Von der „Weiterentwicklung der Theologie“ zur Zerstörung der Lehre —
Wie Franziskus&Co den Glauben ruinier(t)en
02Juni 2026
Herzliches Einvernehmen
Erzbischof Vincenzo Paglia – bis letztes Jahr Präsident der von Papst Franziskus vollständig umgekrempelten „Päpstlichen Akademie für das Leben“ – gab letzten Monat der italienischen Zeitung Settimana News einen ausführlichen Bericht über die Reformen, die er an dem seinerzeit von Johannes Paul II. Gegründeten für Ehe- und Familienwissenschaften durchgeführt hatte. Ende letzter Woche informierte Lifesite-News ausführlich über dieses Interview; dieser Bericht bildet auch die Grundlage unseres heutigen Beitrags.
Gleich zu beginn seiner Ausführungen gab der Erzbischof umfassende Auskunft über die Zielsetzung seiner damaligen Reform. Eine grundlegende Umgestaltung sei unumgänglich gewesen, um die Arbeit der Einrichtung der theologischen und pastoralen Ausrichtung anzupassen, die während des Pontifikats von Franziskus, insbesondere nach den Familiensynoden und der Veröffentlichung von Amoris Laetitia im Jahr 2016, verfolgt wurde. Dabei macht Paglia keinen Hehl daraus, daß die Neuorientierung einen vollständigen Bruch mit der bisherigen Sexual- und Familientheologie der Kirche bedeutete: „Ein zentraler Punkt der gesamten Reformen“, so Paglia, „war die Neubewertung des Naturbegriffs, der die Grundlage einer statischen und unveränderlichen Sicht des Naturrechts bildete, und damit einhergehend die Infragestellung des essentialistischen und ahistorischen Paradigmas, auf dem die gesamte bisherige Sexual- und Familientheologie beruhte.“ „Die Gegner haben das auch gut verstanden: Es ging um eine sehr tiefgreifende Reform“, räumte er ein.
„Unmittelbar nach seiner Wahl 2013“ so Paglia weiter, berief Papst Franziskus die beiden Synoden zur Familie ein. „Gleichzeitig näherte sich der Jahrestag von Humanae Vitae [2018], und Papst Franziskus verspürte das Bedürfnis, die Lehre den neuen Zeiten anzupassen“- insbesondere im Hinblick auf Homosexualität und geschiedene sowie wiederverheiratete Katholiken.
„Der Papst bat mich, einen Text zu verfassen, der den prophetischen Charakter von Humanae Vitae hervorheben und gleichzeitig notwendige Aktualisierungen aufzeigen sollte. In Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Theologe erstellte ich daraufhin einen Text der ihm sehr gut gefiel.“
Paglia erklärte außerdem, daß diese Arbeit später in umfassendere theologische Projekte im Bereich der Moraltheologie und Familienethik einfloss. Nach der Veröffentlichung von Amoris Laetitia im Jahr 2018 berief Papst Franziskus Paglia zu sich und sagte ihm: „Ich möchte Ihnen die Neuorganisation des Johannes-Paul-II.-Instituts und der Päpstlichen Akademie für das Leben anvertrauen.“
„Damit meinte er, daß beide Institutionen des Heiligen Stuhls im Zuge dieser erweiterten Perspektive neu überdacht werden müssten: Sie seien theologisch und kulturell noch nicht ausreichend gerüstet für das heutige katholische Bewusstsein“.
Paglia beschrieb die Kultur der beiden vatikanischen Institutionen vor der Reform und argumentierte, daß beide übermäßig auf abstrakte, von der gelebten Erfahrung losgelöste moralische Argumentation ausgerichtet gewesen seien. Sie hätten auf der „Anwendung eines doktrinären Algorithmus von Moral und Disziplin“ gearbeitet und die menschliche Erfahrung auf starre Kategorien moralischer Beurteilung reduziert.
Er kritisierte auch Papst Benedikt XVI. Verteidigung „unverhandelbarer Werte“ und bezeichnete sie als Teil einer „starken moralistischen Akzentuierung“, die auf „abstrakten Prinzipien“ basiere. Laut Paglia behaupteten die Päpstliche Akademie und das Johannes-Paul-II.-Institut dass sie in ihren Positionen besser mit der christlichen Wahrheit übereinstimmten als die in Amoris Laetitia dargelegten Perspektiven und entwickelten sich so so zu Orten ausgeprägten doktrinären Widerstands gegen die päpstliche Lehre (von Franziskus).
Bezüglich der Päpstlichen Akademie für das Leben erklärte Paglia, er habe versucht, den Begriff „Leben“ selbst neu zu definieren. Anstatt Leben primär im Zusammenhang mit Abtreibung oder Sterbehilfe zu betrachten, argumentierte er, die Akademie müsse ein umfassenderes – ja, „kosmisches“ – anthropologisches und soziales Verständnis annehmen, in dem „Leben“ zu einer „allumfasenden Kategorie“ werde.
Diese erweiterte Perspektive, so der Erzbischof weiter, erfordere einen „pluralen, differenzierten und nicht-essentialistischen“ Ansatz, der in der Lage sei, sich mit der modernen Kultur und den gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. „Der eigentliche Wendepunkt wurde von Papst Franziskus selbst anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Päpstlichen Akademie für das Leben in einem Brief mit dem Titel ‚Humana Communitas‘ an mich formuliert. Darin skizziert Franziskus die grundlegenden Entwicklungslinien der Akademie. Ich bin mir nicht sicher, wie viele ihn tatsächlich gelesen haben, aber er ist ein bemerkenswert klares Manifest der neuen Vision, die der Papst förderte“, fügte Paglia hinzu.
Im Zuge dieser Neuausrichtung erweiterte die Akademie ihre Mitgliederbasis über katholische Moraltheologen hinaus um Experten aus den Bereichen Robotik, Ingenieurwesen, Wirtschaft und Künstliche Intelligenz sowie Nicht-Katholiken und Nichtgläubige. Paglia nannte die Zusammenarbeit der Akademie mit Microsoft und IBM beim „Römischen Aufruf zur Ethik der KI“ von 2020 als Beispiel für die neue Ausrichtung der Institution.
Der Erzbischof verteidigte zudem die umstrittene Berufung der Abtreibungsbefürworterin und Ökonomin Mariana Mazzucato in die Akademie; er erklärte, der Widerstand gegen ihre Nominierung sei dazu genutzt worden, das gesamte Reformprojekt anzugreifen. Er berichtete, Franziskus habe persönlich interveniert, um diese Entscheidung zu stützen, und öffentlich erklärt: „Ich habe sie ausgewählt.“
Paglia bezeichnete zudem das 2024 erschienene Buch The Joy of Life: A Journey of Theological Ethics als den deutlichsten Ausdruck jenes theologischen Projekts, das im Zuge dieser Reformen entwickelt wurde. Er führte aus, der Band entwerfe „ein neues Paradigma der Ethik des menschlichen Lebens und der menschlichen Existenz“ und beziehe Überlegungen zur „Aktualisierung von Humanae Vitae“ mit ein.
Hinsichtlich der Reform des Instituts Johannes Paul II. beschrieb Paglia diese als so tiefgreifend, daß Franziskus beschlossen habe, die bestehende Struktur nicht bloß zu modifizieren, sondern eine gänzlich neue Institution zu gründen. „Wir mussten sie neu erschaffen.“ Das ursprüngliche Institut – unter Papst Johannes Paul II. gegründet – habe sich laut Paglia stark auf die Ehe- und Sexualmoral konzentriert, während es den weiter gefassten „sozialen Dimensionen“ des Familienlebens zu wenig Beachtung geschenkt habe.
Im Umgang mit den Personen und Positionen, die das Institut in den vorangehenden Jahren entsprechend den traditionsorientierten Richtlinien der Päpste Johannes Paull II. und Benedikt XVI. geleitet hatten, legte sich die neue Geschäftsführung keinerlei Hemmungen auf.
„Zu den heikelsten Fragen zählte die äußerst harte Auseinandersetzung mit mehreren Persönlichkeiten, die die Institution in ihrer vorangegangenen Phase geleitet und geformt hatten. Es handelte sich um eine kleine Gruppe, die von einer präzisen, scholastisch geprägten Moralperspektive gekennzeichnet war und das Institut faktisch unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Johannes Paul II. war für sie eher zu einem Symbol des Widerstands gegen Franziskus geworden … Wenig überraschend verteidigten sie in bestimmten Punkten Positionen, die noch restriktiver waren als jene von Pius XII.“, so Paglia.
„Es war zudem unsere Initiative, Papst Franziskus das Thema der Geschwisterlichkeit als zentrale theologisch-politische Kategorie vorzuschlagen. Er griff diesen Gedanken auf: Die Enzyklika Fratelli tutti (2020) entstand aus diesem Horizont heraus. Nach Laudato si’ (2015) – die das ökologische Problem im ‚gemeinsamen Haus‘ benennt – stellt sich unweigerlich die Frage: Wer bewohnt dieses Haus? Die Armen sind alle Brüder. Dies ist der rote Faden, der die beiden Dokumente miteinander verbindet“, schloss Paglia.
Damit endet auch der Bericht auf LifesiteNews, ohne den wir vermutlich so schnell nichts von diesem bemerkenswerten Zeugnis aus der Giftküche der franziskus’schen Ideologieproduktion erfahren hätten. Wer bisher noch daran gezweifelt hatte, daß das Wesen der von Franziskus in Rom zur dominierenden Kraft gemachten Ideologie nicht nur die Ablösung traditioneller Grundslagen der katholischen Philosophie und Theologie zum Ziel hat, sondern die Wahrheiten und dern Wahrheitsanspruch der christlichen Verkündigung insgesamt durch zeitgeistabhängige Gefälligkeitssoziologie ersetzen will, sollte sich durch die erstaunliche Offenherzigkei von Franziskus’ Handlanger Paglia aufgefordert sehen, seine Sichtweise zu schärfen.
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