieder vorgesehen - wieweit das praktisch umgesetzt wird, ist von hier aus schwer zu sehen.

Tage der Weltmission

Bild: Institut Christus König und Hoher PriesterDie Sonntage der Vor- und Fastenzeit stehen liturgisch ganz im Zeichen der Vorbereitung auf die Passion und das Osterfest. In der frühen Kirche Roms waren diese Wochen auch die Zeit der Taufvorbereitung für die damals noch ausnahmslos Erwachsenen, die in die Kirche aufgenommen werden sollten. Dementsprechend sind Reue und Buße für vergangene Verfehlungen und die Führung eines gottgefälligen Lebenswandels die Hauptthemen von Stundengebet und Messfeier dieser Sonntage.

Der Sonntag Sexagesima nimmt in diesem Rahmen eine ganz eigene Stellung ein. In einer für einen Sonntag sehr ungewöhnlichen Weise stellt er den hl. Paulus in den Vordergrund. Das beginnt mit dem Tagesgebet:

Gott, Du siehst, daß wir aus keinem unserer Werke Zuversicht gewinnen. Daher verleihe uns gnädig, daß der Beistand des Völkerlehrers uns gegen alle Übel schütze.“

Die Epistel bringt sodann aus dem 2. Brief des Völkerapostels an die Korinther die Abschnitte, in denen der hl. Paulus geradezu autobiographisch seinen Einsatz für die Verbreitung des Evangeliums schildert - und die Grenzen aufzeigt, die seiner menschlichen Schwäche gesteckt sind. Das Graduale zitiert passend aus Psalm 82:

Wissen sollen die Heiden: "„Gott“ ist Dein Name. Du bist der Eine Allerhöchste über alle Welt. Mein Gott, lass sie wirbeln im Kreise und wie Spreu vor dem Wind.“

Nicht gerade eine Aufforderung zum Dialog mit Allen und über Alles.

Das Evangelium schließlich berichtet aus dem Lucasevangelium das Gleichnis vom Sämann, der seinen Samen auf guten und schlechten Grund aussäte. Doch nur die Körner, die auf guten Boden fielen, brachten hundertfältige Frucht: "Wer Ohren hat, zu hören, der höre".

Eine nachdrücklichere Bekräftigung des Missionsauftrags der Kirche ist kaum vorstellbar. Dazu kommt, daß der 2. Vorfastensonntag je nach seiner Stellung im Kalendarium in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit zwei weiteren Festen der ähnlicher Zielrichtung steht: Der 25. Januar ist das Fest der Bekehrung des hl. Paulus - erst die eigene Bekehrung, ein ziemlich gewaltsamer Vorgang übrigens, befähigte den eifernden jüdischen Pharisäer zum Aufbruch zur Bekehrung der Heidenwelt. Am 2. Februar dann das Fest Mariä Lichtmess, das den Abschluss der Feste zum Eintritt des Heilands in die Menschenwelt markiert und den frommen Juden Simeon mit den prophetischen Worten zitiert: 

Meine Augen haben Dein Heil geschaut, das Du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Ruhme Deines Vokes Israel.“

Sonntag Septuagesima

Ostern fällt früh in diesem Jahr, und deshalb beginnt bereits morgen mit dem Sonntag Septuagesima die Vorfastenzeit. Erstmals explizit benannt wird die Vorfastenzeit im gelasianischen Sakramentar, das inhaltlich auf das siebte Jahrhundert zurückgeht. Ihre Entstehung fällt jedoch spätestens in die Zeit Gregors des Großen († 604), der in seinen Evangelienhomilien die heute noch bestehende Ordnung der Perikopen und der Stationskirchen der Vorfastensonntage zugrunde legt.

Die 40 Tage der Fastenzeit beruhen ganz klar auf einer in der heiligen Schrift bezeugten alttestamentlichen Tradition, die sowohl von Moses als auch Elias und schließlich von Christus ein vierzigtägiges Fasten überliefert. Die (gerundet) siebzig Tage ab Septuagesima sind demgegenüber nicht aus dem Gebrauch des alten Testaments ableitbar. Seit Amalar von Metz († um 850) wird die Zahl als gleichnishafte Aufnahme des siebzigjährigen babylonischen Exils des Volkes Israel gedeutet: Um darauf hinzuweisen, daß uns durch die Gnade Christi die Sünden nachgelassen wurden, seien die 70 Jahre in 70 Tage umgewandelt worden. Gleichzeitig sei das aber auch eine Erinnerung daran, daß die Gläubigen des gegenwärtigen Zeitalters immer noch im Exil weilen und sich erst noch durch Fasten und Buße von der Sünde der Welt lösen und der Aufnahme in das himmlische Jerusalem würdig erweisen müssen.

Die traditionelle Liturgie der Zeit der 70 Tage bringt diesen Charakter in vielfacher Weise zum Ausdruck, die auffälligsten davon: Im Offizium wird an allen Tagen, auch an den Sonntagen, der Bußpsalm Miserere gebetet, die fortlaufende Lesung beginnt neu mit dem Pentateuch und den Berichten über die Erschaffung der Welt und den Sündenfall, die Alleluja-Rufe verstummen. In der hl. Messe entfällt der Gesang des Gloria, verschiedene Melodien werden vereinfacht, die Entlassungsformel des Ite missa est wird durch Benedicamus Domino ersetzt. Zur Erklärung dieser äußeren Zeichen greift Amalar auch hier auf die Parallele zum babylonischen Exil zurück und zitiert aus Psalm 64: Wie sollen wir in fremdem Land die Lieder des Herrn singen?

Das Verstummen der Gesänge gab im Mittelalter den Anlass zu vielerlei Bräuchen, in denen Klerus und Volk feierlich Abschied vom Alleluja und Gloria nahmen. Durandus von Mende († 1334) erklärt diese Zeremonien damit, „daß wir jene (Gesänge) überaus lieben und in der Schatzkammer unseres Herzens bewahren, so wie wir einen Freund, der zu einer langen Reise aufbricht, vielmals umarmen und auf den Mund oder das Gesicht küssen“. Der hier bereits anklingende Überschwang führte gelegentlich auch zu Begängnissen, die eher zum etwa gleichzeitig stattfindenden Karneval als zum Auftakt der Bußzeit gepasst haben dürften, etwa wenn Alleluja und Gloria in Art einer Beerdigungsprozession mit großem Pomp zu Grabe getragen wurden. Aus einer französischen Kirche des 15. Jahrhunderts ist überliefert, daß dort nach der Vesper am Samstag vor Septuagesima eine Strohpuppe, auf der in goldenen Buchstaben „Alleluja“ geschrieben war, von Ministranten und Chorknaben mit Stöcken aus dem Allerheiligsten und durch das Kirchenschiff getrieben und anschließend auf dem Friedhof verscharrt wurde - mit Weihrauch, Weihwasser und allem Drum und Dran.

Die Geschichte der Liturgie enthält auch eine Geschichte liturgischer Missbräuche - noch nicht einmal die sind auf dem eigenen Mist der Liturgieverderber in der Gegenwart gewachsen – zumindest nicht alle.

Der Herr der Schöpfung

Der zweite Sonntag nach Erscheinung ist in diesem Jahr auch schon der letzte - bis zum Spätherbst wenigstens, denn schon in einer Woche beginnt mit Septuagesima die Vorfastenzeit. Wenn so zwischen dem zweiten und dem dritten  nachgeholten Sonntag nach Erscheinung fast ein ganzes Jahr seinen Ort findet, war das für den Ordnungssinn der Liturgiereformer sicher ein weiterer Ansporn zur Erfindung ihrer "geordneten Zeit im Jahreskreis", als hätten sie nie etwas davon gehört, wie Psalm 90,4 singt: "Denn tausend Jahre sind vor Dir wie der eine Tag, der gestern vergangen ist."

Das Proprium des zweiten Sonntags nach Erscheinung steht noch ganz im Zeichen der Freude darüber, daß der Messias gekommen ist und sich der ganzen Welt offenbart hat; als Kind in der Krippe von Bethlehem den jüdischen Hirten, in der Anbetung durch die Weisen aus fernen Ländern den Heiden und durch das Weinwunder von Kanaa als wundermächtiger Lehrer des neuen Bundes und als Beglaubiger der Schöpfung: Des Auftrags an den Menschen, zu wachsen und sich zu mehren, und der Bekräftigung, daß das Geschaffene gut ist.

Introitus und Tagesgebet drücken die Freude über den Eintritt des Erlösers in die Welt betont unter dem Aspekt aus, daß die Welt Gottes Eigentum ist und unter seinem Gesetz steht: Zu seinem Lob ist der Mensch erschaffen.

Introitus:

Die ganze Erde bete Dich an, o Gott, und lobsinge Dir; ein Loblied singe sie Deinem Namen. Du Allerhöchster. Jubelt Gott, ihr Lande all, singet Psalmen seinem Namen; herrlich laßt sein Lob erschallen.

Oratio:

Allmächtiger Ewiger Gott. Du lenkest gleicherweise Himmel und Erde; erhöre huldvoll das Flehen Deines Volkes und schenke Deinen Frieden unseren Zeiten.

Jesus - Gottes und Menschensohn

Schnitzerei von der Kanzel der Rosenkranzbasilika in Berlin - Photo: Jörg-Johannes HeidrichIm überlieferten Ritus ist heute der Sonntag in der Oktav von Erscheinung des Herrrn mit dem Fest der hl. Familie. Das Evangelium ist der Bericht des Lukas-Evangeliums über den Aufenthalt des jugendlichen Jesus im Tempel, zu dem letzthin Merkwürdiges aus Rom zu vernehmen war - Fr. Hunwicke hat dazu aus der Sicht des Theologen einiges Nötige gesagt. Auf andere Weise fast noch eindrucksvoller ist das, was Franz Michel Willam bereits vor fast 100 Jahren in seinem Buch über das Leben Mariens ausgeführt hat. Seine Perspektive ist die des tief im Glauben verwurzelten Schriftstellers, der all das, was er in der heiligen Schrift gelesen, im heiligen Land gesehen, im Studium gelernt und als Kenner der menschlichen Seele erworben hat, in einer Synthese zusammenführt.

Zunächst setzt Willam den Rahmen für seine Darstellung und Interpretation des Ereignisses:

Die Gemälde, die Jesus auf dem Wege nach Jerusalem darstellen, verführen dazu, bei dem zwölfjährigen Pilgerknaben an ein Kind zu denken. Mit zwölf Jahren ist aber ein junger Mensch im Orient geistig schon so entwickelt wie bei uns ein sechzehn- bis zwanzigjähriger. Bei Jesus handelt es sich aber nicht bloß um einen gewähnlichen Knaben, sondern, wenn man so sagen darf, um ein religiöses Genie. So war Jesus in der Erfassung alles Lebens - echte Religion hat immer zuerst mit dem Leben zu tun - seinen Altersgenossen als Mensch weit voraus, vom eingegossenen und vom göttlichen Wissen ganz abgesehen. (...) Alles, was bei der Pilgerfahr vorging, beobachtete Jesus schärfer, zugleich war es ihm ferner als den anderen. Er horchte gleichsam in sich hineinund war von einem einzigen Gedanken erfüllt: Der Tempel! Das war der Ort, wo Gott Vater weilte, und wo man zu ihm in viel wirksamerer Weise beten konnte als etwa daheim oder in der Synagoge, der Ort, wo allein man ihm Opfer darbringen durfte...

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