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Im Strom der Heilsgeschichte – Schriftlesung am Donnerstag nach dem 2. Fastensonnteg.

05. Februar 2026

3 - Tradition

Die byzantinische Buchillustration aus dem 12. Jahrhundert zeigt Adam im Paradies, das von dem viergeteilten Strom des Lebens mit üppiger Vegetation belebt ist. Links das von Cheruben bewachte Tor des Paradieses, das auf den künftigen Sündenfall und die Verbannung adams hinweist.

Das Paradies, Adam, und die Wasser des Lebens

Die Schriftlesungen der Werktage in der Fastenzeit werden ausnahmslos nicht aus den „Aposteln“ – also den Briefen des neuen Testaments – genom­men, sondern aus den „Propheten“, den Büchern des Alten Testaments, deren Verfassern von der Kirche damit der gleichen Rang zugesprochen wird wie den Aposteln. Inhalt­lich lassen sich diese Lesungen oft einem der pastoralen Schwerpunkte der Fastenzeit zuordnen: der Vorbereitung der Katechumenen auf die Taufe und die Zulassung zu den anderen Mysteria, d.h. Sakramenten. In manchen Fällen reflektieren sie jedoch auch Gebräuche oder Ortssituationen der römischen Kirche der Jahrhunderte nach dem Ende der Verfolgungszeit – diesen Aspekt hat insbesondere Ildefons Schuster in seinem 4. Band des „Liber Sacramentorum“ zu Begleitung des Kirchenjahres herausgestellt.

Am heutigen Donnerstag nach dem 2. Fastensonntag springt der Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die Taufe schon auf den ersten Blick ins Auge, denn es geht um das Was­ser des Lebens. Die Lesung trägt aus dem 17. Kapitel des Buches Jeremias die Verse 5 – 10 vor, die wir hier in der Übersetzung Alliolis zitieren wollen:

Es begint ein Zitat

„So spricht der Herr: Verflucht der Mensch, der sein Vertrauen auf Menschen setzt und Fleisch (d.h. Menschenkraft) zu seinem Arme wählt und dessen Herz vom Herrn abweicht. Denn er wird sein wie der Heidebaum in der Wüste, und das Gute nicht schauen, wenn es kommt, er wird wohnen in der Dürre, in der Wüste, im Salzland, worin niemand wohnen kann.

Gesegnet sei der Mensch, der sein Vertrauen auf den Herrn setzt, und dessen Zuversicht der Herr ist. Er wird sein wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt und in feuchtem Grunde Wurzelt; er fürchtet sich nicht, wenn auch die Hitze kommt; sein Blatt bleibt grün, und zur Zeit der Dürre sorgt er sich nicht; nim­mer höret auf seine Frucht. Aller Menschen Herz ist böse und uner­forsch­lich; wer durchschaut es. Ich, der Herr, erforsche das Herz und prüfe die Nieren; ich vergelte einem jeglichen nach seinem Wandel, und nach den Früchten sei­ner Anschläge.“

Diese ernste Warnung (sagt da jemand „Drohbotschaft“?) entspricht unmittelbar dem Gedankenfluß des ganzen Buches, dessen Anklagereden (Jeremiaden!) die Verstocktheit seiner Zeitgenossen gegenüber dem Wort des Herrn geißeln und vor der zur Strafe zu befürchtenden Katastrophe warnen – die dann auch mit der ersten Zerstörung des Tem­pels Im Jahre 586 eintrat. Als Gegenbild gegen Bosheit und Sünde der Zeit stellt Jere­mi­as das lebendige Wasser eines Flusses vor Augen, das allen und allem, die an ihm wohnen, Leben und Kraft schenkt – und genau darin können und sollen an diesem Tag die Kate­chu­menen eine Anspielung auf die segensreiche Wirkung des Taufwassers erkennen.

Hinter dem Bild vom grünen Baum am Fluß des lebendigen Wassers steckt jedoch noch mehr als eine Taufkatechese. Als Gleichnis oder Symbol erscheint dieses Bild prominent ganz am Anfang und ganz am Ende der heiligen Schrift, und sein Bedeutungsumfang ist kaum zu ermessen. Zum ersten Mal begegnet es uns im ersten Buch Mose im der Fort­setzung des Schöpfungsberichtes (Gen 2, 8 - 10), die die Gestaltung des Paradieses und den Sündenfall überliefert. Die Folgen dieses Sündenfalls in seiner Zeit beklagt Jeremias in seinem ganzen Buch durchgängig in dramatischen Tönen; so auch im dritten und letz­ten Absatz seiner oben zitierten Predigt. Doch zunäjetzt zum Bericht des Buches Genesis:

Es begint ein Zitat

Gott, der Herr, hatte von Anbeginn an einen Lustgarten gepflanzt und er setz­te darein den Menschen, welchen er gebildet hatte. Und Gott der Herr brach­te aus dem Boden hervor allerlei Bäume, schön zu schauen und lieblich zu essen; auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Und ein Fluß ging aus vom Lustorte zu bewässern den Garten, der von da an sich teilt in vier Hauptströme...“

Während das Buch Genesis im folgenden nur sehr kursorisch andeutet, wie diese vier Ströme die ganze Welt durchziehen und befruchten, gibt Jeremias’ Zeitgenosse Ezechiel eine bei weitem ausführlichere Beschreibung des Lebensflusses. In seiner Vision des Tempels in Kapitel 47 heißt es – wieder in der Übersetzung Aliolis:

Es begint ein Zitat

Und der Mann führte mich wieder zum Tore des (Tempel)Hauses, und siehe, da floß Wasser heraus unter der Schwelle gegen Morgen zu; denn die Vorder­seite des Hauses sah gegen Morgen, und das Wasser lief ab an der rechten Seite des Tempels, dem Altar, gegen Mittag. Und er führte mich hinaus durch das Tor gegen Mitternacht und brachte mich auf den äußern Weg zum äußern Tore gegen Morgen, und siehe das Wasser quoll reichlich hervor zur rechten Seite. (1, 2)

Zweimal wird hier als Ursprung der Wasserquelle die „rechte Seite“ genannt. Die Be­trach­ter (Ezechiel und sein „der Mann“ genannter Führer durch die Vision) stehen vor dem Tempel, zu dem sie hinschauen, und sehen das Wasser auf der Rechten. Doch vom Tempel selbst aus gesehen, fließt diese Quelle aus dessen linker Seite – Vorahnung und Vorgestalt der Seitenwunde des Erlösers am Kreuz. Doch weiter in der Vision. Der „Mann“ spricht:

Es begint ein Zitat

Dieses Wasser läuft gegen Morgen den Sandhügeln zu, fließt hinab in die Ebe­nen der Wüste, fällt ins Meer, fließt wieder hinaus, und die Wasser des Meeres werden gesund. Alles was lebt und kriecht, bleibt bei Leben, wo immer der Strom hinkommt; und sehr viele Fische wird’s geben, wen dies Wasser dahin gekommen; alles, wohin der Strom kommt, wird heil und lebt. Und die Fischer werden dabei stehen von Engassi bis Engallim, um ihre Netze zu trocknen, und der Arten der Fische werden sehr viele darin sein, wie die großen Meer­fische, überaus viele. (…) Am Ufer des Stromes werden auf beiden Seiten aller­lei fruchtbare Bäume wachsen, kein Blatt wird davon abfallen, und nimmer wird es ihnen an Früchten mangeln; alle Monate werden sie neue Früchte brin­gen, denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum, ihre Frucht wird zur Spei­se dienen, und ihre Blätter zur Arznei. (8 – 10, 12).

Wer Ohren hat, zu hören, hört hier das „Vidi Aquam“ der Tauferneuerung an den Sonn­tagen der Osterzeit, das die Liturgiereform „optional“ gestellt und damit aus dem prak­tischen Leben der Kirche weitgehend gestrichen hat. Und wer sich moderner Mittel der KI-Suche bedient, erfährt, das Engassi und Engallim zwei uralte Ortsnamen am Toten Meer im verfluchten Land der heidnischen Kanaaniter bezeichnen. Dieser See war auch schon zu Ezechiels Zeiten so tot, wie Salzseen das nun einmal sind, doch durch das Was­ser des Lebens wird er belebt wie der See von Genezareth, an dessen Ufern heute wie schon zu Jesus Tagen und zu Ezechiels ebenfalls) Fischerbote reichen Fang einfahren.

Das Bild vom Lebensspendenden Wasser, das aus der linken Seite des Tempels und dem Herzen des erhofften Erlösers hervorquillt, war für den Glauben der frommen Juden so prägend und ausdrucksstark, daß es bei der endgültigen Abfassung des Psalters einige Jahrhunderte nach dem Wirken von Ezechiel und Jeremias quasi als Präambel (heute Psalm 1) an den Anfang dieser Liedersammlung gestellt wurde. Möglicherweise unter Rückgriff auf einen bereits zur Zeit der beiden Propheten entstandenen Text, der in sei­ner Aussage und seinem Aufbau große Ähnlichkeiten zur Predigt des Jesaias aufweist. Wieder nach Allioli:

Es begint ein Zitat

Glückselig der Mann, der nach dem Rate der Bösen nicht geht und auf dem Wege der Sünder nicht steht und auf dem Stuhl der Pestilenz nicht sitzt, sondern im Gesetz des Herrn seine Lust hat und in seinem Gesetze betrachtet Tag und Nacht. Und er wird sein wie ein Baum, der gepflanzt ist an Wasser­bächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und sein Land wird nicht ab­fallen, und alles, was er tut, wird wohl gelingen. (1 - 3)

Nicht so die Gottlosen, nicht so, sondern wie Staub, den der Wind von der Erde aufweht. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gerichte, und die Sünder nicht in der Versammlung der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, und der Wandel der Gottlosen führt zum Verderben. (4 - 6)

So viel zum Alten Testament. Im Neuen Testament wird das „Wasser des Lebens“ soweit wir sehen ausschließlich bei Johannes erwähnt – besonders bezeichnend im Gleichnis von der samaritanischen Frau am Brunnen (Joh. 4; 10-14). Ein letztes Mal ist in der Heiligen Schrift die Rede von den „Bäumen am Ufer des lebendigen Wassers“ dann im letzten (22.) Kapitel der „Geheimen Offenbarung“ des Sehers Johannes, dem wie einst Ezechiel (und viel später Dante) ein Reisebegleiter Bilder zeigt, die keines lebenden Menschen Auge je gesehen hat. Doch in dieser Vision des Johannes gibt es einen ganz wesentlichen, im wahren Sinne des Wortes „epochalen“ Unterschied zu den Bildern des Alten Testaments: Das Böse, das besonders bei Jeremias und im Psalm so leb­haft darge­stellt wird, kommt hier überhaupt nicht mehr vor; das Opfer des Lammes hat es aus der Welt geschafft:

Es begint ein Zitat

Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, glänzend wie Kristall, der vom Throne Gottes und des Lammes hervorkam. In der Mitte ihres Platzes, und von beiden Seiten des Stromes war der Baum des Lebens, der zwölf Früch­te trägt, jeden Monat seine Frucht trägt, und die Blätter des Baumes dienten zur Gesundheit der Völker. Und nichts Verfluchtes wird mehr sein, sondern der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein, und seine Knech­te werden ihm dienen. Sie werden sein Angesicht sehen, und seinen Namen an ihrer Stirn tragen. Und Nacht wird keine mehr sein, und man wird nicht bedürfen des Lichtes einer Lampe, oder des Lichtes der Sonne, denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren in alle Ewigkeit. (22; 1 – 5)

Und so durchzieht der Strom des Lebensspenden Wassers von der Schwelle des Paradie­ses im Buch Genesis der Thora bis zum Thron des Lammes im Neuen Jerusalem nach der Vision des Sehers Johannes die ganze Heilsgeschichte.

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