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Zum Sonntag des guten Hirten

20. April 2026

1 - Liturgie

Das Wandbild aus der Callixtus-Katakombe zeigt die älteste bekannte Abbildung des „guten Hirten“ im christlichen Kontext - hir noch recht naturalistisch mit Wasserkrug und Fell-Beinlingen.

Der gute Hirte bei der Arbeit - ganz naturalistisch

Die Messe vom gestrigen Sonntag bietet ein gutes Beispiel dafür, wie die überlieferten Texte der Messe, insbesondere der Sonntage, in einem in­neren Zusammenhang stehen, der durch die vorgeschlagene Übernahme von Festkalender und Leseordnung aus dem Reformritus in vielen Fällen zerstört würde. In der gewach­senen und überlieferten Liturgie steht der zweite Sonntag nach Ostern ganz im Zeichen des Themas vom Guten Hirten, das im Evangelium nach Johannes (10, 11 – 16) vorgetragen wird. Dieses Thema, dieses Bild vom Guten Hirten, der die Verlorenen Schafe nicht aufgibt, gebraucht der Herr in der von Johannes wiedergegebenen Stelle zur Selbstbeschreibung: „Ich bin der gute Hirte“. An anderen Stellen (etwa Matthäus 18; 12 – 14; Lukas 15; 3 – 7 oder Hebräer 13; 20) wird erkennbar, daß diese Selbstbeschreibung für die Zuhörer und Jünger Jesu nichts Einmaliges und Äußerliches geblieben ist, sondern von den Hörern spontan so verstanden wurde, wie sie gemeint war: als Zentralthema der Lehre. Und so wird es auch heute noch verstanden.

Die Reformliturgie von Bugnini/Paul VI. hat das Thema nun zunächst einmal auf den folgenden dritten Sonntag nach Ostern (er heißt bei Bugnini 4. Ostersonntag) verscho­ben – sieht dessen Vortrag und Behandlung jedoch nur in einem der drei neu einge­führten Lesejahre vor, in Lesejahr B. Ein Opfer auf dem Altar des (vermeintlich) reichlicher gedeckten „Tisches des Wortes“. Aber auch dieser Restbestand in jedem dritten Kirchenjahr ist gegenüber dem Traditionellen Formular deutlich reduziert. Wo der Introitus der überlieferten Form von der Fülle der Barmherzigkeit spricht, die Gott über die Erde ausgießt und zu deren besonderem Ausdruck eben auch die Hirtensorge des Sohnes gehört (ohne das explizit ausführen zu müssen), scheint sich in der modernen Fassung des Tagesgebets (wie in so so vielen Orationen des Novus Ordo) die Perspektive von Jesus, dem sichtbaren Christus und Erlöser, zum unnahbar über den Wolken thro­nenden Allmächtigen zu verlagern. Hier in der Fassung des Sonntagsschott von 1975:

Es begint ein Zitat

Allmächtiger ewiger Gott,
Dein Sohn ist der Kirche siegreich vorausgegangen
als der gute Hirte,
Geleite auch die Herde,
für die er sein Leben hingab,
aus aller Not zur ewigen Freude.
Durch Christus unsern Herrn…

Durch die getrennte Ansprache von Vater und Sohn könnte hier der Eindruck gefördert werden, der Vater sei irgendwie der „Oberhirte“ des in seinem Auftrag handelnden Soh­nes. ,Die Zweite Lesung scheint mit ihrer Wiedergabe der sehr abstrakten Wiedergabe der „Gotteskindschaft“ nach 1 Joh. 3, 1-2 diese Tendenz aufzugreifen. So wenigstens im Sonntagsschott von 1975. Der Tagesimpuls des aktuellen Online-Schott gibt mit 1 Petr 1, 17–21 eine Perikope, die diesen Einwand nicht hervorruft. Dafür aber einen anderen: „Den“ Novus Ordo gibt es nicht. Es bestehen nicht nur erhebliche Unterschiede zwischen den Sprachversionen, sondern auch innerhalb dieser – und ob und wieweit die late­ini­sche Fassung den tatsächlichen Maßstab abgeben soll, bleibt völlig offen.

Die hier angezeigten Differenzen müssen nicht unbedingt bedeuten, daß die Macher des NO an diesen Stellen bewußt Unklarheit über die Stellung der Personen des Vaters und des Sohnes verbreiten wollten, die in der Präfation von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit in aller wünschenswerten Deutlichkeit beschrieben wird:

Es begint ein Zitat

Was wir auf Deine Offenbarung hin von Deiner Herrlichkeit glauben, dasselbe glauben wir ohne irgendeinen Unterschied auch von Deinem Sohne dasselbe vom Heiligen Geiste“.

Vielleicht hat auch nur die allgegenwärtige Neigung zur Pädagogisierung und der Ver­wechslung der Messfeier mit einer Katechese dazu geführt,hier eine Differenzierung einzuführen, die von der Sache selbst nicht erfordert wird.

Für die Überlieferte Form ist die Einheit des Handelns und des Willens von Gott dem Vater und dem Sohne im Heiligen Geist selbstverständliche Voraussetzung, und die Abfolge der Propriumstexte bietet dafür ein eindrucksvolles Beispiel:

Der Introitus beginnt:

Es begint ein Zitat

Voll der Barmherzigkeit des Herrn ist die Erde, durch das Wort des Herrn sind die Himmel geschaffen.

Das ist der Rahmen, in den sich alles einfügen muß

Die Oration wird konkreter:

Es begint ein Zitat

O Gott, Du hast durch die Erniedrigung Deines Sohnes die darnieder liegende Welt aufgerichtet…

Dann die Epistel (1 Petri w2 21 – 25) mit den Einleitungsworten:

Es begint ein Zitat

Christus hat für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit auch ihr in seine Fußstapfen tretet. (Und der Schlußsatz:) Denn ihr waret wie verirrte Schafe, jetzt aber habt ihr euch bekehrt zum Hirten und Wahrer eurer Seelen.

Und schließlich ds Evangelium selbst, in dem der Herr sich mit dem guten Hirten vergleicht:

Es begint ein Zitat

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe…“

 

Diese dramatische Überlagerung gegenläufiger Perspektive, konzentriert in dem Brüc­kensatz “durch die Erniedrigung das Darniederliegende aufgerichtet“, ist hier sicher nicht das Ergebnis der 68. Sitzung einer fleißigen Liturgiekommission und auch kaum das poe­tische Werk eines großen Theologen und Dichters. So etwas gibt es auch, wenn man auf die Propriumstexte des Hl. Thomas von Aquin zu Fronleichnam schaut. Aber das ist nicht der Regelfall. Im Regelfall entstehen solche Kunstwerke sprachlichen und theologischen Verstehens in der jahrhundertelange und ohne Verfolgung eigener Absichten, ja meistens unbewußte und ungesteuerte Kooperation von Generationen frommer Geister, die sich im Lob Gottes und der Mysterien seines Wirkens vereinen.

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Die Illustration zeigt einen „guten Hirten“ aus der Calixtus-Katakombe in Rom, entstanden im 3. Jahrhundert und damit die älteste bekannte Darstellung des Motivs in einem christlichen Zusammenhang. In den agrarischen Gesellschaften Vorderasiens war Schafzucht für Fleisch, Milch und Wolle eine tragende Säule der Landwirtschaft, daß ihre Hirten je nachdem als Vorbilder von Fürsorge und Selbstaufopferung oder aber auch als pflichvergessene Schurken betrachtet wurden, liegt auf der Hand Der auch heute noch unmittelbar eingängige Bildtypus selbst reicht weit in vorchristliche Zeiten zurück – schon im Zweistromland des 1. Jahrtausends gab es Göttergestalten, die ein Schaf auf den Schultern tragend dargstellt wurden: Schutzgottheiten für Hirten und Herden. Später „säkularisierte“ sich der Bildtypus und konnte auch Männer darstellen, die auf ihren Schultern ein Opfertier zum Schlachtaltar tragen – eine bemerkenswerte Zusammenschau von Opfer und Rettung. In dieser Bedeutung ist der Schafträger auch in die griechische und römische Bilder- und Gedankenweltwelt eingegangen, so daß der Verweis auf diese Figur dem Herrn einen idealen Ansatzpunkt gab, seine Rolle und Aufgabe zu verdeutlichen.

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