Seit über hundert Jahren:
Die Kirche im Bann des Modernismus
10. März 2026
Tatlins Turm: Ein Monument für den Sieg der Moderne
Das säkulare Projekt der Moderne in der katholischen Kirche, die Krankheit, unter der der mystische Leib Christi gegenwärtig so schmerzlich leidet, hat einen Namen: Modernismus. Diese Bezeichnung taucht erstmals um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf, um Bestrebungen zu bezeichnen, die über Reformen im klassischen Sinne – hauptsächlich zur Behebung klar vor aller Augen liegender Mißstände – hinausgehen und Angleichungen an den jeweils herrschenden Zeitgeist fordern, die das überlieferte Glaubensgut der Kirche selbst ganz oder teilweise in Frage stellen.
Das erste große Dokument des „Antimodernismus“ gegen diese Zeittendenz war der Syllabus Errorum, das Verzeichnis der Irrtümer, das Papst Pius IX, 1864 veröffentlichte. Der Begriff „Modernismus“ taucht darin allerdings noch nicht auf – Pius IX. spricht von „modernen Irrtümern“ und läßt damit erkennen, daß das Wesen dieser „Irrtümer“ als gemeinsamer Ausdruck einer systematischen Denkrichtung zu seiner Zeit noch nicht voll ausgebildet oder jedenfalls nicht voll erkannt worden war. Das geschieht päpstlicherseits erst mit der Enzyklika Pascendi Dominici Gregis von 1907, in der Pius X. den systematischen und sich wissenschaftlich gebenden Charakter dieser in die Theologie eingedrungenen Ideologie klar benannte und eine Reihe von Maßnahmen einleitete, die ihr weiteres Vordringen verhindern sollten.
Die Sache selbst ist jedoch viel älter und reicht weit vor die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück – mindestens zur Theologie der Reformatoren um Martin Luther oder des Gallikanismus in Frankreich. Während frühere Häresien ihre Ursache zumeist in mehr oder weniger ernsthaften theologischen Denkfehlern hatten, die dann auch von politischen oder ökonomischen Interessen in Dienst genommen werden konnten, steht bei den Frühformen des Modernismus und dann erst recht später das Bestreben im Vordergrund, die Lehre und die Praxis der Kirche einem absolut gesetzten „Fortschritt“ der Gesellschaft anzupassen. Die Ursache-Wirkungs-Richtung wird umgekehrt; der Modernismus ist insoweit eine Begleiterscheinung des allgemeinen Säkularisierungsprozesses. Damit unterscheidet er sich von Denkrichtungen wie im Hochmittelalter den Albigensern oder Katharern oder den französischen Jansenisten, die sich in fehlgeleiteter Spiritualisierung bis zur prinzipiellen Weltfeindlichkeit von Welt und Gesellschaft abwandten: Alles Teufelswerk.
Die Bedeutung dieses Unterschieds kann nicht hoch genug angesetzt werden: Die „abrahamitischen Religionen“ und die in ihnen entstandenen Häresien stimmen untereinander sowie mit fast allen weiteren bekannten Religionen in einem Weltbild überein, das „vertikal“ ausgerichtet ist. „Oben“ eine oder mehrere Gottheiten, die die Welt und die Menschen erschaffen haben und nicht nur ihre Anerkennung einfordern, sondern letztlich verlangen, daß die Menschen ihr Leben ganz oder weitgehend auf sie ausrichten. In diesen Weltbildern spielt eine ganz zentrale Rolle der Gedanke des Opfers – bis hin zu solchen Abscheulichkeiten wie etwa den im Baalskult des alten Orients verlangten Menschenopfern. Alledem erteilt das für Westeuropa in der Aufklärung durchgesetzte „moderne Weltbild“ eine radikale Absage. Der Himmel (und die Hölle) werden mehr oder weniger konsequent für „leer“ erklärt, mindestens jedoch jeder besonderen Beziehung zum Leben der Menschen entkleidet. Aus Gottesgaben werden Menschenrechte, und die Menschen bestimmen ihr Leben und ihr Schicksal selbst: Die „vertikale“ Ausrichtung wird durch eine „horizontale“ Perspektive ersetzt.
Nicht mehr die Gottesbeziehung, sondern die Beziehung zu Anderen und Anderem – weniger den konkreten Mitmenschen, sondern zu einer abstrakten Mitmenschheit – wird Ziel und bewegendes Element allen Tuns. Die Form, die diese Beziehung annimmt – sei es als „proletarische Solidarität“, „christliche Nächstenliebe“ oder „allgemeine Geschwisterlichkeit“ ist dabei fast gleichgültig – Hauptsache horizontal. Hauptsache keine Metaphysik - das wäre „unwissenschaftlich“ und des modernen Menschen nicht würdig.
Der in den Religionen so geradezu konstitutive Opfergedanke wird abgelehnt – zumindest soweit es um die Vorstellung eines in vertikaler Perspektive gebotenen Opfers geht. Im katholischen Bereich geht das von der Zurückweisung des Erlösungsopfers Christi am Kreuz bis zur Schrumpfform der Askese im freitäglichen Fleischverzicht. Allerdings verlangt auch die horizontale Orientierung ihre Opfer. Sogar Menschenopfer, wenn man an die zur Sicherung eigener Vormacht (und deren materiellen Erträge) geführten Imperialkriege denkt – oder an die auf dem Altar der individuellen Wohlstandsmehrung dargebrachten Abtreibungsopfer. Den Teufel mag man für erfolgreich „abgeschafft“ halten – aber Oberdämon Moloch wird weiterhin bereitwillig bedient.
Der Modernismus ist also seinem Wesen nach ein Zeitgeistphänomen, das auf die Verabsolutierung des Sebstbewußtseins und des Egoismus des „modernen Menschen“ zurückgeht und sich aus allen metaphysisch begründeten Bindungen löst. Das hat im Grunde wenig mit Theologie und viel mit Gesellschaft zu tun und hat konkret sehr oft gesellschaftliche Auslöser. Beim Blck auf die historischen Ursprünge des Modernismus in der Kirche ist das deutlich zu erkennen. Überaus typisch ist das beim vom Wiener Kaiserhof als Mittel der Machtausweitung (und Geldbeschaffung) entwickelten „Josephinismus“, kaum weniger deutlich erkennbar beim von weltlichen und kirchlichen Fürsten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation geförderten „Febronianismus“, die beide in der Gärungsepoche vor der französischen Revolution auftraten und noch bis ins frühe 19. Jahrhundert weiterwirkten.
Dem Febronianismus verdanken wir das 1786 von vier geistlichen Reichsfürsten verabschiedete Dokument der „Emser Punktation“, dessen Forderungen – soweit wir das aus dem „Lexikon für Theologie und Kirche“ von 1931 gebotenen Informationen erschließen können – bereits erkennbare Ähnlichkeiten zu den Zielvorstellungen des Synodalen Weges aufweisen. Darin erkennen sie den Papst zwar weiterhin als als Oberhaupt und Mittelpunkt der Weltkirche an, wollen seine Stellung jedoch auf den (von ihnen angenommenen) Stand der Spätantike zurückführen. Von daher beanspruchen die „Fürstbischöfe“ die Freiheit von allen bestehenden kurialen Auflagen und Einmischungen in die Verwaltung ihrer Bistümer und Territorien sowie eine unbeschränkte Binde- und Lösegewalt für ihre Diözesen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß sie damit nicht nur die „Personalhoheit“, sondern auch die oberste Lehrautorität für sich beanspruchten.
Der Text der Emser Punktation ist offenbar im Internet und der uns erreichbaren Literatur nirgendwo dokumentiert. Vielleicht hat ja jemand Zugang zu einer Buchveröffentlichung des 19. Jahrhunderts, die ihn enthält, und schickt uns eine Kopie, die wir dann gerne zur Ergänzung des spärlichen Wikipedia-Artikels ins Netz stellen.
Soviel geht jedoch auch schon aus den bisher verfügbaren Informationen hervor: Der politisch-theologische Modernismus in der katholischen Kirche Deutschlands und Europas wirkt seit deutlich längerer Zeit als die „modernen Irrtümer“, die im Syllabus angeprangert und die schließlich in Pascendi Dominici Gregis im systematischen Zusammenhang erkannten und verurteilt worden sind. Offenbar ist bereits die Emser Punktation – soweit sie überhaupt theologisch argumentiert - ein Glanzstücke einer „modernen Theologie“ aus dem Geist der Säkularisierung. Das ermöglichte es diesem Geist, sich tiefer im „Unterbewußtsein“ von Theologie und Theologen einzubetten, als das seine relativ späte offizielle Zurkenntnisnahme erkennen läßt. Wir wollen uns daher in kommenden Beiträgen sowohl den Syllabus als auch Pascendi und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wie z.B. den von allen Klerikern geforderten Antmodernisteneid (eingeführt unter Pius X. 1910, aufgehoben von Paul VI. 1967) näher anschauen.
Erfolgreich waren diese Maßnahmen nicht; der Modernismus wirkte im Untergrund weiter – nicht zuletzt auch begünstigt durch Desinteresse bzw. stille Förderung seitens der Hierarchie. Auf dem Konzil der 60er Jahre konnte er sich dann nicht nur von allen ihm bisher angelegten Fesseln befreien, sondern faktisch zur zumindest in Mitteleuropa herrschenden Richtung der akademischen Theologie aufsteigen und in den folgenden Jahrzehnten große Teile des Episkopats unterwandern und – wie man sehen kann – auch des Kardinalskollegiums. Diese Vormachtstellung wird er wohl erst dann wieder verlieren, wenn das „Projekt der Moderne“ in seiner die westlichen Industriestaaten seit über einem Jahrhundert beherrschenden Form selbst zusammenbricht – was trotz aller sichtbar werdenden Krisen und Verwerfungen noch eine Weile dauern kann.
*