Abendmahl - Messopfer

Joseph Ratzinger zum Geheimnis des Gründonnerstags:
Vom Abendmahl zum Messopfer

02. April 2026

1 - Liturgie

Die Gebetskarte zeigt im strengen Beuroner Stil den vor dem Altar stehenden Priester, der in Einheit mit dem Gekreuzigten Den Kelch zum Opfer erhebt.

Die Einheit von Messopfer und Kreuzesopfer

Seit den frühesten Zeiten der Kirche war der organische Zusammenhang zwischen dem Letzten Abendmahl im Kreis der Apostel und dessen liturgischer Aus- und Überformung in der Liturgie des Messopfers nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Erst spät brachten die Reformatoren in ihrem Bestreben, den metaphysischen Gehalt der Lehre zu verdünnen, die These auf, das Wesen der Gottesdienstes sei die Erinnerung an eben jenes Abendmahl und der Gedanke des „Meßopfers“ bedeute eine spätere unzulässige Erweiterung.

Der Modernismus hat diesem Gedanken auch in der Kirche breiten Raum gegeben, und in der nachkonziliaren Liturgiereform haben sie das rechte Verständnis der Eucharistie zunehmend verdunkelt. In einem Artikel von 1977 hat Joseph Ratzinger dieses falsche Verständnis überzeugend zurückgewiesen. Wir zitieren:

Die exemplarische Eucharistiefeier, die Einsetzung der Eucharistie durch Jesus selbst, ist uns im Neuen Testament verhältnismäßig ausführlich beschrie­ben; sie geschah am Gründonnerstag im Rahmen des letzten Abendmahles. Daraus schien mit einer völlig unwiderlegli­chen Eindeutigkeit zu folgen, daß die Grundgestalt der Eu­cha­ristie das Mahl ist. So hat unbestritten Jesus selbst sie gefeiert, davor muß, wie es scheint, jede Kritik verstummen. „Tragende Gestalt ist die des Mahles“ formulierte Joseph Pascher; Guardini und andere waren mit gleichen Aussagen vorangegangen. (…)

Solche Formulierungen mußten in Kreisen der dogma­ti­schen Theologie aufhorchen Lassen. War das nicht die vom Tridentinum verurteilte Position Luthers? Wurde hier nicht der Opfercharakter der Messe zugunsten einer Mahltheorie geleugnet? Vorwürfen dieser Art wurde von liturgisch inter­essierter Seite entgegengehalten, daß damit die Ebene der Fragestellung verkannt sei. Die Charakterisierung der Messe als Opfer sei eine das verborgene theologische Wesen des Geschehens betreffende Aussage, die Behauptung der Mahlgestalt ziele dagegen auf die sichtbare liturgische Vollzugsform und leugne keineswegs den vom Tridentinum um­schrie­benen theologischen Gehalt. Was sich liturgisch in der Gestalt des Mahles Mahles darbiete, könne sehr wohl dogmatisch in sich den Gehalt des Opfers tragen. (… Doch) wenn die Gestalt nicht bloß zufällige zeremoniöse Form, sondern wesensgemäße und in ihrem Kern unvertauschbare Manifestation des Gehalts selbst ist, kann die beziehungs­lose Trennung beider nichts klären.

Die Unklarheit, die hier auch noch während des Konzils im Verhältnis zwischen dogma­tischer und liturgischer Ebene geblieben ist, muß man wohl als das zentrale Problem der liturgischen Reform bezeichnen; von dieser Hypothek her erklärt sich ein großer Teil der Einzelprobleme, mit denen wir seither zu tun haben.

(Im folgenden hier weggelassenen Teil bietet Ratzinger einen Überblick zur traditionellen Überlieferung und Theologie, in das Wesen der Messfeier der praktisch nie als Abendmahl, sondern stets als Eucharistia bezeichnet wird und folgert aus dessen bereits in der Antike angelegtem Verständnis:)

Das Formelement Eucharistia bot so einerseits die Brücke zu den Segensworten Jesu beim letzten Abendmahl, in denen er den Tod am Kreuz vorweg von innen her vollzogen hatte; es bot andererseits die Brückezur Logos-Theologie und so zu einer trinitarischen Vertiefung der Abendmahls- und Kreuzestheologie; es bot endlich den Übergang in eine vergeistigte Kategorie des Opfers, die sich genau eignete, um das Besondere des Opfers Jesu zu interpretieren, in dem ein Todesgeschehen in ein Wort der Hinnahme und Hin­gabe umgewandelt war, ja, in dem das Un-logische des Todes zur Sache des Logos geworden war: der Logos war gestorben, und dadurch war der Tod zu Leben geworden.

So viel dürfte klar geworden sein: Wenn die Grundgestalt der Messe nicht „Mahl“, sondern Eucharistia heißt, dann bleibt zwar die notwendige und fruchtbare Differenz zwischen liturgischer (gestalthafter) und dogmatischer Ebene bestehen, aber beides fällt nicht auseinander, sondern drängt aufeinander zu und bestimmt sich gegenseitig. Im Übrigen ist dann das Element des Mahles nicht einfach ausgeschlossen, weil Eucharistia auch (nicht bloß) Tischgebet des heiligen Mahles ist, aber die Mahlsymbooik iat dann unter- und eingeordnet in ein Umfassenderes. (...)

Wie man sieht, führt diese Frage in das Grundproblem gegenwärtiger unter dem Zeichen des Dissenses von Historie und Dogma stehender Theologie überhaupt hinein: In die Frage nach dem Übergang von Jesus zur Kirche. Insofern ist sie mit dieser Grundlegungs­problematik des Katholischen identisch und gestattet, diese an einem Teil zu exemplifi­zieren. Daß die neueren exegetischen Versuche weitgehend dahin tendieren, das Abend­mahl Jesu vom kirchlichen Sakrament immer stärker loszulösen und den Knoten der „Einsetzung“ zu zerschneiden, braucht nicht eigens bemerkt zu werden: in solchen Vor­gängen drückt sich nur symptomatisch das immer gleiche Grundproblem aus. (...)

Was nun die Eucharistie beim letzten Abendmahl Jesu angeht, so kann man den Ort der eucharistischen Handlungen Jesu im Ganzen des Vorgangs aus den Notizen der Evange­lien und aus den jüdischen Mahlsitten einigermaßen genau rekonstruieren. Wenn wir davon ausgehen, daß es sich um ein Paschamal handelte, war ein vierteiliger Vorgang gegeben, der Vorspeise, Pascha-Liturgie, Hauptmahlzeit und abschließende Riten umfaß­te. Die Darreichung des Brotes ist dann vor der eigentlichen Hauptmahlzeit anzusetzen; der Segensbecher liegt nach ihr, wie ja auch Lk 22, 20 ausdrücklich betont: „Nach dem Mahl nahm er den Becher …“. Daraus folgt für Schürmann zweierlei: „1. das eucha­ri­sti­sche Geschehen ist beim letzten Abendmahl integraler, ja konstitutiver Bestandteil einer Mahlgestalt gewesen… 2. Das euchari­stische Geschehen hat beim letzten Abendmahl eine relative Eigenständigkeit und Eigenbedeutung gegenüber dem Mahlvorgang.“ Das, was der Herr hier tut, ist ein Neues, das in einen alten Zusammenhang - den des jüdischen rituellen Mahles hineinverwoben ist, aber deutlich als eine eigene Größe erkennbar wird; sie ist zur Wiederholung aufgegeben und so herauslösbar aus dem Konnex, in dem sie sich vorfindet.

Wenn wir dieser Diagnose auf den Grund gehen, zeigt sich, daß dieses Ineinander von Alt und Neu nichts Zufälliges ist, sondern genauer und notwendiger Ausdruck der noch gegebenen heilsgeschichtlichen Situation. Das neue Gebet Jesu findet sich noch inner­halb der jüdischen Liturgie. Wir stehen noch vor der Kreuzigung, auch wenn sie hier sozusagen von innen her anhebt. Die Trennung zwischen Jesus und der jüdischen Volks­gemeinschaft ost noch nicht vollzogen, das heißt, die Kirche als Kirche ist noch nicht gegeben. Weil es das Christliche als Selbständiges noch nicht gibt, sondern nur in einer geschichtlich noch offenen Form innerhalb des Jüdischen, kann es auch selbständige und eigene christliche liturgische Gestalt noch nicht geben. Dies führt uns zu einer grundle­genden Feststellung, deren Verkennen der eigentliche Fehler in allen Versuchen ist, die christliche liturgische Gestalt in unkritischer Direktheit aus dem Abendmahl herzuleiten. Wir müssen nämlich jetzt sagen: Das letzte Abendmahl Jesu ist zwar der Grund aller christlichen Liturgie, aber es ist selbst noch keine christliche Liturgie. Im Jüdischen voll­zieht sich der Einsetzungsakt des Christlichen, das aber noch keine eigene Gestalt als christliche Liturgie gefunden hat. Die heilsgeschichtliche Lage ist noch offen, es ist noch nicht definitv entschieden, ob das Christliche als Eigenes aus dem Jüdischen heraus­tre­ten muß oder nicht.

Wir könnten auch, um so deutlich wie möglich zu sein, in gerader Umkehrung der frühen Versuche der liturgischen Bewegung sagen: Das letzte Abendmahl begründet zwar den dogmatischen Gehalt, der christlichen Eucharistie, aber nicht ihre liturgische Gestalt. Die gibt es als christliche gerade noch nicht. Die Kirche mußte in dem Maß als die Trennung von Gesamt-Israel unvermeidlich wurde, ihre eigene, dem Sinn des Übergebenen gemä­ße Gestalt finden. Dies ist nicht Abfall, sondern im Wesen des Vorgangs begründete Not­wendigkeit.

Mir scheint, daß hier ein zentraler Punkt nicht nur für die Auseinandersetzungen um die liturgische Form, sondern für das Grundverständnis des Christlichen überhaupt vorliegt. Die Theorie des Abfalls der frühesten Christenheit von Jesus und damit überhaupt der ganze Hiatus, der heute fortwährend zwischen Kirche und Jesus gesehen wird, beruhen auf dem Verkennen dieser Zusammenhänge. Wenn es so steht, kann es gar keine direkte Formkontinuität zwischen Jesus und der Kirche geben; auch daß das Zentrum der Wor­tver­kündigung sich vom „Reich Gottes“ zur Christologie verschiebt, hat hier seinen Grund. Die Einheit mit Jesus muß dann notwendig in der Diskontinuität der Form ge­sucht werden, wie es dem Übergang von der Reichsverkündigung an Israel zur Kirche der Heiden entspricht.

Die hier präsentierten Ausführungen entnehmen wir dem Artikel „Gestalt und Gehalt der eucharistischen Feier“ von Joseph Ratzinger aus dem Jah 1977, zitiert nach der Broschüre „Das Fest des Glaubens “, Johannes-Verlag 1981, S. 31 - 54, und dort von den Seiten 32 - 39. Ratzinger behandelt dort in seiner typischen diskursiven Weise mehrere zusammenhängende Gedankenstränge parallel; unsere Auslassungen erklären sich aus dem Bestreben, genau diesen einen Gedankenstrang vom Zusammenhang zwischen Abendmahl und Messliturgie für sich herauszupräparieren.

*