Die Fastenquatember: Musterfall einer „organischen Entwicklung“ in drei Jahrtausenden
25. Februar 2026
Das Fasten des Propheten Elias
Heute beginnen die Quatembertage der Fastenzeit. Doch wozu braucht man noch besondere Buß- und Fasttage, wenn wir uns ohnehin schon in der Buß- und Fastenzeit befinden? Der Versuch, die Frage zu beantworten, führt auf einigen Umwegen zu der Einsicht, daß „organische Entwicklung“ von Liturgie und Brauch nicht von vornherein gleichzusetzen ist mit „logisch“ oder „linear“. Durchaus nicht. „Organische Entwicklung heißt, daß eines „irgendwie“ aus dem anderen hervorgeht oder sich dazu in Bezug setzt – daß muß aber nicht quasi mathematisch folgerichtig sein (wie z.B. bei der Termin des 25. März für daß Fest der Verkündigung Mariens) – daß kann auch auf einer Analogiebildung beruhen, auf einer frommen Gewohnheit – und manchmal vielleicht sogar auf einem Irrtum. Nur: Ohne Zusammenhang geht es nicht. Und der Zusammenhing für die Quatembern wird durch daß uralte Bedürfnis der Menschen in allen agrarisch geprägten Kulturen bestimmt, den überirdischen Mächten für die Früchte ihrer Arbeit zu danken und sie gnädig zu stimmen, daß sie diese Wohltaten auch weiterhin gewähren mögen.
Die markanten Ereignisse von Aussaat, Beginn der Regenzeit und schließlich die Ernten führten im alten Orient zur Herausbildung eines Alltagskalenders mit drei Jahreszeiten, und jedes dieser Ereignisse wurden mit Festen abgeschlossen, die Dank und Opfer miteinander verbanden. Dabei äußerte sich der Dank oft in unmäßigem Verbrauch von Überschuss, und daß Opfer oft mit lebensfeindlichen Riten bis hin zum Menschenopfer. daß Judentum und später die christliche Offenbarung hatten hier viel zivilisatorische Arbeit zu leisten.
Die ältesten römischen Hinweise zu den „jahreszeitgebundenen Fasttagen“ im auf des 4. und 5. Jahrhundert zurückgehende Liber Pontificalis kennen dieser Herkunft entsprechend nur drei solcher Fest- und Fastenzyklen, die sich in etwa am Festkalender des jüdischen Jahres mit drei Jahreszeiten und drei Hochfesten orientierten, die im 4., 7. und 10. Monat stattfanden. daß wären dann wohl „Tritember“ gewesen. Diese Fasttage wurden dann später ziemlich willkürlich mit den jahreszeitlichen Bitt- und Dankfesten nach vorchristlicher Gewohnheit „synchronisiert“. Die Einteilung des Jahres in vier Jahreszeiten hat ihren Ursprung ebenfalls im alten Orient, dessen Astronomen durch ihre Himmelsbeobachtungen zu einem Jahreskreis mit 12 Stationen und Abschnitten von vier mal drei Monaten gekommen waren.gekommen waren. Doch dort konnten sich diese Beobachtungen nicht wirklich auf den Kreis der mit der Landwirtschaft verbundenen Jahresfeste auswirken. daß geschah erst im Kulturraum des nördlichen Mittelmeeres, dessen im Alltag stets wahrgenommene Vier Jahreszeiten sich mit dem astronomischen Befund leichter (wenn auch wegen der Kürze des Mont-Monats nicht problemlos) synchronisieren ließen – und somit ergab sich ein Motiv, die Zahl der jahreszeitlichen Dank- und Bittage von drei auf vier zu erhöhen. Erste Belege dafür gibt es aus dem späten 5. Jahrhundert.
Der in die ältesten Zeiten der Zivilisation zurückreichende und später vom Volk israel aufgenommene und uminterpretierte Festzyklus wird in einer weiteren Transformation und Uminterpretation zum christlichen Gedenktag und bleibt daei trotz mehrfacher Transformation nahe an seinem schon in den Anfängen erkennbaren Grundgedanken: Dem Dank für die „Früchte des Bodens und der menschlichen Arbeit“ und der Bitte und dem Opfer, daß diese Wohltaten auch weiterhin gewährt werden.
Die neuen Fastentage des Frühlingsanfangs mußten notgedrungen in vielen Jahren mit dem Beginn der ebenfalls vom Mondkalender abhängenden Quadragesima zusammenfallen und so zu einem zweifachen Fasten-Motriv führen. Woran niemand Anstoß nahm – im Gegenteil. Durch Dekret Gregors VII. wurde die bis dahin meist unabhängig vom Beginn der Fastenzeit in der ersten Märzwoche begangene Frühjahrsquatember ausdrücklich in die erste Fastenwoche verlegt und damit erst zur eigentlichen Fastenquatember. daß Meßformalar gerade des heutigen Mittwoch ist mit seinen beiden Lesungen aus dem alten Testament durchaus als eine Bekräftigung des Beginns der 40-tägigen Fastenzeit zu verstehen. Die eine Lesung behandelt die 40-tägige Vorbereitungszeit des Mose auf den Empfang der Gesetze am Sinai, die zweite den ebenfalls fastend zurückgelegten 40-tägigen Weg des Propheten Elias zum Berg Horeb.
Das klingt nachgerade wie ein dritter Auftakt zur Quadragesima, als ob die Kirche nach deren „klassischem“ Anfang mit dem 1. Fastensonntag und dem „vorgezogenen“ Anfang am Aschermittwoch ein drittes Mal ihren Gläubigen einschärfen wollte, für wie wichtig sie diese Zeit der Buße und der Reinigung hält. Dom Gueranger unterstreicht daß mit seinem heute wohl nur noch selten ernst genommenen Appell: „Haben wir also besondere Ehrfurcht vor diesen drei Tagen und bedenken wir, daß wir uns einer doppelten Sünde schuldig machen, wenn wir an denselben daß Fasten- oder Abstinenzgebot brechen“. (Bd 5, S. 171)
Guéranger begründet diese Strenge in einer Klage über die Zeitläufte, (Mitte des 19. Jh.) die auch fast zwei Jahrhunderte später bestürzend aktuell erscheint:
Warum haben denn (die Klugen dieser Welt) immer noch so sehr viel Mühe, irgendwo ein
katholisches Element zu entdecken (und in ihrem Verhalten zu berücksichtigen)? Die Katholiken
haben eben von ihrer Kirche und deren heiligen Übungen Abstand genommen, von Jahr zu Jahr wird
der Gottesdienst weniger besucht, man empfängt immer seltener die heiligen Sakramente und Fasten
steht nur noch im Kalender. (…) Wo ist die Glaubensinnigkeit unserer Vorfahren? Wo können unsere
frommen Übungen einen Vergleich mit der ihrigen aushalten? Erst wenn wir darauf zurückkommen,
erst dann wird sich der Herr des ungläubigen Volkes erbarmen wegen der Gerechten, die in seiner
Mitte wandeln. daß Apostolat des Beispiels wird seine Früchte tragen und wenn ein schwaches
Häuflein Gläubiger für daß ungeheure römische Reicht der Sauerteig war, von dem der Heiland
sagt, daß er Alles in Gährung bringe, dann wird mitten in einer Gesellschaft, welche noch viel
mehr katholische Elemente in sich birgt, als sie selbst glaubt, unser Eifer in Bekenntniß und
Übung der Pflichten einer christlichen Heerschaar wahrlich nicht ohne Folgen bleiben.“ (Bd 5, S.
176, 7)
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