Das „Dies Iræ“ und die Asche vom Aschermittwoch
19. Februar 2026
Es ist noch Glut unter dem Feuer – und Hoffnung
Die Asche des Aschermittwoch kommt weniger von den ringsum in der Welt auflodernden Feuerbränden, wie uns das moderne Erklärer weismachen wollen , sondern sie hat ihren Ursprung in der durchaus vertikalen, also metaphysischen, Dimension der Weltsicht des alttestamentlichen Sündenbewußtseins. Die Juden des vorchristlichen Jahrtausends waren sich schmerzhaft bewußt, daß sie in ihrem Leben bei weitem nicht den Anforderungen und Geboten des Schöpfers entsprachen, daß sie nur Staub und tote Asche waren vor dem Glanz des Allmächtigen, und sie gaben diesem Bewußtsein im Ritus dadurch Ausdruck, daß sie sich zu bestimmten Anlässen „in Sack und Asche“ kleideten. Da dieses Bild ebenso unmittelbar einleuchtend wie der Sache nach angebracht ist, wurde es von den frühen Christen übernommen: „öffentliche Sünder“ (z.B. Ehebrecher oder Wucherer, die in der Gemeinde Anstoß erregt hatten) konnten zwar in der Beichte die Absolution empfangen – doch als Buße wurde ihnen der Ausschluß aus der gottesdienstlichen Gemeinschaft auferlegt, bis sie an Ostern zum Zeichen der Reue „in Sack und Asche“ vor dem Bischof erschienen und dann in Gnaden wieder aufgenommen wurden. Diese Asche symbolisiert die Abwesenheit der heiligmachenden Gnade und den Tod der Seele. Sie wird lateinisch mit dem Wort „cinis“ wiedergegeben, und deshalb heißt der Aschermittwoch „feria quarta cinerum“.
Neben dieser alttestamentarischen Bedeutungsschicht verbindet sich mit der Asche noch eine zweitere Sichtweise, die stärker aus einer christlichen Perspektive, aus dem Wissen um die bereits erfolgte Erlösung, geprägt ist. Die lateinische Sprache hat dafür das Wort „favilla“ – das ist die noch glühende Herdasche, aus der man, wenn man weiß, wie es geht, auch wieder neues Feuer entfachen kann. Beide Worte haben einen ihrer Bedeutung entsprechenden Platz in der Sequenz „Dies irae“ des Thomas von Celano aus dem 13. Jahrhundert, auf Deutsch und Latein komplett nachzulesen auf dem Hymnarium.
„Favilla“ erscheint hier in der ersten und dann einer der letzten Strophen des insgesamt 20 Abschnitte umfassenden Gedichts. Die erste Strophe singt vom Untergang der Welt, wie wir sie kennen:
„Dies irae, dies illa / Solvet sæclum in favilla“
– also in einem Feuer, das zwar das Säkulare vernichtet, aber dennoch einen Glutkern, einen Lebensfunken übrig läßt. Genau darauf kommt dann der Schluß zurück:
Lacrimosa dies illa / Qua resurget ex favilla / Iudicandus homo reus.
Die Menschenseele kommt aus der Glutasche des Weltlichen zurück – aber nicht als bedingungslos in Gnaden amnestiert, sondern „iudicandus“ – als Person, die sich im Gericht verantworten muß.
In der vorausgehenden Strophe hat das Wort „cinis“ seinen Auftritt:
Oro supplex et acclinis / Cor contritum quasi cinis / Gere curam mei finis.
Die traditionelle Übersetzung trifft es nicht ganz genau, wenn sie schreibt:
Schuldgebeugt zu Dir ich schreie / Tief zerknirscht in Herzensreue / Sel’ges Ende mir verleihe.
Sie läßt das „cinis“ dem Reim zuliebe unter den Tisch fallen, doch „cor contritum quasi cinis“ heißt „das Herz wie zu toter Schlacke zermahlen“ und markiert damit sowohl einen Gegenpol zum noch glimmenden Funken in „favilla“ und erinnert gleichzeitig an die Bußgesinnung des reuigen Sünders aller Zeiten, der „in Sack und Asche“ um Vergebung seiner Schuld bittet.
Und das, wenn wir auf den Inhalt der Sequenz insgesamt hinschauen, in berechtigter Hoffnung. Zwar wurde das „Dies Irae“ von kleingläubigen Reformern „abgeschafft“, weil die darin angeblich ausgedrückte pessimistische Weltsicht den Menschen von heute nicht zugemutet werden könne. Doch in Wirklichkeit ist die Sequenz ein Hohes Lied auf die Gnade der Erlösung, die der Herr in seiner frohen Botschaft und durch seinen Tod am Kreuz für die reuigen Sünder verkündet und erworben hat:
Qui Mariam absolvisti / Et latronem exaudisti / Mihi quoque spem dedisti. —
Hast vergeben einst Marien / Hast dem Schächer dann verziehen / Hast auch Hoffnung mir verliehen.
Maria Magdalena steht hier für Liebe und tätige Reue, unser Lieblingsheiliger Dismas für Glauben und Bekenntnis – unter dem hier von diesen beiden Heiligen gesetzten ist die Gnade der Vergebung nicht zu haben, und ohne diese bleibt auch das Aschenkreuz toter Staub für tote Seelen.
*