Die Kutte macht noch nicht den Mönch
22. April 2026
Grabstätte von Franziskus in Maria Maggiore
Vor einem Jahr erreichte uns die Nachricht vom Tode von Papst Franziskus, den einige für den großen Papst des Beginns der umfassenden Neugestaltung der Kirche in der Gegenwart halten, während andere in ihm den schlechtesten und verhängnisvollsten Papst des vergangenen Jahrtausends erblicken. Wir haben uns vor einem Jahr mit Nachrufen sehr zurückgehalten, und wir wollen diese Zurückhaltung auch in diesem Jahr beibehalten, wenn mit den Jahrestagen von Tod des Franziskus über seine Beisetzung, den Beginn des Konklaves und schließlich der Wahl des Nachfolgers eine Fülle von Kommentaren zur Bewertung des ersten Jahres von Papst Leo erscheinen wird.
Daher hier zunächst nur soviel: Bei diesem Thema kommt es wie bei vielen anderen auf unsere bloße „Meinung“ am wenigsten an. Im Bereich der Tatsachen liegt soviel offen vor aller Augen: Papst Leo ist nicht „Franziskus II“, wenn man darunter einen Mann verstehen wollte, der mit brachialem Machteinsatz, offener Manipulation, beständigem Schlechtmachen aller, die nicht seiner Meinung sind und insbesondere derer, die „vorkonziliaren“ Gedanken nachhängen, in einem miserablen Stil in Auftreten und Liturgie seinen Kurs durchzusetzen und die von ihm erwünschten Ergebnisse zu erreichen versucht. Von Wutausbrüche in den Büros der Kurie haben wir seit einem Jahr nichts mehr gehört.
Doch sieht man einmal von solchen eher zweitrangigen Veränderungen ab, können wir im Inhaltlichen wenige Unterschiede erkennen. Das alte Leitungspersonal – dem sich auch Robert Prevost als Präfekt der Bischofsbehörde nahtlos eingefügt hatte, ist fast ausnahmslos weiterhin im Amt, die Bischofsernennungen folgen weiterhin einem höchst bedenklichen Muster, und die Trennung der Hirten- und Leitungsfunktionen von der sakramentalen Bevollmächtigung in der Priesterweihe schreitet weiter voran. „The same procedure as every year“.
Von besonderem Gewicht erscheint und in dieser Situation die Selbsteinschätzung, die Papst Leo vom Verhältnis zu seinem Vorgänger abgibt. An dessen Grobianismus und Despotismus scheint er sich ebenso wenig gestört zu haben wie an den vielen äußerst bedenklichen Entscheidungen oder Andeutungen zur Veränderung der von den Aposteln empfangenen Lehre, statt dessen spricht er in der Tonart höchster Verehrung und aufrichtiger Liebe von dem Mann, der für Viele zur Ursache ihrer Verzweiflung an der Kirche geworden ist.
Schon beim Regina Coeli nach der Messe zur Amtseinführung am 18. Main hatte Leo davon gesprochen, er habe „stark die geistige Anwesenheit von Franziskus, der uns vom Himmel aus begleitet,“ wahrgenommen. Ganz im Stil der nicht nur in Nordamerika oft als „Auferstehungsfeier“ begangenen Totenmessen, die jeden verstorbenen Getauften umstandslos der „visio beatifica“ für teilhaftig befinden Heilig- oder zumindest Seligsprechung im Schnellverfahren. Wenige Tage später, bei seiner ersten Generalaudienz am 21. Mai, genau eine Woche nach dem Tod von Franziskus, sprach er davon, daß Franziskus nun „in das Haus des Vaters zurückgekehrt“ sei und die Kirche „vom Himmel uns mit seinem Gebet begleite“ – was dem soeben Verstorbenen eindeutig die Rolle des Fürbitters zuwies, wie sie traditionell nur den Heiligen zugesprochen wird. Und zum ersten Todestag – also gestern – twitterte (oder ließ twittern) auf 𝕏 den erstaunlichen Satz: „Am ersten Jahrestag der Geburt unseres geliebten Papstes Franziskus für den Himmel bleiben seine Worte und Taten in unseren Herzen lebendig. Wir führen sein Erbe fort, indem wir stets die Freude des Evangeliums verkünden, Gottes Barmherzigkeit bezeugen und die Brüderlichkeit unter allen Menschen fördern.“
Das alles bedeutet trotz der sehr förmlichen Ausdrucksweise von der „Geburt für den Himmel“ noch nicht, daß Papst Leo seinen Vorgänger quasi freihändig offiziell zum Heiligen erklären wolle – aber es gibt doch neben seiner bisherigen Amtsführung eindeutige Auskunft darüber, in welchem Geist er sein Amt auszuführen beabsichtigt. Und wir alle, die am Tage seiner Wahl voll Freude darüber waren, daß sein äußerer Auftritt eine Rückkehr zur Zeit vor dem modernistischen Karneval bedeuten könnte, haben Grund, eine alte Weisheit neu zu lernen: Die Kutte macht noch keinen Mönch – und die Mozetta noch keinen traditionstreuen Papst.
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